Röttgerings Blog beim AZAB: “FanFan” im Ziel, Nationalhymne mit Grabufke

„Augenkrebs“

Per Schmetterling durch die Nacht. Nicht hübsch, aber funktional. © Seefieber.de

Um 6 Uhr 38 UTC habe ich bei Nieselregen und schlechter Sicht die Ziellinie überquert. 1.312 sm habe ich über Grund in 
dieser Zeit gemacht, die Logge hat 1.332 sm gezählt. Bis auf die verlorene 
Segellatte ist nichts kaputt gegangen. Theoretisch könnte es morgen zurück 
nach England gehen (Start für den Rückweg ist der 21.).

Sehr gefreut habe ich mich, dass eigens zu meinem Empfang Herbert Grabufke, 
Herausgeber der Segelwebsite www.segelreporter.com, aus Deutschland 
eingeflogen ist. Kurz nach dem Festmachen haben wir mit einem kalten Bier 
auf den Törn angestoßen und als Herbert die deutsche Nationalhymne (nur 
dritte Strophe selbstverständlich) angestimmt hat, standen selbst den 
portugiesischen Zöllnern die Tränen in den Augen.

Die größte Freude war 
aber, dass Herbert gleich meine Familie mitgebracht hat. Herbert, das werde 
ich dir nie vergessen! Jetzt aber erst mal ins Bett…

Zehnter Tag auf See

"FanFan" quert die Ziellinie bei den Azoren. Die Ankunft nach einem langen Rennen stellt man sich weniger trostlos vor. © Seefieber.de

FANFAN! liegt 10 Meilen vor dem Ziel in einer bleiernden Flaute. Nichts geht mehr. Durch das Schlagen des Großsegels (das Boot rollt 10 Grad zu jeder Seite) ist die oberste Segellatte aus der Tasche geflogen und auf Grund gegangen. Ärgerlich, weil kein Ersatz an Bord ist. Ein paar Meter weiter dümpelt die “Jenna B” vor sich hin. Mit etwas weiterem Pech stoßen wir gleich zusammen. Am besten ich lege schon mal ein paar Fender raus…

Neunter Tag auf See

“…segeln ist schön, segeln ist schön.” ok, es reicht so langsam. Gestern  hatte ich ein Funkgespräch mit der “Fluke Igoski”, bei denen der Autopilot seit Tagen streikt und die deswegen 12 Stunden pro Tag und Mann Ruder gehen müssen. Spaß macht das schon unter normalen Bedingungen keinen. Wenn man bei 30 Knoten an der Kreuz dann noch jede Minute eine Ladung Salzwasser ins Gesicht bekommt, dann wird einem die Zeit bestimmt sehr, sehr lang.

Ich hatte fast ein schlechtes Gewissen, dass ich mir das graue Elend draußen die meiste Zeit von meiner Sturmkuppel aus anschauen konnte. (…) Höhepunkt des Tages war, dass ich zum ersten Mal seit dem Start aus meinen Klamotten raus gekommen bin, und mich im Cockpit richtig waschen konnte.

Einzelheiten seien hier schamvoll verschwiegen, nur so viel sei verraten: die Unterwäsche ist gleich in der Mülltüte gelandet.

Nicht weit von mir kreuzt die “Jenna B”, das neuntschnellste Boot der Flotte. Sie sind über 6% schneller als ich eingestuft und sicher not amused, dass ich mit meinem Schlachtschiff so nah an ihnen dran bin.

Auch nicht weit von mir zieht eine Reihe von Frachtern ihre Bahnen. Ganze 17 Signale zählt der AIS Empfänger bis zu einer Distanz von 70sm. Dank meines  Radars mit Alarmzone und des AIS Kollisionsalarm müssten gleich aber noch zwei, drei Stunden Schlaf drin sitzen.

Achter Tag auf See

Bis zu 35 Knoten Wind von vorne auf der Anzeige. Fock und drittes Reff. Mehrere Einsätze an Deck, alles naß. Bin gerade von “Fluke Igoski” in Lee überholt worden. Seefieber ist runter auf 50%. Zeit also, für etwas Autosuggestion: “segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, segeln ist schön, Hilft super, Seefieber schon bei 50,0001%…

Siebter Tag auf See

Unter Gennaker bin ich vergangene Nacht in die vorhergesagte Flaute 
gedüst. Toller Sternenhimmel und 7 Knoten auf der Logge. Mit dem ersten 
Licht starb dann der Wind und ich lag gefühlte 346 Stunden in der Flaute, 
bis dann Südwestwind einsetzte. Zum Nachmittag hin hatte es soweit 
aufgefrischt, dass Fock und Groß schon genug waren. Hinter mir tauchte die 
”Merlin” wieder auf, die ich am Donnerstag überholt hatte. Ich gehe davon 
aus, dass sie mich während der vor uns liegenden 250 Meilen an der Kreuz 
abhängen wird, gegen so viel Karbon im Rigg bin ich dann doch machtlos. 
(…)

Sechster Tag auf See

Heute Nacht bin ich unter ausgebaumter Fock und ausgebaumter Genua bei bis 
zu 30 Knoten achterlichem Wind gesegelt. Diese Segelkombination sieht sehr, 
sehr gewöhnungsbedürftig aus – kleines Vorsegel rechts, großes Vorsegel 
links. Wenn man länger hinschaut, bekommt man wahrscheinlich Augenkrebs.

Aber mir ist nichts Besseres eingefallen. Selbst wenn ich einen Sturmspi 
hätte, hätte ich ihn nicht gesetzt, brauchen diese Dinger doch ständige 
Aufmerksamkeit, sprich Trimm und natürlich ein gesetztes Großsegel.

So habe 
ich 60qm Segelfläche die patenhalsensicher ziehen und die auch das ständige 
Rollen des Bootes verkraften ohne zu schlagen. Ich konnte jedenfalls gut 
schlafen. Die Geschwindigkeit war auch ok, mit über 16 Knoten sind wir 
einmal von einer Welle herunter gerutscht, ohne dass ich die geringsten 
Bedenken hatte.

Nervig war das Markierungslicht meines U-Rettungsrings. Den hatte ich mir 
extra gekauft, damit die Sicherheitsausrüstung regelkonform ist. Das 
Markierungslicht hängt kopfüber am Heckkorb und fängt an zu leuchten, wenn 
es aufrecht im Wasser schwimmt. Oder wenn sich das Boot mal etwas heftiger 
bewegt, was ja auf See durchaus mal vorkommen kann.

So blinkte das Licht 
immer wieder auf, wenn FANFAN! von einer Seite zur anderen rollte. Eine 
Fehlkonstruktion, die einem vom Hersteller wahrscheinlich als 
”beabsichtigtes Feature zur Funktionskontrolle bei Starkwindbedingungen” 
verkauft wird, wenn man sich beschweren sollte.

Am Morgen hat mich der AIS Kollisionsalarm geweckt. Vor mir war die 
”Merlin”, das auf dem Papier zehntschnellste Boot der Flotte. Die hatten nur 
eine Starkwindfock gesetzt, mit der sie vor dem Wind gekreuzt sind. Das sah 
zwar besser aus als meine Konstruktion, war aber auch bedeutend langsamer.

Als sie gesehen haben, wie FANFAN! an ihnen vorbei zog, haben sie von der 
Fock auf einen größeren, schwarzen High-tech Lappen gewechselt, was aber 
auch nichts gebracht hat. Nach einer halben Stunde war die “Merlin” hinter 
mir verschwunden.

Racetracker

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Uwe Röttgering

... der, der das Blauwasser Segeln liebt, aber zu immer schnelleren Schiffen tendiert - ob das am Einfluss von SR liegt ? ;o) Mehr findest Du hier.
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Ein Kommentar „Röttgerings Blog beim AZAB: “FanFan” im Ziel, Nationalhymne mit Grabufke“

  1. avatar hanseatic sagt:

    Berechnet sogar 11. über Alles und das mit einem 26 Jahre alten Schiff gegen jede Menge moderner Racer. Chapeau – der Mann versteht sein Handwerk ganz offensichtlich!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

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