Olympia Rio Bilanz: DSV Coach David Howlett enttäuscht über verpasste Endkampfchancen

"Mehr erwartet"

49er-Bronze von Erik Heil und Thomas Plößel hat die schlechteste Segel-Olympiabilanz seit zwölf Jahren um Haaresbreite abgewendet. Wie geht‘s weiter?

Nach langer Durststrecke stehen Deutsche Olympia-Segler mal wieder auf dem Treppchen. © A. Kling

Nach langer Durststrecke stehen Deutsche Olympia-Segler mal wieder auf dem Treppchen. © A. Kling

„Wir trauern ‚Silber‘ schon noch nach“, sagten Heil und Plößel in vielen Interviews, „aber Hauptsache Treppchen.“ Nicht nur in der öffentlichen Wahrnehmung zählen eben Medaillen, sondern auch bei der Verteilung von Fördergeldern „Wir können über einen längeren Förderzeitraum schon auch mal die Augen zudrücken und den Aufbau neuer Erfolgsstrukturen beobachten“, sagt DOSB-Präsident Alfons Hörmann, „aber irgendwann muss ein Fachverband dann auch liefern.“

Insofern war das 49er-Bronze für den Deutschen Segler-Verband (DSV) Gold wert. Das schon vor London 2012 gegründete Sailing Team Germany hatte nach den medaillenlosen Spielen dort immer erklärt, Zielwettkampf sei Rio. Doch hier drohte bis vorgestern der Absturz. Nur RS:X-Surfer Toni Wilhelm als Sechster und die Kieler 49er-FX-Crew Victoria Jurczok/Annika Lorenz im Medalrace lagen halbwegs im Soll.

“Enttäuschend”

Alle anderen verpassten die sogenannte Endlaufchance, was vor den Spielen Qualifikationskriterium ist. „Das war schon enttäuschend“, gibt der britische Chefcoach David Howlett zu, „da haben wir mehr erwartet.“

Dass zum Beispiel der Münchener Ferdinand Gerz mit neuen Vorschoter Oliver Szymanski (Kiel) bei seinem zweiten Olympia-Start nicht über Platz elf hinausgekommen sei, war „zu wenig“. Howlett: „Er hatte sein Freispiel in Weymouth vor vier Jahren und hätte die Erfahrung nutzen sollen.“

Gleichwohl mahnt der Brite zu Geduld. „Bei uns in Großbritannien hat es zehn bis zwölf Jahre gedauert, bis wir an der Weltspitze waren.“ Davon ist Deutschland indes weiter meilenweit entfernt. Nur Rang 15 in der Nationenwertung von Rio.

Hauptsache, weitermachen

Trotzdem hofft Howlett, dass die meisten Aktiven jetzt weitermachen bis Tokio 2020, obwohl der Trainingsaufwand logistisch und finanziell noch größer werden wird. „Die Sieger haben alle viele Wochen auf dem Olympiarevier trainiert“, weiß Howlett, „diesen Weg müssen wir auch gehen.“

Erik Heil und Thomas Plößel wollen ihre Zukunft in Ruhe besprechen. „Ich glaube schon, dass wir weitermachen“, sagt der Steuermann, „es gibt ja noch andere Edelmetallfarben als Ziel.“ Auch der Wahl-Kieler Philipp Buhl hat seinen 13. Platz inzwischen verdaut und richtet den Blick sportlich nach vorn.

Dabei erscheint die weitere Förderung noch ziemlich ungewiss. Der Vertrag zwischen dem Sailing Team Germany und dem DSV läuft Ende des Jahres aus. Die Konzeptwerft um Oliver Schwall hat die Nationalmannschaft vermarktet und mit Audi und SAP potente Sponsoren besorgt. Die werden nicht zwingend abspringen, aber ein konkretes Sponsoringgesuch liegt in Ingolstadt angeblich noch nicht vor.

Finanzierung steht in Frage

Allein mit öffentlichen Mitteln, wie es früher war, dürfte der Weg nach Japan steinig werden. Wenn das Bundesinnenministerium und der DOSB die Sportförderung auf den Prüfstand stellen, bedeutet das selten für die Fachverbände mehr Geld.

DSV-Präsident Andi Lochbrunner und der neue Generalsekretär Goetz-Ulf Jungmichel haben mit dem Umzug der Leistungssportabteilung von Hamburg nach Kiel schon Weichen gestellt. Jetzt sind sie gefragt, die kommende Olympiade finanziell abzusichern.

Mehr noch, sie werden den Sportlern auch helfen müssen, frühzeitig Perspektiven für die Zeit nach der aktiven Karriere zu finden. Sonst drohen hoffnungsvolle Kandidaten, wie 2012 die Surferin Moana Delle und Laser-Segler Simon Grotelüschen den Sport frühzeitig an den Nagel zu hängen, um sich dem Berufsleben zu widmen.

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9 Kommentare zu „Olympia Rio Bilanz: DSV Coach David Howlett enttäuscht über verpasste Endkampfchancen“

  1. avatar Backe sagt:

    Wenn man mal rein von der Anzahl der Segelmedaillen ausgeht – Neuseeland und Australien 4, Frankreich und England 3, Holland und Kroatien 2 – fällt auf, dass das alles entweder echte Seefahrer-Nationen sind, oder zumindest Länder mit viel Küste bzw. Wassersportmöglichkeiten.

    Mit anderen Worten: Wo Segeln wirklich ein Breitensport ist, da ist der Nachschub an Talenten um ein vielfaches Höher. Was wiederum bedeutet: Wer in so einem Land die Olympia-Ausscheidung gewinnt, holt im Vergleich mit Ländern, die einen kleineren Talentpool haben, viel eher ein Medaille.

    Könnte im Umkehrschluss heißen, dass DSV und STG mit ihrer Spitzenförderung auf einem absoluten Holzweg sind. Also: Weniger Audis, mehr Optis!

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    • avatar Sven 14Footer sagt:

      Meiner Meinung brauchen wir nicht mehr Optis sondern mehr Jugendliche in Bootsklassen danach. Viel zu viele Optisegler hören mit dem Segeln nach Opti ganz auf.
      Ganz dünn wird es, wenn der Jugendliche 20/21 Jahre alt wird und aus der Jugendförderung in den Vereinen rausfällt. Dann heißt es meistens: ” Segelsport selber finanzieren oder selber Sponsoren suchen!”
      Beim absoluten Spitzensport mag das besser aussehen, aber die breite und gute Masse, die den Spitzensportler erst wiklich spitze macht, ist zu klein.

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    • avatar Andreas Jung sagt:

      Und vielleicht sollte es nicht einmal der Opti sein, sondern der Aufbau einer für Kinder attraktiveren Klasse wie Open BIC.

      Mein Lütter (11) etwa segelt sehr gerne Opti. Aber das große Augenleuchten kommt, wenn er zwischendurch mal Feva mit Gennacker segelt, wenn er die Nacras sieht, die 29er, die 49er, die Motten, etc. Er kann es kaum erwarten, alt und schwer genug für ein Skiff zu sein, ist davon aber noch Jahre entfernt.

      Die Skills die er im Opti lernt, sind sicherlich gut und wichtig. Sie würden ihm später auch in (langsamen) taktischen und/oder athletischen Klassen wie 470er, Finn, Laser helfen. Doch sind diese Klassen wirklich zukunftsfähig? Oder werden unsere Kinder 2028 nicht in anderen Klassen auf die Ecken schreddern, foilen, kiten?

      Ganz unplausibel finde ich diesen Gedanken auch angesichts der Entwicklung im America#s Cup jedenfalls nicht. Dann jedenfalls müsste man sich nach der Förderung und den Aufbau anderer Jugendklassen umsehen – nicht nur als deutscher Verband, sondern im Schulterschluss mit anderen Nationen.

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  2. avatar Thomas Stemmer sagt:

    … ein schönes Fazit, Backe, das gefällt mir. Das Image, das wir uns mit den dicken Q7-ern geben ist recht elitär und im Übrigen auch ignorant der Umwelt gegenüber und so soll der Segelsport nicht sein.

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  3. avatar Friedrich sagt:

    Zu wenig Optis und zu wenig 420er und zu wenig… vor allem zu wenig Trainer, Zugfahrzeuge etc. Also müssen Eltern ran. Und nicht alle Kinder von den Eltern, die dazu Lust haben (und es sich leisten können), haben dann wiederum das Talent zur Medaille (man höre dazu nur mal F.Sch’s Song “Er hat ihr Boot geputzt”). Und die Talentierten haben vielleicht die falschen Eltern…

    Und dann: Vor Olympia dicke Audis, nach Olympia (egal ob mit oder ohne Medaille) kein Audi, kein Job, kein Studienabschluss und fast kein Potential in der deutschen Segelindustrie, so dass der Olympionike dann doch noch sein Medizinstudium oder was auch immer fertig machen muss.

    Die deutschen Sponsoren müssten das Profigeschäft “danach” finanzieren, die TP52, AC, VOR, Vendee G. whatever und Olympia als Kaderschmiede (Taschengeld gegen das Profigeschäft). Aber das tun sie halt nicht.

    Und selbst wenn: Es können immer nur drei pro Klasse aufs Treppchen. Alle haben gut gesegelt. Keiner ist ganz am Ende gelandet. Man kann eben nicht immer gewinnen. Schade, dass der Olympische Gedanke des Dabei seins auch beim DOSB so wenig zählt.

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  4. avatar markusochs@bluewin.ch sagt:

    Österreich ist nun auch keine Seefahrer-Nation und hat genau soviele oder über die letzten Olympiaden mehr Segel-Medaillien gewonnen als wir.
    Ich stimme zu, wir brauchen mehr Breitensport. Die Teilnehmerfelder gehen seit Jahren zurück und wir haben zu viele Klassen, die uns Nichts bringen (Pirat ist immer noch Jugendmeisterschafts-Klasse).
    STG hat keine Verbesserungen bei den Resultaten gebracht und das Konzept muss kritisch analysiert werden. Spitzensportlern muss eine nachhalitige Berufsperspektive geboten werden, sonst verliert der Segelsport in Deutschland immer gegen Ausbildung und Karriere. Wir sind leider nicht Frankreuch, UK, Australien und Neuseeland, wo man nachher als Profi leichter weitermachen kann.

    Zusätzlich muss an der Segelsport sich weiter öffnen, um bei den Medien mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Von den Medallien-Rennen hatten nur die Nacra´s und 49 FX wirklich Spannung zu bieten. Sonst konnte der Goldgewinner irgendwo im Mittelfeld abschneiden und trotzdem gewinnen.
    Das Star-League- Konzept mit Viertel- und Halbfinale, und Finale, wo der der Erste auch dann Erster ist, steigert die Spannung und ist für Jeden nachvollziehbar.

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    • avatar Observer sagt:

      und in Österreich sind die ganzen Medaillengewinner dann Profissegler geworden??

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  5. avatar Till Behrend sagt:

    Alle sicher nicht. Die Doppelolympiasieger Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher sind aktuell mit dem Red Bull Sailing Team in der Extreme Sailing Series sehr erfolgreich unterwegs. Die beiden Österreicher stecken auch hinter der innovativen Nachwuchsserie Foiling Generation.

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  6. avatar HeinAlfredo sagt:

    Opti, Opti, Opti, man liest hier immer nur Opti. Wer die Vita der beiden Bronzemedaillengewinner kennt, weiß das sie aus dem Teeny sind. Seit 15 Jahren in einem Boot. Die Monokultur Opti verhindert viel zu Talente im Segeln zu halten. Kein Konzept ist das Problem des DSV. Und das wird so bleiben…..

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