Spi Ouest Report: Zwei Bremer J80 Top Ten im 105 Boote Feld

Blutdruck, Bretagne und Baguette

Die J80 Campaign aus Bremen mit Steuermann Sven Vagt kommt nach einem guten achten Platz aus dem Wasser. © SegelReporter.com

„So viele Deutsche waren hier zuletzt vor 70 Jahren“, grummelt der französische Arzt in gebrochenem Deutsch. Ernst? Witz? Das faltige Gesicht gibt lange keine Antwort. Dann ein erlösendes Augenzwinkern, ein befreiendes Lächeln. „Willkommen in Frankreich.“ Er habe selber eine Wohnung in Hamburg Lokstedt, möge die Deutschen gerne und müsse jetzt eben feststellen, ob die Crew fit zum Segeln sei.

Vor dem Blutdruck-Check dürfen Ausländer bei der Spi Ouest nicht an den Start. © Segelreporter.com

Wie bitte? Fit zum Segeln? Wenn Ausländer in Frankreich um die Wette segeln wollen, müssen sie ein Zertifikat vorweisen, das ihnen die Tauglichkeit zur Regattateilnahme bestätigt. Klingt äußerst deutsch, ist aber keine Schikane, vielmehr die Folge des tödlichen Unfalls bei der Nioulargue 1995. Der Wettfahrtleiter sollte damals haftbar gemacht werden. Nun sichert man sich in Frankreich lieber ab.

Auch bei der Spi Ouest, einer der größten Yacht-Regatten weltweit. 475 Schiffe mit rund 3000 Seglern sind in La Trinité sur Mer dabei. Die Frenchies brauchen eine extra Versicherung, Nicht-Franzosen müssen erst in den Container zum Arzt.

Er nimmt seinen Job ernst. Die „große Hafenrundfahrt“ fällt zwar aus, aber Blutdruck und Sehstärke sind auf dem Prüfstand. Eine skurrile Fassette dieser Regatta. Die Stimmung trübt es nicht.

La Trinité ist ein Mekka des französischen Segelsports. Mit großen Augen nimmt der Segelfan die Anzeichen wahr. Der Mega Tri „Sodebo“ liegt im Hafen, mit dem Thomas Coville eben noch alleine um die Welt raste. Der nach einer Walkollision zerstörte Steuerbord-Bug ist immer noch nicht geflickt.

Daneben liegt Volvo Ocean Race Sieger „Ericsson 4“, der in grünroten Farben nun fürdas Groupama-Team um Franck Cammas als Trainingsboot seinen Dienst tut. Drumherum Oldtimer, einzelne Fischerboote und die vielen kleinen Rennyachten.

Besonders markant sind die neuen Open Klassen mit breiten Hecks und Doppelruder, die 7.50 mit ihrem freistehenden Flügelmast (Video Spi Ouest 2008) und die 6.5. Allein die kleinen 5.70 bringen 30 Boote an den Start.

Die Franzosen segeln gerne Einheitsklasse. Die etablierten Grand Surprise bringen 43 Schiffe an den Start. Selbst die Wohn-Racer First 31.7 kommen auf 20 Einheiten. Die J80 stellen einen Rekord auf mit 105 Schiffen. Aber auch die fünf IRC-Klassen erfahren regen Zulauf.

Knatternd wehen die Battleflags an den Vorstagen. Warmer Frühlingswind sorgt für Bewegung. Die Sonne steht eine Handbreit über dem Horizont. Langsam füllt sich das Hafenvorfeld von La Trinité sur Mer. 457 Crews bereiten sich auf einen zauberhaften Segeltag vor.

Keine Hektik, keine Panik. Der Franzose stellt sich schon im Ölzeug ruhig in die Schlange vor dem Baguette-Bäcker, checkt seine Yacht per Bar Code und Scanner im Regatta-Zelt aus und schlürft im Straßencafé entspannt seinen Café au lait.

Gechillt wie die bretonischen Fischer und die großen Segel-Franzosen bevor sie zu ihren Heldentaten aufbrachen. Der berühmte Fotograf Philip Plisson hat sie alle abgelichtet. Er residiert mit seiner Galerie in der ersten Reihe. Seine Bilder halten die Geschichte lebendig.

Die Spi Ouest Regatta ist seit 33 Jahren jeweils für vier Tage der Nabel der Segelwelt. Außerhalb Frankreichs bekommt es niemand mit. Ausländer sind rar. Abgeschreckt wohl durch die Sprache, aber vielleicht auch durch das intensive Segeln.

Denn die Tage sind lang. Abends steht man noch mit einem Bier auf der Hafenpromenade und stellt mit den Handflächen die spannenden Situationen des Tages dar. Danach verläuft es sich schnell. Das Rahmenprogramm hält sich in Grenzen. Rauschende Feste, Fehlanzeige.

Auch die deutsche J80 Abteilung, die aus dem hohen Norden angereist ist, sieht beim Umfeld Nachholbedarf. Dennoch ist sie begeistert von dem Massen-Abenteuer in Frankreich. Kein Wunder. Sie sind exzellent gesegelt. Zwei Teams der Segelkameradschaft “Das Wappen von Bremen” (SKWB) um die Steuerleute Björn Beilken und Sven Vagt gelingen die hervorragende Top Ten Plätze sechs und acht (Ergebnisse J 80).

Bei den Franzosen fühlen sie sich willkommen. Die Verständigung auf Englisch funktioniert leidlich. Auch der Arzt kann sie nicht abschrecken. So mögen im nächsten Jahr noch mehr Deutsche kommen. Auch wenn sich Segel-Deutschland nach diesem Massen-Erlebnis wieder wie eine Diaspora anfühlt.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Spi Ouest Report: Zwei Bremer J80 Top Ten im 105 Boote Feld“

  1. avatar oliver sagt:

    Bravo SKWB weiter so. Wann kommt Ihr nach Palma? Vielleicht zur J 80 Winterserie?
    Gruß
    Oliver
    Ex SKWb ler “Roter Drache” 🙂

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  2. avatar jorgo sagt:

    Segeln bei unseren französischen Nachbarn ist (fast) immer ein besonderes Erlebnis: viel Sportsgeist, grosse Felder, nette Stimmung! Der Focus liegt eindeutig auf dem Sport. Allabendliche Massenbesäufnisse habe ich nie erlebt – schon gar nicht, wenn auch jugendliche Crews am Start sind. Freibier = Felhlanzeige!
    Mir persönlich gefällt das viel besser als bei uns, denn es ist vielerorts eine ausufernde Unsitte. Das das nicht unproblematisch ist erkennt wohl jeder, der mal einen nüchternen Blick darauf wirft.

    Spi-Ouest: Für die SK -Jungs bestimmt eine ganz tolle neue Erfahrung. Herzlichen Glückwunsch zu den hervorragenden Leistungen!

    Das Gegenstück für Kat-Segler nennt sich EuroCat und findet unweit von La Trinité immer über das 1.Mai Wochenende statt. Alljährlich finden mehr als 300 Kats aus aller Welt ihren Weg dort hin.

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