Olympia Format: Spitzensegler kritisieren scharf die neuen Punktsysteme

Mehr Glück im Spiel

Nach den ersten Tests der neuen olympischen Rennformate wird die Kritik aus den Kreisen der Segler immer lauter. Sie fühlen sich nicht gehört. Bei der Kieler Woche wird das Format noch extremer.

Matt Belcher und Will Ryan

Matt Belcher und Will Ryan gewinnen nach dem alten und neuen Format, kritisieren aber die aktuelle Entwicklung.© Belcher/Ryan

Seit Anfang der Saison werden die Segler der Olympia-Klassen bei den großen Weltcup-Regatten mit neuen Formaten traktiert. Die Idee dahinter ist eine stärkere Gewichtung der letzten Rennen. Es soll nicht passieren, dass die Sieger vor den Medal-Races schon feststehen wie 2012 im 49er oder bei den RSX Surfern oder so gut wie sicher sind (Laser, RSX Frauen).

Medial mag der Wunsch der Offiziellen nachvollziehbar sein. Er ist eine Reaktion auf die Forderung des IOC nach spannenden, vermarktbaren Olympia-Formaten. Wer sich nicht anpasst, fliegt raus. Das mussten jedenfalls unlängst die Ringer erfahren.

Konstanz in der Serie ist wichtig

Aber die jüngsten Änderungen beeinflussen den Segelsport extrem und machen ihn immer mehr zum Lotteriespiel. Das ist die Aussage der Spitzensegler, die im Video zu Wort kommen. Ihnen geht es um die Wichtigkeit der Konstanz in einer Serie.

Beim Segeln ging es bisher darum, durch viele Rennen den Glücksfaktor zu minimieren. Dabei erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, dass unterschiedliche Windbedingungen zum Tragen kommen.

In Hyères dagegen wurden die beiden doppelt zählenden Laser Medalraces bei Regen und extremer Flaute durchgeprügelt. Der koratische Leichtwind-Spezialist  Mihelic gewann beide Läufe obwohl er zuvor nie in die Nähe der Spitze gerückt war.  Er schob sich noch auf Gesamtplatz vier vor.

Und die bis dahin führenden Robert Scheidt und Tonci Stipanivic mussten sich noch vom Australier Tom Burton überholen lassen. Der war nach den sechs Rennen der Vorrunde nur 21. musste nach dem neuen Format aber nicht den großen Punktabstand sondern nur den 21. Platz in die Serie mitnehmen. Prompt war er wieder im Rennen.

Das finden die meisten Segler so ungerecht wie die Erfahrung von Philipp Buhl, als der die Starkwind- Vorrunde in Palma beherrschte, die sechs Läufe aber kaum in die Wertung eingingen. Als elfter verpasste er sogar das Medalrace.

Beim neuen Eurosaf Champions Sailing Cup, zu dem auch die Kieler Woche zählt, soll es noch extremer werden. Das Format besagt, dass nach vier Tagen Segelei sechs bis acht Boote in das Medalrace einziehen und nur das Platz-Ergebnis zum einen Medalrace addiert wird.

Für die Medien ist damit die Übertragung des Medalraces extrem spannend. Aber gewinnt am Ende auch der beste Segler oder nur der glücklichste, weil er zum Schluss seine Spezialbedingungen vorfindet? Das hört sich ziemlich gewöhnungsbedürftig an.

Besonders die aktuell starken Segler haben Angst, dass ihr Jahre langes Training umsonst sein könnte, wenn dem Glück-Aspekt ein größeres Gewicht eingeräumt wird. 470er Olympiasieger Matt Belcher hat unglaubliche 14 Regattaserien in Folge gewonnen und sieht die Dominanz schwinden.

“Dieses Format wird immer neue Sieger kreieren.” So könne man sich den ganzen Aufwand der Regattaserie sparen und nach einer Vor-Qualifikation nur noch das einzelne Medalrace austragen, um den Sieger zu bestimmen. “Segeln ist doch eigentlich ein Sport, bei dem es darum geht, eine Vielzahl verschiedener Windbedingungen zu beherrschen und Konstanz zu zeigen. Diese Versuche werden den Sport nicht retten.” Wenn er denn überhaupt gerettet werden muss.

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Carsten Kemmling

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10 Kommentare zu „Olympia Format: Spitzensegler kritisieren scharf die neuen Punktsysteme“

  1. avatar AP sagt:

    Und bei den Medalraces, die doppelt zählen, oder wie im 49er, wo vier Stück gesegelt werden, weiß dann vor dem letzten Rennen auch kein Zuschauer mehr, wie jetzt der Punktestand ist und wer letztendlich gewonnen hat. Ob das hilft?

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  2. avatar ThBunte sagt:

    Was bin ich froh, das ich nicht olympisch segeln muss und dieses verschärfte Glücksspiel unter freiem Himmel mitmachen muss.
    Wenn man den Markenkern dem “vermeintlichen” Medieninteresse opfern muss, hat das einen mehr als schalen Beigeschmack!

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  3. avatar GER1692 sagt:

    Deswegen fand ich das Frauenmatchrace gut. Das war medienwirksam und kein Glücksspiel. Von mir aus können die spektakulären Klassen(49er,49er fx und der nacra) diesen Modus fahren und die anderen Klassen halt wie normal. Nutzt all Meckern nix muss man durch 😉

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  4. avatar Vorschoter, der sagt:

    War in Hyeres dabei .Ich fand es echt geil !
    War endlich mal nicht alles schon vor dem Finale entschieden !Leider haben die Organisatoren es versäumt, die Theater Races publikumsgerecht zu vermarkten .

    Segeln irgentwo allein auf dem offenen Meer hat null Zukunft .Interessiert niemand und beschleunigt die Vergreisung des Sportes . Nur mit den Seglern aus den Babyboomer Jahren , die bald die sechziger überschritten haben und mit dem Rollator zum Boot an der Moehne gefahren werden und einer Handvoll aufopferungsvoll trainierender Olympioniken werden wir diesen Sport nicht retten !

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  5. avatar Sailer66 sagt:

    Auch wenn ich mir jetzt hier bestimmt keine Freunde machen, mir kommen fast die “Tränen” bei dem Gejammere…

    Wenn ich an all die anderen Sportarten bei Qlympia denke, bei denen nach jedem Vorlauf im nächsten Finale die Karten neu gemischt werden… Mir ist kein 100-Meterläufer bekannt, der irgendwelche Zeiten aus den Vorläufen mit in das Finale nimmt… Jedes Rennen ist neu und für den nicht ganz so fachkundigen Zuschauer ist sofort klar, wer im Finale als erster im Ziel ist, der hat die Gold-Medaille.

    Und was die Vorbereitung, Trainingszeiten und vorolymischen Ausscheidungskämpfe betrifft, dürfte dies alles gerade bei den Sportlern in der Leichtathletik mindestens vergleichbar zu den Seglern sein.

    Im übrigen, dem Standard-TV-Zuschauer sind die Segelregatten ein Grund zum Weiterschalten – die wenigsten verstehen überhaupt, wie eine Regatta funktioniert und wo die sportlichen Herausforderungen /-schwierigkeiten liegen – muss mir dieses Meinungsbild oft genug beim Mittagsessen mit sportinteressierten Arbeitskollegen anhören… und da spricht nunmal die “Basis” der “Sportschau”. Natürlich muss sich der Profi-Segelsport nicht an dieser oder vergleichbaren anderen sportinteressierten Rundgruppen wie Jugendlichen (Jungs / Mädchen aus dem Binnenland), Berufstätigen, Hausfrauen, Rentner u. ä. orientieren… Diese “Randgruppen” machen ja nur den Großteil der Fernsehzuschauer bei den TV-Übertragungen von Sportevents aus und stimmen dann halt einfach mit der Fernbedienung ab.

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    • avatar Wilfried sagt:

      Ich glaube man muss diesen Spagat einfach wagen. Es gibt viele Sportarten die sowas wie Medal-Races längst haben. Bei denen auch nicht jedesmal der Beste gewinnt. Siehe Fußball: 89 Minuten dominiert und dann einen reingekriegt. Siehe Basketball: die Saison dominiert und dann im ersten Play-off draussen. Beim Tennis gehts nur im k.o. und wenn du als erstes den Weltranglistenersten erwischt bist du trotz tollem Spiel vielleicht in der Vorrunde draussen. Und wer im Vorlauf Weltrekord läuft wird noch lange nicht Weltmeister.
      Egal wie der Modus aussieht, davon geht der Sport nicht unter. Der Segelsport fasziniert uns.. und nicht die Frage in welchem Modus der “Dominator” segelt und ob er dabei jedesmal vorne ist.
      Die mediale Aufmerksamkeit ist für diejenigen Entscheidend die Segeln als Leistungssport betreiben und die Sponsoren für ihre Finanzierung brauchen. Also müssen sie die Show bringen die die Zuschauer und Sponsoren sehen wollen.
      Und damit es auch den echten (fachkundigen) Seglern Spaß macht zuzuschauen, sollten wir alle daran mitarbeiten Formate zu finden und auszuprobieren, die den Spagat zwischen Sport und Action möglich machen könnten.
      Jeden neuen Ansatz zu zerreden hilft hier nicht weiter.

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  6. avatar Ballbreaker sagt:

    Also ich für meinen Teil, segele Regatten weil es mir Spass macht und nicht für irgendwelches Medienecho, Zuschauer, Standard-TV-Klientel, Sponsoren oder was auch immer.

    Und ich wünsche mir – gerade bei einer so extrem von externen Bedingungen abhängigen Freiluftsportart – faire Bedingungen für ALLE Teilnehmer (von der Spitze, über die Helden vom Mittelfeld, bis hin zum letzten Drittel) bei denen am Ende des Tages der Beste gewinnt!

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  7. avatar Christian sagt:

    Die neuen Formate finde ich auch etwas zu extrem. Die Formulierung “Lotteriespiel” ist jedoch überzogen. Jeder Segler hat es mit seiner Leistung in den (oder dem) entscheidenden Rennen in der Hand, zu gewinnen. Und wer eine Leichtwindschwäche hat, kann daran arbeiten. Wir reden doch hier über Profisport auf höchstem Niveau, nicht über Amateursport, wo solche Formate sicherlich unangebracht sind.

    Auffällig ist übrigens, dass bei der Einführung der bisherigen Medal Races vor gut vier Jahren auch viele Segler aufgejault haben. Heute sind sie fast allgemein als gute Idee anerkannt.

    Aber wie auch immer: Lasst die aktiven World-Cup-Segler in einer Abstimmung über die neuen Formate befinden. Da könnte sich die ISAF einmal positiv hervortun.

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  8. avatar Richter sagt:

    Das Format mag ja medienwirksamer sein, aber bringt es deshalb neue Segler zum Sport? Ich bezweifle das. Neue Ausbildungskonzepte sind gefragt, neben Opti, 420 etc. Sollte auch “Dickschiff” gesegelt werden, Einhandsegler als Mannschaft etc., also eine echte duale Ausbildung. Nur so werden wir die dropout Quote nach den Jugendklassen reduzieren und die Faszination unseres Sportes in seiner ganzen Breite weitergeben können. Aber sicherlich nicht mit einer angeblich größeren Medienwirksamkeit. Oder will man ” panem et circensem”?

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  9. avatar Kevin8862 sagt:

    Man kann es noch xtremer machen in dem man ganz vom Fletrace weggeht oder nur halb und den andern teil in einer matchrace tunier austragt mit 3-4 boote pro lauf.

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