Olympisches Segeln: Heil/Plößel kündigen Kampagne für 2020 an – Beginn einer neuen Ära?

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Die erfolgreichsten deutschen Olympiasegler Erik Heil und Thomas Plößel geben noch einmal vier Jahre Gas. Die Entwicklung im internationalen Sport bietet den Bronze-Gewinnern ganz neue Chancen.

Heil/Plößel

Die 49er Europameister Heil/Plößel geben weiter einmal Gas. © Heil/Plößel

“Wir machen weiter”, sagt Thomas Plößel. Ein einfacher Satz, fast beiläufig gesagt und dennoch hängt er bedeutungsschwer im Raum des NRV-Clubhauses an der Alster. Er ist für einen Olympiasegler wahrlich nicht einfach auszusprechen. Wer sich dem einen Ziel verschreibt, vier Jahre in die Medaillen-Jagd zu investieren, geht ein großes Risiko ein. Der Erfolg wird bei einer einzigen Regatta gemessen.

Es ist eben nicht wie beim Fußball, wo man auf dem Karriere-Weg quasi so nebenbei zum Millionär wird. Segler auf Weltniveau müssen längst als Vollprofi arbeiten, werden aber nicht als solche bezahlt.

Dabei stellt die Wasserarbeit noch den geringste Aufwand dar. Einer Wasserstunde stehen sieben Stunden Arbeit an Land gegenüber, bekundet der Bronze-Gewinner. Viel Zeit geht am Schreibtisch für Buchhaltung, Trainings-, Reise- und Sponsorplanung drauf.

Plan B ist wichtig

Aber der 28-Jährige versucht auch, sich die Karriere-Chancen für eine Zeit nach dem Segeln offen zu halten. Im Winter will er in Berlin sein Maschinenbau-Bachelor-Studium abschließen. Es kann im olympischen Spitzensport schnell sein, dass es mal nicht mehr so läuft, das Geld ausgeht, eine Verletzung zurückwirft. Dann ist ein Plan B wichtig.

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49er Heil/Plößel legen einen sauberen ersten Tag in Rio hin © sailing energy

Ein Leben als Profisegler auf der höchsten Olympia-Ebene ist in Deutschland immer schwerer zu realisieren. Das ist ein Thema für den gesamten Spitzensport im Land. Der Aufwand wird größer, die Medaillenausbeute geringer. Der Deutsche Olympische Sportbund will drauf im neuen Olympia-Zyklus mit einer neuen Förderstruktur reagieren, die noch mehr auf die absolute Spitze ausgerichtet ist. Wer aus diesem System fällt, wird es noch schwerer haben, den Anschluss zu halten.

Internationale Konkurrenzfähigkeit bedingt absoluten Fulltime-Einsatz. Dabei muss man normalerweise einen langen Atem haben. In Rio ist ein Medaillengewinn in den acht olympischen Klassen, die nicht zum ersten Mal dabei sind wie 49er FX und Nacra17, nur acht Seglern und Teams bei der ersten Olympiateilnahme gelungen. 16 waren schon einmal dabei und zehn haben ihre zweite Medaille gewonnen. Es kommt auf Erfahrung und Kontinuität an. Überraschungen waren selbst auf einem so unvorhersehbaren Revier wie Rio kaum möglich.

Die Besten traten nach London ab

Diese Erkenntnis ist nicht neu. Aber das deutsche System ist im Segelsport nicht darauf ausgerichtet. In Rio hatten nur Ferdinand Gerz (470er) und Surfer Toni Wilhelm Olympia-Erfahrung. Die Besten aus London 2012 traten ab.

Lasersegler Simon Grotelüschen (Olympia 6.) zog eine Mediziner-Karriere vor, und Surferin Moana Delle (Olympia 5.) erklärte, sie habe ihre persönlichen Ziele erreicht. Sie widmete sich ihrem Bau- und Umweltingenieur-Studium. Auch vier Jahre zuvor hatten die Peckolt-Brüder nach ihrer mit Bronze belohnten Premiere den Olympia-Schlussstrich gezogen. Beide sind erfolgreich in den Beruf eingestiegen.

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Erik Heil und Thomas Plößel beim Sling Training in ausgefallener Kulisse. © Heil/Plößel

Erik Heil und Thomas Plößel haben das noch nicht vor. Und noch besser: Auch ihre Sparringspartner und Freunde Justus Schmidt und Max Böhme wollen weiter machen. Plößel betont noch einmal, wie wichtig die beiden für die gemeinsamen weiteren Pläne sind. Schmidt/Böhme hatten den Teamkollegen fast das Rio-Ticket abgejagt und waren selber zum EM-Titel segelt.

Beide Crews zusammen stellen die stärkste Trainingsgruppe der Welt im olympischen Segelsport dar. Sie wissen, was sie aneinander haben, und Plößel macht keinen Hehl daraus, dass diese Gemeinschaft einer der Gründe ist, warum beide weitermachen. Aus dieser Konstellation ergibt sich eine extrem hohe Wahrscheinlichkeit, dass eine der beiden Crews erneut in vier Jahren auf dem Olympia-Podium jubeln kann.

Leben am sportlichen Limit

Die vier Männer ziehen einfach viel Freude aus dem gemeinsamen Weg. Sie haben das Leben am sportlichen Limit für sich entdeckt. Der Spaß bringt die nötige Lockerheit und den Optimismus, der zu Erfolgen führt.

Heil/Plößel

Das 49er Erfolgsduo Erik Heil und Thomas Plößel. © STG

Wie ehrlich die gegenseitige Wertschätzung ist, zeigt die Initiative von Plößel, der in aufwendiger Bastelarbeit Repliken der Bronze-Medaille anfertigte und sie den Kumpels übergab. Bei jedem anderen mag so etwas aufgesetzt wirken, bei dem gebürtigen Oldenburger nicht. Ihm ist anzumerken, wie wichtig ihm eine solche Geste ist.

Diese Kombination der vier ist mehr als die Summe der Teile. Sie ist ein unschätzbarer Vorteil im internationalen Wettbewerb, und könnte noch intensiviert werden. Denn die vier planen den Einstieg in den echten Profi-Sport. Eine Teilnahme bei der Extreme Sailing Series wäre logisch, und vielleicht öffnet sich schneller als erwartet ein Fenster für den America’s Cup.

Gefüllte America’s-Cup-Töpfe

Nie waren Olympiasegler so nahe an den gefüllten Töpfen des Cups. Mit den 49er Olympiasiegern Peter Burling und Blair Tuke (Team New Zealand) sowie den Silber-Gewinnern Nathan Outteridge und Ian Jensen (Artemis) sitzen die besten Skiff-Piloten an den zurzeit lukrativsten Schlüsselpositionen des Segelsports. Und nur knapp dahinter lauern die Deutschen.

Deutsche 49er Teams

Die deutschen 49er Segler Thomas Plößel (v.l.) Max Böhme, Erik Heil und Justus Schmidt sind gut drauf. © Marina Könitzer

Jochen Schümann meinte noch in der Diskussion um den Youth America’s Cup 2013, dass die Youngster auf dem Nebenkriegschauplatz ihre Olympiakampagne aufs Spiel setzen. Die internationale Entwicklung hat gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Moderne Segler sind erfolgreich, die es schaffen auf mehreren Hochzeiten zu tanzen und sich durch neue Herausforderungen in anderen Disziplinen weiter entwickeln.

Deshalb investieren die Cup-Teams in ihre Spitzenpiloten. Und die nutzen das professionelle Umfeld zumindest in der 49er Klasse als Basis für die Erfolge im Olympia-Zirkus. Eine Trennung der verschiedenen Spielfelder ist heutzutage kaum noch möglich.

Weg in den lukrativen Profi-Segelsport

Auch die übrigen Cup-Teams werden überwiegend mit Olympiaseglern besetzt. Ben Ainslie, Giles Scott, Tom Slingsby sind herausragende Namen. So mag es sich für die Deutschen auch perspektivisch lohnen, Zeit, Tränen und Schweiß für diesen Weg zu investieren. Plötzlich scheint es möglich, dass die Entwicklung des Profi-Segelsports hin zu den rasenden Foilern eine echte Chance für die jungen deutschen Vorzeige-Segler sein könnte.

Aber das kann noch dauern. Zwar werden nach dem America’s Cup 2017 die Karten neu gemischt, aber jetzt geht es erst einmal darum, eine schlagkräftige Olympiakampagne aufzusetzen.

Yacht Racing Image

Der Doppelsalto von Erik und Tommi in Rio nach dem Bronze-Gewinn. © Gilles Martin-Raget

Die Finanzierung ist nicht einfach. Das Sailing Team Germany steht nicht mehr zur Verfügung und die Fortführung des Audi-Engagements ist fraglich. Die Entscheidung fällt in der nächsten Woche.  Der Jahre lange Kleinkrieg des STG mit dem DSV hat viele Ressourcen verbrannt. Wer weiß, was ohne den unsäglichen Streit möglich gewesen wäre. Trotz der strahlenden Bronzemedaille in Rio wird gerne vergessen, dass die selbst definierten Ziele der Segler deutlich höher gesteckt waren. Aber nun muss sich zeigen, ob es der Verband ohne den ungeliebten Partner tatsächlich besser kann.

Red Bull an Bord

Ambitionierter deutsche Olympia-Segler können sich schon lange nicht mehr alleine auf die offizielle Unterstützung verlassen. Private Sponsoren sind wichtig, die selbst organisiert werden müssen. Da haben es die Segler der attraktiven Skiff-Klasse noch etwas leichter. Und die Medaille hilft. Die Entscheidung der deutschen Vorzeige-Segler zum Weitermachen hat auch damit zu tun, dass Red Bull weiter an Bord ist. Plößel setzt nicht nur bei der Pressekonferenz die Kappe des Brause-Herstellers professionell in Szene (die persönliche Rio-Bilanz für Red Bull).

Aber trotzdem geht es nicht ohne private Förderer und die Beteiligung der Vereine, wenn die vier Jahre bis zum Ziel überstanden werden sollen. Für Erik Heil und Thomas Plößel ist es wichtig, dass verlässliche Partner wie das NRV Olympic Team bei der Stange bleiben.

Rio 49er

Erik Heil und Thomas Plößel segeln weiter für Deutschland. © HP Sailing

Seit 2004 bündelt der Verein an der Alster Sponsoren in einem Pool, um sie an ihre Spitzensegler zu vermitteln. Der Fleischgroßmarkt Hamburg, Salzbrenner, Peter Mattfeld & Sohn und die Kieler Nachrichten sind dabei. Die neue Schirmherrschaft von Sportsenator Andy Grote veredelt das Engagement, dessen Effektivität durch die erste Segelmedaille seit acht Jahren bewiesen wird. Es ist das ein starkes Signal für zusätzliche Geldgeber.

Zu den wichtigen Unterstützern gehört auch die Bundeswehr. Allerdings nur für Steuermann Erik Heil. Dafür muss der Obermaat gerade einen achtwöchigen Lehrgang absolvieren und kann deshalb nicht in Hamburg sein. Aber er verbringt die Zeit mit Lasersegler und Kumpel Philipp Buhl, der ebenfalls vier Jahre olympisches Segeln dran hängt. Zusammen ist es einfach leichter.

Erik Heil Ohilipp Buhl Bundeswehr

Philipp Buhl und Erik Heil zusammen bei der Bundeswehr. © hp-sailing

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Olympisches Segeln: Heil/Plößel kündigen Kampagne für 2020 an – Beginn einer neuen Ära?“

  1. avatar max kirchheim sagt:

    “Das Sailing Team Germany und Sponsor Audi stehen nicht mehr zur Verfügung.”

    Gibt es dazu mehr Infos? Konnte bei einer kurzen Recherche nichts finden. Was bedeutet das für die Kieler Woche?

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    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      edit: Die finale Entscheidung bei Audi fällt in der nächsten Woche

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