Olympia Rio: Ältester Segler Santiago Lange (53) holt Gold im Nacra – Krebs überstanden

"Alter trägt man im Herzen"

Santiago Lange (54) und Cecilia Carranza Saroli (29) haben mit ihrem Sieg im Nacra 17 eine der unglaublichsten und dramatischsten Geschichten der olympischen Segelspiele geschrieben.

Santiago Lange feiert den Sieg mit Vorschoterin und Söhnen, die im 49er auf Rang 7 liegen. © sailing energy

Santiago Lange feiert den Sieg mit Vorschoterin und Söhnen, die im 49er auf Rang 7 liegen. © sailing energy

An der Luvtonne schien die Chance auf Gold vergeben. Es drohte sogar nur die Blechmedaille. Ein Pfiff von der Jury und in Nullkommanichts waren für Santiago Lange und Cecilia Carranza Saroli die fünf Punkte Vorsprung verraucht, die sie mit in das Medalrace genommen hatten. Die jungen Australier hatten sie beim Start ohne Vorfahrt erwischt, einen Penalty verteilt und plötzlich selber Gold in Aussicht.

“Unfaire” Strafe

Lange bezeichnet die prompte Strafe der Wasser-Jury (direct judging beim Medalrace) zwar als “unfair”, weil die Briten nicht genug Platz zum Ausweichen gelassen hätten, aber die mussten auch einen Strafkreis drehen.

Die Situation nach dem Medalrace-Start. ARG segelt nach Penalty hinterher.

Die Situation nach dem Medalrace-Start. ARG segelt nach Penalty hinterher.

Das dauert bei einem Katamaran besonders lange, und das kurze Finalrennen schien für die Argentinier zum Desaster zu werden. Sie segelten als Letzte dem Feld hinterher. Doch ein Extremschlag auf dem ersten Vorwindkurs alleine auf die rechte Seite brachte sie auf Rang fünf zurück und mit einem Punkt Vorsprung auf die punktgleichen Silber und Bronzeplätze in eine Siegposition.

Die Situation an der ersten Luvtonne. Für ARG ist nicht nur Gold futsch, sondern jegliches Edelmetall.

Die Situation an der ersten Luvtonne. Für ARG ist nicht nur Gold futsch, sondern jegliches Edelmetall.

An der letzten Luvtonne war es sogar Rang drei im Rennen. Doch dann ging ein Duell mit den ebenfalls um Gold ringenden Österreichern verloren. Die Jury befand, dass Lange und Saroli, den Gegnern im Luvkampf nicht genügend Platz gelassen haben und bestraften sie erneut. Wieder schien alles verloren. Aber nach dem Strafkreis rutschten sie gerade noch auf Rang sechs vor der Konkurrenz ins Ziel. Und das reichte schließlich doch für den einen Punkt Abstand auf Silber.

Feiern mit den Söhnen

Was für eine Dramatik, was für eine Geschichte. Nach dem Ziel kraulten Santiago Langes beiden Söhne auf ihn zu, die gerade eben ihren Medalrace-Platz im 49er nach einem starken Auftritt mit Platz sieben gesichert hatten.

Überschäumende Gefühle nach dramatischem Medalrace. © sailing energy

Überschäumende Gefühle nach dramatischem Medalrace. © sailing energy

Überschwänglich feierte die Familie auf dem Katamaran. Den Erfolg konnte niemand erwarten, obwohl Santiago Lange seit dem Gewinn der beiden olympischen Bronze-Medaillen im Tornado und fünf Olympia Teilnahmen der berühmteste Segler in Argentinien ist.

Seine Reputation baute er danach im Profisegeln auf. Schließlich war der Schiffbau-Ingenieur auch beim Volvo Ocean Race 2001/2002 (Team SEB) am Start und fungierte 2008/2009 bei dem Um-die-Welt-Rennen als Land-Stratege für Telefonica. Außerdem segelte er 2007 im America’s Cup beim schwedischen Teilnehmer Victory Challenge als Traveller-Trimmer und ließ sich als Windspotter in den Cupper-Mast ziehen.

Beteiligt am Artemis-Desaster

Aber schließlich war seine Expertise als Ingenieur gefragt. 2013 galt er als eines der wichtigsten Team-Mitglieder bei Artemis und war damit auch in den fatalen Konstruktionsprozess des AC72 involviert, in dessen Trümmern Andrew Simpson starb.

Das Duo bei der argentinischen Hymne. © sailing energy

Das Duo bei der argentinischen Hymne. © sailing energy

Olympisch segeln wollte er nach 2008 eigentlich nicht mehr. Aber als sich seine beiden Söhne (zwei seiner vier Kinder) 2013 überraschend für eine gemeinsame Olympiakampagne im 49er entschieden, wurde auch der Vater noch einmal unruhig.

Erst fungierte er nur als Trainer und wollte seinen Jungs verlorene gemeinsame Zeit zurückgeben, da er sich in jungen Jahren kaum der Familie widmen konnte. Die Ehe war 2000 gescheitert, nachdem er versucht hatte, zwei Jahre lang das Segeln ruhen zu lassen für einen normalen Job bei einer Firma für Tiefkühl-Nahrung.

Mit den Söhnen bei Olympia

Diesmal wollte er ganz eng bei seinen Söhnen dabei sein. Aber er merkte schnell, dass die Coach-Rolle nicht für ihn geeignet war. Dennoch begleitete er die Kampagne der Söhne eng zwar und hatte großen Anteil an ihrer sensationellen Qualifikation für Rio bei der 49er-WM im eigenen Land.

Aber lieber stieg er wieder selber in die neue Nacra 17 Mixed Klasse ein, als ihn die beste Laser-Seglerin des Landes Cecilia Carranza fragte. Sie war schon zweimal bei Olympischen Spielen am Start gewesen.

Der zweimalige Tornado-Bronze-Gewinner Lange meistert auch die kritischen Situationen. © sailing energy

Der zweimalige Tornado-Bronze-Gewinner Lange meistert auch die kritischen Situationen. © sailing energy

Eigentlich schien die schnelle, spritzige Klasse nicht mehr für einen 54-Jährigen geeignet. Zwar kamen auch andere ältere Tornado-Spezialisten zurück in den Katamaran wie der spanische Olympiasieger Fernando Echavarri und der Franzose Billy Besson dominierte nach Belieben. Aber Größen wie der Australier Darren Bundock scheiterten schon in der Olympiaqualifikation gegen die jüngere Konkurrenz. Die Alten schienen mehr und mehr von der Spitze zu verschwinden.

Krebsdiagnose

Dazu kam noch Langes persönliches Drama. Erst segelte er 2014 mit Cecilia Carranza Saroli nur neun Monate nach dem Einstieg in den Nacra 17 sensationell zum Vize-WM-Titel und qualifizierte sich auf Anhieb für Rio. Dann erhielt er 2015 eine Krebsdiagnose.

Bei einer Operation in Barcelona wurde ihm die Hälfte der Lunge entfernt. Die Beschäftigung mit der Krankheit kostete ihn ein halbes Jahr, und sportlich schien das Katamaran-Duo nicht mehr in der Lage, ganz vorne anzugreifen. Bei den Weltmeisterschaften belegte es die Plätze 15 und 12.

Aber der mit 54 Jahren älteste Teilnehmer bei den olympischen Segelregatten ließ nicht locker. Fünf Tage nach der Operation habe er schon wieder Rad gefahren und ein Monat später auf dem Boot gesessen. Im Rückblick sei der Umgang mit der Krankheit eine gute Erfahrung gewesen, sagt Lange. Schwierig zwar, aber er habe so viel gelernt.

Alter spielt keine Rolle

Lange sagte bei World Sailing: “Meine Geschichte mag vielen Menschen helfen, die Stärke aufzubringen, um das durchzumachen, was ich erlebt habe. Aber ich ziehe es vor, das ins Auge zu nehmen, was wir sportlich geschafft haben. Die Krankheit hat nichts damit zu tun. Sie war nur ein Stein im Weg. Ich wurde besessen von dem Vorhaben bestens vorbereitet in Rio anzutreten, und das haben wir geschafft.”

Widerstrebend spricht er auch über sein Alter. “Ich glaube fest daran, dass man sein Alter nicht in Zahlen misst, sondern es im Herzen trägt. Es äußert sich durch die Wünsche, die man hat, seine Ziele zu erreichen.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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