Barcelona World Race: Boris Herrmann und Ryan Breymeier als fünfte Yacht im Ziel

Endlich zuhause...

Seemannsbraut und die See... Boris Herrmann herzt seine neue spanische Freundin Arianna nach der Ziellinie. © FNOB

Eine herzliche Umarmung mit dem Partner, ein Luftsprung auf der schmalen Bugspitze der 18 Meter Yacht, die geballte Faust zuckt dreimal in den blauen Himmel von Barcelona, geschafft. Boris Herrmann überquert mit dem Amerikaner Ryan Breymaier die Ziellinie des Barcelona World Race.

Er beendet diese Regatta nonstop um die Welt als erster Deutscher und schreibt Segelsport-Geschichte. Das spektakuläre Rennen mit Zweier-Crew zählt zu einer der wichtigsten Veranstaltungen des Profi-Hochsee-Segelports.

Der Autopilot, der noch in den vergangenen Wochen zweimal durchgeschmort ist, steuert die „Neutrogena“ bei fast spiegelglattem Wasser unter dem großen Spinnaker nach 100 Tagen, 3 Stunden und 13 Minuten auf See sicher auf dem fünften Platz ins Ziel.

Die letzten Meter zum Ziel vor Barcelona. "Neutrogena" bei wenig Wind unter maximaler Beseglung. © FNOB

14 Yachten vom Typ Open 60 waren Sylvester gestartet, um die große Runde inklusive des kurzen Mittelmeer-Abschnittes von und nach Barcelona in Angriff zu nehmen. Genau 27815 Meilen segelte das deutschamerikanische Team. Vier Yachten mussten aufgeben. Ein fünftes Schiff ist auf dem Weg zurück nach Neuseeland, weil es in Stürmen und haushohen Brechen fast auseinander bricht.

Für Boris Herrmann bedeutet der Auftritt in der ersten Liga des Hochsee-Sports einen großen Erfolg. Das Schiff ist ein betagtes Design, die Vorbereitungszeit war kurz und mit dem US-Partner Ryan verband ihn vor dem Abenteuer nur wenig. Eine günstige Sponsor-Konstellation hatte sie zusammen geführt.

Boris Herrmann und Ryan Breymaier mit ihren Damen. © FNOB

Zwar war der fünfte Rang das erklärte Ziel des Duos. Aber es war hoch gesteckt. Schließlich erfüllte die „Neutrogena“-Crew die Hoffnung, weil sie ein solides, überlegtes Rennen ablieferte, bei dem sie auch von den Ausfällen schnellerer Yachten profitierte.

Das ist bei dieser Art Langstreckenrennen kein Glück sondern Berechnung. Wie bei der Formel eins. Wer seine Reifen zu sehr belastet, das Material zu sehr puscht, bekommt die Quittung. Masten sind gebrochen, Segel gerissen, Elektronische Apparaturen ausgefallen und Hydraulik-Teile gebrochen.

Es gibt kaum einen komplexeren Sport als diese Art von Abenteuer-Rennen. Die Fähigkeit, schnell zu segeln ist nur der nahe liegende Zutat für den Erfolg. Dazu gehört Gasgeben und bremsen zur richtigen Zeit, reparieren, wenig Schlaf, exaktes Auswerten von Wetterdaten, strategische Entscheidungen, der vorsichtige Umgang mit dem Partner.

In Deutschland lernt man das nicht. Insbesondere nicht am Zwischenahner Meer bei Oldenburg, wo Herrmann mit dem Segeln begonnen hat. Es bedarf einer großen Sehnsucht zur See, um den Weg einzuschlagen, den noch niemand in Deutschland vor dem 29-Jährigen beschritten hat.

Die Welt hinter sich, den Hafen voraus. Barcelona bereitet der "Neutrogena"-Crew einen rauschenden Empfang. Der Sonntag Nachmittag war dafür taktisch klug gewählt. © FNOB

Lange Fahrtentörns mit dem Vater auf der Nordsee haben ihn als Kind auf den Geschmack gebracht. Das seglerische taktische Know How holte er sich beim Jollensegeln, wo er es zum Deutschen Meister in der heftig umkämpften 505er Klasse brachte.

Boris Herrmann sieht nicht aus wie ein Seebär, auch wenn er sich für den Zieleinlauf markige Bartstoppel hat stehen lassen. Er schloss sein BWL-Studium mit der Note 1,8 ab und wählte erst danach den ungewöhnlichen Weg zum Profi-Segler.

Er ist nicht nur gut mit Pinne und Schot, sondern beherrscht auch die Werkzeuge des BWLers. Mit Kosten-Nutzen-Rechnung, Machbarkeitsanalyse und Marketing-Konzept überzeugt er Sponsoren vom Sinn, einen Deutschen in der Welt des Hochsee-Sports zu unterstützen, in der die Franzosen traditionell den Ton angeben.

Es ist die Nähe zum Abenteuer, die Kampf mit der Natur, die diese Fassette des Segelsport so attraktiv machen. Im Interview mit SegelReporter berichtet Boris Herrmann kurz vor dem Zieleinlauf von den härtesten Momenten dieses Um-die-Welt-Rennens.

Bei der ersten Passage der Straße von Gibraltar trieb er bei Flaute und Gegenstrom zurück, während die Konkurrenz davon zog. „Wir erlebten zwei Sonnenaufgänge bei Gibraltar. Wir kamen nicht voran. Es war extrem nervig.“

Im brutalen Southern Ocean zwischen dem Kap der Guten Hoffnung, Neuseeland und Kap Horn, immer entlang der Eisgrenze fühlte sich die „Neutrogena“ besonders wohl. Und Herrmann liebt diese wilde See in Begleitung der Albatrosse. Sie holte auf und Platz drei geriet sogar in Reichweite. Konkurrent „Renault“ lag nur noch 20 Meilen voraus.

„Plötzlich hob das Schiff ab“, erzählt der Skipper. „Ich lag in meiner Koje. Als es in das Wellental flog, hing ich für einen Moment in der Luft. Ich krachte auf das Rohrgestänge und wusste, dass im Schiff irgendetwas kaputt gegangen ist.“

Es war der Moment, der den möglichen Podiumsplatz kostete. Die Hydraulik des Kiels war beschädigt. Das Gewicht wird unter Wasser bis zu 40 Grad nach Luv geschwenkt, um das Boot aufzurichten und Speed zu machen. Danach konnte es nur noch ein paar Grad bewegt werden.

Nach Kap Horn war das Rennen um Bronze vorbei. Denn außerdem kam ein Vorsegel von oben. „Neutrogena“ musste an der Südspitze Südamerikas Schutz suchen, um den Schaden zu reparieren. Sie humpelte über den Atlantik zurück ins Ziel. „Das Essen wurde knapp und die Angst war groß, dass sich der Schaden vergrößern würde.“

Als der große Konkurrent „Mirabaud“, mit dem sich Herrmann wochenlang ein atemberaubendes Duell durch zahlreiche Stürme geliefert hatte, mit einem Mastbruch vor Brasilien ausschied war die Gefahr des Ausscheidens wieder sehr präsent. „Neutrogena“ litt unter den unüblichen extremen Gegenwind-Bedingungen.

Aber das Duo rettete sich über den gesamten Parcours ohne einen Reparatur-Stopp einlegen zu müssen, den einige Gegner gebraucht haben. Boris Herrmann ist diese Bilanz besonders wichtig.

Denn sein nächstes Projekt ist noch größer. Er will den absoluten Gipfel des Langstrecken-Regattasegelns bezwingen. 2012 startet die Vendee Globe. Dann geht es alleine auf einer Open 60 Yacht um die Welt. Stopps sind nicht erlaubt. Die Ausfallquote ist hoch. „Alleine ist das schon ziemlich verrückt.“ Aber Herrmann hat nun die erste Prüfung in der neuen Klasse mit Bravour gemeistert.

Er muss bald Klinken putzen, Sponsoren überzeugen, und ein Boot besorgen, wenn sein Traum wahr werden soll. Es wird ihm komisch vorkommen nach den Stürmen, die er in den vergangenen drei Monaten erlebt hat. Aber die Zeit ist knapp. Er muss den positiven Schwung vom Barcelona World Race und seine Position als deutscher Hochsee-Held schnell ausnutzen.

Im Moment des Zieldurchgangs liegt der Gedanke an diesen neuen Höhepunkt fern. Freudig erregt steht er an Deck und küsst immer wieder seine spanische Freundin Arianna. Jemand hat ihm einen Blumenstrauß in die Hand gedrückt, der deplatziert wirkt. Dafür zischt das Bier, das ihm Partner Ryan reicht. Dazu Schokolade und Kebap. Das reicht zum Glück nach 100 Tagen auf See.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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