Paul Borowski: Deutscher Doppel-Olympiamedaillengewinner gestorben – Erinnerungen

Grand Signeur des Ost-Segelsports

Einer der erfolgreichsten deutschen Segler ist gestorben. Paul Borowski erlag zwei Tage vor Weihnachten seiner schweren Krankheit. Der 75-Jährige Rostocker gewann 1964 in Mexiko olympisches Drachen-Bronze für die DDR zusammen mit Karl-Heinz Thun und Konrad Weichert und in der gleichen Besetzung vier Jahre später in Kiel sogar Silber.

Dabei diente ihm der legendäre Drachen D37 “Mutafo” als Sportgerät, der schon vier Jahre zuvor Peter Ahrend zur ersten DDR Segel-Medaille (Silber) verholfen hatte. Damit gewann Borowski auch WM-Silber (1970) und zwei EM-Titel (1970, 72).

Der Name Borowski bekam später noch einen besonderen Klang, weil die Söhne Jörn und Bodo sein Wissen in Erfolge umsetzten. Jörn Borowski holte 1980 Olympia-Silber im 470er und stieg dann in den Flying Dutchman um, wo er ebenso einen Platz im neuen A-Kader nach der Wende besetzte wie sein Bruder Bodo als Steuermann eines weiteren FDs.

Erinnerungen – Ein Abend mit Paul Borowski

Was waren wir – Andreas Willim und ich – damals beeindruckt 1989 bei unserer ersten EM im Flying Dutchman. Die Jungs aus der DDR holten auf dem Plattensee in Ungarn Silber und Bronze, Ulf Lehmann/Stefan Mädicke aus Schwerin und Jörn Borowski/Mathias Kroh aus Rostock ließen nur die einheimischen Ungarn ziehen. Der legendäre Name Borowski nahm Gestalt an.

Aber es war eher ein Beobachten aus der Ferne. Offene Kontakte zu den DDR-Kollegen waren unerwünscht. Es gab ja noch den Eisernen Vorhang. Dann – zack – fiel die Mauer. Plötzlich waren die Gegner von drüben Kader-Kollegen und eigentlich noch härtere Gegner.

Wir wollten alle dasselbe, den einen deutschen Olympiaplatz in Barcelona 1992. Es gab ja auch noch die 89 Weltmeister Albert Batzill/Peter Lang und Vize-Weltmeister Markus Wieser/Peter Fröschl aus dem Süden.

1990 schafften es sage und schreibe sechs FD-Teams in den A-Kader, der eigentlich für den potenziellen Olympia-Bewerber gedacht ist. Wir packten es durch EM-Bronze in Spanien 1990, aber auch Bodo Borowski/Andreas Berlin rückten noch in die Nationalmannschaft.

Eine spannende Zeit, in der wir auch die Bekanntschaft von Paul Borowski machten. In der Winterzeit, als die Kollegen im Süden ihre FDs schon in den Schuppen stellten, machten sich die Jungs aus dem Osten noch zum Anpassen bereit. Sie waren es gewohnt, auch im Winter vor Gelsdorf auf der Warnow hart zu arbeiten.

Es spielte eine Menge Respekt mit, als wir die neuen Team-Mitglieder in Rostock besuchten. Viele Wessis werden so kurz nach der Wende noch nicht “drüben” gewesen sein. Der Wissen-Austausch war offen. Bodo Borowski bastelte gerade an einer Diplomarbeit über Segelvermessung. Der Umgang mit den Jungs, die sich noch vor Monaten bei der SPA-Regatta in Holland sofort nach den Rennen in ihren Bus zurückzogen, war herzlich, die Familie offen.

Am Abend ging es zum Kegeln. Von wegen Muckibude, Eisenbiegen oder sonstige DDR-Einpeitsch-Maßnahmen. Wir wurden in eine Rostocker Spelunke geführt um Holz-Kegel umzurollen. Wie immer an diesem Tag in der Woche, sagten die Kader-Kollegen.

Paul Borowski trumpfte groß auf. Der Mann, der sonst eher eine  ruhige Kugel schiebt, warf das Geschoss, breitete die Arme weit aus, beugte sich nach links und rechts und schien es fernsteuern zu können. Lachend traf er, wie er wollte. Seine Jungs winkten ab. Sie kannten das schon. Auch nach verstärkter Flüssigkeit-Aufnahme ließ die Leistung nicht nach. Der Mann war ein Gewinner.

Wir gaben uns Mühe, vor dem Grand Signeur des Ost-Segelsports nicht allzu peinlich die Kegel zu verfehlen, aber er war offenbar zufrieden mit den Wessi-Jungspunden. Keine Ahnung, ob er immer so war, ob er jeden so nah an sich und die Familie heran ließ.

Die Situation damals war sicher nicht einfach. Die gesicherte durch sportliche Erfolge untermauerte Existenz war der Ungewissheit gewichen. Im Rückblick ist die Unbeschwertheit dieses Abends bemerkenswert. So locker und völlig unpolitisch. Es ging nicht um Ost und West, auch nicht um Olympia. Ein paar Segler hatten Spaß miteinander und natürlichen Respekt.

 So verlief auch die Olympiaqualifikation. Paul Borowski trat aktiv nicht mehr an vorderster Front auf. Aber wenn man von den Söhnen auf seinen Spirit schließen kann, hat er ihnen Fairness und Sportsgeist vorgelebt. Während einer Ausscheidung lernt man sich gut kennen.

Vielleicht wusste er auch schon, dass seine Jungs es schwer haben würden. Das Material der DDR FDs war bei Wellengang nicht mehr konkurrenzfähig. Die Mader Schiffe waren schneller. Jörn Borowski stieg noch kurzfristig um, die Zeit reichte aber nicht aus, um sich auf das neue Fabrikat umstellen zu können.

Paul Borowski spielte noch eine wichtige Rolle im Rostocker Yacht Club und gab sein Wissen als Wettfahrtleiter und Organisator weiter. Aber mit ihm ist ein Großer von Bord gegangen. Ein wichtiger Teil deutscher Segelsportgeschichte.

Buchtipp: Die Geschichte des DDR-Segelsports von André Keil


avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Spenden
http://nouveda.com

Ein Kommentar „Paul Borowski: Deutscher Doppel-Olympiamedaillengewinner gestorben – Erinnerungen“

  1. avatar Rolf Albert sagt:

    Das tut weh ! Noch im Sommer während der Warnemünder Woche sah man ihn, stehend auf nem dicken Segler, wir in den FD`s vom Wasser aus ahnend, dass er seinen Skipper innerlich verfluchte, der ihn immer wieder (zu weit) von unserer Bahn wegsegelte… sanft getiskulierend, offenbar in Gedanken eins mit Jörn und Bodo, die die Serie auch promt u. überlegen gewannen…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *