Knarrblog: Der unelegante Drachen-Auftakt auf der Alster

Hochgefühl abgewürgt

NRV Video-Bericht:

SegelReporter beendet die lange Winter-Segelpause mit der Drachen-Frühjahrsregatta auf der Alster. Längst läuft noch nicht alles so rund wie erhofft.

SegelReporter Drachen

Blöd gelaufen. Das eingewickelte Spifall blockiert das Ausrollen der Genua auf dem SegelReporter Drachen. Zwei Schiffe rutschen auf dem Anlieger durch. © Peter Kähl

Eigentlich fängt der Tag so schön an. Endlich ist der Atem nicht mehr sichtbar wie am Vortag. Die Morgensonne glitzert in der Alster. Entgegen der Vorhersage wird das Wasser von einem leichten Nordwind gekräuselt. Da geht heute noch was beim Finale der zweiteiligen Frühjahrsverbandsregatta im Drachen.

Beschwingt federe ich über den Steg. Schon gestern war ein guter Tag. Mit einer überschlagenen Serie von 8/5/2 könnten wir im Feld der 46 Drachen bis auf Platz vier vorgerutscht sein. Gleich mal auf der Liste am Schwarzen Brett prüfen.

Zuvor war das erste Wochenende sportlich etwas zäh verlaufen. Der Freude, endlich wieder ein Segelschiff unter dem Hintern fühlen zu dürfen – auch wenn ein schwerer Drachen nur marginal spürbar ist – folgt ein dramaturgisch äußerst anstrengendes Rennen.

Schnell noch die neue Fock einstellen, fast zu spät am Start, Genua früh ausgerollt, kaum Zeit für einen ordentlichen Plan, geschweige denn zum stark bevorteilten Pin-End zu kommen, bloß wenden bevor das Feld drüber rutscht, frei rechts rüber und zack Zweiter an der Luvtonne. Nur Boxen-Nachbar Klaus Libor quetscht sich an der Marke noch vor.

Kraftloses Dümpeln in der Flaute

Wie jetzt? Das geht zu einfach. Zu stark ist das Feld besetzt, zu unvorhersehbar sind die Bedingungen. Irgendwie unverdient. Kaum setzt sich der Gedanke fest, stellt sich das Gebläse ab. Die gute “Dragonheart” dümpelt kraftlos in der Flaute. Wie alle anderen Drachen auch.

Das Blöde beim Vor-dem-Wind-Kurs: Neuer Druck setzt von hinten ein. “Hübsch, die bunten Segel.” Eine Gruppe Alster-Spaziergänger ist vom Schauspiel der fast 50 Drachen begeistert. Vom spiegelglatten Wasser aus ist jedes Wort zu hören. Achteraus am nördlichen Alster-Rand füllen sich die Blasen.

Die Lappen flappen

Von wegen “hübsch”. Das Feld schiebt sich zu einer Phalanx zusammen. Das dunkle Kräuseln kriecht über die Wasserfläche und fängt immer mehr Schiffe ein. Wie der Nebel von Mordor – na ja, so könnte man es in unserer Situation empfinden. Hilflos kleben wir in der Flaute. Die Lappen flappen.

Das Rauschen der Bugwellen wird immer intensiver. Hektische Blicke wandern achteraus. Aber es macht keinen Sinn, die Spuren der stärksten Böen antizipieren zu wollen. Ohne Fahrt kann man sich dort nicht hinbeamen. Es hilft kein reflexartiges Ruckeln und Zuckeln an den Segeln. Schwere Drachen lassen sich davon nicht beeindrucken.

Normalerweise hilft es, die Nerven zu bewahren, und nicht mit dem Schicksal zu hadern. Solche Situationen passieren ständig auf den Regattabahnen dieser Welt. Besonders oft auf den Tümpeln im Binnenland, wo ich das Segeln gelernt habe. Irgendwann kommt der Wind schon. Nur die Ruhe.

Abdeckung der Phalanx

Bloß kommen diesmal die Kollegen aus der Spitzengruppe schneller in Fahrt. Der neue Druck scheint um uns einen Bogen zu machen. Als er schließlich im Segel landet, wird er vom Feld auch schon wieder genommen. Die Abdeckung der Phalanx. Sie überrollt uns und spuckt uns irgendwo in der Mitte wieder aus. Schwupps da geht er hin der Spitzenplatz.

Etwas zäh der Start in die neue Saison. Aber was solls. Neues Spiel im nächsten Rennen. Schöne Pinend Position, frei raus, jetzt schnell vor dem Feld wenden. Der Gedanke ist noch nicht zuende gedacht da schwindet erneut jegliche Energie aus den Segeln. Mitten in der Wende. Die Drachen, die wir eben noch voraus passieren wollten, zwingen uns jetzt wieder zurück zu wenden. Die Kiste steht und steht und steht. Ein Desaster. Vorletzter Platz an der Luvtonne. Wow.

Aber nun geht es anders herum. So ist es deutlich angenehmer. Das dunkle Kräuseln des einsetzenden Windes, nun erreicht es uns zuerst. Nun blicken wir in die hektischen Gesichter, überrollen wir die ersten Gegner. Dieser Sport kann so gemein sein.

Hilflose Fünfer-Päckchen

Exakt am Leetor erfolgt der Zusammenschluss des Feldes. Was für eine Show. Gut 30 Drachen schieben sich fast gleichzeitig um die beiden Bojen. Brüllen, toben, schreien. In Fünfer Päckchen versuchen sie die Kurve zu kriegen und treiben doch nur hilflos geradeaus. Wir müssen nur rechtzeitig bremsen, geduldig warten und schon tut sich eine Lücke direkt an der Tonne auf. Ein schöner Coup. Von 46 auf 15. Topfschlagen. Noch zweimal wird das Feld auf diese Weise durcheinander gewirbelt. Dann hat der Wettfahrtleiter ein Einsehen. Abbruch.

An Land gibt viel zu erzählen. Die unsteten Bedingungen haben Nerven gekostet. Und doch gibt es keine Überraschungssieger. Die alten Alster Trüffelnasen haben ihre Belohnung gefunden. Nächste Chance am nächsten Tag.

Der Start geht völlig daneben. Jede Menge dreckiger Luft aus gegnerischen Segeln zum falschen Zeitpunkt macht das Timing kaputt. Die gute alte “Dragonheart” hängt irgendwo in den 30ern fest. Bin wohl noch etwas eingerostet. Wegwenden, bloß frische Luft schnappen, aufholen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Knarrblog: Der unelegante Drachen-Auftakt auf der Alster“

  1. avatar bowman sagt:

    “Dieser Sport kann so gemein sein.” HERRLICH

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 0

  2. avatar k sagt:

    Das Beste an SegelReporter!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

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