Knarrblog 2.4mR IDM: Selbstversuch im Einmann-Kielboot – Trimm- und Taktik-Schule

Auf Augenhöhe mit dem Wasserspiegel

Die 2.4mR Meisterschaft auf der Alster war ein aufregender Selbstversuch. Dieses Schiffchen macht wirklich Spaß und hat das Potenzial, noch einmal richtig durchzustarten.

Dieses komische achte Rennen. So langsam werde ich übermütig in dem ungewohnten 2.4mR-Sportgerät, das den Linien der alten Zwölfer nachempfunden ist. Ich gewöhne mich immer mehr daran, dauerhaft in dieser das-Wasser-steht-bis-zum-Hals-Position dem schwimmenden Federvieh auf Augenhöhe zu begegnen.

2.4 IDM

2.4 Starterfeld in der Hamburger Abendsonne © Ralf G. Weidern

Die Perspektive ist spannend. Wellen erscheinen größer, Wendemarken weiter entfernt, der Speed höher. Dabei wächst erst einmal die Demut beim Spiel mit Wind und Welle, wenn man beim ersten Einfallen einer Böe eine gewisse Hilflosigkeit spürt.

Wo sonst automatisch der Impuls auslöst wird, den Körper dem Winddruck entgegen zu werfen, kippt man hier gerade mal den Kopf auf die Seite oder schiebt Mantafahrer-mäßig den Ellenbogen über den Süll. Das Wasser rauscht nahe an der Cockpit-Kante vorbei. Schwappt es rein? Kommt man schnell genug raus, wenn die 260 Kilo auf Tiefe gehen? Wie das wohl bei echtem Wellengang aussieht?

America’s Cup Held gesunken

Die ersten Minuten mit der kleinsten Meterklassen-Konstruktion verlaufen sehr respektvoll. Aber diese Teile sind unsinkbar. Das hat jedenfalls 2007 America’s Cup Held Dee Smith (Shosholoza) schon ordentlich ausgetestet. Und Klassen-Champ Heiko Kröger zeigt seit Jahren, was das 4,18 Meter kurze Schiffchen auch bei heftig bewegtem Untergrund alles aushält:

Also dürfte die Konstruktion auf der Alster doch nur schwer an ihre Grenzen kommen können. Schließlich sorgt auch eine automatische Elektropumpe dafür, dass es untenrum trocken bleibt.

Es ist aber ein längerer Weg, bis sich Kontrolle und eine gewisse Entspannung einstellen. Ein Wadenkrampf in der Startphase deutet auf fehlende Lockerheit bei der Arbeit mit dem Fußpedal hin. Es geht ja nicht darum, eine Kupplung zu treten. Also vorsichtig mit den Zehen auf das Leepedal tippen, um die leichte Luvgierigkeit zu spüren. Die Cracks sollen oft barfuß segeln – allerdings kaum im November auf der Alster. Da wird es in dem Schiff erstaunlich fußkalt. Die Bewegungen halten sich halt in Grenzen.

Steuern mit den Füßen

Dabei ist das Steuern mit den Füßen deutlich leichter, als gedacht. Trotz des vergleichsweise hohen Gewichts ist jeder Windhauch zu spüren. Die Wende fühlt sich gut an, wenn die Foilien-Fock mit einem Zug auf den neuen Bug flappt, die Großschot gar nicht bedient werden muss, und sich das schmale Schiff auf dem neuen Bug mit frischem Wind sensibel auf die Seite legt. “Bloß nicht die Fock zu dicht ziehen”, rät Klassen-Spezialist und mehrfach-Weltmeister Heiko Kröger. Man muss die Masse mit viel Profil im Tuch in Schwung halten.

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2.4 Perspektive in der Startphaseauf der Alster. © Sabine Mohr

Eigentlich habe ich mir für das Drachensegeln auf dem Hamburg-Tümpel mühsam das Laser-mäßige Dauer-Gewende abgewöhnt. Und auch mit der J/70 muss man sich einen Bugwechsel gut überlegen. Nun aber nutze ich schon fast euphorisch die neue Freiheit, nahezu ungestraft wenden zu dürfen. Diese 2.4 segeln so erstaunlich hoch am Wind und schieben mit ihrer Masse so gut durchs Wasser, dass dadurch ein ganz neues, freies Spiel mit der wechselnden Windrichtung entsteht.

Das klappt nicht immer. Im ersten Rennen bei dieser IDM nach gutem Leestart und Rang drei an der Luvtonne wende ich mich hartnäckig bis auf Rang 19. zurück. Es gibt kein echtes Problem, einfach nur schlechtes Segeln. Und auch am letzten Tag bei sehr wenig Wind stehe ich lange auf der Leitung, bis sich die Erkenntnis festigt, dass man es ohne Winddruck mit dem Bugwechsel dann doch nicht übertreiben darf.

Achterstag statt Großschot

Aber im Verlauf der insgesamt zehn Rennen wird das Gefühl immer besser. Das Spiel mit dem Trimm ist herausfordernd. Das Achterstag spielt eine große Rolle. In einer Böe kann man es anstatt der Großschot fahren, also ziehen zum Druck ablassen. Der Trimm ähnelt dem Drachen. Allerdings ist Stag-Spannung auch bei wenig Wind nötig ist, um irgendwie das Groß-Achterliek zu öffnen. Selten ist das Spiel mit den Trimmleinen so ergiebig und einleuchtend wie bei diesem 2.4. Man sieht aus der Sitz-Pespektive einfach mehr vom Segel-Profil.

Schnell ist klar, dass Heiko in diesem Spiel natürlich nicht zu schlagen ist. Er ist eine Legende in der Klasse und beschäftigt sich seit 20 Jahren mit dem Boot. Vor Rio hat er gar den Vorwind-Trimm im Audi-Windkanal  gecheckt. Mehrfach holte er den WM-Titel in der offenen Klasse gegen schon mal über 100 Konkurrenten. Und 2017 besiegte er bei der Kiel-WM mal wieder seinen französischen Dauer-Rivalen Damien Seguin, der gerade intensiv an einem Vendée Globe Projekt bastelt.

Heiko beginnt die Serie auf der Alster mit 1/1/3/2. Schon kurz nach dem Start liegt er jeweils vorne und kontrolliert das Feld. Besonders vor dem Wind ist er schnell. Dabei ist das Hantieren mit dem Fockausbaumer ziemlich knifflig. Der Mast wird vor dem Wind wie beim Starboot mit gelöstem Achterstag weit Richtung Bug gekippt. Und dann versucht man über das Achterliek der ausgebaumten Fock eine Anströmung hinzubekommen.

Aufstehen verboten

Die Verschiebungen im Feld sind auf diesem Kurs enorm. Schließlich gibt es auf der Alster schon mal Schnellspuren, die sich auf den ersten Blick nicht deutlich zu erkennen geben. Und schon gar nicht, wenn man auf Wasserspiegel-Höhe im Boot sitzt. Aufstehen ist verboten, und so muss man sich schon ordentlich den Nacken verrenken, um gekräuseltes Wasser zu erkennen.

2.4 IDM

Die Top sechs bei der 2.4mR IDM. Kemmling, Libor, Ten Hoeve, Trömer, Bieberitz, Zirkelbach. © Sven Jürgensen

Wenn dann schon mal ein Alsterdampfer hupend durch die Flotte schiebt und das Favoriten-Boot mit der GER-1 im Segel zu einem wilden Ausweichmanöver zwingt, schallen wüste Flüche über das Wasser. Vom Dampfer ist noch im typischen Touri-Führer-Singsang zu hören: “Und auf der rechten Seite sehen sie einen Segler, der sich gerade ziemlich ärgert…” Dann ist er auch schon verschwunden, und Heiko dümpelt hinterher. Ärgerlich.

Nun also dieses komische achte Rennen. Ordentlicher Start, dann vorne ein wenig mit Heiko gematcht, zum Schluss vor dem HSC-Steg einen fiesen Rechtsdreher verpasst und gerade mal so in den Zehnern die Tonne gerundet.

Verwirrung im Ziel

Nur eine Runde ist angezeigt. Die Wettfahrtleitung hat sich für den Nordwind etwas Besonderes ausgedacht: Eine lange Vorwind-Strecke in die hinterste Ecke der Alster. Interessante Idee eigentlich. So kann das Ziel ausnahmsweise direkt vor dem NRV-Steg liegen.

Versteht nur leider kaum jemand. Bei der untergehenden Sonne und aus der Wasseroberflächen-Perspektive ist das weit entfernte Leetor kaum zu sehen. Deshalb passiert das Gros des Feldes schon mal vor dem Wind das Ziel in der Mitte der Bahn –  und pausiert. Ich checke es auch nicht und ärgere mich schon, dass auf der vermeintlichen Ziellinie noch vier Boote durchgerutscht sind.

Dann die zweite Chance nach allgemeiner Verwirrung und Pause. Weiter geht’s in den tiefen Alster-Schlauch, in dem man normalerweise nicht Regatta segelt. Doch für die 2.4 reicht der Platz vollkommen.

Zu früh gestartet

Irgendwas mache ich auf dieser letzten Kreuz richtig, liege plötzlich neben Ulli Libor und rutsche noch auf Rang drei vor. Dann heißt es, die beiden ersten Heiko und Christoph sind zu früh gestartet – für den Champ ist es der zweite Frühstart-DQ. Ärgerlich. – Hmm, so will man dieses Rennen wirklich nicht gewinnen.

Hilft ja nichts. Aber es stehen ja auch noch zwei Läufe bevor. Und da lauert kein Geringerer als Ulli Libor, der zweifache Olympia-Medaillen im Flying Dutchman. Wie cool, gegen die Legende segeln zu dürfen. Der langjährige Geschäftsführer des Golf-Verbandes hat den 2.4 vor vier Jahren für sich entdeckt, segelt und trainiert damit auf dem Bostalsee im Saarland.

Er will zeigen, dass das Schiff für mehr als für die Paralympics steht. So wie in Skandinavien, wo es in vielen Häfen verbreitet ist. Recht hat er! Die Klasse hat größeres Interesse verdient. Sie ist einfach und anspruchsvoll zugleich.

Ergiebige Alster-Ecken

Diese Erkenntnis festigt sich am letzten Tag der noch einmal richtig Spaß macht, auch wenn es in Strömen regnet und die Alster ziemlich flau darnieder liegt. Aber das Feld kommt kompakt in Luv an und würfelt gerade vor dem Wind wieder mächtig durcheinander.

Jetzt bloß nicht Ulli aus den Augen verlieren, der Vorsprung kann schnell verspielt sein. Schließlich schleppe ich 19 Punkte als Streicher mit. Und zack ist der alte Fuchs auch schon weg. Vor dem Wind hat er die perfekte Spur gefunden und gewinnt mit großem Abstand. Nur mühsam kämpfe ich mich wieder ran.

Ein paar Alster-Ecken sind dann doch sehr ergiebig. Oder winken mich die Klassen-Recken durch, um die Stimmung für diesen Bericht hoch zu halten? 🙂 Es würde passen. So gastfreundlich und zuvorkommend gehen nicht viel Klassen mit Gastseglern um, verleihen noch das offenbar wirklich schnelle Schiff vom Klassensekretär (Detlef Müller-Böling) und helfen bei allen komischen Fragen des Neulings.

Es hat funktioniert. Diese drei Tage waren aufregend. Ein schöner Saison-Abschluss.

Ergebnisse 2.4mR IDM 2017

2.4mR Klassenvereinigung

La Ola beim Zieldurchgang:

Aus der Übungsphase:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Knarrblog 2.4mR IDM: Selbstversuch im Einmann-Kielboot – Trimm- und Taktik-Schule“

  1. avatar Jörg Gosche sagt:

    Warst ja nicht nur auf Augenhöhe mit dem Wasserspiegel….Hut ab!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

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