Rettich-Cup 2011 auf der Insel Reichenau

Nervenkitzel am Bodensee

Beim Hindernisrennen mit der Agria gibt das Team "Schweizeins" alles © CS

Auweia!! Das Gefährt ist vollkommen außer Kontrolle geraten, der Motor jault in den höchsten Tönen auf, und er lässt sich auch mit Gewalt nicht abwürgen. Teamchef Alexander versucht zu bremsen oder den Gang heraus zu nehmen, aber das irre gewordene Ding dreht Pirouetten, wie es ihm gerade einfällt. Die Zuschauer lachen, doch dann bekommen sie es mit der Angst und machen großzügig Platz. Erst als der erfahrene junge Mann vom Team „Gemüsepuller“ herbeispringt und dem Motor mit einem Geheimtrick die Luft nimmt, ist endlich Ruhe im Karton.

Hätten wir geahnt, welche Härteprüfungen auf uns zukommen, hätten wir uns die Teilnahme am „Rettich-Cup“ noch mal überlegt. Dass es auf der für ihren Gemüseanbau berühmten Bodensee-Halbinsel Reichenau ländlich-rustikal zugeht, war zwar zu erwarten. Aber dass die Jugendabteilung der „Jollensegler Reichenau“ ahnungslose auswärtige Regattasegler zu einem Hindernisrennen mit einen motorisierten Ungetüm namens Agria verleitet, das hatten wir nicht gewusst. Vorschoter Felix hatte noch vorgeschlagen, wir sollten uns besser rechtzeitig vom Ort des Geschehens verziehen. Doch dann siegte unsere Neugier. Und erlebten dann einen Nervenkitzel, gegen den jede noch so haarige Tonnenrundung harmlos ist.

Stylish: mit dem Unimog und dem Trecker zur Regatta © CS

Die Segler von der Reichenau sind stolz auf ihre Landwirtschaft. Zur Regatta fahren sie mit dem Traktor, dem Unimog oder eben der Agria vor. Als Erinnerungspreis gibt es für alle Teilnehmer einen Gemüsekorb, und der Sieger darf ein Fass mit gut vergorenem Apfelmost aufmachen. Der Rettich-Cup trägt seinen Namen nicht von ungefähr: Der Rettich ist sozusagen das Leitgemüse der Veranstaltung und wird als Sonderpreis an die Sieger des Agriarennens vergeben. Er geht an das Team „Gemüsepuller“, das mit der Agria umzugehen weiß wie andere Jugendliche mit ihrem frisierten Mofa. Die Stimmung im Festzelt ist prächtig, denn bei dieser Regatta geht es vor allem um eins: miteinander Spaß haben.

Ach ja, gesegelt wird natürlich auch. Am Start sind dreißig Jollen sowie 37 Kielboote und Yachten, die nach Yardstick-Vergütung in drei Wertungsgruppen gegeneinander antreten. Über den sportlichen Wert von Yardstick-Regatten gehen die Meinungen der Segelwelt bekanntlich auseinander, doch sind sie reeller als ihr Ruf. Als empirisch (und nicht rein rechnerisch) ermittelter Wert spiegelt die Yardstickzahl das Geschwindigkeitspotential eines Bootes erstaunlich gut wider, gleich wie groß oder klein oder alt es ist. Und so entscheidet auch beim Rettich-Cup nicht ein angeblich zu hoher oder niedriger Yardstick-Wert über den Sieg, sondern das Bootshandling und das Gespür für den Wind.

Ja, wo ist er denn, der Wind: Autor Christian Stock sieht ganz genau nach © CS

Letzteres ist diesmal besonders wichtig, denn laut Wettfahrtprotokoll hat es gerade mal „0-1 Windstärken“. Am Samstag bei der Langstrecke rund um die Insel Reichenau sind alle auf der Suche nach dem entscheidenden Windfeld, das einen nach vorne bringt. Einige der Local Heroes versuchen es ganz nah unter Land  – und siehe da, das zahlt sich aus. An der Wendemarke ist der vordere Teil des Feldes wieder einträchtig versammelt, es ist wie ein Neustart des Rennens. Mit unserem Streamline-Kielboot ziehen wir uns am glimpflichsten aus der Flautenaffäre und gehen als First Ship Home über die Ziellinie.

Uff, das war harte Arbeit, nichts ist anstrengender und nervenzerfetzender als Regattasegeln bei solchen Bedingungen. Und unser Hauptkonkurrent, ein Longtze-Sportboot mit Riesengennaker, hat uns ganz schön unter Druck gesetzt. Im Rahmen ausgleichender Gerechtigkeit liegen wir beim Agriarennen nur im Mittelfeld; es geht zum Glück nicht in die Gesamtwertung ein.

Der Sonntag bringt eine weitere Leichtwindwettfahrt, diesmal als Up and Down, so dass geschmeidige Manöver und gute Taktik gefragt sind. Ob mit der Europe-Jolle oder dem 40er Schärenkreuzer – alle Segler geben ihr Bestes. Die Wettfahrtleitung erspart uns angesichts der Sommerhitze einen weiteren Lauf und schickt uns zum Eisessen an Land. Und auch die Jugendabteilung lässt an diesem Tag Gnade walten und verschont die Segler vor der Agria. Jetzt bleibt uns nur, den etwas gewöhnungsbedürftigen Most zu trinken …

Ergebnisse, Bericht und Fotos

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Christian Stock

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