Segeln im Olympia-Programm: Pudenz hofft auf weitere Modernisierung

Ringen um den Olympiaplatz

Die Ringer verlieren den Olympia-Status, Segeln bleibt unangetastet. Aber die Gefahr ist längst nicht gebannt. 49er Olympia Aspirant Lennart Briesenik Pudenz hat seine Bachelor Arbeit zu dem Thema geschrieben.

49er Segeln im Kleinfeld-Korridor.

Test für Olympia. 49er Segeln im Kleinfeld-Korridor bei der EM 2012 am Gadasee. SEIKO 49er

Die Klammer-Künstler sind raus aus dem Olympia-Programm. 2016 werden wir die kräftigen Männer und Frauen (seit 2004) das letzte Mal in ihren engen Einteilern auf der Matte schwitzen sehen. Es bleiben Fotos wie dieses, dieses, dieses oder dieses als Vermächtnis. Und was interessiert das uns Segler?

Wir können aufatmen. Wieder einmal ist der Kelch an uns vorüber gegangen. Die IOC Delegierten haben sich für 2020 auf die 25 Basis-Sportarten festgelegt, zu denen Segeln gehört. Außerdem: Leichtathletik, Rudern, Badminton, Basketball, Boxen, Kanu, Radfahren, Pferdesport, Fechten, Fußball, Turnen, Gewichtheben, Handball, Hockey, Judo, Schwimmen, Moderner Fünfkampf, Taekwondo, Tennis, Tischtennis, Schießen, Bogenschießen, Triathlong und Volleyball. 2016 sind auch noch Golf und Rugby dabei.

Das IOC macht Ernst

Was kümmern uns also die Ringer? Nun, die Entscheidung, die älteste Sportart aus dem Programm zu nehmen, zeigt, dass das IOC Ernst macht mit der Modernisierung der Spiele. Die alteingesessenen Sportarten können sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Und gerade das Segeln gerät immer wieder in den Fokus von Kritikern beim IOC. Seit vielen Jahren droht der Rauswurf aus den Olympischen Spielen. Der Segelsport ist vielen IOC Beobachtern zu teuer, schwer verständlich und wenig mitreißend.

Ich selbst habe meine Sportwissenschaft-Diplomarbeit über die Medienwirksamkeit des Olympischen Segelsports geschrieben. 13 Jahre ist das her. Schon damals drohte der IOC Präsident Juan Antonio Samaranch: “Sportarten, die nicht attraktiv sind für Hörer oder Fernsehzuschauer, werden Probleme haben, weiterhin Teil des Olympischen Programms zu sein.”

Reiten und Boxen waren in der Kritik, aber auch Segeln stand auf einer ominösen schwarzen Liste. Auf der anderen Seite wurde Beach Volleyball 1996 das erste Mal olympisch und schrieb seitdem eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Nicht erst in London war es eine der beliebtesten Sportarten.

Aber Segeln ist immer noch im Programm. Für die einfach gestrickten mag es allein damit zusammenhängen, dass der Belgier Jacques Rogge auf dem IOC Thron Platz genommen hat. Er startete selber im Finn Dinghy bei den Olympischen Spielen. Und er spielte Rugby. Das wird 2016 wieder eingeführt.

IOC Präsident Rogge ist auf der Seite der Segler

Doch diese Erklärung ist vermutlich zu einfach auch wenn in allen Analysen des Ringer-Rauswurfs die fehlende Lobby-Arbeit des Verbandes im IOC als Grund vermutet wird. Womöglich ist dieser Aspekt wichtiger für den Verbleib im Olympiaprogramm als die tatsächliche Attraktivität.

Dann hätte das Segeln mit Rogge einen guten Fürsprecher. Andererseits geht es aber auch um die Wandlungsfähigkeit einer Sportart im Hinblick auf die Attraktivität für Zuschauer. So wird der Moderne Fünfkampf gepriesen, der mehrfach auf der olympischen Abschussliste stand. Für 2012 haben die Macher unter anderem die letzte Schieß- und Lauf-Disziplin zu einer Art Sommer-Biathlon zusammengefasst und damit gepunktet. Für 2016 soll die Modernisierung noch weiter gehen.

Der Segelsport muss sich wohl damit abfinden, dass er noch extremer denken muss, um seinen Olympiaplatz zu sichern. Während die Flautenspiele in Qingdao 2008 einem medialen Desaster gleichkamen, zeigten die Briten 2012 mit ihrem Segelstadion, dass auch unser Sport viele Menschen begeistern kann.

Pudenz pocht auf Wandlungsfähigkeit

Aber der Flensburger 49er Olympia Aspirant Lennart Briesenik Pudenz, der die Qualifikation für London knapp verpasst hat, sieht in einem Extrakt seiner Bachelor Thesis für die Business School in Kopenhagen weiterhin Probleme bei der Wandlungsfähigkeit in Bezug auf die Olympiawürdigkeit des Sports.

“Da sich der Segelsport in der Geschichte ausschließlich nach den Bedürfnissen der Segler entwickelt hat, fällt es vielen Sportlern schwer, Kompromisse einzugehen, die sich auf die gefühlte Fairness auswirken. Im Vergleich mit anderen modernen olympischen Sportarten allerdings, kann sich Segeln den Zuschauern noch annähern.”

Er hält aber die Versuche für wichtig, die Attraktivität weiter zu steigern. Besonders die 49er Klasse probiert dafür neue Formate wie bei der EM 2012 am Gardasee aus, um dem Stillstand zu begegnen.

11 Millionen Euro vom IOC

Dabei stellt sich die Frage, ob der Olympiastatus überhaupt erstrebenswert ist. Die Ringer immerhin sind davon überzeugt. Deren Weltverband Fila glaubt, nicht ohne die millionenschweren Zuwendungen aus dem Vermarktungsprogramm des IOC existieren zu können. Mehr als 60 Prozent der Einnahmen sollen vom IOC kommen. Und der Verband in Deutschland DRB bekam mehr als eine Million Euro für den Spitzensport vom Bundesinnenministerium.

Jeder Sportverband, der bei Olympia vertreten ist, erhält IOC-Subventionen von mindestens 11 Millionen Euro. Damit kann man schon eine Menge Nachwuchsarbeit machen.

So heißt es auch als Schlusssatz in einer legendären Diplomarbeit aus dem Jahr 1995. 🙂 “Es gilt, den Segelsport konsequent dem Wandel der Zeit anzupassen, damit es ihn auch in Zukunft noch gibt.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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19 Kommentare zu „Segeln im Olympia-Programm: Pudenz hofft auf weitere Modernisierung“

  1. avatar Olli sagt:

    Ich glaube nicht, dass der Segelsport untergeht, wenn er nicht mehr olympisch ist.
    Wieviel % der deutschen Segler regattieren?
    Wieviel % der Regattasegler segeln olympische Klassen?

    Nehmt die olympische Firma mal nicht zu ernst. Es gibt wichtigere Dinge im Leben…

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    • avatar auch Olli sagt:

      Oh, wie recht der Olli hat!
      Den Golfern gehts auch nicht gerade schlecht.

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    • avatar Alex Hagen sagt:

      für den olympischen Segelsport ist das gut, für die ISaf eine schöne Schmach. Jetzt können viele Stars wieder mitmachen, dort wo sie hingehören. Und die Medien werden berichten. Im Portfolio der Olympiaklassen ist Platz für eine Traditionsklasse, als Sammelbecken aus den Jollenklassen . Was ist dagegen einzuwenden. Guter Sport und spannende enge Rennen werden im Star immer geboten.
      Al

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  2. avatar Hans von Sonntag sagt:

    Naja, der Olli und der auch Olli vergessen evtl., dass für das Jollenregattasegeln die Olympiade schon ein sehr wichtiger Motivationsfaktor ist. Eine Olympiamedaille ist halt mehr wert, als ein WM – Titel in einer Familiensportart wo maximal noch Onkel und Tante zuschauen und auch das nur, wenn’s vor der Tür stattfindet.

    Sonst bleibt am Ende nur die Mittwochsregatta am Eidersee oder der ORC/IRC Zirkus für alle diejenigen, die Golf zu langweilig finden.

    Und dann all die DSV Funktionäre – arbeitslos. Dann die fehlende Diskussion warum D nie den Anschluss an die Großen schafft. Keine kleinen Skandale, nichts mehr. Totale Bedeutungslosigkeit und noch mehr Nachwuchsmangel.

    Am Ende ist ein Segelboot für den Rest der Welt nur noch ein RCV (recreational vehicle), also ein Wohnmobil auf dem Wasser und Bavaria endlich Weltmarktführer. Das will doch keiner.

    Also schön Lobby machen, A-Cats zulassen, Genacker vergrößern, wenig Taktik, viel Speed, viel Crash, viel Akrobatik, der Wow-Faktor muss her. Nicht wie im Museum stehen und sagen: “Das soll Kunst sein?Das kann ich auch!”

    Hans

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    • avatar auch Olli sagt:

      Ola, Hans bald vom Montag 🙂
      mal ganz ehrlich…zuschauen werden sowieso nur Segler, Mittwochsregatten sind heiss umkämpft ;-),
      DSV Funktionäre arbeitslos? Endlich, da warte ich seit 25 Jahren drauf!
      Alles mit nem zwinkern im Auge 🙂

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  3. avatar Oh, nass is sagt:

    Ringen is raus?

    Den Griechen bleibt aber auch gar nix erspart……….

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    • avatar Oh, nass is sagt:

      Gut, es war absehbar.

      Die Ringer haben es einfach total verschlafen sich dem Wandel der Zeit anzupassen, wie das Pusenik Dingens schon so vollkommen richtig in seiner Betschela Arbeit formulierte.

      Es fehlte einfach an innovativen Neuerungen in diesem Sport, wie “Ohr abbeißen” oder vorzeitiger Punktsieg durch Halsbruch. Sowas will das Publikum doch sehen. Das Outfit war auch recht veraltet, wie ich finde. Man hätte es modern aufpeppen müssen oder vielleicht, noch besser, ganz weglassen. So hätten sich dann sicher auch neue, moderne Wurftechniken ergeben, die bestimmt für tolle telegene Bilder gesorgt hätten, wie möglicherweise den Schniedelüberschlagsrückzieher. Das Ganze dann noch am Hochseil ohne Netz und man hätte sicher noch ein, zwei mal olympisch bleiben können.

      Selber schuld kann man da nur sagen!

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  4. avatar holger sagt:

    Hallo,
    Olympia ist zu einer gigantischen Gelddruckmaschine verkommen, zumindest für die Funktionäre.
    Und da sind die Ringer raus, weil sie zuwenig Geld bringen.
    Einer der Kriterien für olympische Sportarten ist der Umgang mit Doping, ich sahe nur Radsport!!!
    Kiten oder Surfen, hauptsache die IOC-Typen machen Kasse!

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  5. avatar Oh, nass is sagt:

    Kann mir mal jemand eine deutsche Rangliste vom 49er zeigen?

    Ich finde keine!

    Danke für die Mithilfe.

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    • avatar auch Olli sagt:

      hähä, gibt nur noch ne Weltrangliste.
      Und da sind Tobi und Hannes im Moment führende…

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      • avatar Oh, nass is sagt:

        Aha,

        also ist der 49er praktisch wohl die erste Klasse, noch dazu olympisch, wo es national zu keiner Rangliste reicht, zu keinem vernünftigen Regattakalender, also zu absolut keiner Verbreitung. Hhmmm, eigentlich dürfte es dann ja gar keine Deutschen Meisterschaften geben ohne Rangliste laut Meisterschaftsordnung.

        So sieht also die Rettung des Segelsports aus.

        Beeindruckend!

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        • avatar Silberbeil sagt:

          Es gibt auch keine deutschen Meisterschaften. Die nennen sich dann German Open oder IDB oder so. Für 2012 habe ich auch keine Ergebnisliste im Netz gefunden.

          49er Segeln sieht zwar zugegeben spektakulär aus, ist aber für Segler ohne olympische Ambitionen in Deutschlan offensichtlich nicht attraktiv. Ist sehr aufwendig und man segelt als Normalregattierer ja nur hinterher und muss ewig weit fahren um überhaupt zu einem Event zu kommen.

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          • avatar Markus sagt:

            Die Meisterschaftsordnung sagt ganz klar, daß die 60 Regel nicht für Olympische Klassen gilt, sonst wären die 470er auch schon lange draussen.

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          • avatar Silberbeil sagt:

            Man braucht aber auf jeden Fall 25 gültige Meldungen. Wo sollen die im 49er denn herkommen? Die IDB 2012 war jedenfalls nicht mal als DM ausgeschrieben.

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    • avatar Christian sagt:

      eine deutsche Rangliste ist für eine so internationale Klasse wie 49er sowas von belanglos. Da muss man schon über den nationalen Tellerrand blicken.

      Kompetitiv 49er segeln ist darüberhinaus definitiv nichts für Otto Normalsegler. Trotzdem (oder eigentlich gerade deshalb) ist der 49er die richtige Wahl als Olympiaklasse. Dasselbe gilt für den FX. Der wird nie eine Massenbasis bekommen.

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      • avatar Markus sagt:

        Deshalb hat ja der Laser Radial auch die Europe abgelöst. Weill Masse nicht zählt.

        Ich verachte das IOC. Die Griechen waren auch schon korrupt, gingen aber offen damit um. Ich erkenne an, daß die Mediale Aufmerksamkeit durch Olympia dem Segelsport sicherlich hilft. Aber ich habe deutliche Zweifel daran, daß es irgendwelche Auswirkungen auf die Mitgliederbasis der Verein hat.

        Die meisten Segelverein die ich kenne sind reine Parkraumbewirtschaftsfirmen. Die braucht kein Mensch. Jugendarebeit machen auch die wenigsten.

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  6. avatar 12er Enthusiast sagt:

    …dann sollten mehr 12er segeln – ist wieder eine aufstrebende Klasse – zumindest in Deutschland und Nord Europa. Und die Schiffe halten auch länger…oder Drachen – tolle Felder, viele Regatten, hohes Niveau…oder 505 das gleiche -tolle Felder, hohes Niveau, viel Spaß…
    Früher dachte ich auch, das Olympia wichtig ist, heute hat sich das relativiert – zumindest für das segeln. Damals (hört sich an wie im letzten Jahrhundert – war es auch) waren bei der Kieler Woche 100 470er, 60 FD´s, 60 Drachen, 100 Finns, 70 Stare…und heute???? Wenn es 25 Schiffe in einem olympischen Feld sind freuen sich alle und vielleicht sind dank der Surfer insgesamt mehr als 100 olympische schiffe dabei. Aber Segeln auf der Kieler Woche ist ja leider auch nicht mehr so wichtig.
    Spaß macht das segeln aber trotzdem und ob Herr Rogge nun für die Segler ist oder nicht – lange ist er ja sowieso nicht mehr IOC Präsident. Nur der Gedanke, dass Bavaria dann die Herrschaft über die Segelei übernimmt, die macht mir Sorgen…

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  7. avatar Oh, nass is sagt:

    Olympia oder Zirkus

    Ringen soll aus Olympia-Programm gestrichen werden

    Ringen ist mehr als ein Sport. Es ist der älteste Kampfsport, es ist die gelebte olympische Idee, es steht für die Essenz der Körperkultur. Ringen wird seit Jahrtausenden in der Literatur beschrieben – von den Schriften des Gilgamesch über die Epen von Homer bis zu den Romanen von John Irving. Einige Grundtechniken des Freistilringens sieht man auf ägyptischen Zeichnungen aus der Zeit 2500 vor Christus. Ringen war im antiken Olympia die Entscheidungsdisziplin des klassischen Fünfkampfs. Ringen brachte den ersten olympischen Sporthelden hervor, den als unbesiegbar geltenden Griechen Milos von Kroton, der im sechsten Jahrhundert vor Christus mindestens sechsmal Olympiasieger wurde. Wer an Olympische Spiele denkt, der denkt auch heute noch ans Ringen.

    Die ganze Welt weiß, welche Bedeutung das Ringen für Olympia hat. Nur die führenden Manager des Internationalen Olympischen Komitees wissen es nicht. Seit sie seine Abschaffung aus dem Programm ihrer Spiele eingeleitet haben, müssen sich die Mitglieder des Exekutivkomitees fragen lassen, ob nicht sogar die ganze Welt besser weiß als sie, was die Olympischen Spiele sind. Und was diese Spiele von kommerziellen „Events“ noch unterscheiden soll.

    Wie die zwölf Männer und drei Frauen dieser Runde auf die Idee kommen konnten, eigenhändig eine Sprengladung an das Fundament ihrer Existenzberechtigung zu legen, ist ein Rätsel. Obwohl sie vor Jahren den Sportdress gegen feines Tuch getauscht haben, wurde ihnen bisher zugetraut, ein Gefühl für die historische und pädagogische Bedeutung der Spiele bewahrt zu haben. Schließlich werden sie in ihren eigenen Reden regelmäßig daran erinnert. Doch nun wollen sie das olympische Ringen ersetzen – durch angeblich telegenere Neubewerber wie Rollschuhlaufen, Wandklettern oder Squash.

    So schnell können Kulissen zusammenfallen. Die IOC-Entscheider bekommen jetzt aber zu spüren, dass die Olympischen Spiele jenseits ihres Mythos tatsächlich ideelle Werte besitzen, die sie nicht ungestraft dem Kommerz opfern können. Menschen aus aller Welt erinnern sie lautstark daran – die Liste der Länder, aus denen Protest angemeldet wird, liest sich wie die Vereinten Nationen. Die Vereinigten Staaten, Russland und Iran gehen vorneweg in einer einmütigen Allianz, wie sie wohl zurzeit in keinem anderen Zusammenhang möglich wäre.

    In 177 Ländern wird gerungen, in vielen davon ist Ringen Volkssport. Afghanistan, Aserbaidschan, die Türkei sind klassische Ringernationen. In den Vereinigten Staaten gehört es zu den beliebtesten College-Sportarten, und auch in Deutschland gibt es eine Ringertradition, die allerdings an Bedeutung verliert. Dafür wird es immer intensiver als Schulsport gepflegt, um Kinder körperlich zu aktivieren, um die Integration von Zuwanderern zu fördern und zur Gewaltprävention. Auch das hat tiefe Wurzeln. Schon Platon hätte Jugendlichen das Ringen am liebsten per Gesetz vorgeschrieben.

    Reaktionen auf Ringer-Aus: „Ich bin geschockt“

    Jeder andere Sport ist eine Hilfsübung für das Ringen – so sehen es die Anhänger der Griffkunst. Tatsächlich braucht ein Ringer enorme Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer und Beweglichkeit, um sich auf der Matte zu behaupten. Dazu kommen innere Stärke und Konzentration. Schläge sind verboten – Ziel ist es nicht, den Gegner kampfunfähig zu machen, sondern ihn mit Hilfe von Taktik und Technik aufs Kreuz zu legen. Ein guter Ringer geht besonnen, aber wachsam in seinen Kampf.

    Noch ist der Entscheidungsprozess nicht zu Ende

    Beherrsche deine Gefühle, heißt es auf der Ringermatte, beobachte den Gegner, sei klug und vorausschauend, handle planvoll, setze deine Kräfte dosiert ein, schätze dich selbst richtig ein, überstürze nichts, sondern erkenne den rechten Augenblick und nutze deine Chance. Beim Ringen lernen die Sportler – und seit kurzem auch die Sportlerinnen – den kontrollierten Abbau von Aggression und den vernünftigen Umgang mit Bedrohungen. Die Verletzungsgefahr ist vergleichsweise gering, weil natürlichen Bewegungsmustern gefolgt wird. Gerungen wird schließlich auch ohne Verein. Schon Kleinkinder fangen untereinander ganz von selbst damit an, oft nicht um zu gewinnen, sondern um sich selbst zu spüren. Söhne ringen untereinander und mit Vätern, um spielerisch ihre Kraft zu messen.

    Was ist schnelles Fernsehgeld gegen all diesen Reichtum? Was ein olympisches Golfturnier oder zirkusmäßiges Geländeradeln? Das IOC verlangt Weltstars und Werbespots – aber die Ringer finden sich auch ohne Innovationen gut. Tatsächlich könnte die Fernsehtauglichkeit des olympischen Ringerturniers verbessert werden. Die Kämpfe sind ohne Regelkenntnis kaum zu durchschauen, und die beiden Stilarten – griechisch-römisch und Freistil – verwirren die Zuschauer. Der Weltverband hat zu wenig getan, um seine Sportart den modernen Erfordernissen anzupassen. Doch darauf kann das IOC das Ende des olympischen Ringens nach 2721 Jahren nicht begründen. Noch ist der Entscheidungsprozess nicht zu Ende – die Vollversammlung im September eröffnet einen Weg, die Entscheidung einfach zu annullieren. Auch wenn das peinlich wäre für die Exekutive und den scheidenden Präsidenten Jacques Rogge: Die IOC-Mitglieder sollten ihn gehen.

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    • avatar Oh, nass is sagt:

      Vielleicht sind die Zuschauer auch einfach zu dumm? *g

      Die Kieler Woche kommt ja dieses Jahr auch wieder mit einem neuen Format, nur um den Zuschauern entgegen zu kommen!

      Man kann ab diesem Jahr eine Kieler Woche Serie absolut dominieren und dann im Finallauf alles verlieren als Segler, nur damit der Zuschauer mehr Durchblick bekommt!

      Sportler sind wirklich nur noch Zirkuspferde, die da rausgehen, damit sie und andere Kohle machen!

      Traurig, aber wahr!

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