Klassiker in Schottland: Fife Regatta in der Wiege des Segelsports

Nichts für Warmduscher

Die Fife Regatta 2013 fand bei normalschottischen Bedingungen statt. Es regnete cats and dogs, gab aber auch trockenere Tage mit reichlich Wind. Das ist nichts für Warmduscher, richtige Segler aber schon.

Fife Regatta

die `Oblio´mehr unter als über Wasser. © Marina Könitzer

Man muss den Sport schon etwas mehr als richtig, nämlich sehr mögen, um ungenötigt in Schottland Segeln zu gehen. An diesem nordwestlichen Vorposten Europas regnet es noch öfter, als in England. Das mag dem Mitteleuropäer gefühlt wie statistisch unmöglich erscheinen, liegt aber daran, dass der ganze Schiet, den nordatlantische Tiefdruckgebiete ganzjährig aus der Weite des Ozeans mit dräuend tiefen Wolkenbänken in allen erdenklichen Grautönen heranschieben, hier die erste Gelegenheit zum Abregnen haben – und diese auch notgedrungen intensiv nutzen. Da steigt selbst der eingeborene Schotte ungern in seine Wellies, wie die sogenannten Gummistiefel hier so liebevoll wie vertraut genannt werden.

Nun sind die schottischen Klassikersegler clevere Leute. Sie haben sich ein Event ausgedacht, das Fremden zeigen soll, wie schön ihre Heimat im zwar äußerst seltenen, aber irgendwann halt doch vorkommenden Idealfall eines halbwegs trockenen und sonnigen Tages sein kann: eine Regatta.

Das ist bekanntlich eine unausweichlich terminierte Veranstaltung mit eingebautem Gruppen- sprich Ablege- und Segelzwang. Wenn die Stunden der Wahrheit gekommen sind, und alle bei jeder Menge Regen und Wind, oft beidem gleichzeitig, raus müssen, kneift keiner.

Nicht mal nachweislich wasserscheue Italiener und ähnlich sonnenverwöhnt südländische Warmduscher, die aus einem einzigen, nicht beruflich verordnetem Grund gelegentlich nach Schottland kommen: Wer eine Fife Yacht hat, oder einen Freund, der eine hat, der muss mindestens einmal in seinem Leben hierher.

Und sei es zur Überführung der Kostbarkeit in diese Gegend, zum Überleben des Events im permanent getragener „people who know“ Funktionskleidung und zur Rückreise in trockenere, generell lebenswertere Breitengrade. Die Fife Regatta findet alle fünf Jahre statt. Neulich, vom 28. Juni bis 5. Juli, war es wieder soweit.

Wiege des Segelsports

Der Besucher des Firth of Clyde, das ist die trichterförmig enger werdende westliche Zufahrt Glasgows, braucht eine gewisse Phantasie, um zu glauben, dass dieses Revier einst die Wiege des Segelsports war: die Kieler Förde des industrialisierten Empire, der prosperierenden Kolonialmacht Großbritanniens.

Hier wurden America’s Cup Kampagnen vorbereitet und das eine oder andere zu engagiert bewegte Segelspielzeug im Schlachtgetümmel der Regattabahnen versenkt. Es ist angesichts des seit etwa einem Jahrhundert verwaisten Gewässers kaum zu glauben, dass der pfiffige Lebensmittelhändler Sir Thomas Lipton einst die Wendemarken der Regattabahnen auf dem Firth of Clyde als Werbefläche für seine Zwecke nutzte. So viel war hier im Sommer los!

Mythos Fife of Fairlie

Noch mehr Phantasie braucht der am Strand der kleinen Ortschaft Fairlie stehende Besucher um zu glauben, dass sich hier einer der besten und gefragtesten Bootsbaubetriebe der alten Welt befand. Bei Flut sind es etwa hundert Schritte von der ufernahen Häuserzeile bis ans Wasser.

Hier liefen von 1807 bis 1938 etwa achthundert Yachten, vom Kutter „Comet“ bis zum Zwölfer „Flica II“ vom Stapel. Clyde-built, das war nicht nur in der Berufsschifffahrt, es gab einst hundert Werften hier, ein Begriff, sondern auch im Yachtbau. Wer an der rauhen schottischen Westküste bestehen wollte, lieferte Qualität. Regatta- und gediegene Fahrtenboote, die über ein Jahrhundert das Beste des Bootsbaues verkörperten und heute eine beinahe irrationale Wertschätzung genießen.

Der Weg der Boote auf der Helling rückwärts ins Wasser war lang. Erst nach vierhundert Metern bietet der als „Fairlie Roads“ bezeichnete Largs Channel drei Meter Wasser. Man kann sich heute, wo ausgebaggerte Hafenbecken und moderne Travellifts zur Verfügung stehen, schwer vorstellen, das hier der 160 Tonnen schwere Big Class Schoner „Altair“, große Schlitten wie „Sumurun“ oder „Moonbeam IV“, kolossalen 23-mR Yachten wie „Shamrock“ und „Cambria“, 19er, 15er, Zwölfer, Achter und mancher edle Sechser vom Stapel lief.

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Erdmann Braschos

Sein Spezialgebiet umfasst Mega-Yachten, Klassiker, Daysailor und Schärenkreuzer. Mehr über Erdmann findest Du hier.

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Ein Kommentar „Klassiker in Schottland: Fife Regatta in der Wiege des Segelsports“

  1. avatar 12er Enthusiast sagt:

    Vielen Dank für den tollen Bericht und die Bilder – was für ein Segeln!!!
    Halt keine Raumwunder mit Küchenzeile….

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 2

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