Knarrblog: 5.5m WM in Boltenhagen mit “Criollo”; Höchststrafe im 2. Lauf

"Es wird leiser an Bord..."

Kanten-Nachbar Haymo hängt sich rein auf dem 5.5er "Criollo". © SegelReporter

Kanten-Nachbar Haymo hängt sich rein auf dem 5.5er “Criollo”. © SegelReporter

Was für ein cooles Boot. “Criollo”, 30 Jahre alt, formverleimtes Holz, frischer Refit, australischer Designer, Kohle-Mast, 3DL North Segel. Die Leute bleiben am Steg stehen, drehen den Kopf, streicheln mit den Augen über das schimmernde braun, einige Mutige auch mit den Händen.

Ruhig und edel liegt der 5.5er da. 9,50 Meter lang, gut zwei Tonnen schwer. Tut mit seinem Oldtimer-Löffelbug so, als könne er kein Wässerchen trüben, als würde er nicht seine Crew knechten, als würde er einfach nur so stilvoll, mühelos und in aller Schönheit vor sich hinfahren.

Kann er sicher auch, aber hier in Boltenhagen bei der 5.5m WM soll er schnell sein. Nicht so schnell, wie die modernen 5.5er, die mit geradem Kiel, Trimmklappe und Kiel-Flügelchen daherkommen. Aber “Criollo” ist in der Evolution-Klasse (Baujahr 1970-1993) der Vorturner. 

Fiese Haltung. Schmerzen in den Kniekehlen.  © SegelReporter

Fiese Haltung. Schmerzen in den Kniekehlen. © SegelReporter

Andreas Christiansen (NRV) steuert das Schmückstück. Der Mann macht in Kakao und hat sein Schiffchen folgerichtig nach der edelsten Bohne “Criollo” getauft. Passt. An der Pinne kennt er sich aus, besonders im Folkeboot. Schon 1973 war er Goldcup-Sieger, 2012 Dritter bei der deutschen Meisterschaft.

Können also nur wir es verbocken. Wir die Außenbordkameraden, die da unten im “Keller” hängen, wie der Starbootsegler sagt. Heymo und ich. Die Füße auf Deckshöhe, mit den Kniekehlen an der Kante.

Hätte nie gedacht, dass es so fies ist. Kein Problem, wenn man erst einmal “sitzt”. Eine Hängeweste hält den Oberkörper aufrecht. Mit einem Stück Tampen kann man sich in einer Klemme auf dem Süll einhaken. Aber daran zieht man sich nicht mal eben so hoch. Jede Wende ist eine Qual. Doch ohne das Gewicht draußen mag “Criollo” keine Höhe fahren. Der schweizer Starboot Champ Flavio Marazzi segelt ein Schiff, bei dem sogar der Steuermann in den Kniekehlen hängt. Er liegt auf Platz zwei.

Der Mann der über uns sitzt. Andreas Christiansen an der Pinne von "Criollo". © SegelReporter

Der Mann der über uns sitzt. Andreas Christiansen an der Pinne von “Criollo”. © SegelReporter

Jammern hilft nicht. Gegen die moderne Generation sieht der 30 Jahre alte 5.5er erstaunlich gut aus. 38 Schiffe fahren in einem Start zusammen und wir können lange die Spur halten, bevor die jüngeren Gegner einen Tick mehr Höhe aus ihren Gefährten quetschen.

Platz 13 im ersten Lauf ist ordentlich. Sechs Moderns liegen hinter uns. Im zweiten Lauf sieht es noch besser aus. Solider Start, schöner Dreher auf der rechte Seite, nach zwei Runden ein Top Ten Platz.

Dann der Hammer. Schon vor dem Wind wird es unübersichtlich. Mal geht es rechts, mal links, in der Mitte ist es mau. Zwei Windsysteme kämpfen miteinander. Wir besprechen, wo es denn auf der Zielkreuz abgehen könnte. Setzt sich der Gradient-Wind von links durch oder kommt die Seebrisen-Themik noch mal von rechts? Welche Tonne des Tores nehmen? Welche Kreuzseite wählen? Hmm. Beobachten, grübeln, beobachten, Entscheidung fällen. Links.

Die Linien des 30 Jahre alten 5.5m "Criollo". Der Kiel ist nach hinten gepfeilt. © SegelReporter

Die Linien des 30 Jahre alten 5.5m “Criollo”. Der Kiel ist nach hinten gepfeilt. © SegelReporter

Nun funktioniert schon das Leetonnenmanöver nicht so gut. Das Spifall hakt, wir hängen im Windschatten des vorausfahrenden Bootes und können nicht wenden, wegen des hinteren Gegners, der besser und höher rausgekommen ist. Aber wollen wir ja eigentlich auch nicht.

Hmm, es wird leiser an Bord. Der Blick über die Schulter nach Luv tut weh. Die Boote, die Meilen hinter uns durch das Tor fahren, erwischen die Kante von rechts mit einem Dreher, der sie auf direktem Kurs ins Ziel fahren lässt. Bestimmt 30 Grad höher als wir. Die Höchststrafe.

Der schwarze Typ in Luv blockt uns noch immer. Er mag es genauso wenig wahr haben wie wir. Das Rennen ist gelaufen. Es würde darum gehen, Verluste zu minimieren, wenn man sich in der Flaute noch mal nach rechts quält. Wir müssten stoppen und hinter ihm durch. Aber vielleicht geht da ja doch noch was, ganz links außen, so wie auf der Kreuz zuvor.

Gefällige Linien, schmales Ruder. "Criollo" im Kran. © SegelReporter

Gefällige Linien, schmales Ruder. “Criollo” im Kran. © SegelReporter

Von wegen. Aus einem exzellenten Top Ten Platz wird ein 29. Das tut richtig weh. Unser Schiffchen kann noch so gut aussehen, aber es wird kein schönes Bild sein, wenn es flügellahm und gerupft von links hinter dem Feld zur Ziellinie dümpelt.

Nur der Schümann hat’s wieder gerochen. Eben noch in Porto Cervo 100 Fußer segeln, nun mit schweizer Kumpeln auf einem 5.5er. An der letzten Tonne war er noch 20. im Ziel  dann Dritter. “Glück gehabt”, sagt er danach. “Alles auf eine Karte gesetzt und nach rechts.” Na ja.

Ergebnisse

Die Konkurrenz der "Modernen". Gerader Kiel mit beweglicher Trimmklappe an der Achterkante und kleinen Flügeln darunter. © SegelReporter

Die Konkurrenz der “Modernen”. Gerader Kiel mit beweglicher Trimmklappe an der Achterkante und kleinen Flügeln darunter. © SegelReporter

Vermesser Günther Ahlers mit wachem Auge. © SegelReporter

Vermesser Günther Ahlers mit wachem Auge. © SegelReporter

5.5er in Aktion. © Peter Kähl

5.5er in Aktion. © Peter Kähl

Bei der Vorregatta scheint es noch einigen Crews an der Ernsthaftigkeit gemangelt haben. Bei der WM halten sich die Verkleidungen bisher in Grenzen. © Peter Kähl

Bei der Vorregatta scheint es noch einigen Crews an der Ernsthaftigkeit gemangelt haben. Bei der WM halten sich die Verkleidungen bisher in Grenzen. © Peter Kähl

 

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Carsten Kemmling

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