Olympia: Sollten Segel-Sieger von einem Rennen abhängen? – Tests wie vor 25 Jahren

Dejavu

Vier von zehn Goldmedaillen waren in Rio schon vor dem Finalrennen gelaufen. Deshalb haben die Format-Bastler wieder das Wort. In Palma werden neue Variationen getestet. Nicht alles macht Sinn.

In zehn Tagen beginnt für die Olympiaklassen der erste wichtige europäische Wettkampf im nacholympischen Jahr. Die besten Segler der Welt treffen sich bei der Trofeo Princesa Sofía vor Palma de Mallorca. Der nächste Olympia-Zyklus für 2020 beginnt auf der spanischen Insel. Es scheint wie immer in den vergangenen Jahren, und dennoch ist vieles anders.

Nacra 17

Die Nacra 17 vor der Kathedrale in Palma. © Princesa Sofia

Das Internationale Olympische Komitee hatte eine deutliche Modernisierung von den Sportarten verlangt, wenn sie Teil der Olympia-Familie bleiben wollen, und besonders den Seglern wurde nahe gelegt, etwas zu tun. Ein radikaler Disziplinen-Wechsel schien logisch, denn das Segeln hat heutzutage durch die Entwicklung des Foilens genau das zu bieten, was im Kampf um Einschaltquoten auf der großen Sportbühne funktioniert: Speed und Action.

Aber überraschend hielt sich der Weltseglerverband trotz des IOC-Drucks an die früher gemachte Zusage, die Disziplinen bis 2020 einzufrieren. Allein die Nacra17 Kats sollen im Verlauf der Saison zu Foilern umgebaut werden.

Schrauben am Format

So ganz wollten die internationalen Funktionäre den IOC-Wink dann aber doch nicht ignorieren, und das Ergebnis wird bei der Trofeo Princesa Sofía zu besichtigen sein. Als Konzessionsentscheidung wird mächtig am Format der Segelwettbewerbe geschraubt. 2017 soll ein Testjahr werden.

Es geht um das alte Problem beim Segeln: Am Ende kann die Spannung fehlen, wenn einzelne Athleten zu überlegen sind. Bei den Olympischen Regatten in Rio standen die Sieger in vier von zehn Disziplinen (49er, Finn, 47er F, RS:X M) schon vor dem finalen Medalrace fest. Die Live-Übertragungen hatten einen geringen Spannungswert.

Dabei war das doppelt zählende nicht streichbare Medaillenrennen der besten zehn Boote genau dafür erfunden worden, den Medien ein spannendes Live-Finale zu liefern. Oft hat es funktioniert, wie in Rio bei der dramatischen Nacra 17-Entscheidung oder beim Sieg der einheimischen 49er Frauen Crew. Aber überlegene Siege sind nicht erwünscht.

Wie vor 25 Jahren

Deshalb testen die verschiedenen Klassen nun Formate, bei denen sich das Gewicht der Entscheidung mehr und mehr zur Schlussphase der Regatta verschiebt. Die Veranstalter nennen das “innovativ”, aber solche Bestrebungen sind nicht neu. Für mich ist es ein echtes Dejavu. Schon 1995 habe ich mich in meiner Diplomarbeit (SpoWi) mit dem Thema befassen dürfen. Der Titel: “Der Olympische Segelsport auf dem Weg zu mehr Medienwirksamkeit?”

Der Anlass: Auch vor den Olympischen Segelspielen 1996 in Savannah ging es darum, mehr aus dem Sport herauszuholen, um ihn attraktiver für die Medien zu machen. Wir Segler wurden damals mit zahllosen phantasievollen Formaten traktiert, die ebenso darauf abzielten, die Entscheidung auf das Schlussrennen zuzuspitzen.

Höhepunkt war die Entwicklung bei der Semaine Olympique in Hyéres. Die riesige Laser-Flotte wurden in Gruppen eingeteilt, und man musste jeweils versuchen, sich in die nächste Runde zu retten. Die Entscheidung fiel im ausschließlich zählenden Finalrennen.

Das Hyères-Format 1993. Ein schwer zu verstehendes System aus Qualifikation und Hoffnungsläufen.

Der Test wurde bei der Premiere 1993 noch wohlwollend gewertet. 1994 kam es dann wie es kommen musste. Nach besten Starkwind-Bedingungen während der Woche, wurde das ausschließlich zählende kurze Finale bei Flaute durchgeprügelt. Das System war gescheitert.

Finale im Bojen Korridor

Nun gehen die Bemühungen in eine ähnliche Richtung. Bei der 48. Trofeo Princesa Sofía Regatta vom 24.3 bis 1.4. werden verschiedene Formate getestet. Die 49er segeln am Schluss wieder ihre Theatre Style Rennen im schmalen Bojen-Korridor, mit denen sie schon die Finals in Rio entscheiden wollten.

Zuvor sind drei Renntage mit zehn 30minütigen Rennen angesetzt in Flottengrößen von maximal 35 Booten, um über Gold- Silber- und Bronze-Gruppen zu entscheiden. Dabei wird erstmals auch ein Luvtor, wie beim America’s Cup eingesetzt. Wie in Lee können beide Marken alternativ gerundet werden.

20 Boote erreichen die Gold-Fleet und sie nehmen die Hälfte der Punkte aus der Qualifikation mit. Nach weiteren sechs 20-Minuten-Rennen erreichen die Top Ten das Finale, für das erneut die halbe Punktzahl gestrichen wird. Drei 10 bis 12 Minuten Rennen entscheiden über die Endplatzierung.

Das Format für die Finn Klasse.

Für die Finn Dinghies und 470er sind neun Fleet Races in der großen Flotte geplant, wonach die Final-Teilnehmer bestimmt werden. Die besten beiden Boote kommen direkt ins Finale, die nächsten drei rutschen ins Halbfinale, und die verbleibende Flotte segelt noch ein Rennen um aus der Gesamtwertung weitere fünf Boote für das Halbfinale zu bestimmen.

Dieses wird dann in einem Rennen mit acht Booten ausgesegelt und die Top drei qualifizieren sich für das Finale, wo sie auf die beiden Sieger der ersten Runde treffen. Fünf Boote segeln das letzte Rennen und starten mit Null Punkten. Der Sieger wird also in einem Lauf entschieden. Macht das Sinn?

Entscheidung in einem Rennen

Klar, für Medien und Zuschauer ist es spannend. Man muss nicht rechnen, das erste Boot hat gewonnen. Die Star Sailors League hat gezeigt, dass man sich das gut ansehen kann, auch wenn die Entscheidungsrennen oft etwas lang geraten. Aber, mit Verlaub, es handelt sich bei den Staren dann doch eher um Showrennen und nicht mehr Olympia. Kann die Entscheidung in einem Rennen fair sein?

Es ist erstaunlich, dass die Antwort nun nach Praxis-Tests erfolgen soll. Wie geschrieben ging es schließlich schon vor 25 Jahren um die gleiche Fragestellung, und die Vorgaben haben sich nicht verändert. Man muss nichts ausprobieren. Es entspricht schon immer dem allgemeinen Verständnis, dass Segelregatten umso unfairer entschieden werden, je weniger Rennen sie umfassen.

Denn anders als in anderen Sportarten spielt durch die veränderlichen äußeren Bedingungen der Glücksfaktor eine gewisse Rolle. Deshalb ist es das Ziel von Segelwettkämpfen, durch möglichst viele Rennen diesen Einfluss zu verringern. Der “komplette Segler” soll gefunden werden. Derjenige, der im Durchschnitt alle Windbedingungen am besten beherrscht.

Wer das nicht will, verschließt sich diesem Prinzip und ändert den bisherigen Sport gewaltig. Das kann man machen, am grünen Tisch bestimmen oder als Reaktion auf den IOC-Druck erklären. Aber testen muss man das nicht. 

Die 49er haben sich schon länger mit dem Thema beschäftigt und ausgiebig auch mit den Seglern diskutiert. Die Lösungsansätze könnten Sinn machen. Vor Rio wurden ihre Vorschläge abgelehnt. Vielleicht hört man jetzt auf sie.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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