Knarrblog: “Trivia”-Erlebnisse beim Robbe & Berking mR Sterling Cup 2012

Der verpasste Sieg

Finde den Fehler... © Ulf Sommerwerck

Finde den Fehler… © Ulf Sommerwerck

Noch drei Minuten zum Start. Wir schießen mit “Trivia” auf den blauen glänzenden Rumpf der “Sphinx” zu. Nehmen die wahr, dass wir Vorfahrt haben? Kein Spaß, wenn je 27 Tonnen aufeinander krachen. Muss ich nicht haben. Hatte ich schon (hier und hier). Es dauert, bis die Freunde unseren Angang wahrnehmen. Dabei hätten sie es vermuten können.

“Trivia” liegt vor dem letzten Rennen beim Robbe & Berking mR Sterling Cup komfortabel vorne. Der letzte Lauf ist nicht mehr wichtig für uns, kann gestrichen werden. Nur “Sphinx” darf im Finale nicht den dritten Sieg im sechs Boote Feld holen. Eine hübsche Konstellation, um sich spezieller mit dem Gegner zu beschäftigen. Aber Match Race mit Zwölfern? Das birgt Chaos-Potenzial. Man kann nicht mal eben ausweichen, mal eben wenden, mal eben halsen. Es gibt einfach kein “mal eben”.

Wenn einer da drüben auf dem anderen Boot oder bei uns die Nerven verliert und nicht reagiert, wie er müsste, dann kracht es. Und Match Race mit Sicherheitsabstand funktioniert nicht. Also besser kein enges Duell. Die Unwägbarkeiten sind zu groß. Chancen mitnehmen, wo sie sich ergeben. Ansonsten das eigene Rennen segeln mit einem Auge auf “Sphinx”, das ist der Plan.

Aber dann diese Steilvorlage. Drei Minuten vor dem Start, befinden sich die Gegner in der “Coffin Corner”, der sogenannten Sarg-Ecke im Vorstart-Bereich. In dieser Alarm-Zone links von der Startlinie, wo man nur noch mit Wind von Backbord und ohne Wegerecht zur Linie kommen kann. Freigegeben zum Abschuss. Wir können die Kontrahenten vom Start weghalten.

Zweifel bei der Annäherung

Jetzt geht der Match Racer mit mir durch. Da ist diese Chance, die wir mitnehmen müssen. Wir liegen Mitte der Linie. Schoten auf und mit Wind von Steuerbord runterrauschen zum Gegner. Mit mehr als zehn Knoten. Das ist es. Sie müssen reagieren.

Aber dann diese Zweifel bei der Annäherung. Mit schäumendem Bug nähert sich der alte Marine-Zwölfer, auf dem ich zu Wehrdienstzeiten so unerlaubte wie erholsame Mittagsschläfchen in der Halle von Mürwik genossen habe. Das wird nichts, die halten Kurs, sind wohl überrascht von der Attacke.

Spät, sehr spät, zu spät? wird drüben das Ruder herumgeworfen. Sie halsen, wir luven und liegen zwischen ihnen und der Linie. Eine schöne Position. Sollte es doch klappen? Aber die da drüben wissen Bescheid. Sie fallen nach dem Überraschungsangriff nicht in einen Schockzustand, tun genau das Richtige, nutzen die etwas höhere Geschwindigkeit zum Abfallen, und wir reagieren zu spät, um den Bug an ihrer Leeseite zu positionieren wodurch die Halse verhindert werden könnte.

Sie drehen das Heck durch den Wind, wir versuchen die Innenkurve, aber das ist der große Fehler. Wie blöd. Als sie vom Haken gehen, hätte ich statt der Halse eine Wende weg vom Gegner zur stark bevorteilten linken Startseite ansagen müssen. Hätte nie gedacht, wie langsam wir zur Linie hindrehen. Habe sogar kurz das Steuerrad angefasst, um zu checken, ob es wirklich am Anschlag ist. So rutschen die Freunde in Lee durch. Sie sind zwar spät an der Linie und hinter dem Feld, liegen aber nicht so schlecht, wie erhofft.

Der Spi weht achteraus

An der Luvtonne sind sie sogar vorne, wir Vierte. Aber da geht noch was. Vor dem Wind  rauschen vier Zwölfer fast auf einer Linie Richtung Leetor. Ein herrlicher Anblick. Es wird eng. Wir sind dran. Welche Tonne? Ich will es einfach machen, auf Nummer sicher gehen. Rechte Tonne, dann muss die Genua nicht auf die andere Seite gewuchtet werden.

Ich sprinte vom Komfort-Platz auf dem Achterdeck zum Mast, um beim Genua-Setzen zu helfen, rase wieder zurück, um beim Anluven in die Großschot-Parten zu greifen, will mich schon um den nächsten Schlag kümmern, als der Blick zum Mast-Top nichts Gutes verheißt. Dort weht der riesige Spi achteraus.

Och nö! Das wars. Wie soll das Tuch je wieder an Bord kommen? Erst hängt es im Topp, dann im Wasser. Dort wiegt es Tonnen, macht den Bremsfallschirm. Die Fahrt reißt es immer wieder aus den Händen. Wir zerren, wuchten, klammern bis die Blase auf dem Teakdeck liegt. Wie durch ein Wunder bleibt sie heil, aber das Feld ist entschwunden.

Elf Mann sind zu wenig

Bei diesem Manöver wird später klar, elf Mann sind zu wenig an Bord. Normal sind drei bis vier zusätzlich dabei. Vier Leute aus der Stammcrew fehlten. Das ist erst zu merken als diesmal die Hände auf dem Vorschiff fehlt, weil die zusätzliche Halse ansteht. Sonst waren wir immer links durch das Tor gegangen.

Es gibt noch einen Hoffnungsschimmer für den Sieg. “Anitra” überholt “Sphinx”. Aber die Jungs vom Bodensee nutzen vor dem Wind einen Elfmeter nicht. Die Flensburger schlagen zurück und gewinnen schließlich verdient.

Und dennoch sind es drei geniale Segeltage. Im Eifer der Regatta wenn es um Speed, Siege und schnelle Manöver geht, vergisst man manchmal, wie schön diese Yachten sind, wenn sie anmutig ihre Spuren in die Flensburger Förde graben und wie hübsch die Spinnaker fliegen. Das Problem: Jeder Fehler wird von den Paparazzi aufgezeichnet 🙂

Ergebnisse

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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6 Kommentare zu „Knarrblog: “Trivia”-Erlebnisse beim Robbe & Berking mR Sterling Cup 2012“

  1. avatar Stefan sagt:

    “Der letzte Lauf ist nicht mehr wichtig. Nur “Sphinx” darf im Finale nicht den dritten Sieg im sechs Boote Feld holen.”

    …welcher Sinn steckt hinter der Aussage?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 18 Daumen runter 11

  2. avatar Sven-P. sagt:

    Karsten wollte sagen, dass TRIVIA im letzten Lauf auch einen Streicher hätte fahren dürfen. Nur der 1. Platz für die SPHINX brachte Punktgleichheit zwischen TRIVIA und SPHINX. SPHINX gewann den Sterling-Cup im Countback (Anzahl der 1. Plätze). Ziemlich spannende Konstallation für ein letztes Rennen…

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 12

    • avatar Stefan sagt:

      …was für ein Unsinn! Wenn der Zweite im letzten Lauf durch einen Sieg noch Gesamterster werden kann, dann ist eben noch nichts in trockenen Tüchern und das letzte Rennen ist nicht unwichtig.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 5

      • avatar Sven-P. sagt:

        Mit “Streicher fahren” war nicht gemeint, dass TRIVIA der Ausgang des Rennens egal sein konnte. Mitnichten. Karsten hat klar gesagt, dass es sein Ziel war, die SPHINX nach hinten zu segeln – übrigens zum wiederholten Mal in der Serie :-). Auch auf Kosten eines Streich-Ergebnisses für TRIVIA. TRIVIA hätte mit jedem Ergebnis gewonnen, wenn SPHINX 2. oder schlechter geworden wäre. Jetzt verstanden?

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 9

        • avatar Stefan sagt:

          …du müsst mir die Fakte nicht erklären, die sind klar.

          …ich hab mich in diesem Zusammenhang über die Äußerung das das letzte Rennen “nicht mehr wichtig” sein nur sehr gewundert.

          …zudem hat sich mal wieder gezeigt, das das “nach hinten segeln”, von dem ich gar nichts halte, gerne auch scheitert. Wenn man die ganze Serie deutlich gezeigt hat, das man das Feld kontrollieren kann, dann sollte man das auch im letzten Rennen machen. Erstrecht, wenn man eine unterbesetzte und nicht eingespielte Crew hat. Dann sollte man auf boatspeed und nicht auch Manöver setzen. Aber in jeden Fall sollte man so ein Rennen als “wichtig” ansehen. Es ist ja auch nicht das erste Event, bei dem die Trivia den Gesamtsieg im letzten Rennen durch Fahrlässigkeit verbockt.

          Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 10 Daumen runter 7

          • avatar Carsten Kemmling sagt:

            lieber stefan, vielen dank für deine eingaben. solche beobachtungen von außen sind wichtig, damit wir uns weiter entwickeln können.

            Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 0

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