Les Sables-Horta: Mathias Müller von Blumencron über die Faszination des Class 40 Segelns

"Das ehrlichste Format"

Mathias Müller von Blumencron hat seine betagte Class 40 “Red” bei der zweiten Etappe des 2540 Meilen langen Class 40 Azoren-Rennens erst mit Axel Strauss und dann mit Volker Riechers auf einen starken vierten Gesamtplatz im Feld der 18 Konkurrenten geführt. Sein Fazit.

Mathias Müller von Blumencron

Blumencorn und Riechers sind glücklich bei der Anfkunft in Les Sables. © Breschi/Sables Horta 2013

Es war ein faszinierendes Rennen über den Ozean, einen wunderschönen Ozean, voller taktischer Finessen: Wie umfährt man die Flautenlöcher der Biscaya, wo ist der beste Wind beim Durchfahren der Düse vor Kap Finisterre, wie spielt man am günstigsten Wind und Strom in den Azoren?

Und wer denkt, da draußen auf dem Ozean wehe ja eine schön regelmäßige Brise: No Way! Plötzliche Dreher von 20 Grad, Windlöcher und kräftige Schwankungen in der Stärke zwingen zu ständigen Manövern. Also taktische Entscheidungen wie bei einem Stollergrundrennen ohne außer acht zu lassen, dass die Leetonne nicht zwei Meilen, sondern 900 Meilen weg liegt.

Mathias Müller von Blumencron

Die “Red” von 2007 war das drittälteste Schiff der Class 40 Flotte auf dem Weg zu den Azoren. © Breschi/Sables Horta 2013

Und dann doublehand: es ist das ehrlichste Format im Offshore-Segeln, das der Crew erlaubt, anders als beim Einhandsegeln noch 100 Prozent aus dem Schiff herauszuholen. Es gibt keine Vorschiffsleute, die bei schlechtem Wetter heikle Jobs übernehmen. Keine Navigatoren oder Taktiker, die wie Geheimwissenschaftler herumgrübeln, keine Trimmer und keine Mast- und Pitleute. Alles machst du selbst.

Dazu kommt in jeder Wende und Halse das Stacken, also das Umstauen sämtlicher beweglicher Gegenstände, Taschen, Wasservorräte, Segel unter Deck auf die neue Luv-Seite. Eine bei Wende- oder Halsenduellen erbärmliche Schufterei, die anders als bei ORC und IRC ausdrücklich erlaubt ist.

Mathias Müller von Blumencron

Genuss zum Schluss. Kurz vor dem Ziel kam für das deutsche Duo nach langer Flaute der Wind zurück. © Breschi/Sables Horta 2013

Immer drängt in dieser Klasse die Konkurrenz, nach 1000 Meilen rangen wir mit vier Schiffen in Sichtweite. Ein verhunztes Manöver, und schon ist wieder einer vorbeigezogen. Gewonnen haben die beiden jungen Talente Sebastian Rogues und Fabien Delahaye. Und zwar verdient und souverän. In einer eigenwilligen und aggressiven Taktik drückten sie ihr Schiff über den Parcours, riskierten immer wieder ihre Führung, um sich noch besser für drohende Windänderungen zu positionieren. Ließen kein Manöver aus und schliefen – gefühlt – nie.

Faszinierend, welche Kunstfertigkeit der ständige Fight in den grossen Feldern der Minis und Figaros bei den Franzosen erzeugt. Warum, warum funktionieren diese Klassen in Deutschland nicht? Das in Gang zu bringen, wäre mal eine tolle Aufgabe für die Kollegen des STG.

Ergebnisse Les Sables – Horta – Les Sables

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12 Kommentare zu „Les Sables-Horta: Mathias Müller von Blumencron über die Faszination des Class 40 Segelns“

  1. avatar Jongleur sagt:

    Das ist sichelich eine Frage der Kosten. welcher normal verdienende Mensch kann sich Regattakampagnen für ca. 250.000 € Plus leisten?

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    • avatar Olli sagt:

      Da werden für so manch andere fragwürdige Projekte ähnliche Summen ans Bein gebunden. Aber stimmt schon – öffentliche Mittel reichen dafür nicht.
      Die Frage wäre trotzdem: warum 12m X, wenn auch 12m Akilaria für das gleiche Geld oder gar weniger gingen.

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  2. avatar Wilfried sagt:

    wo außer in Frankreich funktionieren sie denn?

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  3. avatar blub sagt:

    Eigner die mit ihren Booten wirklich nur Regatten fahren gibt es an der deutschen Ostseeküste wenige. Kann man an 2 Händen abzählen. Viele der Eigner, die Regatten segeln, möchten mit ihrem Boot auch mal ne entspannte und gemütliche Familientour am Wochenende machen. Und dafür ist die 12m X wohl deutlich besser geeignet als ein reines Regattaboot. Kompromiss also. Und außerdem: die Minis und Class 40 sind super Offshore Boote. Aber für nen schönen Up&Down mit nem Team von bis zu 10 Leuten nicht geeignet. Also kann man damit auch die Inshore-Rennen an der Ostseeküste knicken. Jeder ne Class40, so einfach ist das nicht. Jedes Boot hat Vor- und Nachteile.

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    • avatar Sven sagt:

      Die 12m X und andere Cruiser/Racer sind doch auch so leergeräumt (auch der Ballast im Kiel ist aus Vermessungsgründen raus), dass damit nicht wirklich Fahrtensegeln funktioniert. Glaube nicht, dass all die X 35 zum Fahrtensegeln genutzt wurden.
      Es gibt auch Langstreckenrennen in der Ostsee. Allerdings mit Beteiligung < 15 Boote. Hanse Race usw.
      Die Kosten für die Boote und Material sind ähnlich. Ob nun Up and Down ORC oder Class 40. Glaube auch nicht, dass gerade in Frankreich deutlich mehr Leute 250 TEUR für ein Segelboot übrig haben als in Deutschland.
      Der Nachteil ist, man kommt seltener am Biertresen zusammen, um über seine neue HighTechGenua zu prah.. äh fachsimpeln.

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  4. avatar Uwe sagt:

    “Dazu kommt in jeder Wende und Halse das Stacken, also das Umstauen sämtlicher beweglicher Gegenstände, Taschen, Wasservorräte, Segel unter Deck auf die neue Luv-Seite.”

    Eigentlich sollte es kein Problem sein, den ganzen Kram per Schwerkraft vor der Wende auf die künftige Luvseite zu verfrachten. Mit dem Wasserballst macht man es ja ähnlich.

    Bin sehr erstaut, dass die armen Kerle sich abrackern, statt eine seilbahn- oder schlittenartige Lösung zu verwenden.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 8

    • Lange Segel, schwere Taschen, … per Seilbahn … Aber es ist schon so, meist – wenn man die Zeit hat – packt man per Schwerkraftunterstützung um und wendet dann. Nur dass man manchmal oder öfter oder … die Zeit nicht hat oder man gar nicht wendet und nur den Bug etwas entlasten oder … will

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  5. avatar Einer sagt:

    Hey Mathias,

    Cool,

    kann die Nummer aus tiefstem Herzen nachvollziehen.- Double Hand 2006 – remember? War seinerzeit auf einer
    X-40 dabei.

    Sportsgruss aus Eckernförde

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  6. Glückwunsch an Euch – Matthias, Axel und Volker für das gelungene Rennen. Es war interessant zu verfolgen und auch ich wäre wohl dichter an der Rhumb-Line geblieben bei der sehr unsicheren Prognose …
    Dass Sebastian Rogues dagegen so souverän gewinnt, habe ich erwartet – irgendwie bringen die Franzosen immer wieder solche Talente wie ihn oder Francois Gabart oder gerade in der Classe Mini Gwénolé Gahinet hervor, die wie von einem anderen Stern zu kommen scheinen …

    Warum klappt das in D nicht – ich denke, dass hier insbesondere die fehlende Unterstützung durch die veranstaltenden Vereine fehlt (welche Langstrecken werden überhaupt als Solo- oder Doublehand ausgeschrieben) und die problematische Vermessung von Class40 oder gar ClasseMini … Mit unserem 6,50m Schiffchen fahre ich DoubleHanded mit YST 97 oder per ORC mit einem GPH von +/-668 – also im Bereich von schnellen 10m Fahrtenschiffen, die auf jedem AmWind-oder 180Grad-Kurs davon fahren…

    Und wenn dann – wie dieses Jahr bei RundBornholm – vor Bornholm gefühlt neu gestartet wird, da der Vorsprung durch 10h Flaute wieder weg war und danach 80sm am Wind bei 20-25-30kn zu segeln waren, dann … freut man sich darüber, nicht Letzter geworden zu sein und am Ende für 20sm mit dem Roll-Gennacker bei 10-15kn noch mal richtig Spaß zu haben auch wenn das für das Ergebnis nur marginal etwas bringt …

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    • avatar Wilfried sagt:

      ich finde das in der Szene erstaunlich viele Deutsche vorne mitfahren können. Bei den paar Oceanracern in Detuschland sind wir prozentual besser in der Spitze vertreten als in Frankreich.

      Bezgl. Deines Yarstickproblems. Ja ist so. Du beschwerst dich ja auch nicht wenn du nen geilen Raumschotskurs hattest und allen um die Ohren gefahren bist. Kleine schnelle Schiffe haben immer bei gewissen Bedingungen Nachteile. Ne x99 kann auf nem Halbwindkurs auch ihren Yardstick nicht rausfahren. Der Contender ist bei Leichtwind chanchenlos. Willste Yardstick gewinnen brauchst halt ein anderes Schiff. Die Frage ist nur willst Du Spaß beim Segeln oder unbedingt auf das Treppchen. Die Frage hast du mit Deiner Bootswahl glaub ich selbst beantwortet. Also hab Spaß!!

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      • Stimmt, ich beschwere mich auch nicht, wenn der Wind so ist wie er ist. Nur letztes Jahr – Travemünder Woche Mittelstrecke wurde die Strecke extra am Tag der Wettfahrt so gelegt, dass es ein einziges großes Zickzackrennen gab, in dem entweder der Wind von vorn oder fast direkt von hinten kam … O-Ton Wettfahrtleiter : das ist ja dann interessanter …

        VG, Frank

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