Route du Rhum: Guichard mit „Spindrift 2“ im Ziel – Warum konnte er Peyron nicht bezwingen?

"Nur" Zweiter?

“Spindrift 2” bei Ansteuerung von Guadeloupe im ersten Morgenlicht
Les premières images de Spindrift 2 en approche… von routedurhum

Der größte, jemals für Einhand-Betrieb umgebaute Trimaran und somit das potentiell schnellste Schiff der RdR-Flotte wurde den Erwartungen nicht ganz gerecht.

40 Meter Rumpflänge, 37 Meter lange Schwimmer, 23 Meter breit, 21 Tonnen Verdrängung, 41 Meter Masthöhe, 365 Quadratmeter Segelfläche im Groß, ein 440 Quadratmeter großer Gennaker… wie soll man so ein Monstrum alleine beherrschen?

Das "Monster" am Wind © Spindrift/Martinez

Das “Monster” im Galopp © Spindrift/Martinez

Diese Frage stellte sich die Segelwelt als im Frühjahr 2014 bekannt wurde, dass Spindrift-Skipper Yann Guichard damit an der Einhand-Transatlantik-Regatta Route du Rhum teilnehmen will. Wohlgemerkt – „Spindrift“ wurde speziell für den Einhandbetrieb modifiziert, das gesamte Deckslayout geändert… kurz: viel Geld wurde in die Hand genommen, um dieses Solo-Abenteuer bravourös zu bestehen. Und zwar als Bester unter den Besten, bitteschön…

Doch irgendwas in der minutiös geplanten, mit teuren PR-Maßnahmen gestützten Kampagne lief schief. Vielleicht schlich sich der „Knackpunkt“ schon Wochen vor dem Start ein, als ausgerechnet Frankreichs „Multirumpf-Genie“ Loick Peyron den nächstgrößeren Widersacher „Banque Populaire VII“ (31,5 x 22,5 m) segeln sollte. Armel Le Cleac’h hatte sich verletzt.

Ausgerechnet Peyron. Denn der (und seine Crew) hatten auf der heutigen „Spindrift 2“, bevor Donna Bertarelli das Monster erwarb und modernisieren ließ, 2011 unter dem Namen „Banque Populaire V“ die Trophée  Jules Verne für die schnellste Nonstop-Weltumseglung gewonnen. Ein Widersacher also, der das eigene Schiff vielleicht besser kennt als man selbst? Einer, der genau weiß, wo die Stärken und Schwächen des eigenen Renngerätes liegen und diese erklärtermaßen gnadenlos zu nutzen wissen wird?

Das erzeugt psychologischen Druck, das könnte unsicher machen, vor allem, wenn man allein auf hoher See mit den Elementen und „seinem“ Monster kämpft.

Nachdenklicher Yann Guichard auf "Spindrift 2" © rdr

Nachdenklicher Yann Guichard auf “Spindrift 2” © rdr

Kampf der Giganten

Das Duell der beiden Giganten wurde entsprechend aufmerksam in der französischen Presse verfolgt. Und – fast schon logisch – fieberten die Hochsee-begeisterten Franzosen mit ihrem Nationalhelden Peyron mit, als der sich kurz nach dem Startschuss kackfrech an die Spitze der Flotte setzte und diese Position nicht ein einziges Mal in Gefahr brachte. Im Gegenteil: Peyron baute auf seiner „Banque Populaire“ den Abstand zu „Spindrift 2“ konsequent aus.

Nun ist „Rang 2“ bei so einer Regatta, mit derart starker Konkurrenz wirklich kein Grund zum Jammern. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, was für ein haarscharfer „Ritt auf Messers Schneide“ solch eine Atlantik-Raserei sein kann. Yann Guichard gebührt also schon für die Bewältigung dieser Atlantikpassage auf „Spindrift 2“ allerhöchster Respekt.

Doch der Umstand, dass er während der vergangenen Woche nur äußerst selten deutlich schneller segelte als „Banque Populaire“, dass Yann Guichard im Prinzip die gleiche Route fuhr wie der vor ihm rasende Peyron und sich Guichard eigentlich keinen taktischen Fehler erlaubte aber dennoch nie maßgeblich aufholte, dürfte deutlich machen, wie immens sich bei solchen Regatten die Physis der Skipper und ihr seglerisches Geschick im Umgang mit den Giganten der Meere auswirkt.

Allein mit deinem Monster © spindrift

Allein mit deinem Monster © spindrift

Es kommt auf den Skipper an

Eigentlich hat Yann Guichard das Duell gegen Loick Peyron während der ersten beiden Tage verloren. Als bei ausgesprochen schwieriger Wetterlage und sehr ruppiger See der eine seinen Trimaran etwas näher ans Limit brachte als der andere. Und später, selbst bei den moderaten Segelbedingungen auf der Barfußroute, ein Aufholen unmöglich erschien.

Dass nun manche Medien in Frankreich von einem „Düpieren“ sprechen, dürften beide Kontrahenten als unfair empfinden. Denn Peyron hat letztendlich nur das gemacht, wofür er über seine ganze Karriere hinweg bezahlt wurde: Maximale Leistung  aus seiner Segelyacht heraus kitzeln.

Dass er dabei – trotz theoretisch langsamerem Sportgerät – einen Vorsprung von über 14 Stunden und 10 Minuten heraussegelte, könnte vor allem an seinem Gespür für den Umgang mit diesen Mehrrumpf-Monstern oder einem vielleicht besseren Schlafmanagement liegen. An der Erfahrung in einem Bereich also, die dem aus dem Olympiabereich stammenden Guichard fehlen mag.

Für schnellere Reaktionsfähigkeit bei niedrigerer Geschwindigkeit wurden kurz vor dem Archipel nochmals die Segelfläche deutlich reduziert © courcoux

Für schnellere Reaktionsfähigkeit bei niedrigerer Geschwindigkeit wurden kurz vor dem Archipel nochmals die Segelfläche deutlich reduziert © courcoux

Auch im internationalen Hochseesport dürfte die Leistung der Segler über Sieg und Niederlage immer weniger entscheiden. Zumindest theoretisch: Die schnellsten Designs gewinnen, wie gerade auch in der Formel 1.

So schienen in diesem Fall der Route du Rhum die Karten vor dem Start klar verteilt. Das besserer vorbereitete, schnellere, größere Schiff “Spindrift 2” mit einem Skipper, der bedeutend länger als sein Konkurrent auf seinem Schiff trainiert hatte, sollte gewinnen. Aber wahrscheinlich haben wir hier noch einmal die Umkehr dieser Regel gesehen. Der erfahrenere Segler mit diesen Giganten hat sich durchgesetzt. Allem Hightech, allen eingesetzten Geldsummen zum Trotz.

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Michael Kunst

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7 Kommentare zu „Route du Rhum: Guichard mit „Spindrift 2“ im Ziel – Warum konnte er Peyron nicht bezwingen?“

  1. avatar coist sagt:

    Starke Leistung von beiden, aber Peyron ist halt und bleibt einfach ein Riese!

    Vielleicht ist der Unterschied zwischen den beiden Booten gar nicht so groß. Bei Fastnet hatte Spindrift ganz schön mit BP zu kämpfen, und Le Cleachs Discovery Route war keine 10 Stunden hinter Spindrift – und das solo!
    Viel langsamer schien es zuletzt jedenfalls nicht zu sein…

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  2. avatar Max sagt:

    Der limitierende Faktor ist wie immer der Mensch. Beide Boote sind einfach für was anderes entworfen worden. Selbst Cammas hat gesagt, dass es Wahnsinn war die ex-Groupama (jetzt BP) allein zu segeln. Und das war auch noch das kleinere Boot von beiden. Kein Wunder das Loick in der Lage war gerade nach dem Start besser zu segeln.

    Spindrift2 ist ohne Frage das schnellere Boot, aber allein wird kaum jemand das Potential von ihr effektiv abrufen können.

    Großartige Leistung von beiden und endlich hat Loick auch die RdR gewonnen.

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    • avatar Landsailor sagt:

      Ob die Spindrift 2 (ex BP5) so eindeutig das schnellere Boot ist, kann man nicht sagen. Die Spinndrift 2 wurde zwar 2 Tonnen leichter gemacht, aber hat auch keinen Kippmast mehr und auch einen um einige Meter eingekürzten Mast (die meiste Power kommt ja bekanntlich wegen des Windgradienten aus dem oberen Teil des Segels).

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      • avatar nachforscher sagt:

        Wenn du dir die Berichte zum Umbau durchliest steht da irgendwo, dass der Grund für das kürzen des Mastes nicht nur der Soloumbau war und die den Mast auch weiterhin für die Passagen mit Mast nutzen werden, weil die vorher über 90% der Zeit mit einem Reff rumgefahren sind. Der Wagen war anscheinend gerade wegen dem oberen Teil überpowered.

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      • avatar Max sagt:

        Laut Guichard hat der Verzicht auf die Hydraulik für das Kippen des Masts 600 kg eingespart. Allzu groß sollte die Auswirkung auf die Geschwindigkeit nicht sein bei der Einsparung allein. Überhaupt 2 Tonnen aus dem Boot rauszuholen ist der Wahnsinn, wenn man bedenkt wie lange schon das Boot entwickelt wird. Ich denke es bleibt das schnellere Boot (vor allem in Anbetracht des Größenunterschieds), aber das Potential kann niemand allein ausreizen.

        http://www.thedailysail.com/offshore/14/66078/1/yann-guichard-on-spindrift-2s-route-du-rhum-and-transatlantic-record-campaigns

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  3. avatar Volker sagt:

    Wenn man den Tracker nochmal von Anfang an durchlaufen lässt, sieht man das Guichard das Duell gegen Peyron gleich zu Begin im Ärmelkanal verloren hat. Während Peyron (und Sodebo) zurück zur Küste wendet segelt Guichard weiter in Mitte des Kanals und wird letzter der Ultime Flotte. Dieser Rückstand fehlt dann bei Madeira, wo Peyron als einziger gerade noch der Flaute entgeht. Schade das Sodebo wegen der Kollision ausgefallen ist. Das währe sicher spannend geworden.

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  4. avatar stefan sagt:

    Bei der Frage nach dem schnelleren Schiff ist es doch letztlich entscheidend was sich vom Potenzial eines Schiffes beim Einhandsegeln überhaupt umsetzen lässt. Da ist größer nicht zwangsläufig schneller.

    Aber auch ich glaube, dass es letztlich an dem (viel)mehr an Erfahrung eines Peyron gelegen hat. Und der hat durch seine Zeit auf den deutlich instabileren 60ft Tris aus der Zeit der 90er/00er Jahren eine irre Erfahren wie man solche Maschinen allein über längere Zeit auf einem Max. segeln kann.

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