Mini 6.50: Erste Prototypen mit Foils – mehr Auftrieb erleichtert den Power-Glitsch

Die Flügel ausbreiten

Lift durch L-Foils. Testreihen für IMOCA BP VIII auf einem alten Proto-Mini © banque populaire

Lift durch L-Foils. Testreihen für IMOCA BP VIII auf einem alten Proto-Mini © banque populaire

Stan Maslard, Vorsitzender der „classe mini“, verspricht in diversen Interviews radikale Regeländerungen. Mit Foils sollen die Prototypen wieder attraktiver werden.

Es ist wirklich ein Kreuz mit den Innovationen. Jahrzehntelang galten die Mini 6.50 als Avantgarde in Sachen Hochsee-Regattatechnik. Drehbare Masten, Outrigger statt Saling, Schwenkkiel, Revival des Plattbugs… immer waren die Prototypen der 6.50 Meter kurzen Transatlantik-Boliden richtungweisende Vorreiter für die Szene. Und nicht nur deshalb gilt die Klasse als Innovationspool par excellence.

Doch in den letzten Jahren ist es ruhig geworden um die „Jollen der Hochsee“. Die Kampagnen für die Minitransat wurden auf einem Proto exzessiv teuer (ca. 90 -100.000 Euro kostet ein neuer Proto derzeit), die Proto-Startfelder schrumpften analog und die hausinterne Konkurrenz der Serien-Minis  erstarkte entsprechend.

Armel Le Cleac'h breitet die Flügel aus © banque populaire

Armel Le Cleac’h breitet die Flügel aus © banque populaire

Immer mehr „Ministen“ schwören mittlerweile auf die getrennt gewerteten und (zunächst) deutlich preiswerteren Serienboote, ohne den Neigekiel. Nicht zuletzt, weil das seglerische Niveau und somit die Leistungsdichte in der Einheitsklasse adäquat zunahmen. Es kommt somit mehr auf die seglerische Qualität als auf möglichst ausgefeilte Technik an.

Dass so auch die Preise für die Serienboote anzogen (der neue Serienmini Pogo 3 wird Transat-fertig mit knapp 80.000 Euro gehandelt) ist fast schon selbstverständlich.

Foils ausgebrütet

Über mehrere Jahre brütete das technische Komitee und der Vorstand der „classe mini“ über einer Öffnung ihrer Konstruktionsregeln speziell bei den Prototypen. Das neue Design des Platt- oder Scow-Bugs, das innerhalb der Klassenregeln umgesetzt wurde, hatte zwar reichlich mediale Aufmerksamkeit gebracht, weil die „hässlichen Entlein“ (wie sie mitunter zärtlich genannt werden) auch noch 1-2 Knoten schneller segeln.

Doch den richtigen Schub brachte das Design nicht für die Klasse. Derzeit segeln erst zwei Plattbug-Varianten und der Schweizer Simon Koster arbeitet am Finish seiner nagelneuen „Bonbonpackung“ mit Scowbug für die kommende Transat. Revolutionen sehen anders aus.

Nett präsentiertes Bonbon © koster

Nett präsentiertes Bonbon © koster

Den „Ministen“ wurde jedoch klar, dass auch sie um die Foil-Technik nicht herum kommen. Seit nunmehr zwei Jahren wurde hinter verschlossenen Türen immer wieder diskutiert, konzipiert… und verworfen.

Doch der unlängst gewählte, neue Klassenvorsitzende Stan Maslard – seit zehn Jahren begeisterter Mini-Segler und beratend im technischen Komitee der Mini 6.50 – erkannte die schwindende Begeisterung für die „Innovationsklasse“ und machte nun „Nägel mit Köpfen“. Er kündigte eine „sensible Änderung“ der Prototypen-Klassenvorschriften an.

Testboot für IMOCA

Demnach soll ab sofort vor allem die maximale Breite (derzeit noch drei Meter) der Bootsklasse aufgehoben werden. In einem Interview mit den französischen Kollegen von „voiles et voiliers“ und „Equipe“ unterstrich er: „Wir wollen die Minitransat nicht zum Fliegen bringen. Aber wir wollen die Protos „anheben“, ihnen den Ritt durch die Wellen erleichtern. Was wiederum nur mit Foils möglich sein wird.“

Stan Maslard, neuer Vorsitzender der "classe mini" © mini

Stan Maslard, neuer Vorsitzender der “classe mini” © mini

Dass genau dies auf Minis machbar ist, zeigten unlängst die Designer der neuen IMOCA Banque Populaire VIII, die sich für Foil-Versuche einen einen alten Mini-Proto charterten und ihm L-Foils anhängten. Die Resultate und Erkenntnisse der Testreihe wurden als „bahnbrechend“ bezeichnet und Ende letzten Jahres im Verhältnis auf Banque Populaire VIII übertragen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt muss es beim Mini-Technik-Komitee „klick“ gemacht haben.

Doppelt so breit

„An der Bootslänge wird sich nichts ändern. Die maximale Breite von drei Metern wird jedoch für die Protoypen ab 2016 Geschichte sein. Ein bisschen war die Regel ja schon aufgeweicht durch die erlaubten Outrigger, doch das soll sich nun radikal ändern,“ verspricht Stan Maslard. „Sobald der Startschuss gefallen ist, dürfen sich die Boote bis auf maximal 6,50 Meter verbreitern. Es dürfen also hydrodynamische Anhänge ausgefahren werden, die unsere bisherige maximale Bootsbreite mehr als verdoppeln!“

Auch eine Chance für DSS © breschi

Auch eine Chance für DSS © breschi

Die Stabilitätstests der Boote sollen in Zukunft wie bisher auch bei 10° und 90° Krängung und mit eingezogenen Foils durchgeführt werden.

Maslard: „Wir wollen aber unbedingt unserem Einrumpf-Prinzip treu bleiben. Kata- oder Trimarane wird es bei den Minis nicht geben!“

Stan Maslard weist zudem auf einen bedeutenden Nebeneffekt der neuen Regel hin: „Es wird nicht unbedingt nötig sein, völlig neue Boote zu bauen. Vielmehr ist sogar eine Nachrüstung alter Prototypen , die somit erneut konkurrenzfähig werden können, möglich!“

Womit übrigens auch das „Dynamische Stabilitäts-System DSS“ einen gewissen Aufschwung in der Klasse erfahren könnte.

Unmittelbar nach Beendigung der diesjährigen Mini-Transat soll die neue Klassenregel in Kraft treten, wohlgemerkt: Nur für die Prototypen.

Die experimentierfreudigen Konstruktionsbüros und Werften entlang der französischen Atlantikküste scharren schon mit den Hufen. Angeblich haben bereits erste große Rennställe, die sich in den letzten Jahren aus dem Mini-Geschäft zurückgezogen haben, erneutes Interesse bekundet.

Und ab geht die Lucy © banque populaire

Und ab geht die Lucy © banque populaire

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Mini 6.50: Erste Prototypen mit Foils – mehr Auftrieb erleichtert den Power-Glitsch“

  1. avatar Alex sagt:

    Na dann verpasst mal nicht, wenn das Bonbon ausgepackt wird! 😉

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  2. avatar Michael Kunst sagt:

    Wird jedenfalls nicht mehr lange dauern: http://simonkoster.com/

    miku

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    • avatar Alex sagt:

      Ne, spätestens wenn er die Kiste in´s Wasser schmeißt.
      Das Boot erinnert an den LM200. Einfach nur krass und wird sicher heiß diskutiert werden.

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  3. 6,5m Breite – das glaube ich erst, wenn es ein entsprechendes Statement der Klasse gibt. Damit wären ja alle neuen Protos mit breiter Wasserlinie Sondermüll. Ich denke, dass dies nicht so einfach von den Klassenmitgliedern durchgewunken wird – selbst wenn sich Stan das so wünschen würde …

    Auch die Tatsache, dass sich die Serienschiffe ein Stück weit an die älteren Protos angenähert oder sie sogar überholt haben dürfte der Klasse eigentlich (aus Sicherheits- und Organisationsgründen) eher gut gefallen.

    Also, wie schon geschrieben – das glaube ich noch nicht – auch wenn heute nicht der 1. April ist …

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