New York – Vendée: Wie sich Jeremie Beyou den Sieg holt – Flautenkrimi in der Biskaya

„Erster ist besser als Vierter“

New York Vendee, IMOCA

Goldener Weg der Mitte – Jeremie Beyou liegt bei der Generalprobe zur Vendée Globe in Führung © curutchet

Der erfahrene Skipper aus Lorient spielte in den letzten 48 Stunden seine Revierkenntnisse in der Biskaya aus. Die sechs Jahre alte zum Flieger umgebaute “Maitre Coq” funktioniert bestens gegen die Neubauten.

Relativ langsam auf den letzten Meilen, aber ist der Bretone Jeremie Beyou auf seiner „Maitre Coq“ zum Sieg bei der Einhand-Regatta New York – Vendée gesegelt.

Die erste Ausgabe dieser ausschließlich für IMOCA vorgesehenen Regatta war hauptsächlich ins Leben gerufen worden, um den Vendée Globe-Teilnehmern (Start des Einhand-Nonstop-Weltumseglungsspektakels ist im November) eine letzte große Teststrecke vor ihrem großen Rundum-Abenteuer zu bieten.

Die meisten Vendée Globe-Starter nahmen die Chance wahr, um ihrem Boot und den Fähigkeiten der Konkurrenz auf den Zahn zu fühlen. Doch die erhofften Duelle zwischen den Favoriten auf ihren teils nagelneuen Boliden mit den unterschiedlichsten Foil-Techniken waren überschaubar.

Eine regelrechte Kollisions-Serie mit nicht identifizierten Objekten im Wasser kurz nach dem Start unweit vor New York zwang Champs wie Armel Le Cleac’h, der kurz zuvor noch den IMOCA-Sieg bei der „Hin-Regatta“ THE TRANSAT gefeiert hatte, oder etwa Jean-Pierre Dick (St. Michel Virbac) und Morgane Lagravière (Safran) wieder zurück zum Pitstopp nach Newport (SR berichtete).

Foil contra Foil-frei

Dennoch kam es zu höchst spannenden Duellen während der Atlantiküberquerung. Zunächst erstaunte der „IMOCA-Fuchs“ Vincent Riou erneut mit seiner „Foil-freien PRB“, als er durchaus mit den foilenden Kollegen mithalten konnte. Letztendlich musste Riou jedoch auch wegen einer Elektronik-Problematik an Bord Federn lassen. Er überlegte sogar kurz, die Azoren anzulaufen und segelte schließlich nur noch auf Rang fünf mit einem Rückstand von 276 Seemeilen auf den führenden Beyou.

New York Vendee, IMOCA

Nach einem ziemlich fiesen Tief mussten die führenden IMOCA-Segler durch eine Flautenzone © Curutchet

An der Spitze zeigte das Rennen zwischen den nagelneuen Foilern „Edmond de Rothschild“ und „Hugo Boss“ deutlich, dass die beiden Rennmaschinen auch auf längeren Strecken „auf einem Niveau“ sind. Dass PR-Guru Alex Thomson es zudem mal wieder geschafft hat, seine Fans mit kleinen, aber aufregenden Filmchen zu begeistern, hat dem Spannungsbogen keinen Abbruch getan.

“Goldener Weg der Mitte”

Doch in den nicht nur mit Kohlefaser, sondern auch mit monetärer Kohle gesegneten Rennställen von Gitana (“Edmond De Rothschild”), Hugo Boss oder Safran dürfte es nun durch den simplen Umstand, dass Jeremie Beyou diese Regatta gewinnt, einige Diskussionen geben. Denn auf den erfahrenen Hochsee-Champ blickte die Szene sowieso mit besonderem Interesse.

Beyou hatte in der etwa zwei bis drei Jahre dauernden Vorbereitungszeit zur kommenden Vendée Globe auf einen Neubau verzichtet, obwohl offenbar die Gelder vorhanden gewesen wären. Stattdessen baute er seine alte „Maitre Coq“ aus dem Jahre 2010 zum Foiler um. „Ein Schiff, das sich bewährt hat und auf das man sich verlassen kann, ist mehr wert als jede noch so ausgebuffte Feinheit einer Neukonstruktion,“ sagte Beyou, als er seine „IMOCA mit Foiler-Schnauzbart“ dem Publikum in Lorient vorführte.

New York Vendee, IMOCA

Sebastien Josse in Action auf Seiner “Baron de Rothschild” © gitana / riou

Beyou ging gewissermaßen den „Goldenen Weg der Mitte“ und bestückte ein relativ altes Schiff mit modernster, aber eben bei allen IMOCA noch nicht bis ins letzte Detail ausgereifter Foil-Technik.

So gelang es ihm auf den langen Reachkursen während dieser „New York-Vendée“-Regatta über lange Strecken Bord an Bord mit der nagelneuen „Edmond de Rothschild“ zu bestehen. Und auch gegen „Hugo Boss“ stimmte der Speed auf raumen Kursen.

Flaute in der Biskaya

Doch den „Sack zumachen“ konnte Jeremie Beyou erst in der Biskaya. Ausgerechnet das wegen starkem Wind und hohem Seegang gefürchtete Seegebiet vor Spaniens nördlicher und Frankreichs westlicher Atlantikküste bremste die Führenden dieser Regatta mit einem Flautenloch ab, aus dem Revierkenner Beyou am besten heraus fand.

Der dreimalige Solitaire du Figaro-Sieger erwischte die Winddrehungen im richtigen Moment. Er berechnete von den drei Führenden, die alle eine Chance auf den Sieg gehabt hätten, am genauesten den Weg der heranziehenden Windstriche.

New York Vendee, IMOCA

Hugo Boss in leichteren Windbedingungen bei ca. 8 – 10 Knoten Fahrt, wie sie derzeit in der Biskaya vorherrschen © hugo boss

“Erster ist besser als Vierter”

Der französischen Sportzeitung „Equipe“ gab Beyou gestern ein Interview von Bord, in dem er sich zwar noch vorsichtig über den höchst wahrscheinlichen Sieg äußerte, aber auch eine gewisse klammheimliche Freude nicht verhehlen konnte. „Erster ist besser als Vierter! Fühlt sich richtig gut an, ganz vorne. Man hat eindeutige taktische Vorteile – es kommt wieder auf den besseren Segler an, du musst dich konzentrieren und möglichst viel richtig machen, das ist schon alles!

Und ich bin sehr froh darüber, dass ich mit meiner guten, alten Maitre Coq eindeutig mithalten konnte. Letzte Nacht habe ich dann erstmals sozusagen nach hinten geschaut und ganz simpel mit meinem Fernglas die Lichter von Sebastien Josse auf seiner „Baron de Rothschild“ erwischt. Ich habe ihn richtig lange beobachtet, weil ich unbedingt verhindern wollte, dass er deutlich vor mir halst. Schließlich habe ich die Initiative ergriffen, bin auf den anderen Bug und vielleicht war dies ja das entscheidende Manöver!“

Gegenüber der Regattaleitung äußerte sich Beyou höchst erfreut über dieses „Schulter an Schulter-Finish“: „Ich liebe das! Von den Figaros bin ich das längst gewohnt, habe manchmal tagelang Regatten mit nur 0,3 Seemeilen Vorsprung angeführt und bin letztendlich als Sieger hervorgegangen. Du musst nur die Nerven haben!“

Jeremie Beyou wird heute zwischen 15 und 17 Uhr vor Les Sables d’Olonnes erwartet, kurz darauf dürfte Sebastien Josse als Zweiter einlaufen. Doch Alex Thomson segelt auf seiner „Hugo Boss“ einen etwas nördlicheren Kurs und könnte vielleicht, vielleicht…

New York-Vendée Tracker

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Michael Kunst

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