Olympia Rio: Deutsche Segler weiterhin ohne Podiumsanschluss – Buhl: „Muss jetzt erstmal gut segeln!“

Salz in den Augen

 

Olympia, Rio de Janeiro, Buhl

Sieht Philipp Buhl gerade seine “Felle wegschwimmen”? © sailing energy

Schwarzer Mittwoch für das Sailing Team Germany in Rio: Niemand unter den Top Ten. Buhl verliert Medaillenränge der Laser allmählich aus dem Blick. Auftakt der 470er und im Nacra 17 sehr mäßig.

„Ich hab‘ Salz in den Augen, dabei war eigentlich alles so klar“, setzte Philipp Buhl in der Interviewzone seinen Erklärungsversuch zu einem weiteren, gebrauchten Tag an. In den Laserrennen fünf und sechs wurde er nur 17. und 13. Nicht genug für die erhoffte Anwartschaft auf Edelmetall. Und noch nicht genug für die Top Ten. Er ist 13., 13 Zähler hinterm Zehnten und 29 hinter „Bronze“ zurück. Die Führung eroberte der Kroate Tonci Stepanovic bei frischen, stark böigen Südwestwinden zurück, jetzt vor dem Briten Nick Thompson.

„Zunächst einmal bin ich maßlos enttäuscht. Die Bedingungen waren ideal, genau was ich liebe. Aber nun denke ich erstmal nicht mehr an eine Medaille, auch wenn es sogar noch möglich ist. Aber dazu muss ich schlicht erstmal gut segeln.“ Punkt. Buhl spürte, dass es bis hierher nicht sein Wettkampf gewesen ist. Immer wieder hakte es hier und da. Zu allem Überfluss verschuldete er noch eine Kollision mit den Mexikaner Yanic Gentry Torfer, der ihm vorfahrtberechtigt ins Heck fuhr. „Bei jeder anderen Regatta winkt er einen vorbei, zumal wir eigentlich gut befreundet sind“, so der Verursacher, „aber bei Olympia haben die meisten ein Messer zwischen den Zähnen.“

Olympia, Rio de Janeiro, Buhl

Ordentlich Druck in der Luft – eigentlich ideal für Buhl © sailing energy

Nicht aggressiv genug an der Linie

Artig drehte der Deutsche seine Strafkringel – und fand sich auf dem 28. Platz wieder. Da nützt dann die beste Aufholjagd nichts, auch wenn sie gut fürs Gemüt ist. Die Zeichen standen auf Angriff vor dem dritten Tag. „Rechts starten und rechts raus, das hatten wir sogar mit einem Seiten-Check nochmal überprüft“, erläutert der Sportsoldat, „aber ich bin nicht aggressiv genug an die Linie rangefahren.“ Sein Fluchen sei zwischendurch richtig laut geworden, „ich habe mich selbst angeschrien“.

Am Ruhetag will er nur abschalten und „etwas rumgammeln“. Aufgeben gelte nicht, das habe ihm seine Mutter immer eingebläut. Lieber erinnert der zweimalige Segler des Jahres sich an die stärksten Comebacks seines Lebens: „In Tallinn war ich nach dem ersten Tag 86. und am vorletzten Zweiter!“

Für das beste Tagesergebnis sorgten Paul Kohlhoff und Carolina Werner aus Kiel als Elfte in der zweiten Nacra 17-Wettfahrt. Zuvor waren sie auf Rang 14 gelandet. Dabei hätte ihre Olympiapremiere ein Befreiungsschlag werden können, den das Sailing Team Germany so nötig hat. Und es sah zunächst wirklich gut aus. Da lag der weiße GER-Kat fast die gesamte Startkreuz an der Spitze des Felds. Doch schon vor der Luvtonne setzte eine beispiellose Windlotterie ein.

Olympia, Rio de Janeiro,Nacra 17, 470er

Hätte ein Befreiungsschlag werden können für das STG: Die Youngster Carolina Werner und Paul Kohlhoff starteten ebenfalls suboptimal in ihre Olympia-Serie © sailing energy

„Das müssen wir auch erstmal auswerten, aber das war katastrophal von den Bedingungen her“, meinte Kohlhoff zurück an Land. „Das mag vielleicht schön ausgesehen haben für die Zuschauer hier am Strand, aber Dreher von 60 bis 70 Grad sind einfach schon krass.“

Als Vierte um die erste Wendemarke versuchte es das Duo durch die Mitte der Bahn. Aber links und rechts davon ging die Post ab. „Druckunterschiede von sechs Knoten nur wenige Meter auseinander waren keine Seltenheit“, berichtet der Steuermann weiter. „Das haben wir hier im Training so extrem noch nie erlebt und sind damit auch überhaupt nicht klargekommen. Der Wind wurde durch die Hochhäuser an Land unberechenbar beeinflusst.“

Topfschlagen wegen Winddreher

„In den Regularien heißt es extra, die Segler müssen mit Winddrehern rechnen“, so Carolina Werner, „abgebrochen wird ein Rennen deswegen nicht.“ Diverse vergebliche Startversuche danach dokumentierten jedoch, dass auch die Wettfahrtleitung ihre liebe Mühe hatte. Topfschlagen nannte der frühere DSV-Präsident Hans-Otto Schümann das immer.

Olympia, Rio de Janeiro,Nacra 17, 470er

Auch die französischen Superstars Besson und Riou hatten einen Schwarzen Mittwoch und liegen sogar noch hinter den beiden Deutschen Nacra-Seglern © sailing energy

Auch der zweite Start war den Youngstern gelungen, doch es fehlten ihnen vielleicht 15 Meter zu einer Windkante in Luv. „Schon drei Knoten Unterschied sind Welten bei uns“, erläutert die Vorschoterin, „da fahren dir die anderen um die Ohren. Schnell genug sind wir sonst, egal ob Leicht- oder Starkwind.“ Es hätte aber auch noch schlimmer kommen können. Die Top-Favoriten aus Frankreich, Billy Besson und Marie Riou, zum Beispiel sind sogar einen Platz hinter den Deutschen zu finden. An der Spitze liegen Matias Buhler und Nathalie Brugger aus der Schweiz.

Lange Gesichter gab es auch bei den 470ern. Weder den Berlinerinnen Annika Bochmann und Marlene Steinherr als 13. und 16. noch Ferdinand Gerz und Oliver Szymanski (München/Kiel) als 13. und 18. gelang ein halbwegs brauchbarer Auftakt. Die Scharte können beide heute auswetzen. Am vierten Tag surft Toni Wilhelm zudem auf dem RS:X-Brett um den Anschluss ans Podium.

Ergebnisse

Olympia, Rio de Janeiro,Nacra 17, 470er

Erstmal wie die anderen “mittig eingereiht”: Bochmann/Steinherr bei ihrem Olympia-Auftakt © sailing energy

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3 Kommentare zu „Olympia Rio: Deutsche Segler weiterhin ohne Podiumsanschluss – Buhl: „Muss jetzt erstmal gut segeln!““

  1. avatar Backe sagt:

    Das mit dem gelungene Start im zweiten Nacra-Rennen habe ich anders gesehen.
    Mir ist bei diesem und auch bei den vorherigen Startversuchen aufgefallen, dass Paul ziemlich lange ziemlich weit hinter der Linie bleibt und dann “auf Risiko” von hinten kommend eine Lücke finden muss.
    Dabei besteht immer das Risiko, nicht von der optimalen, vorher ausgekuckten Stelle losfahren zu können. Und auch beim Timing kann’s leicht heikel werden, wie man im letzten Start gesehen hat. Da waren sie bei Null noch drei Längen hinter der Linie und sind dann ja auch schnell unter die Räder der Boote in Luv gekommen, die höher anfingen und gleichzeitig tiefer fahren konnten.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 3

    • avatar SR-Leser sagt:

      So schlecht war der Start nun auch wieder nicht, denn nach dem Start lagen sie gleichauf mit den anderen Booten und hatten dazu noch freien Wind.
      Dass sie dann zuückfielen lag an einer Zone schwächeren Windes, in die sie hineingeraten sind

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      • avatar Käptn Brassmann sagt:

        Erstmal selbst besser machen, dass ihr nen Start hinkriegt will ich euch nicht abstreiten aber unter so viel Druck wie bei Olympia erstmal abzuliefern gelingt manchmal nicht den besten, wie in vielen Fällen Aktuell in den anderen Fleets und Nationen.
        Unsere Segler könnten wohl lieber ein bisschen Motivation als Proficoaching vom Fernseher gebrauchen! Zumal sie jedem Hierzulande um die Ohren segeln sonst wären sie wohl nicht so weit gekommen! 😉

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