SR-Interview: Warum Roser Preuss für 65.000 Euro mit dem Clipper Race um die Welt segelte

+++ „Für immer geprägt!“ +++

Bei der Action immer vorne dabei © jürg Kaufmann

Bei der Action immer vorne dabei © jürg Kaufmann

Eigentlich wollte die 26jährige Mathematikerin nur eine Etappe mitsegeln. Aber beim Training klappte alles perfekt und sie wurde zudem der „richtigen“ Skipperin zugeteilt. SR sprach mit der einzigen Deutschen, die alle Etappen segelte

Roser Preuss ist 26 Jahre jung, in Deutschland geboren und aufgewachsen. Ihre Mutter ist Spanierin, so dass Roser (=katalanischer Vorname) zwei Staatsangehörigkeiten besitzt. Vor 10 Jahren zog die Familie nach England. Roser studierte Mathematik und Management und beendete beide Studiengänge ein Jahr vor dem Start zu Ihrer Weltumseglung mit dem Clipper Round the World-Race.

SegelReporter: Roser, wenn man als junge Frau an einer 11monatigen Regatta rund um die Welt teilnimmt, sind sie doch bestimmt schon von Kindesbeinen an der Segelei zugetan…

Roser Preuss: Überhaupt nicht. Vor zwei Jahren hatte mich meine Cousine zu meinem allerersten Segeltörn überhaupt vor Schottland mitgenommen. Vorher war Segeln ein Fremdwort für mich. Das hatte Laune gemacht, damals, und irgendwann habe ich „Clipper“ entdeckt und mich nach einigem Hin und Her für eine Etappe angemeldet, und zwar die „Hausfrauenetappe“, wie wir das später wegen des schönen Wetters genannt haben, von San Francisco nach New York.

"Sportlich war ich schon immer!" © clipper round the world

“Sportlich war ich schon immer!” © clipper round the world

Dann kam allerdings das obligatorische Clipper-Training (insgesamt sind das drei Wochen – allerdings nicht am Stück), und das fand ich so spannend und interessant, dass ich mich spontan für die gesamte Reise meldete.

SR: Okay, also spontan gemeldet… Das ist doch aber auch ein finanzieller Aspekt, wie kann man denn als 26jährige, die gerade ihr Studium beendet hat, mal eben schnell eine Reise buchen, die mit 65.000 Euro beziffert wird?

Roser Preuss: Ich weiß, das hört sich alles privilegiert an. Aber ich habe tatsächlich einen Teil der Reise von Erspartem bezahlt, den Rest habe ich mir geliehen.

SR: Hatten sie keine Bedenken, nach einer dann doch recht kurzen Vorbereitungsphase auf schottischen Gewässern an einer Weltumseglung teilzunehmen?

Roser Preuss: Die Clipper-Vorbereitungswoche hat mir alle Zweifel genommen. Sie war zwar hart, aber höchst interessant. Außerdem war ich schon immer eher sportlich – also rein physisch war ich selbstbewusst. Mir gab es eher zu denken, dass ich monatelang mit wildfremden Leuten auf engstem Raum zusammen leben sollte.

SR: Was sagen denn die Organisatoren, wenn eine Segel-Novizin mal eben um die Welt mitsegeln will?

[ds_preview] (Ab hier Interview für SR-Clubmitglieder)

Die "Switzerland" unter Dem Kommando von Vicky Elies © Clipper round the world

Die “Switzerland” unter Dem Kommando von Vicky Elies © Clipper round the world

Roser Preuss: Natürlich gibt es einige Teilnehmer, die bereits viel Offshore-Segelerfahrung haben. Aber eigentlich ist die Regatta tatsächlich eher für Menschen wie mich konzipiert, die also noch nicht Tausende Seemeilen auf dem Salzbuckel haben. Außerdem lernt man auf diesen Schiffen unter den doch sehr versierten Skippern so schnell…

In der ersten Trainingswoche war ich zum Beispiel diejenige im Team, die am wenigsten konnte. Fünf Tage später war ich schon voll integriert.

SR: Wird den einzelnen Crew-Mitgliedern dann eine spezielle Rolle zugewiesen, die sie auf der Reise zu erfüllen haben?

Roser Preuss: Das war tatsächlich ein häufiger Diskussionspunkt an Bord. Machen wir nur das, was wir wirklich können oder sollte jeder alles können? Wir haben uns dann darauf geeinigt, dass wir in Gefahrensituationen feste Rollenmuster einhalten, aber ansonsten rotieren. Was ich am liebsten gemacht habe war Vorschiffsfrau und Spinnaker-Trimm. Den Mast bin auch ganz gerne hochgeklettert.

SR: Kommt dem Skipper noch mehr als sonst auch unter psychologischen Aspekten eine elementare Rolle zu?

Roser Preuss: Ich war ja auf der „Switzerland“ unterwegs, auf dem die 31jährige Vicky Ellis den Ton angab, übrigens die einzige weibliche Skipperin im Rennen. Ich hatte schon vorher von ihr gehört und gehofft, irgendwie auf ihr Schiff zu kommen.

Bei der Action immer vorne dabei © jürg Kaufmann

Bei der Action immer vorne dabei © jürg Kaufmann

SR: Sie dürfen das Schiff und den Skipper nicht wählen?

Roser Preuss: Nein, es ist tatsächlich so, dass die Organisatoren die Crews zusammenstellen. Bei mir hat also der Zufall entschieden, dass ich dann tatsächlich zu Vicky kam. Ein absoluter Glücksfall für mich: Sie ist die sicherste Skipperin – wir hatten eindeutig die wenigsten Probleme – und ich habe mich immer gut mit ihr gefühlt. Das Team war von Vicky auf Respekt und gegenseitige Unterstützung aufgebaut.

SR: Ihr habt ja auch eine Menge Leute auf dem Schiff dabei gehabt.

Roser Preuss: Im Schnitt war wir etwa 20 Personen pro Etappe auf dem Schiff, insgesamt bestand unsere Crew aus 60 Seglerinnen und Seglern, und zehn Personen, die alle Etappen segelten und darunter waren wiederum fünf Frauen. Drei von diesen „Round the Worlders“ sind übrigens heute sehr, sehr enge Freunde von mir.

Oft zuständig für die Segel – mit allem, was dazu gehört © clipper round the world

Oft zuständig für die Segel – mit allem, was dazu gehört © clipper round the world

SR: Um die 08/15-Frage kommen Sie nun leider nicht herum: Welche waren denn die wirklich aufregenden Situationen während ihres Törns?

Roser Preuss: Beeindruckend war es vor allem im Southern Ocean auf der Etappe von Kapstadt nach Australien. Da mussten alle Boote durch einen ziemlich heftigen Sturm. Ein Nachbarschiff hatte den Wind mit 110 Knoten gemessen. Beim Bergen des Yankee-Segels griff eine Böe ins Tuch und schleuderte es ins Wasser. Ich hatte gerade Freiwache, als ich den „all hands on deck“-Ruf hörte. Ich kam hoch, dachte zunächst, jemand sei über Bord gefallen, weil das Schiff im Wind stand. Ich bin dann gemeinsam mit Vicky und drei Crewmitgliedern nach vorne und wir haben das Segel zwischen den Wellenbergen in knietiefem Wasser eingeholt. Einfach irre!

SR: Hatten Sie in solchen Momenten Angst?

Roser Preuss: Die Wellenhöhe war wirklich beeindruckend. Da türmten sich richtige Hochhäuser auf. Doch, einen Kloß hatte ich schon im Hals, aber da war auch dieses totale Vertrauen ins Schiff und in die Skipperin.

Stolz auf das bisher größte Abenteuer ihres Lebens: Roser Preuss © clipper round the world race

Stolz auf das bisher größte Abenteuer ihres Lebens: Roser Preuss © clipper round the world race

SR: Mit der Sie auch eine Etappe gewonnen haben, nicht wahr?

Roser Preuss: Genau, das war die Etappe von Hobart nach Brisbane, die würde ich auch wirklich als mein schönstes Segelerlebnis bezeichnen. Wir waren vorher noch nie auf dem Podium, hatten uns als Team wirklich verbessert, die letzten paar Tage waren wir immer mit drei Konkurrenten vorne unterwegs. Das war schon toll, weil wir es noch nie aufs Podium geschafft hatten. Also noch mehr Anstrengung, vor allem am Spinnaker.

Überhaupt laufen die neuen „Clipper-Einheitsyachten“ auf raumen Kursen richtig schnell. Ein Konkurrent hat dann den Spi überfahren, das andere ist zu weit offshore gesegelt, tja… und schon hatten wir die Etappe gerockt! Und dann die Natur!  Jeder Sonnenuntergang auf See war ein besonderes Erlebnis, die Begegnungen mit Pott- und etwa Pilotwalen, Delphinen… es war berauschend!“

Überall vorne dabei ƒ roser Preuss entwickelte sich schnell zur engagierten Seglerin © clipper round the world

Überall vorne dabei ƒ roser Preuss entwickelte sich schnell zur engagierten Seglerin © clipper round the world

SR: Roser, Sie sind als sehr junge Frau und zuvor unerfahrene Seglerin um die Welt gesegelt! Wie fühlt sich das jetzt an?

Roser Preuss: Um ganz ehrlich zu sein: Ich bin noch nicht so richtig angekommen. Ich bin immer noch sehr, sehr oft da draußen auf See. Das Clipper Round the World war mit Sicherheit das bisher größte Abenteuer meines Lebens, wird aber nicht das letzte Abenteuer zur See sein. Ich habe Dinge erlebt, von denen andere noch nicht einmal zu träumen wagen. Das prägt… für immer!

SR: Vielen Dank für das Gespräch, Roser!

Das Clipper Race

Das Clipper Round the World-Race ist einzigartig: Die Organisatoren stellen speziell für dieses Rennen konzipierte 70-Fuß-Yachten und jeweils hochqualifizierte Skipper/Skipperinnen, welche die Crew um die Welt führen. Von den insgesamt 16 Etappen, die in 11 Monaten rund um den Globus absolviert werden, können einzelne Etappen oder eben die gesamte Reise von den Crew-Mitgliedern gebucht werden. Für die Crew-Mitglieder ist der Spaß nicht billig: Ca. 65.000 Euro kostet die gesamte Reise. Initiator ist Segellegende Sir Robin Knox-Johnston

 

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Michael Kunst

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