Knarrblog Zwölfer EM: Haarige Momente auf “Trivia” – als die Nock am Achterstag hängt

Diven mit Schaum vor dem Mund

Gemeinschaftsarbeit beim Großsegel setzen:

 

Posted by Trivia GmbH on Sonntag, 5. Juli 2015

 

Was ich noch erzählen wollte: Eine Woche ist die Zwölfer EM im Glücksburg jetzt her. Es war ein unvergleichliches Erlebnis. 14 alte Ladies an der Linie, nur beim America’s Cup Jubilee 2001 waren es mehr.

 

Prägend war besonders dieser erste Tag. Blauer Himmel, starker Wind und diese polierten Holz-Möbel verwandeln sich in kapriziöse Diven mit Schaum vor dem Mund. Jede Kurs-Änderung ist anstrengend, erfordert sie doch eine Verstellung des Segelplans. Kraftraubend und ohrenbetäubend über die quietschenden, knarzenden Winschen.

Besonders angsteinflößend ist dieser Moment, als die Baumnock in der Halse am Achterstag hängen bleibt. Bei fünf bis sechs Beaufort steigen selbst diese monströsen Großbäume in die Höhe, weil sie nicht durch einen Niederholer gehalten werden. Das Achterliek twistet extrem auf.

Ich stehe als Taktiker auf dem Achterschiff. Und als ich für die Halse die vielen Meter Schot direkt vom Baum ziehe und das Holz schon mittschiffs steht, ist die Lattenpartie im Tuch immer noch auf Vorwindstellung verdreht.

Zwölfer

Die Meute jagt “Anitra”. © Ulf Sommerwerck

Quälend lange dauert es, bis das Segel auf die andere Seite wehen will. Dabei steigt der Baum so hoch über Deck, dass die Nock am Achterstag blockiert wird. Jetzt ein wenig zu sehr am Ruder gedreht, etwas zu forsch den Bug zum neuen Wind rotiert und das Groß bekäme Überdruck. Das Schiff würde heftig aus dem Ruder laufen lassen und wohl quer aufs Wasser schlagen. Ob das Rigg das aushalten würde? Ob es ohne Verletzungen ausginge?

Wilfried behält am Steuer die Nerven, bleibt genau vor dem Wind auf Kurs. Der voll stehende Spi hält den Speed im Schiff und den Fahrtwind hoch. Vorsichtig schiften wir  zurück, klarieren die Nock mit zittrigen Händen und lassen dann den Baum endlich auf die neue Seite krachen. Was für ein Manöver, was für ein Herzrasen. Wir retten den zweiten Platz ins Ziel.

Die Luvtonne gefunden

Ausgerechnet hinter “Anitra”, dem wunderschönen Holz-Zwölfer, der eigentlich als Leichtwind-Renner bekannt ist, rutschen wir ins Ziel. Bei Starkwind kommt er nur gerefft über den Parcours. Aber Sepp Martin vom Bodensee hat mit seinen Mannen als einziger die Luvtonne gefunden.

Wir alle sind zu einer anderen gelben Tonne gesegelt, die genau in Windrichtung liegt. Offenbar ist es nur eine lokale Regatta-Marke. Es dauert, bis wir reagieren und “Anitra” hinterher jagen. Aber immerhin wird es noch Rang zwei, ein guter Auftakt bei diesen Bedingungen am Limit.

Acht der 14 Zwölfer segeln etwa auf Augenhöhe. “Vim”, “Blue Marlin” und “Wings” sind für die Europameisterschaft zu den üblichen Verdächtigen der Ostsee-Flotte gestoßen. Dazu hat sich Doppelolympiasieger Jesper Bank “Vanity” gechartert. Ein illustres Feld also, das besonders beim Start mehr Verkehr erzeugt, als alle Skipper gewohnt sind.

Loch im Rumpf

Dazu kommen die gleichzeitig auf der Bahn abgehaltenen Drachen und 5,5er Wettbewerbe. Ein ungeheures Gewusel, das von Bord eines Zwölfers schwer zu überblicken ist. Und prompt wird “Vim” vor dem ersten Start das Opfer einer Kollision mit einem Drachen.

Das vergleichsweise kleine Schiff hackt sein Heck in den Rumpf der “Vim” und reißt sich die Backsgtage ab. “Durch das Leck schoss ein Wasserstrahl in den Rumpf unseres Schiffes, der einem Angst machen konnte”, erzählt Skipper Patrick Howaldt später. Die Dänen verstopften das Loch mit einem Spinnaker und retteten sich zur Werft von Oliver Berking, wo es über Nacht wieder flott gemacht wird.

Forscher Start

Das zweite Rennen ist ein Wechselbad der Gefühle für uns auf “Trivia”. Ein sehr forscher Start des gesamten Feldes. Wir drehen noch einmal ab hinter die Linie, lauschen dem Funk, hören zwei Nummern aber unsere ist nicht dabei.

Wir kämpfen uns am gesamten Feld vorbei. Die Spinnaker Sets sind der Schlüssel. Auf dem schiefen Kurs helfen Jibe Sets an der Luvmarke, und sie gelingen uns bei dem starken Wind perfekt. So rutschen wir an der letzten Marke auf die Innenseite von Doppelolympiasieger Jesper Bank mit “Vanity” und schnappen ihn noch auf dem letzten Kurs.

Der Jubel der 16-köpfigen Crw auf der Ziellinie ist groß nach so einem epischen Renntag auf der Flensburger Förde. Hart gekämpft und gerecht belohnt. Dann der Blick auf die Ergebnisliste. OCS – Frühstart.

Geschockte Crew

Das kann nicht sein. Wir haben doch noch einen Sicherheitsschwenker hinter die Linie gemacht. Habe ich per Funk nicht richtig zugehört? Bindend wären die Angeben der vom Startschiff nicht. Ist schon klar. Die Wettfahrtleitung sitzt am längeren Hebel. Und bei 14 riesigen Booten dürfte es schwer fallen einen Frühstarter nicht zu sehen. Die Crew ist geschockt als ich die Nachricht überbringe. Das Bier im Cockpit schmeckt gar nicht mehr.

Später frage ich vorsichtig im Wettfahrtbüro nach. Kann das sein? Gibt es eine Aufzeichnung, der zufolge die Frühstarter auf Band gesprochen wurden? “Trivia?”, fragt Wettfahrtleitung Klaus Otto Hansen. “Äh, ja.” “Oh, das war hier ein Fehler bei der Übertragung. Ihr habt keinen Frühstart.”

Ich kann es kaum glauben. In einer Regatta-Karriere lernt man ja, mit negativen Situationen umzugehen. Wie oft stand ich schon als Steppke vor der Liste, habe den Namen viel weiter unten entdeckt, als erwartet und dann diese hässlichen Buchstaben in der Zahlenfolge gesehen. Die eine oder andere Träne soll geflossen sein, erzählen heute die Eltern. Eine Schule fürs Leben.

Fehlerlose “Vim”

Für Happy Ends ist normalerweise kein Platz. Frühstart ist Frühstart. Und nun soll das anders sein? Alles nur ein Fehler. Ich überbringe die frohe Botschaft. Ein hübscher Stimmungsaufheller. Wir liegen nun klar in Führung.

Aber die Crew um Owner Driver Patrick Howaldt und Taktiker Stig Westergaard erhält mit der “Vim” die verdiente Wiedergutmachung nach dem unverschuldeten Drachen-Crash und segelt an den folgenden Tagen fehlerlos. Eine eindrucksvolle Vorstellung. Da kommen wir nicht mehr mit.

Platz zwei ist dennoch ein schöner Abschluss im aufregenden Zwölfer Feld. Flaute kostet zwar die letzten Rennen, aber dieser erste Tag hat es in sich. Er bleibt im Kopf. Da erblühten die Ladies in voller Schönheit. Ein starkes Gefühl, wenn sich die 26 Tonnen mit unbändiger Kraft durch die Förde wühlen. Es wird die ganze Saison vorhalten.

NDR Bericht über die alten Ladies

Ergebnisse Robbe&Berking Sterling Cup

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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