Vendée Globe: Der nächste logische Schritt, Kameras an Bord

Big Brother erwünscht?


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Die aktuelle Vendée Globe ist ein großer Erfolg. Dennoch befindet sich die Klasse in der Krise. Dabei besteht riesiges Potenzial, wenn man den Fan noch näher mitfiebern lassen würde.

Francois Gabart in Les Sables d'Olonne überwältigt.

Francois Gabart ist von dem großartigen Empfang in Les Sables d’Olonne überwältigt. © VINCENT CURUTCHET / DPPI

Nie war das Interesse so groß an dieser Vendée Globe. Laut Veranstalter hat die Website bisher acht Millionen unterschiedliche Besucher gezählt und die Videos sind 25 Millionen mal angesehen worden. Die Vendée Globe App wurde 290.000 Mal heruntergeladen. Beim Zieleinlauf waren 150.000 Menschen vor Ort.

Nie war auch die englischsprachige Anteil der Seite so gut zu verfolgen, so professionell bestückt. Diese Vendée Globe fand ihre Beachtung weit über die französichen Grenzen hinaus. Noch nie hat mich dieses Abenteuer-Einhand-Spektakel so sehr mitgerissen.

Spezielle Dramaturgie

Es hat sicher mit der speziellen Dramaturgie dieser Vendée Globe Auflage zu tun. Zu Beginn gab es die erstaunlichen Ausfälle und Kollisionen, die einem die Limits dieser Art des Einhandsegelns deutlich machen. Als sogar Mitfavorit Vincent Riou unglücklich ausfiel, glaubten viele, dass möglicherweise überhaupt kein Boot die Ziellinie erreichen würde.

Aber im richtigen Moment verlagerte sich der Fokus wieder auf die sportliche Faszination dieser Regatta. An der Spitze tobte ein Fünfkampf, der sich bis in den Indischen Ozean fortsetzte. Dann unterhielt uns Alex Thomson mit seiner Hydrogenerator-Story und auch Bernard Stamm fiel zurück. Das verrückte Duell zwischen Gabart und le Cleac’h fand seinen Höhepunkt. Die beiden puschten sich zu Rekord-Etmalen, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Schließlich sorgte das Drama um Bernard Stamm und seine Disqualifikation für die Schlagzeilen. Zum Schluss brach noch Jean-Pierre Dick der Kiel ab und Alex Thomson kam zur Hilfe. Dann rasten Gabart und le Cleac’h mit einer Fabelzeit nahezu gleichzeitig ins Ziel. Und die Story ist immer noch nicht zu Ende.

Das Potenzial ist nicht ausgereizt

Unglaublich diese Dramaturgie. Keine Sportart liefert diese Fülle an Geschichten und lässt den Fan so nahe heran. Und dennoch, das Potenzial ist längst nicht ausgereizt. Zu wenig Informationen kommen von Bord der Schiffe. Die beiden Spitzensegler haben klar gemacht, dass sie aus taktischen Überlegungen nicht offen darüber berichten, wie es ihnen an Bord geht. Der Gegner soll nicht von Problemen erfahren.

Ehrliche Aussagen kommen nur von den Schiffen, die nicht um den Sieg segeln. Alex Thomson hat sich mit seiner Medien-Politik viele Freunde gemacht, indem er offen über sein Energie Problem berichtete. Aber er segelte von Anfang an nicht um den Sieg. Platz drei ist eine grandiose Leistung.

So kommen die meisten Bilder und Videos eher von den hinteren Plätzen. Alessandro di Benedetti klettert im Rigg herum und macht seine Späße. Tanguy de la Motte, der chancenlos mit einem 14 Jahre alten Schiff hinterher fährt, unterhält sich vor der Kamera mit seinem Roboter. Anders bekämen sie keine Präsenz in den Medien. Über die Relevanz solcher Stories mag man allerdings streiten.

Webcams an Bord

Deshalb wäre der nächste logische Schritt, die Schiffe gnadenlos mit Web-Kameras auszustatten. Was hätte das für eine Faszination. Der Fan könnte sich auf dem Schiff seiner Wahl einloggen und den Skipper bei der Arbeit beobachten. Er würde ungefiltert seine Dramen hautnah miterleben, die Stimmungslage erfahren die taktischen Entscheidungen nachvollziehen können. Hat da noch niemand dran gedacht? Gibt es keine Konzepte?

Das Volvo Ocean Race geht längst in diese Richtung. Zuletzt gehörten Medien-Männer zu den Teams, die Material von Bord schicken mussten. Für das nächste Volvo Ocean Race 2014 werden jetzt Medien-Leute gesucht, die erstmals unabhängig von den Teams sind und vom Veranstalter auf die Boote verteilt werden. So erhofft man sich eine noch unabhängigere Berichterstattung.

Aber auch das ist nicht zu Ende gedacht. Die Informationen von Bord werden immer noch zensiert werden. Die spannenden Momente, wie Diskussionen über die Routenwahl, dürften ausgeblendet werden, wenn sie zu kontrovers sind.

Aber will man wirklich das Dschungel Camp auf See? Das wirtschaftliche Potenzial ist sicher groß, wenn Big Brother mitsegeln darf. Aber macht das den Sport nicht kaputt? Die Team-Dynamik an Bord liefert sicher ohne Ende Stoff für Schmuddel-Themen. Das ginge für meinen Geschmack zu weit. Obwohl man durchaus mal gerne Mäuschen spielen würde.

Bei Einhandseglern könnte das allerdings besser funktionieren. Sie haben wenig Zeit, sich um Medien-Ansprüche zu kümmern. Auch ihnen wäre es eine Hilfe, wenn die Kameras von außen gesteuert würden.

Britischer Millionär will für Besserung sorgen

Vielleicht hatte Sir Keith Mills dieses Potenzial im Auge, als er im vergangenen Jahr die Rechte erwarb, der Veranstaltung auf die Sprünge zu helfen. Der britische Millionär, der Olympia nach London holte, mit Flugmeilen reich wurde und das englische America’s Cup Team um Ben Ainslie zum Erfolg führen wollte, möchte die IMOCA Klasse internationaler machen und die Vendée Globe weiter aufwerten.

Denn eigentlich leidet diese Auflage unter der Wirtschaftskrise. Es heißt, dass die Sponsoren im Vergleich zu 2008 nur 20 Prozent der Ausgaben getätigt hätten. So waren weniger Boote am Start und nur sechs neue Boote wurden gebaut im Vergleich zu den 18  vier Jahre zuvor.

Die Regatta hat offensichtlich Probleme, auch wenn das zu diesem Zeitpunkt schwer vorstellbar ist. Aber der Erfolg der aktuellen Veranstaltung könnte diesem Zweig des Segelsports ein solides wirtschaftliches Fundament bringen. Und wenn gar nichts mehr geht, dann muss man eben Big Brother an Bord.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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3 Kommentare zu „Vendée Globe: Der nächste logische Schritt, Kameras an Bord“

  1. avatar Ich sagt:

    Ich finde wenn nur Webcams an Deck.
    Unter Deck sollte der Segler “privat” sein.
    Noch besser fände ich eine Regelung, dass pro Woche xx Stundenmaterial an Lang geschickt werden muss.

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  2. avatar Stefan sagt:

    Dschungel Camp auf See?

    …bitte nicht! das was die Jungs & Mädels da selber produzieren reicht doch vollkommen.

    …dann lieber permanentes life-tracking, mit allen relevanten Daten. das hat es im VOR ja phasenweise gegeben. Fand ich gut. Allerdings sollte man den Teilnehmern auch einen stealth-modus erlauben, der ihnen phasenweise ermöglicht aus dem tracking abzutauchen um taktische Entscheidungen nicht offenzulegen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 3

  3. avatar Ketzer sagt:

    Webcams noch und nöcher und dann auch bitte mehr Frauencrews!

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 8

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