Knarrblog: Persönliche Bilanz vom Tegernsee Match Race

„Nein, nein, nein. Aaaaaaarghhh!!!!…”

Von Carsten Kemmling

Unser Vorschiffsmann Felix Ismar reißt die Genua beim Spi-Set herunter. © Tom Gonsior regattafoto.de

Das kann nicht wahr sein. Ein Pfiff, ein ungläubiger Blick nach hinten, eine zweite hässliche gelbe Flagge auf dem Schiri-Boot. Was wollen die Typen nun schon wieder?

Es geht um die Deutsche Match Race Meisterschaft, um den Einzug ins Finale, um den Sieg gegen den ungeschlagenen Mitja Meier. Wir liegen auf der letzten Vorwind knapp sechs Längen vorne. Das reicht locker, um den ausstehenden Penalty auf der Ziellinie zu drehen. Und nun das! Ein zweiter Penalty, der sofort ausgeführt werden muss. Das Aus!

Wir sind mit der Blu26 am dritten Renntag bei Südwind auf dem Tegernsee gut unterwegs. © Tom Gonsior regattafoto.de

Okay, der Spi touchierte leicht den Mast des aufkreuzenden Felix Oehme. Aber der befindet sich in einem anderen Match. Hallo? Der hat nichts mit uns zu tun. Klar sagen die Regeln, dass die Schiris eine Entscheidung fällen müssen, wenn er eine Protestflagge zieht. Aber hat er das? Das wäre richtig mies. So eine Aktion sieht dem guten Felix nicht ähnlich. Hat er nicht!

Erbost rasen ich nach dem Ziel auf ihn zu. Er hat gerade andere Sorgen. Sein Rennen ging auch verloren. Aber protestiert hat er nicht. Aber der Schiri behauptet das. “ich habe die Flagge gesehen.”

Es folgen einige Gedenkminuten auf beiden Seiten und hoffentlich nicht allzu unflätige Reaktionen. Die Schiris beraten sich. Gibt es doch noch Hoffnung? Eine Wiederholung des Rennens vielleicht? Die Regeln lassen so etwas eigentlich nicht zu.

Die Schiris in Aktion. Die gelbe Flagge zeigt unseren Penalty an. Bald gesellt sich ein zweiter dazu. © Tom Gonsior regattafoto.de

Das Schiri-Mobo schäumt wieder heran. Und die Umpires lassen sich zu der honorigen Aussage hinreißen, dass ihnen möglicherweise ein Fehler unterlaufen sei. Irgendetwas Rotgelbes hätten sie zwar gesehen.

Respekt! Das besänftigt etwas das Gemüt. Auch wenn es nichts am unbefriedigenden Ergebnis ändert. Schiris und Segler gehören beim Matchen zusammen. Ohne sie geht nichts. Die Segler müssen beim Risiko-Management auf der Bahn den menschlichen Faktor mit einbeziehen.

Mit etwas Abstand kann man auch sagen: Wären wir nicht so nah an das Boot aus dem anderen Match gesegelt, wäre das nicht passiert. Noch besser: Hätten wir am ersten Tag nicht die beiden Rennen verloren, wäre der Vorfall nur eine erstaunliche Randnotiz geblieben.

Hier liegt das Meister-Team zwar hinten, aber am Ende macht es den Sack nach drei Vize Titeln endlich zu. © Tom Gonsior regattafoto.de

Trotzdem Scheiße! Ein sicherer Sieg ist futsch und damit die Chance, um den Titel zu segeln. Es hätte sich eine spannende Konstellation ergeben. Denn am Ende der Zwischenrunde wären mit uns fünf Teams mit drei Siegen punktgleich auf den Plätzen eins bis fünf platziert gewesen.

Die Auflösung eines Gleichstandes hätte sich sehr schwierig gestaltet. Aber es gibt dafür genaue Regeln. Sie gipfeln darin, das erste Rennen der Serie zu streichen um dann zu sehen, wer vorne liegt. Gut, wenn man das verloren hat. Das ist pures Glück. Man könnte auch würfeln.

Keine Ahnung, was für uns dabei herausgekommen wären. Möglicherweise ein Platz an der Spitze im Finale. Oder auch der gleiche fünfte Platz, der das Ausscheiden bedeutet.

Das Hadern mit dem Schicksal ist müßig. Jedes Team hat sein eigenes Drama zu verkraften. Nebenan führt Tobias Aulich einen Veitstanz auf. Die Jungs um Steuermann Jan Eike Andresen haben das entscheidende letzte Rennen gegen Stefan Meister verloren und den Einzug in das Finale verpasst. Aulich hat den Grund dafür entdeckt.

„Nein, nein, nein. Aaaaaaarghhh!!!! Diese blöden Angler….“ Er hüpft, stampft, schreit und schreit. Minuten lang. Eine Angelschnur samt Blinker hat sich um den Kiel gewickelt und dürfte das Boot kaum beschleunigt haben. Auch der Crew ist zum Ärgern zumute. Aber sie lacht. Der bühnenreife Aulich-Ausbruch ist zu komisch.

Hervorragendes Ergebnis für die junge Meyer-Crew vom Hamburger Segel Club auf Platz zwei. © Tom Gonsior regattafoto.de

Wie geht man mit solchen Erlebnissen um? Hätte, wäre, wenn und aber passiert ständig beim Segeln. Und wenn wir ehrlich, sind mögen wir genau diese Unberechenbarkeit unseres Sports. Sie gibt jedem eine Chance. Und sei sie noch so ungerechtfertigt.

Am Ende, so glaubt der Segler, gleicht sich alles aus. Eben noch Pech gehabt, beim nächsten mal läuft plötzlich alles wie am Schnürchen. Und eine höhere Macht wacht darüber, dass sich Ungerechtigkeiten ausgleichen.

Es wäre zu schön wenn es so wäre. Aber im Fall von Stephan Meister könnte es so gewesen sein. Der Berliner Olympiateilnehmer von 2000 im 470er gehört seit vielen Jahren zu den besten nationalen Match Racern und feiert regelmäßig auch internationale Erfolge.

Nur bei der Deutschen Meisterschaft wollte es bisher nie mit dem Titel klappen. Dreimal wurde er Vizemeister. 2003 in Travemünde war er besonders nahe dran.

Es war ein dramatisches Starkwind-Finale. Meister gegen Kemmling. Nach einem brutalen Crash im vierten Rennen, bei dem das Rigg zerstört wurde, stand es 2:2.

Das Boot musste getauscht werden und das Zeitlimit für das Entscheidungsrennen rückte näher. Die Wettfahrtleitung fragte, ob wir mit einer Verlängerung einverstanden wären.

Bei einem Abbruch wäre Meister zum ersten Mal Meister geworden. Denn der 2:2 Gleichstand wäre durch die Ergebnisse aus der Vorrunde zugunsten des Berliners gelöst worden.

Er stimmte trotzdem zu und wollte den Titelkampf auf dem Wasser entscheiden. Ein ungeheuerer Akt sportlicher Fairness, der sich kurzfristig nicht auszahlte. Wir gewannen das Entscheidungsrennen.

Nun endlich passt das Ergebnis zu seinem Namen. Es wäre ein schöner Gedanke, dass seine Entscheidung damals damit zu tun haben könnte. Vielleicht ist er aber auch einfach nur gut gesegelt.

Die Story vom Sieg mit den Ergebnissen

Galerie auf regattafoto.de

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „Knarrblog: Persönliche Bilanz vom Tegernsee Match Race“

  1. avatar Jan-Eike Andresen sagt:

    Man kann es auch so sagen: die eine Fehlentscheidung ist der unvermeidbare Preis für die vielen richtigen Entscheidungen davor – solange sich das Verhältnis in gesunden Bahnen bewegt, macht der Sport einen guten Deal.
    Das muss in Anbetracht des engagierten ehrenamtlichen Engagements der vielen Funktionäre, ohne dass niemand von uns auch nur eine Meile im Jahr segeln würde, auch dann gelten, wenn sich Fehler einmal häufen.
    Schaden trägt der Sport nur, wenn Segler wie Funktionäre nicht an der Behebung ihrer “Fehler” arbeiten. Bei Seglern gibt´s den darwinistischen Auswahlprozess, wer´s nicht bringt, fliegt raus oder wird letzter. Aber bei Funktionären? Immer wieder sind´s die gleichen, die ohne Konsequenzen für Ärger sorgen. Manche Klasse hat daraus gelernt und arbeitet nur noch mit professionellen Wettfahrtleitungen etc. zusammen. Doch schlimmer war´s am Tegernsee: Ein Funktionärs-Trupp aus Hamburg, der zwar sein “Matchrace-Handwerk” fehlerfrei beherrschte, doch an den Eigenheiten eines Alpensees kläglich scheiterte. Gesegelt wurde bei Flaute und bei Wind wurde an Land gewartet. Wenn solche offensichtlichen Fehlentscheidungen nach Kritik von Seglern und bayerischen Locals mit der Inbrust des Funktionärsstolzes und dem Selbstbewußtsein eines Rauhaardackels aufrechtgehalten werden, ist dies eine Beschädigung des Segelsports, derer man sich schämen sollte.
    Nur welche Lehre ziehen wir daraus? Ich weiß es nicht, denn vielleicht ist von allen schlechten Systemen das gegenwärtige das Beste…

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  2. avatar Jan-Eike Andresen sagt:

    …und eines war auch am Tegernsee offensichtlich: überzeugend gewonnen, hat der Meister – und ihm in beeindruckender Manier dicht auf den Fersen, die Meyers. Sauber Jungs!

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  3. avatar Trung Huynh sagt:

    Lieber Jan-Eike,
    von deinem Beitrag 1. ab Zeile 7 (Schaden trägt der Sport…) möchte ich mich ganz entschieden distanzieren und denke, dass die meisten Segler dies auch tun würden.

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  4. avatar Kathrin sagt:

    Lieber Jan-EIke,
    ich stimme Dir voll und ganz zu!

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  5. avatar Winnie Semmer sagt:

    Schöner Artikel Carsten 😉

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  6. avatar Rocky sagt:

    90% der schiedsrichter sind nie selber gut gesegelt und nur mal der präsident einer Klassenvereinigung gewesen zu sein nutzt eben nichts – es gibt wenige schiedsrichter, die nicht den drang haben sich darzustellen. ich war am we schiedsrichter beim internationalen opti-teamrace und es ist wirklich peinlich zu sehen wie gerade einige deutsche schiedsrichter sich benehmen.

    und ja, genau die halten viele segler davon ab am matchrace teil zu nehmen, oder es für wichtig zu nehmen.

    schade …

    aber schön geschriebener artikel!

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