Quebec – St. Malo: Riechers über die Stimmung, Bruch und Fehler

"Wir zögerten viel zu lange"

Riechers in freudiger Erwartung der Gischt © mare/Breymeier

Riechers in freudiger Erwartung der Gischt © mare/Breymeier

Das Transat Quebec – St. Malo ist jetzt seit einigen Tagen beendet. Es war ein körperlich doch recht anstrengendes Rennen mit teils sehr viel Wind und sehr unangenehmen Wellen.

Schwerer als die körperliche wiegt aber die mentale Belastung dieses Rennens. Für mich als Einhandsegler war es nicht einfach, mit einer 4er Crew zu segeln, weil ich das Gefühl hatte, dass sie „mein Zuhause“ in Beschlag genommen haben. Ist ein wenig so wie Gäste, die am Ende des Abend einfach nicht gehen wollen. Die fürs Mare Racingteam ungewöhnlich hohe Anzahl von Schäden trug auch nicht gerade dazu bei, dass dieses Rennen enspannend wurde.

Nur 5 Stunden nach unserem sehr gelungenen Start vor der beeindruckenden Kulisse von Quebec explodiert unser großer A2 Spinnaker das erste Mal. Zu dem Zeitpunkt haben wir schon einen 3 Meilen Vorsprung auf die Verfolger. Rémi Aubrun – unser Segeldesigner – meint gleich “No Problem” und macht sich an die Reparatur. Keine 3 Stunden später ist der Spi repariert und einsatzbereit jedoch nur bis ca. 12 kn Wind.

Drüber hinaus ist es ein wenig wie Lotto ob der Spi nun hält oder wieder expodiert. Leider fallen wir mit dem viel kleineren A6 Medium Spi mittlerweile bis auf den 4 Platz zurück. Wir sind aber immer noch siegessicher und segeln uns auch im St. Lorenz Strom wieder an die Spitze mit teils brilliantem Speed.

Bruch mit lautem Knall

Gute 250 Meilen vor dem Ausgang des St. Lorenz Stroms haben wir schon einen komfortablen 60 Meilen Vorsprung vor dem zweiten und sind gute 3 Knoten schneller. Wir sind uns sicher, damit dieses Rennen frühzeitig entscheiden zu können. Dann verabschiedet sich der Bugspriet unter Code5 Gennaker mit einen lauten Knall.

Eine Sekunde die das ganze Rennen verändern sollte. Wir sind nicht mehr die coolen Siegertypen die dieses Rennen locker runtersegeln. Plötzlich laufen wir Gefahr, sogar ganz aus dem Rennen aussteigen oder zumindest einen Reparaturstopp einlegen zu müssen. Das würde heißen: Podium ade.

Aber wir schaffen es, den Bugspriet nach 18 Stunden wieder einsatzfähig zu haben. Allerdings ist die gesamte Crew danach fix und fertig, wir können uns nicht mehr auf die Taktik konzentrieren. Am folgenden Tag segeln wir katastrophal und fallen auf den 9. Platz zurück. Wieder machte sich eine gewisse Unruhe in der Crew breit, verlieren wir jetzt das Rennen durch einen taktischen Fehler?

Nein,  jedenfalls nicht durch diesen. Wohl aber durch den nächsten – kaum auf dem offen Atlantik überollen wir bei einem Vormwindgang mit bis zu 35kn Wind das gesamte Feld, haben aber keinen genauen Taktikplan für den Atlantik.

Viel zu lange gezögert

Dadurch positionieren wir uns 25 Meilen zu weit nördlich. Damit ist die Tür offen für „Campagne de France“ im Süden an uns vorbeizuziehen. Vor da ab ist es fast ein Match Race gegen „Campagne de France“ welches die Franzosen 3 Tage vor dem Ziel durch eine bessere Segelwahl und mehr Risikobereitschaft für sich entscheiden.

Wir zögern viel zu lange – ganze 6 Stunden – bis wir den gerefften A6 Spi setzen. „Campagne de France“ baut ihren Vorsprung von 18 Meilen auf 48 Meilen aus. Game over für Team Mare, obwohl wir das schnellere Boot haben.

Auch wenn es keiner an Bord aussprechen will wir wissen, dass wir verloren haben und auch warum. Eine Niederlage durch taktisches Pech ist eine Sache, aber zu verlieren weil man das Boot nicht hart genug segelt, das schmerzt ungemein.

Natürlich hätten wir das Rennen ohne den ganzen Bruch wahrscheinlich gewonnen. Aber das Ausschalten solcher Schäden gehört für ein Profi Team mit dazu. Solche Schäden sollten gar nicht erst auftreten.

Nichtsdestotrotz haben wir während dieses Rennens extrem viel über das Boot gelernt und wissen, was wir modifiziren müssen für 2013/2014. Insofern bin ich hochzufrieden, auch wenn ich doch ganz gerne gewonnen hätte und das Triple geholt hätte… hat Bayern München aber auch noch nie geschafft, das tröstet denn doch auch schon wieder ein wenig.

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2 Kommentare zu „Quebec – St. Malo: Riechers über die Stimmung, Bruch und Fehler“

  1. avatar Uwe sagt:

    Riechers: “…. obwohl wir das schnellere Boot haben.”

    Riechers scheint eine ehrliche Haut zu sein, da er immer wieder betont, dass schnellste Schiff zu haben.

    Das gefällt mir !

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 1

  2. avatar Thomas W. Mueller sagt:

    Sehr schöner Bericht Jörg, gut geschrieben, hautnah, und nachvollziehbar. Außerdem sehr bescheiden für eine tolle Leistung.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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