Knarrblog Champions League: Der verpatzte Sieg – mit dem NRV Team auf Platz fünf

"Zwo, eins, Tacking...Arrrgh..."

Die entscheidenden Momente beim Champions League Kick Off. Wie eine gute Serie zum Schluss dann doch einen suboptimalen Verlauf nahm. Eine falsche Entscheidung, einmal ins Windloch gewendet, Game over.

NRV Champions League

Das NRV Team kurz vor der Halse. @ Lars Wehrmann

In diesem 34 (Tracker Replay) von 45 Rennen wird eine Vorentscheidung fallen, das ist klar. Die Top vier Teams sind am Start, Italiener, Dänen, Omanis und wir vom NRV. Die bisher souverän segelnden Römer haben zuvor an diesem Morgen erstmals geschwächelt.

Ob der Dauerregen doch langsam seine Wirkung zeigt? Seit wann mögen Italiener diese Art der Durchnässung von oben? Ihre Wollmützen sind so aufgeweicht, dass sie fast über die Augen rutschen. Nach einem mittelmäßigen Start verbunden mit einem Penalty an der Luvtonne segeln sie nur auf Platz sieben. Plötzlich ist das Rennen um den Gesamtsieg wieder offen.

Denn wir rutschen mit Rang zwei in diesem Lauf bis auf fünf Zähler heran, liegen einen Punkt hinter den Dänen und einen vor dem Oman. Dieses 34. Rennen bringt den Show Down. Es geht um alles.

Vertrackte Entscheidung

Am Start finden wir spät die Lücke am Startschiff, kommen aber wie geplant mit einer Wende frei auf die rechte Seite. Nach einem hübschen Dreher crossen wir vor dem Feld und müssen nur Tommaso Chieffi vom Costa Smeralda Yacht Club passieren lassen. Die engsten Konkurrenten liegen achteraus. Platz zwei an der Luvtonne, es läuft.

Dann diese vertrackte Entscheidung am Leetor. Claas sagt noch: “rechte Tonne”. Aber nein, ich glaube ja wieder, es besser zu wissen. Irgendwie habe ich gar kein gutes Gefühl bei der rechten Tonne. Die eine Boje liegt zwar deutlich näher, aber ich denke, der Wind ist so weit rechts, wir sind richtig schnell und ich will die rechte Kreuzsseite nicht dem luvenden Dänen überlassen. Dort steht auch der Wind.

Das Bergemanöver ist aber schon ziemlich gequält. Wenn man mit einem Gennakerboot relativ spitz an eine rechts zu rundende Tonne kommt, muss man immer einen heftigen Schlenker beim Abfallen steuern, weil das Tuch um das Vorstag nach Luv gezerrt werden muss. Hatte ich vergessen.

Wutausbruch im Regen

Fieser ist aber die erste Wende. Ich will den Dreher rechts geradezu erzwingen. Das Fock-Vorliek fällt leicht ein. Ja, Klasse, das ist die Kippe. “Zwo, eins, Tacking…Arrrgh…” Ich drehe und drehe und drehe, den verdammten Bug. Das Vorsegel will sich auf dem neuen Bug nicht füllen.

Der eine oder andere wird dieses Gefühl kennen, wenn man genau gegen einen Dreher wendet. Man muss zu weit abfallen, der Druck ist weg, es fühlt sich so richtig mies an. Mein kurzer Wutausbruch wird im Regen zu einem Gurgeln verzerrt.

Puh, einfach zu ungeduldig. So weit rechts wie gefühlt steht der Wind dann doch nicht. Die schnelle Wende war nicht nötig. Besser, ein Stück weiter in den Dreher segeln und dann den stabilen neuen Wind finden. Manchmal ist die Luft vor einer Kippe eben etwas unruhig, und man muss noch ein kleines Stück weiter segeln. Genau wie auf der Alster. Verdammt!

Der Rhythmus ist dahin

Die Württemberger machen es richtig. In Nullkommanix holen sie in unserem Kielwasser gute vier Längen auf. Sie setzen die Wende an der richtigen Stelle. Egal, abhaken. Wir sind immer noch zweiter.

Aber der Rhythmus ist dahin. Eine halbgare Kreuz durch die Mitte. Die Dänen hinter uns segeln über rechts vom vorletzten Platz weit nach vorne und wir verlieren kurz vor dem Ziel auch noch das Halsen-Duell gegen die Italiener. Ein völlig verkorkstes Rennen endet auf Rang sechs. Der Oman liegt zwar achteraus, aber die Norweger gewinnen danach ihr Rennen und wir rutschen auf Rang vier.

Aber es ist noch nicht zuende. Rang zwei im nächsten Lauf bringt uns wieder auf das Podium, wenn nicht der nächste Tiefschlag folgen würde. Im 42. Rennen (Tracker Replay). Das Restprogramm der letzten beiden Rennen spricht eigentlich für uns. Es sind eher die schwächeren Teams vertreten. Eine gute Chance zum Punkten.

Klares Bild verschwimmt

Wir diskutieren lange über die Wahl der richtigen Seite. Unsicherheit macht sich breit. Das klare Bild vom schnellsten Weg über den Parcours verschwimmt.Dieses eine Rennen steckt noch in den Knochen. Links oder rechts? Pin End oder Schiff? Entsprechend uninspiriert verläuft der Start. Etwas spät dran in Luv. Der Pole ist überlappt, ich luve, bin aber nicht nahe genug dran, um ihn abzustellen.

Weit abfallen, um hinter ihm zu wenden, ein langer Schlag nach rechts, kämpfen. Da geht noch was. Die Chance kommt an der Luvtonne. Der Wind ist flau und steht weit rechts. Vorwind links kommt die Böe. Perfekte Bedingungen für einen Jibe Set, das Setzen des Gennakers in der Halse.

Es wird ein Gewürge. Das Tuch klebt am Vorsegel und lässt sich auch nicht auf die Steuerbordseite ziehen. Ein Schrei. Was ist los? Die Schot hat sich um einen Fuß gewickelt. Ich breche ab und drehe nicht in die Halse. Game over.

So ein Mist. Das Replay zeigt, dass mit dem Jibe Set in Lee wohl Platz zwei drin gewesen wäre. Vielleicht hätte ich die Kiste trotz des Malheurs durch die Halse murksen müssen. Aber hätte, hätte, Fahrradkette. Wir werden vorletzter in dem Lauf und auch der Sieg im letzten Rennen kann nicht so richtig über die verpasste Chance hinwegtäuschen.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Aber so ist es eben beim Segeln. Jedes Team weiß am Ende, wo es seine Punkte hat liegen lassen. Vielleicht waren es auch die insgesamt sechs Penalties an den ersten beiden Tagen. Meistens beim Reinwenden oben an der Luvtonne. Wenn die entscheidenden Situationen falsch laufen kann man nicht gewinnen. Die Frage ist, warum laufen sie falsch. Unvermögen, Pech? Na ja, meistens ist es von allem etwas.

Unter dem Strich ist Platz fünf ja ganz ordentlich. Aber richtig gut fühlt er sich nicht an. Die Qualität in der Spitze mag schon noch ein wenig höher sein als in der Bundesliga. Aber so groß ist der Unterschied nun auch wieder nicht, weil einige bezahlte Segler am Start sind.

Sie mussten sich auch erst einmal an das neue Format gewöhnen. Erstaunlich, dass zum Beispiel die Franzosen mit dem Match Race Champ und AC Segler Damien Iehl nur auf Rang 13 landeten. Offensichtlich war das Team nicht eingespielt. Und so ging es sicher vielen. Die Polen und Russen waren sicher überfordert und auch die Schweden können bessere Segler schicken, als diejenigen, die in Kopenhagen waren.

Leistungsschlaf statt Gelage

Wenn die Champions League wirklich kommt, wird sich das Level noch deutlich erhöhen und die großen Namen dürften Spaß an einem neuen Spielfeld haben. Aber man muss schon sagen, dass die Atmosphäre etwas anders war als bei den Bundesliga-Regatten.

Wohl auch mangels gemütlichem Clubhaus gab es kaum Möglichkeiten zum Klönen mit alten Weggefährten. Es wurde lange gesegelt, die Segler gingen früh nach Hause und auch nach dem Dinner am Samstag löste sich die Gesellschaft früh auf. Profis ziehen Leistungsschlaf dem Gelage vor.

Aber das ist auch ein Kompliment für die Veranstaltung. Wenn die Top Crews diese Regatta nur als Klamauk verstanden hätten, wäre ihr die angestrebte hohe Wertigkeit nicht zu erreichen. Und diese ist für potenzielle Sponsoren wichtig.

So wird schon diskutiert, ob Profis in Zukunft überhaupt zugelassen werden sollten. Aber wie sollte man eine Champions League so nennen können, wenn die besten Segler fehlen? Unter dem Strich hätte man, mal abgesehen vom Regen ab und den dadurch fehlenden Zuschauern vor Ort, wohl keinen besseren Kick Off für diese Liga Idee erwarten können. Man muss langsam stolz sein, dass der Anfang in Deutschland erfolgte. Mal sehen, was da noch draus wird. Eine bessere Werbung für den Segelsport kann es jedenfalls kaum geben.

Ergebnisse Champions League Kick Off

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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https://northsails.com/sailing/de/

5 Kommentare zu „Knarrblog Champions League: Der verpatzte Sieg – mit dem NRV Team auf Platz fünf“

  1. avatar Jörg sagt:

    Danke Carsten:-)

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

  2. avatar andreas borrink sagt:

    Spitzenbericht, aus dem Leben gegriffen! Dieses Gefühl, gegen den Dreher zu wenden, kennt nicht nur der “eine oder andere” – das kennen wir ALLE! Ausser vielleicht PE, BA und RS.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

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