RS Aero: Neue Einhand-Jolle will den Laser vom Markt verdrängen

Der natürliche Feind des Lasers?

Leichtgewicht, moderne Komponenten, überzeugende Gleiteigenschaften, einfaches Handling und gleiche Preisklasse wie der Laser XD – beginnt eine neue Ära?

Die folgenden Zeilen schreibt ein begeisterter Laser-Standard-Segler. Und zwar mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Jedes Mal, wenn ich zwei bis drei Stündchen irgendwie „rausschlagen“ kann und gleichzeitig ein nettes Lüftchen bläst, fahre ich die paar Kilometer raus zum See und schiebe zwanzig Minuten nach Ankunft, vollständig umgezogen, mit flappendem Segel meine geliebte Kühlschranktüre die Slipstraße runter.

Stimmt: so richtig spektakulär sieht's nicht aus. Aber der gemeine Laser-Segler wird sofort gewisse Vorteile im Vergleich mit Der Geliebten Kühlschranktüre entdecken © RS Aero sailing

Stimmt: so richtig spektakulär sieht’s nicht aus. Aber der gemeine Laser-Segler wird sofort gewisse Vorteile im Vergleich mit Der Geliebten Kühlschranktüre entdecken © RS Aero sailing

Um mal wieder ausgiebig „zu hängen“, um den Kopf frei zu pusten, um vielleicht sogar die eine oder andere Glitschpartie quer übern Teich (in diesem Fall durchaus wörtlich gemeint) hinzukriegen.

Und jedes Mal hatte noch der eine oder andere Laser-Segler die gleiche Idee, es reicht fast immer für einen oder mehrere Schläge gegeneinander – nach ein paar Stunden bin ich immer mindestens zwei Mal Trainingsweltmeister. Kann ein Segler mehr erwarten? Eben!

Überhaupt, die Laser-Regatten. Simpler geht’s gar nimmermehr: wenn mir beispielsweise fürs nächste Wochenende danach ist, suche ich die Termine der umliegenden Seen ab und finde immer eine Gelegenheit, mir meine „Packung“ von den anderen, so verdammt schnell segelnden Typen abzuholen. Immer.

Stellt sich nur die Frage: Dürfen wir gar keinen Slipwagen mehr benutzen und müssen das Böotchen immer mit uns rumschleppen? © rs sailing

Stellt sich nur die Frage: Dürfen wir gar keinen Slipwagen mehr benutzen und müssen das Böotchen immer mit uns rumschleppen? © rs sailing

Doch Hand aufs Herz: Auch der überzeugte, gemeine Laser-Segler schlägt sich mehr oder weniger regelmäßig mit Gedanken herum, die von einem gewissen Neid geprägt sind. Nicht mehr und nicht weniger.

Wäre es nicht wunderbar, wenn

• wir nicht mehr auf einem (für heutige Verhältnisse) ziemlich einfallslosen Bootsdesign unterwegs sein müssten, das sage und schreibe aus den frühen Siebzigern des letzten Jahrhunderts stammt?

• wir auch mal wie gewisse Skiffs schon beim lauesten Windchen abgehen könnten wie „Schmidts Katze“?

• wir ein Segel hochziehen (!) könnten, das diesen Namen in Sachen Schnitt und somit Leistung auch heute noch verdient?

•  sich das Mast-Oberteil nicht dauernd verbiegen oder gar abknicken würde?

• wir zumindest bei leichtem Wind und schönem Wetter nicht immer mit Fußbad segeln müssten?

• endlich die vermaledeite Großschot bei der hektischen „Performance“-Halse nicht immer am Heck hängen bleiben würde, weil sie, wie bei fast allen Jollen dieses Planeten, auf einer Travellerschiene geführt wird?

• die Einhandjolle endlich so leicht wäre, dass man sie (gerne mit zwei Händen) tatsächlich einhand, also alleine aufs Autodach stemmen kann?

Auch wenn ich ob des Verrates an meinem schwimmenden Stück Altplastik diese Nacht wahrscheinlich nicht ruhig schlafen werde – es gibt seit Kurzem eine Alternative zum Laser, die tatsächlich das Zeug haben könnte, demselben mittel- bis langfristig Paroli zu bieten. Zumindest behaupten das die Hersteller bei der mittlerweile renommierten britischen Jollenwerft RS

Glaubt man den Informationen in den Videos (oben: zum Anfixen, unten “aus dem Leben gegriffen”), in der Pressemitteilung und auf der Website, ist die neue RS Aero…

• zwar mit 4 Metern Länge 23 cm kürzer als der Laser, aber insgesamt besser zu beherrschen;

• in drei Besegelungsvarianten zu erleben (8,9 (!), 7,4 und 5,2 qm), wie der Laser mit unterschiedlichen Mastunterteilen zu variieren;

• sage und schreibe segelfertig nur 50 (!) kg leicht, so dass man sie ziemlich einfach über den Strand tragen kann,

• ausgesprochen gleitfreudig dank breiter Chines, die wiederum die Wasserauflagefläche im Glitsch erhöhen;

• sehr einfach zu „händeln“ (im Film und auf den Bildern sind die – für Nicht-Laser-Segler längst gängigen Trimmfeatures wie etwa Travellersystem mittschiffs deutlich erkennbar)

• mit einem im Top ausgestellten Groß bestückt (allerdings soll das Segel ebenfalls aus Dacron sein – der Schnitt macht jedenfalls einen sehr korrekten, modernen Eindruck);

• mit einem unverstagten Kohlefaser-Spargel und einem deutlich langen, modern “geshapten” Ruderblatt versehen und

• für das gleiche Geld zu haben wie ein Laser XD.

Richtig hängen an der Kreuz kann man auch hier – mit knapp neun Quadratmetern Segelfläche kein Wunder! © rs aero sailing

Richtig hängen an der Kreuz kann man auch hier – mit knapp neun Quadratmetern Segelfläche kein Wunder! © rs aero sailing

Um ehrlich zu sein: Die Filme sehen nach reichlich Segelspaß aus. Die RS Aero springt aufgrund ihres niedrigen Gewichts extrem schnell an, ist an der Kreuz trotz deutlicher Übertakelung (ebenfalls wegen des niedrigen Gewichts) offenbar gut zu beherrschen, die Chines (Kanten) am Rumpf sorgen für breite Glitschfläche, das ganze Design sieht nach neuem Jahrtausend aus. Immerhin.

Der Rumpf aus einem Epoxid-Schaum-Glas-Laminat macht schon rein optisch einen durchweg Leistungs-orientierten Eindruck; im Heckbereich nahezu völlig offen und im Bug eher schmal ausgerichtet, bleibt die RS-Herkunft des Flitzers unverkennbar. Derzeit werden auf den ersten in Serie hergestellten Booten Testfahrten in Großbritannien und den USA gesegelt. Im Laufe des Sommers soll die RS Aero auch über Deutsche Gewässer heizen. Vor 2015 ist allerdings nicht mit ersten Lieferungen in unsere Gefilde zu rechnen.

Bleibt nur die Frage: Wie wird das mit den Regatten? Oder meinen spontanen Trainingsduellen? Werden sich die RS Aero so schnell durchsetzen, dass selbst ich als Mitfünfziger, (also gut: Tendenz zu Sechzig), möglichst vorgestern in Feldern mit 30-50 Booten mitsegeln kann? Ist der RS 100 nicht für die gleiche Zielgruppe gedacht (SR-Test)? War der Hype um den D-One von Devoti nicht genau so groß? Was ist eigentlich damit? Und sprechen nicht die großen Felder bei den Laser- und Finn Dinghy Masters für eine eher gegenläufige Entwicklung der Rückbesinnung auf Bewährtes?

Tatsache ist, dass sich die mittlerweile ausgesprochen reichhaltige RS-Palette zumindest in Großbritannien, zum Teil auch in den USA und Frankreich, ziemlich beeindruckend durchsetzen konnte. In Deutschland sieht es da eher “mau” aus, wenn auch die RS-Boote durchweg gute Kritiken bekommen. Ob der RS Aero das Potenzial für einen Durchbruch hat?

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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Ein Kommentar „RS Aero: Neue Einhand-Jolle will den Laser vom Markt verdrängen“

  1. avatar Torsten sagt:

    Zum Heizen sicher ganz nett, aber zum Regattasegeln haben wir schon jetzt zu viele Bootsklassen. Wer Regattasegeln will, wird die Schwächen des Lasers und anderer Jollentypen auch künftig hinnehmen, Hauptsache sie sind einigermaßen verbreitet. Für leichte Segler/innen ist die Europe schon immer das leichtere, schickere und agilere Boot.

    Tipp für den Hersteller: Bei der Bundesliga einsetzen, dann klappts mit der Verbreitung.

    Im Übrigen zitiere ich gern einen guten Bekannten, wonach Ergonomie bedeutet, dass sich der Mensch dem Gerät anpasst.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 17 Daumen runter 3

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