Knarrblog: Charleston Race Week Reportage – Wie die Amerikaner beim Segeln so ticken

Irgendwie anders

Die Charleston Race Week will so etwas wie die Kieler Woche für Kielboote sein. Wie wir unseren Erstkontakt beim Segeln in den Südstaaten erlebt haben. Von Flugzeugträgern, komischen Vögeln und Beach-Partys.

Entenartiger Kopf, langer Schnabel, Doppelkinn, große Spannweite, Flughöhe 10 Zentimeter über dem Wasser – ein komischer Vogel, der da auf uns zuhält. Ob der alles im Griff hat? Im Slalom kurvt er durch das J/70-Feld? Ein Pelikan.

Charleston Race Week

Pelikan neben dem Startboot. © CWR

Wenn das Rennfieber die Gemüter erhitzt, die Gedanken nur noch um das komplexe Spiel mit Wind und Wasser kreisen und sich auf Spimanöver, Starts, Surfs fokussieren tritt schnell das exklusive, besondere Umfeld in den Hintergrund. Dieser fette Flieger ruft es ins Gedächtnis. Wann segelt man schon mal zwischen Pelikanen?

Es geht um die Charleston Race Week, eine Veranstaltung, die so ähnlich wie die Kieler Woche sein will. Segeln in den US-Südstaaten, South Carolina. Kurze Hosen-Wetter. Wir haben eine J/70 gechartert, immer noch die angesagtesten Einheitsklasse der Welt. Hier hat sie ihren Siegeszug gestartet. Gut 70 Boote bedeuten einen erneuten Melderekord.

Eine gute Gelegenheit, um festzustellen wie diese Amis ticken. Sie sind einem ein wenig unheimlich geworden, seit es dieser andere komische Vogel auf den Präsidentenstuhl geschafft hat. Drei Stunden in der Washingtoner Warteschlange bei der Einreise in bestätigen das Gefühl, dass in diesem Land etwas ziemlich schief läuft. Ein Gefühl wie damals am DDR-Grenzübergang Helmstedt. Der Anschlussflug nach Charleston funktioniert nur auf letzter Rille.

Auf dem Trockenen

Das Charterboot immerhin steht perfekt vorbereitet auf dem Trailer. Wer ordentlich bezahlt, bekommt ordentlich geliefert. Die Abwicklung im Vorfeld per Mail verläuft professionell wenn auch etwas unpersönlich. Bei den Amis erzeugen die Gäste aus dem komischen, kleinen, fernen Land von der anderen Atlantik-Seite wenig Interesse. Informationen fließen spärlich, aber das Material passt.

Wenn wir nur nicht auf dem Trockenen sitzen würden. Der mobile Kran hat sich verspätet. Eine Stunde, dann zwei. Es habe noch einen anderen Job gegeben, heißt es. Wir scharren mit den Hufen, wie die anderen 20 Teams, die hier von der gegenüberliegenden Seite des Renngebiets am James Island Yacht Club ins Wasser wollen.

Warteschlange. Der mobile Kran soll zum Ende des Piers kommen. © SegelReporter

Das Revier lockt. Gute drei Windstärken kräuseln das Wasser und etwa einen Vorwindkurs entfernt bereiten sich 40 J/70 Teams auf die morgige Regatta vor. Nicht etwa mit dem üblichen Practice Race, das gerne zum nutzlosen Frühstart-Festival wird. Die vielen Starts sehen wie organisiertes Training aus. Ein starker Service. Es tut weh, dem Treiben vom aufgebockten Boot aus zusehen zu müssen.

Eine der beiden J/70-Flotten auf der Bahn nahe unter Land. © CWR

Irgendwann rast der Kranfahrer etwas übermotiviert auf die schmale Pier. Mit schlechtem Gewissen hat der Speed nichts zu tun. Es geht auch danach nicht voran. Der Kran ist kaputt. Cheffe bastelt entspannt an seinem Gefährt herum. Nach einiger Zeit staubt ein PKW heran. Ein Monteur? Ein Spezialist? Von wegen. Pizza-Service. Der Kranmeister hat Hunger.

Nichts Besonderes hier, sagt Philipp, unser deutscher Local, Gastgeber und Novize auf dem Vorschiff. In South Carolina ticken die Uhren etwas langsamer. Die anderen Segler in der Schlange zucken mit den Schultern. Ist halt so.

Vom Winde verweht

Schlecht geht es den Menschen mit dieser Einstellung auf diesem Fleckchen Erde deshalb noch lange nicht. Charleston ist Boomtown. Riesige Südstaaten-Villen a la Tara aus „Vom Winde verweht“ reihen sich aneinander. Und immer mehr vom sumpfigen Umfeld wird erschlossen. Einen Restaurant-Tisch fürs Wochenende muss man sich Tage im Voraus bestellen, wenn es klappen soll.

Unheimlich, der Gedanke, dass dieser Reichtum seine Wurzeln im Sklavenhandel hatte. Hier kamen die ersten Transporte aus Afrika an. Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hätte anderswo vielleicht zu einem Mahnmal geführt, hier wandeln Touristen im Zentrum der Stadt durch die Gebäude des alten Sklavenmarkts, der damaligen Drehscheibe des Menschenhandels. Wo früher Arbeitskräfte feil geboten wurden, gibt es jetzt Touri-Tand zu kaufen.

Wir denken schon, der Name unseres Charterbootes “Africa” deutet auf die Bewältigung eines der dunkelsten Kapitel in der US-Geschichte hin. Aber der Eigner will damit etwas anderes sagen: “Another freaking item I cannot afford” – Ein anderes verdammtes Objekt, das ich mir (eigentlich) nicht leisten kann.

Diese Südstaaten sind etwas suspekt – schließlich werden ihre Einwohner im üblichen Hollywood-Blockbuster gerne als die Bösen und Erfinder des unheimlichen Klu-Klux-Klans stilisiert. Die Trump-Sympathie scheint zum Negativ-Bild zu passen. Hier hat “The Donald” klar gewonnen. Viele Einheimische stehen dazu und stellen sich Schilder mit dem Namen ihres Präsidenten in den Garten. Man zeigt, was man wählt.

“Waffen verboten”

In die liberale Welt der Segler scheint das nicht zu passen. Das „Waffen-verboten“-Zeichen am James Island Yacht Club mag in diese Richtung weisen. Vielleicht auch der kreative Bootsname einer Teilnehmer-Yacht: „Stormy Daniels“.

Guter Hinweis: Im James Island Yacht Club sind Waffen veroboten. © SegelReporter

Nach gut vier Stunden Däumchendrehen auf der Pier haben wir auch endlich Wasser unter dem Rumpf. Allerdings nach einer zusätzlichen Krangebühr von 200 Dollar die nicht im 500 Dollar Startgeld inbegriffen ist. Später werden auch noch einmal 170 Dollar für zwei zusätzliche Crewmitglieder fällig, um ihnen Zugang zum Event-Gelände zu gewähren. Auch der Liegeplatz muss extra beim Hafenmeister angemeldet und bezahlt werden. 40 Dollar/Tag. Regattasegeln ist hier nicht für jedermann gedacht.

Pünktlich zum verspäteten Auslaufen, sind die Practice-Races beendet. Wir nehmen es nicht persönlich. Das Segeln bei strahlender Sonne entschädigt für die schweißtreibende Wartezeit an Land. Wo sieht man schon einzelne Delfine im Hafen – Okay, Kiel ist ja auch schon so weit – Fisch-Adler über der Rennstrecke, und an Land liegen immer mal wieder Alligatoren rum.

Dazu diese eindrucksvolle Historie. Hier hat 1861 der Amerikanische Bürgerkrieg begonnen. Diese künstliche Insel sechs Kilometer weit östlich als Begrenzung der Bucht von Charleston Harbour, spielt eine große Rolle für die Einschätzung der Strömung auf dem Regattakurs, der zwei Meter hin- und her-schwappendes Tiden-Wasser aufweist. Aber auf ihr steht das berühmte Fort Sumter. Sein Beschuss durch die Konföderierten hat die vier Jahre dauernden verheerenden Kämpfe ausgelöst.

Im Schatten des Flugzeugträgers

Und als die kurzen Testschläge im äußerst geschützten Stromrevier bei bis zu zwei Knoten schnellem Wasser absolviert sind, bekommen wir einen Liegeplatz im Schatten des 266 Meter langen Flugzeugträgers USS „Yorktown“ zugewiesen. Dieses Teil, das besonders 1944 eine wichtige Rolle beim Krieg gegen Japan spielte, stellt inzwischen ein Museum dar.

Die J/70 liegen unter dem Flugzeugträger USS “Yorktown”. © SegelReporter

Irgendwie schaurig, wo doch gerade Herr Trump fern der Heimat den Abzug gezogen hat. Das Wort „Patriot“ wird hier auf den Schildern etwas inflationär benutzt. Und für den zugereisten Gast droht selbst die unter Seglern grenzübergreifende Lockerheit ein wenig abhanden zu kommen.

„America First“, das mag auch dem Selbstverständnis des Kollegen entsprechen, der gut sieben Minuten vor dem Start ohne Wegerecht einen Crash verursacht und dann nicht mehr auffindbar ist. Normalerweise versucht man solche Vorfälle beim einem folgenden Dock Talk mit einem Bier aus der Welt zu schaffen. Das scheint hier anders zu sein.

Selbst ein Taylor Canfield, als mehrfacher Match Race Weltmeister auf einer J/70-Taktik-Position engagiert, kommt beim Wuling lange vor dem Start maulig rüber, wo man auch deutlich entspannter sein könnte.

Beach Party ist Trumpf

Aber das mögen Momentaufnahmen sein. Schließlich wird der Erfolg dieser Regatta, bei der 246 Kielboote in 16 Klassen starten, gerade über die Geselligkeit definiert. Die Beach-Party nach der Regatta am Strand des Charleston Harbor Resort & Marina (CHRM) ist gut besucht. Unter Palmen gibt es Bier, Rum, Tacos und Hühnchen an der Strandbar, wenn man den Event-Pass bezahlt hat. Und am Morgen stimmt kein Geringerer als America’s Cup Sieger Ed Baird beim Strand-Briefin auf die Taktik für den Tag ein.

Ausrüster präsentieren ihre Angebote wie auf einem Messegelände. Die Organisation ist in den Hotel-Komplex integriert, und die Golf Cart Flotte wird von zuvorkommenden Helfern bewegt, um die Segler von den spärlich vorhandenen Parkplätzen abzuholen. Ausnahmsweise dürfen die mächtigen vierrädrigen Ami-Kutschen in der Regatta-Woche auf den gepflegten Grünflächen abgestellt werden. Das sollte man mal in Kiel machen, wo die Behörden auf parksündige Segler nur so lauern.

Das Event-Gelände fürs After Work Beer. © SegelReporter

Die Stimmung ist ausgelassen und zumindest vom Medien-Boot weht auch am nächsten Regatta-Tag wieder eine intensive Gras- und Alkohol-Fahne über das Startgebiet. Längst wird das Management der Regatta online abgewickelt. Der Gang zum Schwarzen Brett ist kaum noch nötig. Informationen über Proteste, Gruppeneinteilungen und Startzeiten werden per Email verschickt.

Das Problem mit dem Kranen

Das hilft zwar auch nicht gegen klassische seemannschaftliche Probleme wie den slippenden Anker beim Startschiff – mehr als eine Stunde Rennzeit fällt dem zum Opfer . Und die Kran-Logistik sollte vielleicht eine größere Priorität haben. So vergehen auch beim Auskranen gut vier Stunden Wartezeit am Steg. Das Wasser läuft ab, die Kiele setzen  auf und bei Starkwind kommt es zu einigen haarsträubenden Szenen.

Es ist auch schwer zu verstehen, dass der letzte von drei Renntagen abgesagt wird. Schließlich ist das Revier so geschützt wie ein Baggersee. Es baut sich kaum Seegang auf. Offiziell heißt es, die starken Böen würden Probleme beim Kranen machen. Aber das Gros der US-Segler nimmt die Nachricht von der Absage so entspannt, wie das Schlange-Stehen. Man hilft sich und nimmt achselzuckend hin, wenn sich mal jemand vordrängelt.

Seglerisch ist das Revier anspruchsvoll. Die Strömung quer zum Wind hat einen ebenso großen Einfluss wie die starken Winddrehungen. Man muss schon einen guten Start hinlegen, um eine der wenigen freien optimalen Spuren nach Luv zu erwischen. Und da drängeln sich immer mehr Weltmeister und große Namen des internationalen Segelsports in der ersten Reihe.

Anspruchsvolles Revier. Die Strömung treibt die Flotte von der Leetonne weg. © CWR

Wenn der Start klappt, können wir unter den Top Ten der in zwei Gruppen aufgeteilten Flotte mitsegeln. Aber mit uneingespielter Crew wickeln wir auch schon mal den Spi um den Kiel oder drehen zu viele Strafkreise. In Rennen fünf segeln wir ein beinhartes Match um den letzten Platz und gewinnen es dann doch noch souverän. Am Ende steht Rang 37 von 68 Booten. 

Ganz vorne segelt der amtierende Weltmeister Peter Duncan, vor John Brim mit Taylor Canfield, vor dem 2016-Weltmeister Joel Ronning mit John Kostecki und dem Vize-Weltmeister Brian Keane.

Der Ausflug nach Trump-Land ist ein starkes Erlebnis. Schon irgendwie anders, diese Community. Und besonders Onedesign-Segeln, das direkte Messen der sportlichen Leistung ohne Vermessung-Ausreden, steht hoch im Kurs. Die Qualität der Amis ist höher als man angesichts der US-Ausbeute bei den jüngsten Olympischen Spielen erwarten könnte.

Aber es ist ein teurer Upperclass-Sport. Die alten, großen Namen dominieren und haben kein Interesse daran, das Profi-Geschäft zu verändern. So sieht man auf hohem Niveau kaum junge Gesichter. Nach dem College- und Uni-Segeln kommt in den USA wenig. Eine Entwicklung wie das Liga-Segeln in Europa, die jüngeren Seglern ein hochklassiges Spielfeld bietet, funktioniert offenbar nicht. Die Initiative Premiere Sailing League nach dem Segelbundesliga-Vorbild will in den USA nicht so richtig in Gang kommen. Da helfen auch ein paar Palmen und Pelikane nicht, um der nationalen Segelszene neue Höhenflüge zu bescheren. Viel Hoffnung setzen die Amerikaner auf die America’s Cup Initiative des New York Yacht Clubs. Aber der Big Apple ist von Charleston weit entfernt.

Ergebnisse Charleston Race Week 2018

Event Website Charleston Race Week 2018

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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