Olympische Kloake: Angeblich verbesserte Wasserqualität vor Rio

Nur noch ein bisschen eklig?

Nun doch ein gesegnetes Segelrevier? © secretaria do estado do ambiente

Nun doch ein gesegnetes Segelrevier? © secretaria do estado do ambiente

Eigentlich sei alles nur halb so schlimm, berichtet das brasilianische Umweltministerium den Medien und dem Parlament: Bereits 50 Prozent der Abwässer werden geklärt, das zukünftige Olympiarevier sei „fast sauber“. Fast!

Viele wollten ihren Ohren nicht trauen. Trotz zahlloser Berichte von Seglern aus allen Teilen der Welt, die in den letzten Monaten im zukünftigen Olympischen Segelrevier vor Rio de Janeiro in wahren Müllhalden trainierten (SR berichtete), gab es nach dem Olympischen Test-Event „Aquece Rio“ (2.-8.8.) plötzlich ganz andere An- und Einsichten – auch seitens mancher Segler.

Zehntausende Tonnen Müll und Millionen Liter Abwässer werden jeden tag in die Bucht geschwemmt © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

Zehntausende Tonnen Müll und Millionen Liter Abwässer werden jeden Tag in die Bucht geschwemmt © Secretaria de Estado do Ambiente do Rio

So berichtete etwa die neuseeländische 470er-Steuerfrau Jo Aleh – die früher oft lautstarke Kritik an der Wasserqualität des nächsten Olympiareviers übte – gegenüber brasilianischen und nordamerikanischen Medien, dass diesmal alles „ganz anders gewesen sei“.

Frau habe viel weniger Dreck erblickt, das Wasser sei mitunter glasklar gewesen. Und ihre Vorschoterin McIntyre ergänzt: „Wir haben zwar einen toten Hund, aber auch Delfine gesehen!“ Die Sorge um die Wasserqualität hier vor Rio sei verständlich, aber mitunter etwas übertrieben.

Alles sauberer als vor ein paar Wochen?

Auch einige andere Segler verschiedener Nationen äußerten sich nach dem Event eher wohlwollend zweck optimistisch: Es treibe nur wenig sichtbarer Müll auf der Wasseroberfläche und alles mache einen deutlich saubereren Eindruck als noch vor Monaten.

Andererseits berichteten zum Beispiel die österreichischen 49er Segler, dass sie eine Kollision mit Treibgut in Führung liegend auf einen hinteren Platz hat zurückfallen lassen. Weitere Vorfälle dieser Art gehörten zum Alltag der Segler.

Gut lief es nur auf den Außenbahnen im offenen Meer. Dort fanden Sportler wie Wissenschaftler schon immer deutlich bessere Wasserqualitäten vor, als in der Guanabara Bucht, wo die meisten Rennen stattfinden sollen.

So verlaufen die wichtigsten Strömungen in der Bucht: hell = hoher Austausch, dunkel = nahezu Stillstand © secretario do ambiente

So verlaufen die wichtigsten Strömungen in der Bucht: hell = hoher Austausch, dunkel = nahezu Stillstand © secretario do ambiente

Aber die brasilianischen Umweltbehörden beglückwünschten sich zu „ansehnlichen Fortschritten bei der Verbesserung der Wasserqualität im Olympischen Segelrevier“. Das Olympische Organisations-Komitee in Rio sowie der zuständige Minister Leonardo Espindola sprachen gar davon, dass die Wasserqualität jetzt akzeptabel sei.

Zwar werden erst 50 Prozent der Abwässer, die über Flusssysteme in die Bucht gelangen, geklärt, aber „bis 2016 werden wir 80 Prozent erreichen!“ Und das sei mehr als bei vielen anderen Segelrevieren!

Unterstützung erhielt der Minister bei seinem Bericht vor dem brasilianischen Parlament von dem nordamerikanischen Ozeanografen David Zee. Der lobte vor allem die Wirksamkeit von derzeit bereits installierten und aktiven zwölf Eco-Barrieren (die den groben Müll an der Flussmündung abfangen sollen), mehreren Eco-Booten, die auf der Wasseroberfläche treibenden Dreck abschöpfen (der eben doch nicht an der Mündung abgefangen wurde) sowie einer neuen Müll-Aufbereitungsanlage, die nahe der Bucht errichtet wurde.

Eine Frage des Zeitpunktes

Espindola weiter: „Die Wasserqualität in unserer wunderschönen Bucht ist wirklich nicht so schlecht wie manche behaupten – aber auch nicht so gut, wie andere denken!“

Tatsächlich haben die Behörden (und das Olympische Komitee) den optimalen Zeitpunkt für Wasserproben und Zustandsbericht gewählt: In der jetzigen trockenen Jahreszeit, während der übrigens auch die Olympischen Spiele stattfinden werden, fließen deutlich weniger Abwässer ungeklärt ins Meer.

Hier die ungefähre Lage der Segelbahnen während der Olympischen Spiele

Hier die ungefähre Lage der Segelbahnen während der Olympischen Spiele

Bei starken Regenfällen dagegen laufen selbst die offiziellen Klärgruben und –Aufbereitungsanlagen über; ganz zu schweigen von den Tausenden „wilden“ Klärgruben, die in den Favellas oder weiter oben entlang des Flusslaufes nach wie vor trauriger sanitärer Standard sind.

Die übergelaufene Kloake fließt dann nicht nur mit dem Fluss ins Meer, sondern bildet Bäche, die sich wiederum zu kleinen Flussläufen vereinen. Einer der wichtigsten Abwasser-Einlaufpunkte ins Meer liegt unweit des Yachtclubs „Marina da Gloria“ – dem Olympischen Segelzentrum 2016.

 Da wären noch die Strömungen

Legt also die Trockenzeit den „Mantel des Schweigens“ über die Wasserqualitäts-Debatte im Olympischen Segelrevier? Wohl kaum, denn es gibt noch ein  weiteres Sorgenkind, über das jedoch seltsamerweise nur wenig geredet wird.

Schwimmende Eco-Müllsammler © secretario do ambiente

Schwimmende Eco-Müllsammler © secretario do ambiente

Denn ausgerechnet während der bis dato „gepriesenen“ Trockenzeit findet innerhalb der Bucht auch nur sehr geringer Wasseraustausch statt, da sich die Strömungsgeschwindigkeiten  stark verringern. Draußen vor der Bucht braucht die Natur gerade mal einen Tag, um Frischwasser gegen Altwasser auszutauschen. Aber in der Bucht kann das in dieser Jahreszeit durchaus mehr als einen Monat dauern…

Übrigens, in Rio gibt es bereits einen Running-Gag zum Thema „Segeln“:

„Hey, das Meer ist heute so sauber – muss bald wieder Regatta sein!“

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Olympische Kloake: Angeblich verbesserte Wasserqualität vor Rio“

  1. avatar Ole H. sagt:

    Auf der ISAF Webseite liest sich auch alles ganz toll – gibt es deutsche Teilnehmer an den letzten Regatten, die zumindest einen Maulkorberlass seitens der Veranstalter bzw. ISAF bestätigen oder dementieren könnten?

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

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