Rigg-Experte: Was Baumprofile beim BWR über das Bootskonzept sagen

Baum-Philosophien. Schmal oder rund?

Schmal oder rund? Die BWR-Flotte ist bei der Wahl der Baumprofile zweigeteilt. © M. Kobel

In der Flotte der IMOCA 60 Yachten finden sich zur Hälfte runde Bäume und zur anderen Hälfte eher hochstegigere Bäume (oval oder ähnlich). Warum ist das so?

Das Baumdesign richtet sich nach dem Gesamtkonzept des Bootes und des Riggs. Dabei ist es wichtig zu bemerken, dass die Geschwindigkeit-Prognosen der IMOCA 60 Yachten wahrscheinlich einen reinen Vorwindkurs ausschließen.

Deshalb benutzen die Boote keinen symmetrischen Spi sondern asymmetrische Gennaker. Sie segeln also selbst auf tiefen Reachkursen immer mit einem Winkel zum Wind, der es nicht notwendig macht, das Groß sehr weit aufzufieren.

Die lange Travellerschiene auf "Mapfre" wird sogar nach vorne führt. Der Ansatzpunkt des Schotblocks kann am Baum entsprechend verschoben werden. © H. Hoffmeister

Aus diesem Grund verzichten alle Boote außer einem (“Estrella”) auf einen Baumniederholer. Da es auf Reachingkursen aber notwendig ist, den Twist des Großsegels zu kontrollieren, findet man auf fast allen Yachten eine Travellerschiene, die sich über die gesamte Bootsbreite erstreckt. Bei einigen Booten, wie zum Beispiel „Mapfre“, wird diese Schiene sogar noch weiter nach vorne geführt.

Das verbessert den Angriffswinkel der Großschot bei stark aufgefiertem Groß. Der Baumniederholer ist  definitiv überflüssig. Bei dieser Konfiguration kann sogar der Großschotblock am Baum auf einer Schiene vor und zurück gefahren werden.

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Von einem Baumniederholer, wenn er denn notwendig ist, gehen aufgrund der schlechten Hebelverhältnisse enorme Kräfte und damit auch Biegemomente aus. Diese Kräfte wirken immer in die gleiche Richtung des Baums, nämlich in seiner Vertikalrichtung.

Dadurch haben Bäume mit Baumniederholer immer ein eher schmales hochstegiges Profil. Ein gutes Beispiel dafür sind die AC V5 Cupper (sehr schmal und Vorm-Wind fähig, starke Baumniederholer).

Der schmale, hochstegige Baum des deutschen America´s Cuppers muss hohe vertikale Kräfte auffangen. © H. Hoffmeister

Wenn die Bäume keinen Niederholer haben, richtet sich das Design hauptsächlich nach der Großschotkonfiguration. Wenn also die Großschot am Baumende befestigt wird, entstehen die kleinsten Kräfte am Profil.

Im Southern Ocean soll das Großsegel aber gerefft werden. So wird es vorkommen, dass das Schothorn des Großsegels nicht mehr in Flucht mit dem Großschotanschlagspunkt steht. Dadurch entsteht ein Biegemoment. Das gleiche passiert, wenn die Großschot aus anderen Gründen (Kompromiss: Cockpitlayout) weiter vorn am Baum angeschlagen wird.

Am besten kann man die Designkonsequenz bei „Paprec“ erkennen, bei der der Baum die Form der Biegemomentenkurve folgt (auch leicht hochstegiges Profil).

Wenn die Großschotführung ein Biegemoment entstehen lässt, muss ein hochstegiges Profil die Kräfte auffangen. © FNOB

Bäume unterliegen aber auch noch anderen Kräften, nämlich Stauchdrücken, Trägheitskräften (beim Halsen) usw. Aufgrund der gelenkigen Lagerung am Mast kann ein Baum ohne Niederholer zum Mast hin stark verjüngt werden, wahrscheinlich sieht er dann so aus wie ein der Länge nach halbierter Spibaum, wie bei “Foncia”.

"Foncia" hat ein zweites Großschotsystem am Ende des Baums. Die Kräfte am Baum werden aufgeteilt. © FNOB

Der schweizer Fotograf Martin Kobel hat die Bilder beim Start des Barcelona World Races gemacht. Auf seiner Homepage befinden sich weitere Bilder, die kurz vor dem Start entstanden.

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3 Kommentare zu „Rigg-Experte: Was Baumprofile beim BWR über das Bootskonzept sagen“

  1. Und werr hatts errfunden?? Die Schweizer! Nein Scherz beiseite, das gab’s wie das Meiste alles schon vor Ewigkeiten im Mini 6.50. Warum schauen bloß alle immer nur auf die GRÖßE?? Size matters? Hmmm, wird Zeit, dass die Segelwelt erkennt, welches Potenzial die kleinen 6,50 Mini Racer haben und immer hatten. Fast alle entscheidenden Offshore-Entwicklungen im 60 Fuß Bereich sind vorher im Mini erprobt worden.

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  2. avatar Paul sagt:

    Netter Artikel, mehr davon…

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  3. avatar SöSö sagt:

    Sehr detailliert. Mehr davon. Andreas hat aber natürlich recht. Das Foncia-Schot-Niedeholer-System hatte Matze Beilken schon 1995 auf seinem schon damals alten Holz-Mini.

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