Eiserne: Segeln bei Null Grad. Reportage von der kältesten Regatta am Bodensee

Mehr als tausend Segler bei der "Eisernen"

 

Start zur Eisernen Gruppe 1. Wenn da mal nicht ein paar drüber sind…© DCMS

Kaum haben wir den Hafen verlassen, bekommt er drei kräftige Schwallduschen aus Richtung Bug ab. Bei sechs Grad kaltem Wasser und null Grad Lufttemperatur gibt es wahrlich Angenehmeres, als im Trapez eines Streamline-Kielbootes nass gemacht zu werden.

Nicht nur Felix ist mental auf den vorhergesagten Leichtwind eingestellt. Mit bockigen fünf Windstärken haben wir alle nicht gerechnet. Wie gut, dass ich mich als Steuermann hinter meinen beiden Vorschotern vor dem Angriff der eiskalten Killerwellen ducken kann… Brr, wie es wohl erst den Laser- oder Skiffseglern ergeht?

Es ist schon eine ziemlich verrückte Seglerbande, die seit 35 Jahren alljährlich am ersten Adventssamstag nach Konstanz zur „Regatta der Eisernen“ kommt. Anfangs eine reine Gaudi-Veranstaltung, ist die Eiserne mittlerweile die zweitgrößte Regatta in Süddeutschland.

Eiserne Momente. Vor dem Segeln muss das Eis vom Boot gekratzt werden. © C. Stock

Dieses Mal haben 251 Boote mit über tausend Seglern gemeldet – das ist Rekord. Noch erstaunlicher ist, dass trotz tief verschneiter Straßen und knackigen nächtlichen Minusgraden fast alle gekommen sind und sich an der Startlinie ein imposantes Stelldichein geben. Selbst aus Schwerin, Kiel und Hannover sind Teams angereist.

Das Erfolgsrezept der Eisernen: Für jeden ist was dabei. Die Topsegler mit ihren hochgezüchteten High-Tech-Rennern, Skiffs und Jollen kommen sportlich auf ihre Kosten. Die Fahrtensegler machen eine glühweinselige Kostümparty aus der Eisernen.

Der Anhang schaut von der Zuschauerfähre aus zu. Alle zusammen vergnügen sich bei der Warm-Up-Party am Freitagabend oder auf dem riesigen Konstanzer Weihnachtsmarkt. Und feiern sich dann selbst bei der Siegerehrung am Sonntagmorgen.

Doch vor der Ehrung kommt die Arbeit. Mit Enteiserspray versuchen wir am Morgen des Renntages die zugefrorenen Streckerblöcke gängig zu machen. Als das alles nichts nützt, zuckt Felix sein Messer und hackt das Eis kurzerhand weg. Das Deck ist eine einzige Rutschbahn.

Na, das kann heiter werden. Vor allem, weil wir den Spi noch anschlagen und in die Spitrompete ziehen müssen. „Das geht draußen auf dem Wasser leichter als hier am Steg“, sagt Felix. Okay, er als Segelmacher wird’s schon wissen.

Was er nicht wusste, ist das mit dem kräftigen Wind, der uns nach einem haarigen, weil motorlosen Ablegemanöver draußen empfängt. Doch nach einer Schrecksekunde und einer kleinen Runde Schimpfen ist Felix wieder ganz Profi.

Er rutscht auf allen Vieren über das wild schaukelnde Vordeck und knüpft in aller Ruhe die Schoten an den Spi. Geht es vielleicht ein bisschen schneller? In zehn Minuten ist Start! Endlich können wir die Blase probehalber ziehen. Alles okay. Jetzt erst mal tief durchatmen.

Kurz vor der Startsequenz schalten wir in den Race-Modus. Die Kälte ist vergessen. Teamchef Alexander, ein erfahrener Regattasegler, gibt die taktische Devise aus: „Bloß frei halten von den großen und schnelleren Booten“. In deren Abwinden würden wir grausam versacken.

Gesagt, getan. Wir kommen frei raus. Können dann aber nicht wenden, weil eine X99 den Weg versperrt. Gut, fahren wir halt weiter nach links, sieht nicht so schlecht da aus. Langsam wird es mir ein wenig mulmig. Wir sind fast als einzige Anschlag links. Als wir wenden, sind wir schon auf der Layline zur Luvtonne.

Ein Sportboot vom Typ Longtze in Lee macht uns nun Sorgen. Die chinesische Reisschüssel mit ihrem Squaretopp-Groß sticht eine Höhe, bei der wir kaum mithalten können. Konzentriert auf den Zweikampf, realisieren wir erst kurz vor der Tonne, dass wir ganz vorne mit dabei sind. Hoch gepokert, viel gewonnen.

Aber das Rennen ist noch lange nicht vorbei. Der Klabautermann in mir meldet sich: „Ihr werdet alles wieder verlieren. Der Wind lässt nach, da nützt euch das Trapez gar nichts mehr. Und Downwind habt ihr sowieso null Chance gegen die Gennakerboote mit ihren Riesenblasen.“ Eine Zeitlang ignoriere ich den Scheißkerl. Aber dann meine ich meine Crew informieren zu müssen: „Das kann ich überhaupt nicht ausstehen, wenn der Wind mitten in der Wettfahrt abstellt.“

Felix und Alexander schauen ebenfalls etwas gequält aus ihrer nassen Wäsche, als der Bug mehrmals hintereinander in die alte Welle klatscht. Wie beruhigend, dass es bei der Longtze neben uns noch lauter platscht. Trotzdem, gefühlt fahren wir gerade rückwärts.

Der Spi geht hoch. Glücklicherweise kommt jetzt von Luv etwas Frischluft, die Blase füllt sich und es geht wieder vorwärts. Bei den anderen aber leider auch. Bei jedem Gennakerboot und jedem Katamaran, die uns in Luv oder Lee überlaufen, knirschen wir mit den Zähnen.

„Da kannst du nichts machen“, versucht Alexander mich zu beruhigen. Jetzt können wir nur noch auf unseren Yardstickwert vertrauen. Kurz vor Zieleinlauf wird es noch mal eng. Eine Melges 24 versucht uns in Luv zu überholen.

Mist, die haben denselben Yardstickwert, das geht gar nicht! Wir pressen hoch, bis ihr Gennaker zusammenfällt wie eine Finanzblase und die Melges kurzzeitig fast zur Immobilie wird. Uff, gerade noch vor ihnen ins Ziel geschafft. Trotzdem sind wir irgendwie nicht hundertprozentig zufrieden. Da war mehr drin. Einen Podiumsplatz haben wir vergeigt, da sind wir uns sicher.

Ruckzuck ist das Boot ausgekrant und auf dem Trailer verzurrt. Wir pellen uns aus den Trockenanzügen oder Neoprens. Jeder hatte seine eigene  Strategie, der Kälte zu trotzen. Ein warmes Essen und ein paar gebrannte Mandeln vom Weihnachtsmarkt später sind wir wieder auf normaler Betriebstemperatur. Nur den Glühwein ersparen wir uns, der ist erfahrungsgemäß so süß, dass er Sofortkaries verursacht.

Jetzt erscheint uns der ganze Stress vom Vormittag wieder in einem rosigen Licht. Großzügig bedauern wir unsere Clubkollegen. Sie haben mit ihrer Jolle aus Versehen die falsche Tonne gerundet und sind rund zwei Seemeilen zuviel gesegelt. Obwohl oder weil sie total durchgefroren waren?

Die Eiserne trägt ihren Namen jedenfalls nicht zu Unrecht. Mit den Temperaturen ist nicht zu spaßen. Vor vier Jahren ist ein Segler an Unterkühlung gestorben, nachdem er ins Wasser gefallen war. Er hatte leichtsinnigerweise nicht mal eine Schwimmweste getragen. Inzwischen sorgen strenge Sicherheitsbestimmungen dafür, dass so etwas nicht noch einmal geschehen kann.

Die Siegerehrung im altehrwürdigen Konzil versammelt wieder hunderte Segler. Eisern werden alle gezeiteten Teilnehmer einzeln vorgelesen, und es gibt haufenweise Pokale. Langsam steigt bei uns die Spannung. Reicht es fürs Podium oder nicht?

Mit jeder Neptun 22, deren Platzierung beklatscht wird, und mit jedem Pausenfüller von der Dixieband werden wir nervöser. Endlich, nach anderthalb Stunde ist unsere Gruppe mit den Sportbooten dran. Eine nach der anderen Longtze wird aufgerufen, dann kommt die Melges auf Platz drei! Bingo, wir haben den zweiten Platz geschafft! Jetzt strahlt sogar Felix.

Beim Rückweg über den weißgeschneiten Schwarzwald reift der Gedanke: Nächstes Jahr sind wird wieder dabei. Selbst wenn es einen Blizzard hat, phhh.

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Ergebnisse traditionelle Bahn

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Christian Stock

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4 Kommentare zu „Eiserne: Segeln bei Null Grad. Reportage von der kältesten Regatta am Bodensee“

  1. avatar Backe sagt:

    Schöner Bericht! Kannte die Regatta gar nicht… Muss mal mit’m Gernödle schwätzet, ob er nicht nächstes Jahr… ?!?

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  2. avatar Stefan sagt:

    Hey ,super klasse geschrieben besser kann man diese Regatta nicht beschreiben!!!!!!
    Gruß Stefan der mit der Neptun 22 aus Hannover ;-),der auch 2011 zum 4 mal wieder an den See kommt!!!!!!!

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  3. avatar Christian sagt:

    Stefan, mit verjüngten Spischoten, Harkenbeschlägen und einer ausgefeilten Achterstagsverstellung war eure Neptun 22 eine echte Geheimwaffe… da muss mal am Yardstickwert gedreht werden 😉

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  4. avatar Stefan sagt:

    Hey Christian ,einem alten Mann nimmt man ja auch nicht den Führerschein weg ;-),also lass der “Alten Dame” auch die 118!!!!!
    Gruß Stefan

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