Knarrblog: Erste Regatta im Formula 18 Katamaran. “In Böen sieben…”

"Das Heck steigt, steigt und steigt..."

Erster an der Luvtonne vor dem Finnen mit Kat-Lehrer Christian Sach an der Vorschot. Weit nach hinten hängen, Fockschot lösen... © Team Finnland

Die Spanier wollen es wissen. Sie fordern die internationale Trainingsgruppe heraus. Schön und gut. Aber es hackt. Jeden Tag drehte die ablandige Düse etwas mehr auf. Eigentlich reichte es. Doch nun rücken die Schaumkämme sogar bei dem ablandigem Wind sehr nahe an das Ufer heran.

Andreas unkt schon, „das wird heute nichts“. Und die drei spanischen Teams machen auch keine Anstalten, die avisierte Startzeit um 15 Uhr einzuhalten. Es sieht nach kneifen aus, und ich atme schon entspannt durch. Schließlich kommt schon das erste Team nach dem Antesten der Bedingungen wieder an Land.

Noch weiter nach hinten, und die Balance halten... © Team Finnland

Aber von wegen. Das spanische Timing ist einfach nur ganz normales spanisches Timing. Die wollen wirklich raus. Andreas sieht dabei offenbar auch kein Problem. Und das mag vielleicht damit zusammen hängen, dass diese Formel 18 Katamarane bei Starkwind nicht durch lautes Segelknattern oder permanentes vom-Slipwagen-fallen beunruhigen. Nun ja, er wird wissen, was er tut. Was er mir zumuten kann.

Auf dem Wasser nimmt seine Stimme dann doch einen etwas hektischeren, höheren Tonfall an. Wieder muss der Gennaker sofort hoch. Das ist nun Mal so bei ablandigem Wind. Und wieder reißt es mich in einer Böe von den Beinen.

Festhalten am Hecktampen in Erwartung des abrupten Abfallens und Abstoppens in der Welle. Ein haariges Manöver. Aber Andreas meistert es. © Team Finnland

Dabei verlaufen die ersten Meter in Landnähe noch relativ entspannt ohne die zugehörige Welle. Das mag dieser Kat am liebsten. Kontrolliertes Vollgasfahren mit über 20 Knoten. Aber die Stolpersteine nehmen zu, die Wellen werden höher, und die Haltung am Draht mit dem hinteren Fuß in der Schlaufe wird wieder angemessen verkrampft.

Dicke gelbe Tonnen warten im Wasser. Laut Windfinder rauschen genau zur Startzeit die ersten siebener Böen über die Bahn. Ein Kat in der Nähe überschlägt sich. Andreas versucht möglichst tief zu steuern, um die Plattform stabil auf zwei Beinen zu halten. Überlebensbedingungen. Aber immerhin erscheinen sieben Kats an der Linie. Zwei Finnen, drei Spanier und zwei deutsche Teams.

Es ist angenehm leise, wenn der Kat beigedreht an der Linie liegt. Die Segel knattern nicht. Nur einzelne Brecher krachen unter das Trampolin und der Wind rauscht in den mit Salzwasser gefüllten Ohren.

Komisch beim Start. Alle Boote stehen irgendwie an der Linie rum, und plötzlich geht es los. Andreas hat uns in eine hübsche Luvposition manövriert. Die Hobie Wild Cats der Konkurrenz treiben mit ihren schmaleren Schwertern und Rudern etwas schneller nach Lee als unser Nacra-Kat. Das mag helfen.

Jedenfalls können wir frei in Luv Gas geben. Ich soll am Cunningham ziehen, die Selbstwendefock dicht ziehen und mich raushängen. Kein schönes Gefühl, die Fockschot nicht in der Hand zu haben. Ich kann nichts machen, wenn der Luvrumpf einmal zu sehr steigt. Ich bin dem Mann hinter mir, der an Pinne und Großschot arbeitet ausgeliefert.

Aber der hat das alles im Griff. An der Luvtonne liegen wir vor dem Feld. Doch nun kommt das haarigste Manöver für einen Katamaran. Abfallen an der Luvtonne. Andreas doziert in höchstem Ton: „Fockschot in die Hand, auf der Kante ganz nach hinten laufen, Fock lösen, Hecktampen greifen und bloß lange genug am Draht hängen…“

Er reißt das Ruder herum. Die Rotation wirft mich nach hinten. Das Abstoppen der Bugspitzen im Wasser schleudert mich nach vorne. Wenn, ja wenn ich mich nicht an diesen unscheinbaren rotweißen Tampen klammern würde, der aus dem hinteren Beam lugt.

Das Heck steigt, steigt, steigt…aber dann kippt es wieder ins Wasser. Kontrolle behalten. Raus aus dem Trapez, Cunningham los – sonst kann der Mast brechen, sagt Andreas -Tackline mit dem Griff am Trampolin rausreißen, Gennakerfall am Mast greifen, ziehen wie ein Irrer, Schot schnappen, raus ins Trapez, Fußschlaufe suchen und ab geht´s. Wow! Was für eine Hektik.

Am Ende können wir uns tatsächlich die Kollegen vom Hals halten. Auch im zweiten Rennen. Nicht schlecht für den Anfang.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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8 Kommentare zu „Knarrblog: Erste Regatta im Formula 18 Katamaran. “In Böen sieben…”“

  1. avatar Andreas Ju sagt:

    da werde ich als Ex-Kollege auf so einem Zweibeiner doch etwas neidisch. Dass selbst du allerdings nicht das Groß fahren darfst , beruhigt mich. Kommt mir auch aus einer anderen Karre vom vergangenen Sommer bekannt vor. Und warum darfst du dich an der Kreuz noch nicht einmal an der Vorschot festhalten, du armer Wicht? Grüße auch an den Kaleun!

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  2. avatar Manfred sagt:

    Macht Spaß zu lesen. Sehr authentisch. Weiter so und viel Spaß auf der Insel.
    Smooth Sailing!

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  3. avatar Hannes sagt:

    Na, das hört sich ja nach ner super Erfahrung an! Carsten, ich kann dir allerdings versichern, dass es nun schwierig wird noch ne schön lange Kreuz auf so irgendnem Bleitanker zu genießen… 😉

    Wenn du dich nicht mehr so ausgeliefert fühlen willst, dann nimm Andreas doch einfach mal die Schot weg, bei dem Hack isses am Ende für beide entspannter an der Kreuz und du fühlst wie schön direkt das alles funktioniert. Der arme Andreas hat ja alles inder Hand 😀

    Weiter so!

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  4. avatar bredi sagt:

    Also,
    jetzt muss ich hier aber auch mal was sagen: Dass Carsten sich als Monohull-Plautzen-Zeitlupensegler überhaupt
    bei Johni aufs Boot traut ist ja schon ne gewagte Nummer. Aber dem dicken Carsten jetzt auch noch die Großschot in
    die Hand zu geben, halte ich nun auch für glatten Selbstmord – das können nur so symbiotisch eingespielte Typen, wie
    die Säcke!!!! Desweiteren hat nicht mal Nils (Herr Frodo) bei uns die Grossschot in die Hand gekriegt, schon garnicht ab 30 Knoten Wind aufwärts. Woran hätte ich mich denn dann noch festhalten sollen? Und schliesslich waren wir zuletzt nur noch ab 30 Knoten Wind aufwärts richtig schnell. Stellt sich nun die Frage: war das weil der Steuermann die Großschot selber fuhr oder weil unser Mannschaftsgewicht in der letzten Saison etwa bei 170 kg lag? Wie auch immer: Johni kann sowieso nicht segeln…;-) Wünsch Euch weiter viel Spass!!!!!

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  5. avatar Matti sagt:

    Woah, Hut ab!

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  6. avatar Andreas Ju sagt:

    @ Bredi: Konsequenterweise gibts du dir selbst als Steuermann auf deinem neuen Floß ohne Ruderblätter noch nicht einmal mehr eine Pinne in die Hand, oder?

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    • avatar bredi sagt:

      Senior Jung,

      Richtig! Denn man muss das Steuern einfach mit dem Hintern können – so hat man auch beide Arme für
      den fürchterlichen Zug auf der Grossschot, die hier übrigens niemals belegt werden kann. Nix 6:1 Schot plus Klemme, hahaaa, diese alten Hobie-Schwächlinge ;-). Neenee, beim Patin Catalan ist das alles Handarbeit!!!

      Gruss vom Rhein an die Förde

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      • avatar Andreas Ju sagt:

        Komm du mir mal nach Kiel! An den Wochenenden sind wir mittlerweile 5 Laser-Master zum Schippern (Helge, Jan Schulz, Kai Falkenthal, Peter Kohlhoff, io). Alle Boote haben neben eine Pinne natürlich Klemmen – wir sind ja keine 18 mehr.

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