Roland Gäbler im SR-Interview nach dem Mega Crash in Istanbul

„Ich gehe jetzt erst einmal wandern“

Roland Gäbler nah an der Leetonne in Istanbul als er noch ein Boot hatte. © Marina Könitzer

Roland Gäbler ist hart gelandet, nachdem er in Istanbul bei Starkwind zu einem kleinen Höhenflug angesetzt hatte. Aber nach dem unverschuldeten Crash bei der Extreme Sailing Series  steht er ohne Punkte, ohne Boot da. Marina Könitzer hat für SR in Istanbul mit dem Tornado Bronzemedaillengewinner (2000) über sein Extreme 40 Projekt gesprochen.

Dabei ärgert sich der internationale Tornado-Präsdent über „die Scheiß Wiedergutmachung“. Denn der Crash mit Alinghi hat nicht nur seinen Katamaran so sehr zerstört, dass er sogar das nächste Event der Extreme Sailing Series in Boston fraglich ist. Er bekam nach dem Crash für die sechs Tagesrennen wie auch nicht für letzten acht verpassten Rennen keine Punkte gutgeschrieben. Nur am vierten verpassten Renntag gab es ein Mittel von 5,2 Punkten für die zehn Rennen. Das klingt nicht fair.

„Das ist so eine beknackte ISAF Regel. Das Boot ist schon schrott und wir haben alle Prellungen. Aber on top noch so ein Scheiß. ich bin aktuell echt sauer. Aber in der F1 ist das ja auch so. Also ich geh nach der Geschichte jetzt erst mal wandern in den Bergen im Salzburger Land“.

Gäbler ist den Bruchpiloten von Alingi nicht böse. „Wir wissen ja alle, was für ein Risiko dabei ist. So etwas kann wirklich jedem passieren. Wir hatten eben Pech, daß es uns so hart traf. Diese 1,2 Tonnen Kats sind wahnsinnige Geschosse bei Wind! Wie gut, dass niemandem wirklich Schlimmes dabei passiert ist.“

Generell sei die Beziehung der Skipper untereinander “ganz gut”. “An Land jedenfalls, wenn man nicht gerade in einem Jury-Hearing sitzt, bei dem es um was geht…  Auf dem Wasser haben dagegen alle ein Messer zwischen den Zähnen, da wird auch schon mal ziemlich laut miteinander umgegangen. Man ist sehr angespannt während der Races.

Die ständigen Positionswechsel erzeugen viele Emotionen, am liebsten würde man sich manchmal noch prügeln…Das ist wie Rugbyspielen auf dem Wasser…“

Gäbler ist klar, dass er in der Profiserie nicht vorne mitspielen kann. „Mein Ziel ist es, eine wirklich schöne Serie zu fahren – mehr kann man sportlich (noch) nicht erwarten. Wir sind wirklich das Team Extreme – wir lernen extrem viel, mit jedem Meter. Wenn es mit einem besseren Budget klappen sollte, wollen wir in 2012 professionell sein. 2011 sind wir als absolute Amateure dabei.

Die anderen sind alle Top Segler in diesen Bigboat Klassen. Klar, wenn die dagegen auf den Tornado steigen würden, würde ich sie alle platt machen! Aber hier ist das einfach ein komplett anderes Segeln – oft am Limit bei Wind, da weiß man, was man getan hat am Abend. Auch nachts kann ich manchmal nicht richtig abschalten und spiele die verschiedensten Situationen im Kopf noch mal durch…“

Bei diesen extremen Kurzrennen – 43 Läufe in fünf Tagen – sei der Skipper in kürzester Zeit mental völlig fertig  und  die Crew körperlich.

„Ich muss immer noch lernen, das “time-distance” zur Starlinie richtig abzuschätzen. Angenommen, der Tornado ist ein Gokart, dann fährt sich der X-40 wie ein LKW!  Oder anders gesagt: Der Tornado ist die Formel 1 des Jollensegelns, das hier die Formular 1 des Yachtsegelns!“

Gäbler ist mit seiner Leistung bisher nicht unzufrieden. „Wir haben uns kontinuierlich verbessert. Der erste Tag in Istanbul verlief spitzenmäßig mit zwei zweiten und einem dritten Platz. Der zweite Tag war Mist. Am dritten Tag waren wir auf einem guten Weg mit  2./4./ 6.  Aber dann kam der Crash.“

Der gebürtige Bremer sieht sich durchaus in der Lage die großen Teams zu ärgern. „Wir können durchaus in einzelnen Rennen vorne mitsegeln. Damit haben wir nicht rechnen können. Es fehlt noch die Konstanz.“ Aber wichtig ist für ihn das große Bild.

„Ich hoffe sehr, dass wir weitere Sponsoren gewinnen. Nur mit einem größeren Budget kann man dieses Projekt erfolgreich fortführen. Ich kann das nur weitermachen, wenn ich nicht bei jedem 2. Event einen lokalen Segler mitnehmen muss. Man braucht ein festes Team haben. Und mit dem muss sehr viel trainiert werden.

Das kostet alles Geld. Aber ich möchte mich nicht nur im Mittelfeld bewegen, sondern auf das Podium. Sonst geht irgendwann die Lust verloren. Für Sponsoren gibt’s nichts Besseres beim Segeln. Wir sind in aller Munde und nun auch viel zu sehen. Aber bis Oktober muss sich hier etwas tun.“

Für Gäbler stellt die Extreme Sailing Series genau das dar, wofür er immer gekämpft hat. „Für Zuschauer sind die Rennen doch super – viel spannender als normale Races. Ich bin ja ein hundertprozentiger Verfechter des Segelns für Zuschauer. Es soll auch für Laien interessant sein!

Die gesamte Area ist überschaubar. Und wenn dann noch sauber kommentiert wird, ist das ein sehr guter Weg für unseren Sport und auch sehr, sehr wichtig für Sponsoren.“

Das Volvo Champions Race 2003 in Deutschland war die Vorlage. Gäbler hatte intensiv an der spektakulären Serie für Tornados und 49er mitgearbeitet. „10 – 15 Schiffe auf kleinstem Raum in Zuschauer Nähe, pünktliche Starts, – das ist eigentlich eine deutsche Erfindung. Die Jugend muss so etwas sehen und denken “DAS will ich auch” – damit ist der Grundstein dann gelegt. Und dann eben Partys an Land und ein spannendes Landprogramm.“

Einen Teil seiner Vision setzt Gäbler in diesem Jahr wieder bei den Tornado Rennen in der „Arena“ auf der Trave in Travemünde. Dort soll auch in diesem Jahr wieder (22. – 31. Juli) zuschauernah gesegelt werden.

Der neue America’s Cup soll au in diese Richtung gehen, aber Gäbler ist das zu abgehoben. „Das ist doch nur ein Duell der Millionäre. Das schreckt doch eher ab. Manchmal möchte ich rufen “Wir sind das Volk”, wenn ich diesen Zirkus da sehe. Das hat unserem Sport viel geschadet. Bei der Extreme Sailing Series läuft es richtig. Das muss weiter ausgebaut, nachgemacht und wiederholt werden so oft es geht. Wir müssen volksnah segeln und den Kindern die Basis zeigen. Nur so können wir sie begeistern.“

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16 Kommentare zu „Roland Gäbler im SR-Interview nach dem Mega Crash in Istanbul“

  1. avatar Ketzer sagt:

    Schlechter Verlierer, plötzlich sind die ISAF-Regeln “beknackt”… Ist halt dumm gelaufen, den Rest regelt die Versicherung von Alinghi. Es war doch vorher klar, worauf er sich einläßt…?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 13

    • avatar Carsten sagt:

      hmm, ich finde es durchaus “beknackt”, dass er keine Wiedergutmachung für alle verpassten Läufe bekommt. Die Schuld liegt schließlich ohne Zweifel bei Alinghi. Das widerspricht jeglicher logischen Fairness. Verstehe gar nicht, was das für eine Regel sein soll.

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      • avatar Christian sagt:

        Die ISAF scheint mir ausnahmsweise mal nicht schuld zu sein 😉 Regel 62 lässt es ohne weiteres zu, dass Team Extreme für alle Wettfahrten RDG bekommt, die wegen des von Alinghi zugefügten Schadens nicht gesegelt werden konnten. Möglicherweise ist aber in der Segelanweisung etwas anderes festgelegt worden.
        Dass Alinghi eindeutig Schuld hat, sah die Jury wohl auch so, sonst hätte es nicht für den vierten Tag RDG gegeben.

        Carsten hat recht: Fair ist das nicht.

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      • avatar Willii Gohl sagt:

        Hallo Carsten, vielleicht kann ich helfen:
        1. Etwas “beknackt” zu finden oder nicht, steht jedem zu, geradeso wie er es empfindet. Da will und kann ich keinen Kommentar angeben.
        2. “Logische Fairness”, ist das so etwas wie “tatsächliche Realität”, von der ja kürzlich eine Dame in Berlin gesprochen hat?
        3. Aber nun zur “Regel”: Es ist seit einiger Zeit ständige “policy” von International Juries, dass es keine Widergutmachung für mehr als 50% aller Läufe einer Veranstaltung gibt. Dies ist bei Roland Gäbler offensichtlich auch angewandt worden. Für eine solche “policy” gibt es sowohl Gegenargumente (kommen vor allem, aber nicht nur, von “Betroffenen”), aber auch gute Gründe dafür: ein (vielleicht extremes) Beispiel: Roland Gäbler und Crew hätten im ersten Lauf in Istanbul einen 1. Platz herausgefahren und der Unfall wäre im zweiten Lauf passiert. Durchschnittliche Punktzahl für alle Läufe? Also Gesamtsieg am grünen Tisch? Kann wohl auch nicht sein.
        Und so ist man zu oben erwähnter Lösung gekommen. Im Einzelfall sicher nicht immer ganz “fair”, aber wie besser machen? Und vor allem: rund um den Globus gleich!!
        Willii Gohl

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        • avatar Christian sagt:

          Guten Tag Herr Gohl, wo kann man diese Policy nachlesen? Im Case Book?

          Ja, es gibt schon Gegenargumente, denn diese Policy bedeutet nicht nur im vorliegenden Falle, dass ein Team für den Fehler anderer sehr, sehr hart bestraft wird. Und Team Extreme hatte ja beim besten Willen keine Möglichkeit, Alinghi auszuweichen. Wäre dies möglich gewesen, dann stellte sich der Fall ohnehin in einem ganz anderen Licht dar (nämlich überhaupt kein RDG).

          Im geschilderten extremen Beispiel fände ich es nicht ungerecht, wenn das Team den Gesamtsieg zugesprochen bekäme. Einen ersten Platz im ersten Rennen muss man schließlich auch erst mal schaffen.

          Freilich müsste eine sehr eindeutige (Un-)Schuld vorliegen, um solch umgangreiches RDG auszusprechen. Eine ganz “normale” Wegerechtsverletzung, bei der das Wegerechtsboot hätte ausweichen können, kommt ganz sicher nicht in Betracht.

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          • avatar Lyr sagt:

            Aber nur weil einer gewaltigen Bockmist gebaut hat, dürfen die anderen der Regatta doch nicht bestraft werden… das ist eine sehr einseitige Betrachtungsweise. Man muss das auch mal aus Sicht der anderen Teams sehen. Sicher ist es unheimlich doof für Herrn Gäbler, aber man muss da einfach für das Wohl der Masse entscheiden und als höhere Fügung/gewaltiges Pech betrachten.
            Ich finde allerdings, dass man Alinghi viel härter bestrafen sollte und sie aus der gesamten Wtf. rausschmeißen sollte. Sicherlich haben die das auch nicht mit Absicht gemacht, aber so was muss härter bestraft werden, damit vorsichtiger gesegelt wird!

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          • avatar Willii Gohl sagt:

            Policies kann man nicht immer nachlesen, Sie werden allenfalls von Event zu Event z.B. bei jedem World Cup dort veröffentlicht. Grundlage für diese Policy ist ISAF Q&A 2007-001 ! Also nichts Neues!
            Aber wie gesagt, Empfindungen und Meinungen kann man viele haben. Juries (zumindest high-level) entscheiden aber auf festen Grundlagen.
            That´s life!

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  2. avatar Marc sagt:

    “Die anderen sind alle Top Segler in diesen Bigboat Klassen. Klar, wenn die dagegen auf den Tornado steigen würden, würde ich sie alle platt machen!”

    Starke Ansage 😉

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  3. avatar Mox1 sagt:

    Bescheidenheit ist eine Tugend…………, die nicht alle haben.

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  4. avatar Nils sagt:

    Nach dem (ähnlichen) Crash in Kiel ist das Boot am nächsten Tag wieder gesegelt. Gibt es kein Epoxy in Istanbul?

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    • avatar John sagt:

      Zwei Stück Alufolie und etwas Spucke reicht!

      Im Ernst: Es wäre erstaunlich, wenn der Rumpf danach nicht für die Tonne ist. Vorgeschädigtem CFK wird nur im Bootssport noch erstaunlich lange vertraut…

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      • avatar Nils sagt:

        Der Rumpf hätte zum Weitersegeln repariert werden können.

        Brauch ja keinen Schönheitspreis gewinnen.

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        • avatar stefan sagt:

          …nee, schön muss es nicht sein, aber halten sollte es. Und bei einem strukturellen Schaden direkt an der Verbindung zum hinteren Beam wage ich doch ernste Zweifel über die “Haltbarkeit” des gesamten Cat.

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