Knarrblog: So war die 5.5er WM in Boltenhagen

Ein echtes Männerboot

Die "Criolla"-Crew mit Andereas Christiansen beim harten Amwind-Kurs. © Peter Kähl

Die “Criolla”-Crew mit Andereas Christiansen beim harten Amwind-Kurs. © Peter Kähl

Es ist ja nun ein Holzboot. 30 Jahre alt. Schön wie ein poliertes Wohnzimmermöbel, ein Museumstück. Eigentlich zu schade, für Bord-an-Bord-Kämpfe mit hohem Kratzer-Potenzial, zu edel fürs Tonnen-Reindrängeln mit Vollkontakt-Gefahr. Von wegen.

Andreas Christiansen hat seine „Criolla“ gepimpt, um Weltmeister zu werden. Nichts anderes ist die Aufgabe. Der große, graue verkratzte Schalenkoffer mit dem 5.5er Wanderpreis Vollmodell soll am liebsten im Auto bleiben. Zweimal hintereinander ging der Titel für die beste Evolution Yacht an den Präsidenten des Norddeutschen Regatta Vereins. In seinem Wohnzimmer hat das Schmuckstück seinen festen Platz.

Es gibt nur acht Gegner, die ebenfalls genug Jahre auf dem Buckel haben, um in der Evolution Wertung starten. In kleinen Feldern sind keine große Lorbeeren zu gewinnen.  Aber bei den 5.5ern starten alle drei verschiedenen Typen in einem Feld. Noch neun Klassiker der alten Olympia-Version mit langem Kiel und 19 moderne Schönheiten mit rassigem Knick-Rumpf, Flügelkiel und Trimmklappe.

Rolle am Mastfuß, auf dem die Kohle-Stange vor und zurückrollen kann. © SegelReporter

Rolle am Mastfuß, auf dem die Kohle-Stange vor und zurückrollen kann. © SegelReporter

Die Seb Schmidt-Interpretationen der Konstruktionsformel aus der Schweiz liegen am unteren Ende der Gewicht-Skala. Sie sollten schneller sein. Aber wie sehr? Werden wir im Zweikampf sofort abgezwickt? Rutschen wir in Nullkommanix in den dreckigen Abwind? Müssen wir uns ständig freiwenden? Es ist eng an der Startlinie. Eine hübsche Herausforderung.

Harte Arbeit nötig

Die Starts sind exzellent. Unser Folkeboot-Champ an der Pinne beginnt die ellenlangen 1,5 Meilen Schenkel jeweils mit gutem Vorsprung meist aus der Luvposition. Dort könnte man wegwenden, wenn mal ein Moderner in Lee zu viel Druck ausübt. Aber das ist selten der Fall. Wir sind immer dran an den Top Ten, lassen teilweise die Hälfte der Modernen hinter uns und wenn ich nicht ins Wasser falle ist auch schon mal. Der schiefe Kiel unter dem Rumpf bremst weniger als erwartet. Aber nur mit harter Arbeit bleiben wir dran.

Diese Holzkiste ist ein echtes Männerboot. Aus dem vermeintlichen Museumstörn, zu dem ich mich geheuert glaubte, wird ein schweißtreibender Ausflug zu den Grenzen der körperlichen Leistungsfähigkeit. Besonders diese fast 60 Quadratmeter große Blase führt ein bizarres Eigenleben. Sie mag die zwei Tonnen formverleimten Edelholzes zügig auf Rumpfgeschwindigkeit bringen, zerrt aber dann bei entsprechendem Wind immer noch weiter.

Niederholer Knickebein bei den modernen 5.5ern. Wenn der Baum am Lümmelbeschlag (l.u.) befestigt ist, kann über den Kohlefaser-Hebel, der zum Mast gezogen wird, Durck auf das Groß-Achterliek ausgeübt werden. © SegelReporter

Niederholer Knickebein bei den modernen 5.5ern. Wenn der Baum am Lümmelbeschlag (l.u.) befestigt ist, kann über den Kohlefaser-Hebel, der zum Mast gezogen wird, Durck auf das Groß-Achterliek ausgeübt werden. © SegelReporter

Ein 5.5er ist nicht gerade der beste Gleiter und so gibt es jenseits des max Speeds wenig zu holen. Dafür setzt sich der Druck über Schoten und Blöcke in Muskeln, Sehnen und Gelenke fort. Meine Zeiten des Kreuzhebens und Powerliftings sind längst vorbei, aber auf diesem Boot würde eine Kraftraum Vorbereitung helfen. Segelhandschuhe gelten in meiner schiefen Segelwelt eigentlich eher als Weichei-Utensil, was wohl mit dem primären Einsatz der Schreiberlinger-Finger an gepolsterten Pinnenauslegern oder Steuerrädern zusammenhängen mag.

Aber als auf den ersten 5.5er Downwind-Metern die Spektra-Seile das Blut aus den Händen quetschen, die Fingerkuppen eine weißliche Tönung annehmen und sich rötliche Striemen in die Handrücken kerben, winsele ich bei Mitsegler Haymo um ein Paar Leder-Lappen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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6 Kommentare zu „Knarrblog: So war die 5.5er WM in Boltenhagen“

  1. avatar armchairadmiral sagt:

    “Super Beitrag, mehr davon!”…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar NK sagt:

    Und? Ergebnis der Schinderei?

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  3. avatar Christian sagt:

    laut Ergebnisliste hat es ja geklappt mit dem Evolution-Titel. Chapeau!

    Carsten, hast du statt der teuren Lederlappen schon mal einfache Baumarkt-Handschuhe für Maurer, Gärtner oder Glaser probiert?. Die kosten ein Zehntel, haben aber doppelt so viel Grip. Und das bei oftmals erstaunlich langer Lebensdauer.

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    • avatar Roman sagt:

      Glückwunsch zum Ergebnis und dem tollen Bericht.
      Wenn es Dir beim Hängen in die Kniekehlen einschneidet, dann ist der Gurt zu eng. Kniekehlen sollten mindesten 2-3 cm außerhalb sein und das Gewicht praktisch nur auf der Weste sein.
      Eigentlich solltest Du das gleich raushaben…wenn es Dir einer sagt…;-)

      Weiter so…

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  4. avatar Holger sagt:

    nun hast du ja alles probiert : jetzt den FünfPunktFünfer und letztes Jahr zu Pfingsten in Kiel mit Willi den FünfNullFünfer … was kommt nun ?

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