Knarrblog J/70 EM: Wenn das Teufelchen in der Birne den Ton angibt

Auf dem Berg des Zorns

Was für eine Woche. Was für eine EM. Eigentlich wollte ich regelmäßig über das Mammut-Ereignis berichten, aber diese vier Renntage waren so intensiv, dass sich der nicht mehr ganz so taufrische Astralkörper mehr Auszeiten genommen hat, als erwartet.

J/70 EM

Na super! Nach einem Chaos-Manöver schön an der Tonne hängen geblieben. Jablonski rauscht vorbei. © Sven Jürgensen

Es waren einfach sehr lange Tage. Bahn Delta irgendwo im Nirgendwo am Leuchtturm erfordert schon mal eine Anreise von nahezu zwei Stunden bei Gegenwind.

Aber Kiel hat perfekte Bedingungen abgeliefert. 11 Rennen in vier Tagen, wo und wann klappt das schon? Eine schöne Mischung aus Leichtwindrennen und Ballermann. Die kleinen J/70-Flitzer zeigen konnten zum Schluss noch einmal deutlich zeigen, was sie im Glitschmodus drauf haben.

Besonders der letzte Tag hat es in sich. Start noch mal eine halbe Stunde früher als sonst um 11:30 Uhr. Es hackt. wir müssen ordentlich an den Wantenspannern drehen, um den Karbon-Prügel aus der schwedischen Masten-Schmiede Seldén ausreichend zu biegen. Die Welle steht neben dem Stollergrund ist zwar nicht so hoch wie bei Nordwind am Vortag, aber auch mit dem links gedrehten Wind kommen die Js ordentliche ins Stolpern.

Profil aus dem Segel zerren

Am Wind schlägt das Groß zu häufig durch. Die Kiste kippt und wird auf dem Wellenkamm heftig seitlich versetzt. Niederholer und Achterstag mit zwei Mann bis zum Limit gezogen, so versuchen wir, das Profil aus “Helga”‘s Garderobe zu zerren und die Gute einigermaßen auf Speed zu bringen.

Wir sind beileibe nicht die Schnellsten. Woher auch? Als Klassen-Neulinge und Novizen in der speziellen Kunst des J/70 Rigg-Trimms sind wir auf den North-Sails Tuning Guide angewiesen, von dem wir hoffen, dass er zumindest eine Basis liefert.

Top-Speed basiert in allen Segelboot-Klassen auf langen Stunden im Two-Boat-Modus auf dem Wasser. Man versucht ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Veränderung sich “Helga” bei den jeweils vorherrschenden Windbedingungen wünscht, um möglichst schnell die Wellenberge zu erklimmen.

Es hilft kein Jammern

Diese Arbeit ist mühsam und nicht immer besonders spannend. Im Gegensatz dazu macht auch deshalb das Liga-Segeln so viel Spaß. Das Verstellen des Riggs ist nicht erlaubt. Und das ist gut so. Die Liga-Teams können ihre Zeit lieber in Manövertrainings investieren. Das ist deutlich aufregender.

Aber hier draußen auf See hilft kein Jammern. Wir müssen unsere Stärken beim Starten ausnutzen und versuchen. Also auf in die Schlacht um eine der beiden perfekten Positionen: Erstes Schiff in Lee oder Luv. Den Kampf um diese Top-Spots haben wir in unzähligen Liga-Trainings und -Rennen geübt. Da kann uns kein Italiener oder Monegasse etwas vormachen.

Tatsächlich wären die Südländer mit ihrem klaren Speedvorteil auch falsch beraten, in den Kampf um die Poleposition einzugreifen. Für sie sind Duelle unnötige Risiken, die sie ausbremsen können. So mag der italienische Topfavorit Alberini eine falsche Strategie gewählt haben, indem er auch mit besten Starts glänzen wollte.

Favorit Alberini meckert

Er sammelte gleich drei Frühstarts. Auch wenn er es nicht glauben wollte und Gegenproteste anstrengte. Es gilt noch immer die alte Regel, dass man mit zu vielen Buchstaben in der Serie nichts gewinnt und schon gar nicht Europameister wird.

Der schnauzbärtige italienische Topfavorit meckert auf seiner Website, dass “die Wettfahrtleitung nicht auf der Höhe” war und ihre Startlinie nicht im Griff gehabt habe, aber die Kritik mag wohl seinem Frust über die DSQs geschuldet sein. Souverän ist das nicht. Zumal seine Landsfrau Claudia Rossi ohne Probleme über den Parcours kam, und die Wettfahrtleitung tatsächlich einen herausragenden Job abgeliefert hat.

Wir kämpfen in diesem neunten Rennen also wieder einmal um das geliebte Pin End. Und zum zweiten Mal geht es voll in die Hose. Es ist einfach zu voll in Lee. Also rechtzeitig abdrehen und durch das komprimierte Feld stechen hinter den Hecks der anderen durch auf der Suche nach freiem Wind.

Manchmal läuft’s

Man muss schon etwas Glück haben, dass nicht ein Boot direkt voraus wendet und den Weg zur frischen Luft versperrt. Und wenn dann auch noch im richtigen Moment die Rechtsdrehung kommen soll, muss man Fortuna noch mehr auf der Seite haben. Aber manchmal läuft’s. Platz drei an der Luvtonne 🙂

Doch manchmal ist das Leben dann doch gerecht. Nach diesem Start mag ein Top-Platz nicht verdient gewesen sein. Der Herr gibt und der Herr nimmt… Bei der Ansteuerung der zweiten Luvtonne bringt er wieder alles ins Lot. Keine Ahnung, wie er das macht. Lässt er Gehirnzellen kurz aussetzen? Jagt er einen falschen Impuls durch das Neuronen-Geflecht?

Den gesteuerte Aussetzer bekommt er jedenfalls perfekt hin. Auf Rang fünf würden wir um die Luvtonne gehen. Wäre ja perfekt für unsere Serie. Dann kommt da Klaus Diesch vom Württembergischen auf der Anliegelinie angerauscht. Er sieht noch so weit weg aus. Aber eigentlich habe ich mir vorgenommen: kein Risiko. Aus allem Mist raushalten! Schön abfallen, und hinter ihm durch. Hier geht’s nicht um Zentimeter, wie in der Liga.

Teufelchen in der Birne

Aber nein, was sagt das Teufelchen in der Birne? “Fahr rein, das passt, der ist noch ganz weit weg, und dolle über der Anlieglinie…” Der fiese Flüsterer findet Gehör. Ich knalle Klaus die Wende vor den Bug. Zu Recht äußert er sich – vorsichtig gesagt – etwas lauter, überrascht. Wir rauschen gegen die Tonne, haken mit dem Kiel am Ankergeschirr fest, versuchen den Gummiball vom Bug zu lösen, verzerren ihn zur Spreader-Mark, die damit ihren Sinn verliert und verlieren Boot um Boot.

Nach den fälligen Strafkreisen kommt immer noch ein 14 Platz heraus. Aber meine Güte, was war das. Meine jungen NRV-Kollegen dürften geschockt sein über den Aussetzer des alten Sacks am Lenker. Ich entschuldige mich aufrichtig im Ziel, und komme erst nach zwei Schlägen auf Deck – Sorry “Helga” – wieder langsam runter vom Berg des Zorns.

Es gibt noch einige Geschichten von der EM zu erzählen. Ich werde versuchen, sie in verschiedenen Folgen abzuarbeiten. So stellt sich die Frage, warum die Italienerin den Rest der Flotte so düpieren konnte. Und wie in einem Rennen nur noch zehn Boote an der Startlinie sein konnten.

Ergebnisse J/70 EM

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Knarrblog J/70 EM: Wenn das Teufelchen in der Birne den Ton angibt“

  1. avatar Nrver sagt:

    Ein Bericht des Nrv Clubschiffes über die kiwo gehört schon auch auf die Nrv Seite und nicht hinter die Paywall, oder?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 30 Daumen runter 7

    • avatar ein anderer Nrver sagt:

      “Super Beitrag, mehr davon!” — freue mich schon auf den Artikel im Clubheft!

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  2. avatar Jollenfutzi sagt:

    wieso war denn niemand von den GER Teams zwischen MAIOR und KiWo jedes Wochenende auf dem Stollergrund draussen im Speedtraining anpassen, anpassen, anpassen….. also ganz normal wie in jeder Klase halt – good speed makes a tactical genius !
    es war doch bekannt das ihr richtig segelt und auf welcher Bahn und nicht in der Strander Bucht und Delta ist halt sehr anspruchsvoll mit Strom und schön schwieriger Welle

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 11 Daumen runter 10

  3. avatar Friedrich sagt:

    Was für eine schöne Gschicht, danke und ich freue mich auf die nächsten Knarrblöcke, Carsten!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 15 Daumen runter 1

  4. avatar sanno sagt:

    NRV Clubheft….was ein Quatsch
    wäre schön, wenn auch nicht NRVer weiter an dieser Story teilhaben dürfen…

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