Knarrblog: Mit Vollgas die Rampen runter – Wir Helden vom Mittelfeld

Mühelos die feuchten Rampen runter rutschen

Das geht ja gut los. Unser erster Auftritt in der Höhle der Löwen, bei der italienischen J/70-Rennserie, mit einigen der stärksten Sportboot-Seglern der Welt, und wir hängen fast am Tampen…

Start verpatzt und am Ende des 60-Boote-Feldes ausgespuckt. Was ist denn hier los? Nach dem Silverfleet-Auftritt bei der WM hatten wir eigentlich ein wenig geübt, um den Abstand zu den Besten etwas zu verkürzen. Schließlich ist Michael 50 Jahre lang keine Regatta an der Pinne gesegelt. Er hat im NRV an der Alster das Handwerk gelernt, gehörte in der damals angesagten Korsar-Klasse zu den Stärksten im Lande und absolvierte eine halbe Olympia-Kampagne im 5,5er .

Die Lernkurve ist steil, seit er sich entschloss, die passive Unterstützer-Rolle des NRV-Liga-Teams in eine aktive am Lenker umzuwandeln. Zugegeben, wir waren skeptisch, wie weit man in einer solchen Konstellation sportlich kommen kann, aber inzwischen ist mit Florian und Malte ein gutes Team zusammen gewachsen …dachten wir.

J/70 San Remo

Michael Grau an der J/70-Pinne vor San Remo. © Segelreporter

Dieses erste Rennen weist in eine andere Richtung. Sind wir denn gar nicht weiter gekommen? War es doch nicht so gut, Bea als Nummer fünf einzupacken und das Crewgewicht auf etwa 365 Kilo hochzuschrauben. Eine der wichtigsten Erkenntnisse von der WM: mehr Gewicht hilft. Aber bremst es zu stark bei Leichtwind?

Knitter Sound der frischen Tücher

Die Aufholjagd führt immerhin ins Mittelfeld, und die Stimmung an Bord bleibt positiv. Wie soll es anders sein? Die Sonne scheint, das Wasser glitzert, endlich verzieht sich der mal wieder viel zu lange Winter. Zum Knitter-Sound der frisch geharzten neuen Tücher und wohlig plätschernden Bugwelle rauscht das Adrenalin wieder durch die Adern. Durchatmen, das Gefühl wahrnehmen, genießen.

Das ist umso leichter, weil das nächste Rennen Rang drei an der Luvtonne beschert. „Der Start in Lee war ziemlich Okay“, der Speed passt in Luv der schnellen Russin wie auch die Strategie mit einem langen Schlag über die linke Seite. Erst mein Taktik-Schnitzer auf der zweiten Kreuz – die Abdeckung der entgegenkommenden Gennaker-Boote unterschätzt – verhindert knapp das Top-Ten-Ergebnis. Wir sehen es positiv: Wow, da geht vielleicht doch noch was.

J/70 San Remo

Mit den NRV Farben des APC (l.) den Spitzenbooten hinterher. © J/70 Italian Class/Zerogradinord

Und wie. Am nächsten Tag ballert es. Dafür ist dieses kleine Sportboot gemacht. Bedingungen am Limit und trotzdem gute Kontrolle im Ü15-Knoten-Speedbereich unter Gennaker.

Glibbrige Masse hinter der Brille

Wir sind flott unterwegs. An der Kreuz macht sich Beas zusätzliches Gewicht auf der Kante bemerkbar. Dabei fungiert die Arme als Wellenbrecher auf Wanthöhe. Welle für Welle ihr klatschen ins Gesicht. Sie jammert nicht. Von der Melges 24 ist sie Ähnliches gewohnt. Aber dann segeln wir durch Muschel-Teppiche, die auf der Oberfläche schwimmen.  Das ist wirklich fies. Einem Schweizer gerät die glibbrige Masse mit einem Brecher hinter die Brille ins Auge. Gar nicht schön.

An der Luvtonne herrscht Chaos im aufgewühlten Wasser. Boote fliegen aus der Kurve und krachen ineinander. Auch wir verursachen einen Schaden und drehen zwei Kringel. Gut zehn Plätze gehen verloren. Aber diese Vorwind-Ritte entschädigen für die Mühe, sich Welle um Welle nach Luv zu kämpfen. Wie mühelos diese Bötchen die feuchten Rampen herunter rutschen. Ein absoluter Hochgenuss.

Die Serie gestaltet sich mit (31)/11/25/12/14 noch sehr solide und führt zu Rang 15. Wir sind dann doch sehr zufrieden. Auch wenn die Italo-Helden schließlich doch einigermaßen ungefährdet vorneweg segeln. Aber manchmal können wir sie ärgern, und mehr soll es erstmal gar nicht sein. Die Saison ist doch gerade erst eröffnet.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *