Miami World Cup: Faszination Medalraces – Philipp Buhls Silber im Medal-Race-Thriller

Action aus der Luft

Beim ersten Olympia World Cup der Saison hat es der Verband geschafft, den Sport per Drohnen-Technik angemessen in Szene zu setzen. Drei deutsche Boote gehörten zu den Hauptdarstellern.

Starker Wind bei den abschließenden Medalraces am Wochenende half den Organisatoren der zweiten von vier Weltcup-Regatten der Saison eine starke Segel-Show zu präsentieren. Dabei wurde endlich die Drohnen-Technik so eingesetzt, dass sie dem Segelsport helfen kann und mit dem dänischen Finn Dinghy Olympia-Silber-Gewinner Jonas Hoegh-Christensen ein starker Kommentator engagiert.

Philipp Buhl auf der Ziellinie als Zweiter im Medalrace. © Richard Langdon/Sailing Energy/World Sailing

Besonders das Finale der Laser-Klasse, die am stärksten von allen besetzt war, zeigte die Faszination des Sports. Mittendrin war mit Philipp Buhl (28) einer der Hauptakteure. Er konnte im Finale zwar nicht mehr den australischen Olympiasieger Tom Burton bezwingen, der sich nach einem starken letzten Tag der Qualifikation uneinholbar abgesetzt hatte – er dümpelte im Finale nach einem Frühstart hinterher – , aber es ging um die Medaillen hinter dem Gold.

Weltmeister mit “unforced error”

Doppelweltmeister Nick Thompson (GBR) lag vor dem Finale mit einen Punkt Vorsprung vor Buhl, vier vor Rio-Bronze-Gewinner Sam Meech (NZL) und neun vor Elliot Hanson (GBR). Damit war ein spannender Rahmen für das letzte doppelt zählende Rennen gesetzt.

Starke Vorstellung von Philipp Buhl. © Richard Langdon/Sailing Energy/World Sailing

Buhl kam nicht besonders gut weg beim Start, wendete schließlich hinter dem Feld durch  und lag Mitte der Startkreuz auf Rang sieben. Die Medaille wäre zu diesem Zeitpunkt weg gewesen, denn Thompson und Meech segelten voraus.

Aber dann hatte der Deutsche Glück. Thompson leistete sich einen unforced Error, als er den Kiwi Saunders zu eng unterwendete.

Das Foul von Nick Thompson im Replay:
Die Wende war noch nicht abgeschlossen, als der Gegner ausweichen musste. Buhl schob sich über die linke Seite kurz vor der Luvtonne plötzlich auf Rang fünf (Medalrace im Tracker).

Vor dem Wind segelten dann alle drei heißen Silber/Bronze-Medaillen-Kandidaten durch das Feld. Die spezielle Vorwind-Technik im Laser ist ganz stark von der Drohne eingefangen.

Die extremen Schlangenlinien kommen zustande, weil man versucht, die Wellen seitlich wie ein Brandungssurfer abzureiten und nicht frontal mit dem Bug in das nächste Tal zu stechen.

Die Vorwind-Technik im Laser

Zum Beispiel mit Wind von Steuerbord luven die Segler mit dichteren Schoten an, um zu beschleunigen, und die Wellenseite nach rechts abzusurfen. Sie können aber auch die Welle nach links abreiten und müssen dafür nicht halsen.

Laser-Nachwuchs Theodor Bauer segelte auf Rang 54. © Richard Langdon/Sailing Energy/World Sailing

Dafür fieren sie das Segel weit auf und lassen die Windströmung vom Achterliek aus über das Segel streichen. Manche nennen das “überhalsig” segeln, also kurz vor der Patenthalse. Manchmal “winkt” die Lattenpartie gefährlich, und weniger geübte Segler würden unweigerlich kentern. Aber die Laser-Profis beherrschen das Balancieren perfekt. Dabei geht es darum, keine Welle unter dem Boot durchrollen zu lassen.

Aktiv pumpen, wie im Finn Dinghy dürfen sie nicht. So besteht kaum eine Chance, ein Wellenset zu überspringen, wie es die schnellen Bootsklassen 49er oder Nacra17 schaffen. Ihre Vorwid-Technik unterscheidet sich gänzlich.

Gefühl, Konzentration und ein guter Blick für die Welle zeichnet die schnellsten Vorwind-Lasersegler aus, und zu denen gehört Philipp Buhl offensichtlich. Beim Medalrace sichert er mit einem taktisch klugen Schlenker noch kurz vor dem ersten Leetor die Innenposition gegen den stark aufkommenden Weltmeister Thompson und geht gleichauf mit dem Kiwi Meech auf die Kreuz. 

Philipp Buhl (l.) an der Seite von Olympiasieger Tom Burton und Rio-Bronze-Gewinner Sam Meech. © Jesus Renedo/Sailing Energy/World Sailing

Buhl hält dann nervenstark über die linke Seite die beiden Angreifer in Schach erwehrt sich auch auf dem finalen Vorwind der Angriffe von hinten und schließt sogar noch zu dem führenden Australier Matthew Wearn auf. Eine starke Leistung unter großem Druck.

Wer in solch raren Situationen gegen die Besten der Welt besteht, nimmt viel Selbstbewusstsein mit. Und da Buhl gezeigt hat, mit dem aktuellen Format im großen Feld der 70-Boote-Qualifikation sehr gut zurecht zu kommen, nimmt er viel mit von dem starken Auftakt in Miami.

Phillip Buhl im Interview nach dem Rennen:

 

Im 49er FX fehlen die besten Crews

Für Victoria Jurczok und Anika Lorenz ist es dagegen schwieriger, ihren Sieg im 49erFX realistisch einzuschätzen. Die ärgsten Konkurrentinnen aus Brasilien und Dänemark sind gerade mit dem Volvo Ocean Race beschäftigt, und auch die Silber-Olympionikinnen Meech/Maloney waren nicht am Start. Sieben Crews aus den Top Ten der WM 2017 fehlten, nur 21 Boote starteten, und bei Starkwind im 7. Rennen kamen auch nur sieben Skiffs ins Ziel.

Bei einer solchen Konstellation zählt für den Top-Favoriten weniger der erwartete Sieg als die Art und Weise, das heißt der Abstand zu Rang zwei. Und der fiel nach vier Siegen in acht Rennen mit 14 Punkten Vorsprung standesgemäß aus. Die Berlinerinnen können nur hoffen, dass sie näher an die fehlenden Spitzenteams herangerückt sind. Immerhin haben sie durch den Sieg die Führung in der Weltrangliste übernommen.

Vicki Jurczok (r.) und Anika Lorenz als Weltcup-Sieger in Miami. © Tomas Moya/Sailing Energy/World Sailing

Dafür gilt es, insbesondere ihr Gewicht-Problem zu lösen. Sie sind zu leicht. Aber mit einem speziellen Ernährungs- und Fitnessprogramm versuchen sie sich weiter der angepeilten Marken 57 (Steuerfrau) und 70 Kilogramm (Voschoterin) anzunähern. „Drei Kilogramm fehlen uns jeweils noch“, sagt Steuerfrau Jurczok.

Das spektakuläre Starkwind-Medalrace im 49er FX mit zahlreichen Kenterungen:

Der Vorsprung auf Lutz/Beucke, die nach einer längeren Segelpause für einen dritten Olympia-Anlauf wieder zueinander gefunden haben, scheint noch gewaltig. Aber zweimal mussten sie sich von den Teamkolleginnen schlagen lassen. Die hatten auch Bronze schon fest im Griff – bis zur letzten Halse. Nach einer Kenterung blieb Rang sechs.

Sensationeller 49er-Nachwuchs

Sehr bemerkenswert in Miami war besonders der vierte Platz des Nachwuchs-Duos Fischer/Graf. Außer den Mannschaftskollegen Heil/Plößel und Schmidt/Böhme, die noch wegen Studien-Verpflichtungen pausieren, waren die Top Ten der vergangenen WM komplett vertreten. Und den jungen Aufsteigern gelangen bei allen Bedingungen Spitzenplätze, auch bei Starkwind, der in der vergangenen Saison noch zu großen Problemen geführt hatte.

49er Vorschoter Fabian Graf blickt in seinem Video Blog auf den starken vierten Platz in Miami zurück:

Mit Meggendorfer/Spranger (19.) und Carstensen/Frigge (21.) sind zwei weitere junge Teams auf dem Sprung. In dieser Klasse muss sich der DSV keine Sorgen machen über den Nachwuchs.

Positiv ist auch die Entwicklung des neu formierten Teams Simon Diesch/Philipp Autenrieth (Württembergischer Yacht-Club/Bayerischer Yacht-Club) und Malte Winkel/Matti Cipra (Schweriner Yacht-Club/Plauer Wassersportverein) mit den Plätzen 8 und 10 bei starker Konkurrenz. Im Medaillenfinale hatten Diesch/Autenrieth einen hervorragenden vierten Rang erkämpft. Bei Starkwind konnten sie auf Augenhöhe mit den Besten segeln.

Das 470er Medalrace:

Die guten Ergebnisse der DSV-Crews so früh im Jahr machen Hoffnung auf ein erfolgreiches Jahr, das mit der Weltmeisterschaft aller olympischen Disziplinen in den ersten beiden August-Wochen im dänischen Aarhus einen interessanten Jahreshöhepunkt liefert. Denn bei dieser WM werden schon die ersten Nationen-Tickets für die Olympischen Spiele 2020 vergeben.

Noch Eisen im Feuer

Dabei darf allerdings nicht mehr übersehen werden, dass der DSV in immer weniger Klassen olympisch an der Spitze vertreten ist. Die RS:X-Surfer haben inzwischen ihre Aktivitäten fast gänzlich eingestellt. Bei den Laser Radial-Frauen zeigt Svenja Weger immer mal wieder gute Ansätze, hatte diesmal mit Platz 36 aber einen Schocker zu verkraften. Die 470er Frauen Böhm/Goliaß mussten zur Hälfte der Regatta aussteigen. Und im Nacra17 zeigten Johannes Polgar und Carolina Werner mit Platz 15 von 19 Booten bei ihrer ersten Regatta, dass noch viel Arbeit vor ihnen liegt.

Mit Spannung wird in dieser Klasse auf den Einsatz auf die WM-Fünften Paul Kohlhoff und Alicia Stuhlemmer gewartet. Und auch die Finn-Dinghy-Recken Philipp Kasüske sowie Max Kohlhoff trainieren eisenhart, um die Spitze zu erreichen.

Die Bedingungen sind längst nicht mehr so gut, wie noch zu Zeiten des Audi Sailing Teams Germany, und von den Aktiven wird viel Eigeninitiative und Kreativität bei der Finanzierung ihrer Kampagnen verlangt. Aber die aktuellen Leistungsträger sind auf einem Niveau angelangt, auf dem sie immer noch von den damaligen Strukturen und dem Wissen profitieren.

 

Endergebnisse

 

LASER
1. Tom Burton (AUS), 51 Punkte
2. Philipp Buhl (Segelclub Alpsee-Immenstadt), 68 Punkte
3. Nick Thompson (GBR), 69 Punkte

470er MÄNNER
1. Luke Patience/Chris Grube (GBR), 24 Punkte
2. Kevin Peponnet/Jeremie Mion (FRA), 51 Punkte
3. Anton Dahlberg/Fredrik Bergström (SWE), 57 Punkte
8. Simon Diesch/Philipp Autenrieth (Württembergischer Yacht-Club/Bayerischer Yacht-Club), 80 Punkte
10. Malte Winkel/Matti Cipra (Schweriner Yacht-Club/Plauer Wassersportverein), 99 Punkte

49erFX
1.    Victoria Jurczok/Anika Lorenz (Verein Seglerhaus am Wannsee), 14 Punkte
2.    Ragna Agerup/Maia Agerup (NOR), 38 Punkte
3.    Tanja Frank/Lorena Abicht (AUT), 42 Punkte
6. Tina Lutz/Susann Beucke (Chiemsee-Yacht-Club/Hannoverscher Yacht-Club)

49ER
1.    Dylan Fletcher-Scott/Stuart Bithell (GBR), 50 Punkte
2.    Diego Botín/Iago López (ESP), 51 Punkte
3.    Frederico Alonso/Arturo Alonso (ESP), 65 Punkte
4.    Tim Fischer/Fabian Graf (Norddeutscher Regatta Verein/Verein Seglerhaus am Wannsee)
19. Jakob Meggendorfer/Andreas Spranger (Segler- und Ruderclub Simssee)
21.  Carstensen/Frigge (Kieler Yacht-Club)

Nacra17
1.    Jason Waterhouse/Lisa Darmanin (AUS), 16 Punkte
2.    Santiago Lange/Cecilia Carranza Saroli (ARG), 39 Punkte
3.    Thomas Zajac/Barbara Matz (AUT), 49 Punkte
15. Johannes Polgar/Carolina Werner (Norddeutscher Regatta Verein/Kieler Yacht-Club)

 

Die Medalraces im Laser, Laser Radial, Finn Dinghy und bei den 470ern:

Die Medalreaces im 49er, 49er FX, Nacra 17 und bei den RS:X Surfern:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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Ein Kommentar „Miami World Cup: Faszination Medalraces – Philipp Buhls Silber im Medal-Race-Thriller“

  1. avatar CP sagt:

    Warum sind die Bedingungen längst nicht mehr so gut wie zu STG Zeiten? Was gernau wird denn vermisst?

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