Pirat Klassenporträt: Till Krüger erklärt, warum er zur Hackebeil-Klasse wechselt

"Einfach nur Spaß..."

Bunte Piraten Spis auf dem Tegeler See in Berlin. © Piraten KV

Nach drei Jahren im 420er bin ich aus der Jugendklasse herausgewachsen. Und es stellt sich die Frage: Was nun? Optionen gibt es ja. Eher ein schnelles Skiff wie 29er oder 49er? Lieber die logische Fortsetzung der 420er-Karriere im 470er?

Eines war mir klar. Ich will nicht länger den absoluten Leistungsweg gehen. Das ewige Trainieren und die vielen Regatten sind mit anderen Verpflichtung nach dem Abitur nicht unter einen Hut zu kriegen.

Also sah ich mich weiter um und entdeckte zum Beispiel die J24. Ein etwas träges Boot, das eigentlich nie sonderlich hohe Geschwindigkeiten erreicht. Aber bei allen Regatten in Hamburg sind mindestens 20 Boote am Start. Außerdem gefallen mir die Leute. Sie haben immer einen Witz auf den Lippen hat. Eine echte Alternative.

Doch es gibt eben auch den Piraten. Er liegt nahe, weil mein Vater selber langjähriger, nicht gerade unerfolgreicher , Piraten-“Süchtiger” ist.

Im vergangenen Jahr bekam ich prompt eine Einladung zur Jugendeuropameisterschaft. Ich konnte das Boot meines Vaters nutzen und mit meiner Freundin segeln und so versuchte ich mein Glück.

Auf dem Wasser klappte eigentlich alles super. Unser finaler, durchschnittlicher 15. Platz lag dann wohl doch eher an mir. Aber es hat trotzdem Spaß gemacht. Ich war die ewige Konkurrenz und den Druck aus dem 420er gewohnt.

Aber hier gab es viele Segler, die einfach nur segeln und Spaß haben wollten. Die Endplatzierung war nicht so wichtig. Die Gruppe war hilfsbereit. Und allen “Konkurrenten” wurde mit vielen Tipps gerne unter die Arme gegriffen. Ich konnte viel über das Boot lernen.

Der Pirat wird oft abgestempelt. Es gäbe kaum Leistung, keiner segelt das Boot ernst usw. Aber das stimmt nicht. Die Qualität ist hoch. Als Einsteiger gelang mir nur selten ein Platz in den vorderen Regionen des Feldes. Es war geradezu unmöglich, einmal um den Sieg mitzufahren.

Die 45 Teilnehmer dieser Regatta konnten allesamt segeln – und das nicht schlecht. Mit einem schlechten Start fand man sich gerne auch mal ganz hinten wieder.

ONSAILCTM
Dieses Erlebnis beantwortete meine Frage zur Wahl der nächsten Bootsklasse. Ich war danach so angetan, dass ich gleich im Herbst die nächste Regatta segelte. Nun habe ich das Glück, ein älteres Boot meines Vaters zu bekommen. Ansonsten gibt es segelfertige Piraten gebraucht ab 4.000 Euro und neu bis 16.000 Euro.

2011 wird spannend. Meine Freundin macht mit, und im Frühjahr geht es schon zum Gardasee, im Sommer zur Deutsche Meisterschaft an die Müritz und zur Euro an den Balaton in Ungarn.

Ich bin in der Klasse angekommen.

Fakten zum Piraten:

–   den Piraten gibt es seit 72 Jahren
–   in der Rangliste 2010 sind 136 Teams aufgeführt
–   Ein hoher Anteil der Teams besteht aus gemischten Crews
–   Die erste Steuerfrau liegt auf Rang drei der Rangliste
–   Das erste Frauenteam liegt auf Platz vier der Rangliste
–   Die Klassenvereinigung hat 626 Mitglieder
–   Der Pirat ist offizielle DSV-Jugendboot-Klasse
–   Der aktuelle Starboot-Spitzensegler Johannes Babendererde kommt aus dem Piraten

Seite der Klassenvereinigung

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6 Kommentare zu „Pirat Klassenporträt: Till Krüger erklärt, warum er zur Hackebeil-Klasse wechselt“

  1. avatar jorgo sagt:

    Alle frustrierten oder rausgewachsenen Jollensegler sollten auch mal über eine etwas andere Alternative nachdenken:
    Ich selbst bin nach OK, Pirat,Varianta,420,Laser,470,Sprinta-Sport,IOR Halbtonner,RORC Oldtimer,DART,Melges 24,J 80…. letztlich beim Formula 18 Kat gelandet. Habe zwischendurch mal immer wieder andere Klassen gesegelt und tue das auch jetzt noch (auch mit viel Spaß in meinem alten Laser), aber…. lasst es Euch gesagt sein:
    Katamaransegeln ist einfach geil! Es macht immer Spaß. Auch wenn es leistungsmäßig mal nicht so gut läuft – man im hinteren Mittelfeld zu versauern droht – die Faszination Speed und Effizienz ist immer da, speziell bei so einem unkomplizierten und trotzdem hochentwickeltem Boot wie dem F 18.

    Nach vielen, auch tlw. sehr erfolgreichen Jahren auf Jolle und Kielboot hatte ich, mehr durch Zufall, meine Vorurteile gegen Kats mal abgelegt und getestet. Nach kürzester Zeit dachte ich einfach nur noch: “Warum habe ich das nicht schon viel eher ausprobiert? Warum habe ich bloß solche Vorurteile gehabt?”
    Das ging bei mir ja soweit, dass ich beim DSV Ende der 1970-iger Jahre einen Kaderplatz im Tornado ausgeschlagen habe….. .
    So hat es denn noch fast 20 Jahre gedauert, bis ich diesen Fehler erkannt habe…. . Dafür macht es mir seitdem umso mehr Spaß!

    Das Gefühl manchmal fast lautlos auf einem Rumpf über dem Wasser zu schweben, grosse Entfernungen in kürzester Zeit zurückzulegen, problemlos am Strand anlegen zu können ….. Außerdem sind in der Szene viele nette und entspannte Leute unterwegs.
    F 18 Boote gibt es z.B. schon durchaus brauchbar ab ca. € 5.000,- . Brandneu ab ca. 17.000,-. Ein Schwesterschiff des amtierenden Weltmeisters kostet um die 20.000,- komplett regattafertig. Soviel Speed fürs Geld gibt es kaum woanders.
    Mehr Infos unter http://www.f18kv.de

    An alle Piraten: Nix für ungut! Habe meine ersten Regatten auf G 92 Vollholz-Mahaghoni gesegelt. Daran habe ich gute Erinnerungen.

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  2. avatar Marc sagt:

    Ich bin eher für das andere Kampfwerkzeug im Segel: Korsar! Schnelles Gleiten, schickes Boot und eine sehr nette Klasse(auch wenn der Großteil zwischen 35 und 45 ist, nimmt der Anteil an Mit- und Endzwanzigern zu). Und man muss als Vorschoter keine 80-100 kg haben wie im 505er oder FD.
    Dazu gibts das Boot auch schon ab 15k EUR neu. Gute gebrauchte, regattafähige Boote für 6-8k EUR.

    So Werbesendung Ende 😉

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  3. avatar Thomas sagt:

    Für den Pirat spricht mit Sicherheit die Langlebigkeit (es ist kein Problem mit einem 15 Jahre alten Boot vorne zu fahren) und die Kameradschaft.
    Ausserdem ist das seglerische Niveau vor allem in der Breite sehr hoch und man kann viel lernen. Dies führt übrigens oft bei direkten Ein- oder Optiumsteigern am Anfang zu etwas frust, weil es sehr wenige einfach einzufangende Hinten gibt.
    Und die Erfolge von Piratenseglern wie Marc Pickel, Johannes Babenerde, Jochen Wolfram u.a. in der taktischen Königsklasse Starboot sprechen auch deutlich für den Pirat!

    Ein (Ex-) Piratensegler

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    • avatar Torsten sagt:

      Welche Bootsklasse man segelt, scheint mir an erster Stelle damit zu tun zu haben, ob man die Leute, also die Konkurrenz in der Klasse mag, und dann, ob einem das Boot gefällt. Das kommt in dem Artikel von Till Krüger ganz schön heraus, finde ich.

      Ein Umstieg vom 420er in den Piraten ist ja ein Wechsel auf ein sehr anderes Bootskonzept. Es lebe die Abwechslung! Bei mir war es andersherum so, dass ich nach Pirat und verschiedenen Kielbooten das Erweckungserlebnis beim Korsar hatte (“Ah, so geht also richtiges Segeln!”).

      Aber für Regattasegler ist letztlich entscheidend, ob man die Konkurrenz mag. Was jede einzelne Klasse dann an Fakten bemüht, warum man gerade dieses Boot segeln soll, scheint mir oft nicht entscheidend zu sein, oder austauschbar. Das Argument, dass man auch mit 15 Jahre alten Booten ganz vorne segeln kann, mag für den Piraten zutreffen, gilt aber für sehr viele Bootstypen und schon seit langem auch für die Leichtbaujollen Korsar, 505er und FD.

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      • avatar Thomas sagt:

        Kein Widerspruch, wobei die Thematik Lebenszeit bei Klassen wie z.B. 420er definitiv eine Rolle spielen.
        Und neben der Frage ob einem die Leute gefallen, ist es definitiv auch die Fragestellung der lokalen Verbreitung. Denn wenn ich an meinem Heimatrevier Dümmer See in den Korsar umsteigen wollten, gibt es da eben keine Flotte vor Ort oder gar Regatten.
        Umgekehrt wird man ausserhalb des Gebietes Berlin/Brandenburg und der Schwerpunkte Dümmer See und Steinhuder Meer wohl auf wenige Fans und Mitsegler meiner aktuellen Klasse, des 15qm Jollenkreuzers geben 😉

        Es heisst für mich einfach nur, es lebe die Vielfalt. Und dazu gehören eben auch Klassen wie der Pirat, der eine saubere Grundausbildung ermöglicht (siehe die genannten Spitzensegler). Und dies wird aus den Verbänden heraus und einiger Protagonisten der Skiffs ja immer wieder negiert. Denn danach sind nur Skiffs die Zukunft und Klassen wie Pirat, Korsar und FD ja nur rückwärts gewandt!

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  4. avatar Christian sagt:

    Der “Klassenkampf” ist ein Dauerbrenner der Segelszene – nicht totzukriegen. Immer wieder werden dabei gerne Klischees bemüht, die nur bedingt mit der Realität zu tun haben.
    Das gilt z.B. für die oftmals bemühte Gegenüberstellung von Skiffs und konventionellen Jollen.

    Jollen = taktisch anspruchsvoll, trimmintensiv, gut für Grundausbildung etc.

    Skiffs = filigran, athletisch, schnell aber wenig taktisch, teuer, etc.

    An diesen Zuschreibungen ist aber nur bedingt was dran. Beim 29er und 49er wird schon seit Jahren sehr taktisch gesegelt, natürlich mit einigen Spezifika (z.B. relativ hoher Speedverlust durch Wenden), aber mit reinem Speedbolzen hat mal null Chance. Wer schnell segelt, segelt halt auch schnell in die falsche Richtung 😉

    Skiffsegeln ist athletisch, kein Frage. Aber wer in konventionellen Jollen vorne mitsegeln will, muss ebenfalls topfit sein. Nichts ermüdet mich als überzeugten Trapezsegler mehr als Ausreiten… 😉

    29er sind sehr langlebige, geradezu robuste Boote. Meiner ist von 1998 und Rumpf sowie Mast sind einwandfrei. Selbst die Foliensegel halten bei richtigem Handling erstaunlich lange. Preislich kommt eine 29er-Kampagne auf dasselbe wie 42oer raus. Beim 49er ist es etwas anders, es geht mehr kaputt, ist aber nicht teurer als z.B. 505 oder FD.

    Guter Trimm ist auch bei Skiffs unabdingbar. Es gibt einige Spezifika, aber wenn auf konventionellen Jollen Foliensegel gefahren werden, nähert sich der Trimm an. (z.B. Cunni bis zum Abwinken bei Starkwind).

    Grundausbildung ist im 29er ohne weiteres möglich (außer für totale Anfänger).

    Fazit: Jeder soll segeln, was ihm Spaß macht. Jede andere Hierarchisierung hat mit Wichtigtuerei und Schrebergartenmentalität zu tun. Mir persönlich macht Skiffsegeln mehr Spaß, weil man mit derselben körperlichen Anstrengung doppelt so schnell unterwegs ist. Dafür stehe ich bei 7 Windstärken mit dem 49er an Land und schaue neidisch den Piraten zu, die dann richtig Vollgas geben.

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