Sportboote: Wie sich vermögende Owner-Driver zu Titeln führen lassen

Geld schießt Tore

In der vergangenen Woche ist der eCommerce-Millionär Joel Ronning im stürmischen San Francisco mit 59 Jahren zum WM-Titel der angesagten J/70 Klasse gesteuert. Wie kann das sein?

Es erscheint immer wieder wie ein Wunder, dass es im Segelsport möglich ist, als unbedarfter Quer- und Spät-Einsteiger selbst als Steuermann zu großen Erfolgen zu segeln. Dabei zählt offenbar finanzieller Einsatz mehr als Segelerfahrung. Geld schießt eben doch Tore.

J/70 Kostecki

Das US-Team um Owner-Driver-Skipper Joel Ronning und Star-Taktiker John Kostecki (rote Weste) © SFYC

Es ist ja noch nachvollziehbar, dass in dieser Konstellation gute Ergebnisse mit großen Yachten erstritten werden können, die nicht als Einheitsklasse segeln. Bei ihnen spielt die Position am Lenker keine so große Rolle. Das Material hat einen deutlich größeren Einfluss. Außerdem wird meist in Handicap-Systemen gesegelt, die einen ehrlichen Vergleich nicht zulassen.

Vermögen verhilft zu Titeln

Aber wie können solche Erfolge bei kleinen Sportboot-Einheitsklassen wie der J/70 passieren. Der Amerikaner Joel Ronning (59) hat in der vergangenen Woche den WM-Titel  trotz Unterschenkel-Prothese in einer vier-Mann-Crew geholt. Und Michael Illbruck gelang das Kunststück Ende August in der noch agileren Melges20-Klasse mit nur drei Seglern an Bord.

Das sind zwei Geschichten aus unterschiedlichen Welten des Rennsegelns, die einige Gemeinsamkeiten aufweisen, und auch einen Trend symbolisieren. Immer häufiger wenden sich vermögende Menschen einer Onedesign-Klasse zu, und es gelingt ihnen durch den Einsatz von Geld Erfolge zu feiern.

In diesem Fall haben der eCommerce-Millionär Ronning aus den USA und der deutsche Unternehmer sogar etwas gemeinsam. Beide verfügen über ein ordentlich gefülltes Bankkonto und waren in der Lage, die Dienste des Amerikaners John Kostecki als Taktiker und Projekt-Planer in Anspruch nehmen zu können.

Mexikaner zahlt Sieg-Prämie

Nach dem gleichen Prinzip setzen sich die weiteren Spitzenteams bei der J/70 WM in San Francisco zusammen. Der Mexikaner Neckelmann auf Rang zwei ist ebenfalls ziemlich gut betucht. Er soll seinen Taktiker, Match Race Weltmeister Bill Hardesty, beim Vorjahressieg mit einer fünfstelligen Titel-Prämie belohnt haben.

Der Italiener Carlo Alberini (4.) ist ein Stahl-Unternehmer besitzt, und hat auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Er ist seglerisch bisher überwiegend in der Farr 40 aufgetreten, wo vorgeschrieben ist, dass die Eigner steuern.

Die junge Italienerin Claudia Rossi, die in San Francisco klar auf Titelkurs lag, bis sie durch einen Frühstart auf Platz fünf abrutschte, war nur drei Monate nach dem Einstieg in die Klasse Europameisterin in Kiel geworden. Sie wird von ihrem vermögenden Vater unterstützt, der seit Jahren einen persönlichen Segel-Rennstall unterhält.

Das vermeintliche Wunder

Aber wie kann Geld in der Einheitsklasse eine so große Rolle spielen? Warum schafft es zum Beispiel einer wie Jud Smith, mehrfacher Weltmeister und America’s-Cup-Segler sowie Chef von Doyle One Design Sails, nicht (Platz drei in San Francisco), die deutlich weniger erfahrenen Steuer-Kontrahenten klar zu distanzieren?

Ronning selbst gibt in einem Interview mit dem australischen Medium Sail World Einblicke in seine Vorbereitung. Er erklärt, wie das vermeintliche Wunder zustande kommt.

J/70 Kostecki

Das Männer-Quartett, das in San Francisco zum Sieg segelte.© Christopher Howell

Dabei spielt insbesondere die Person John Kostecki eine große Rolle. Der Ruf des Amerikaners hat zwar arg gelitten, als er 2013 beim Oracle Racing Team auf die Ersatzbank musste und den Sündenbock für die Misserfolge im America’s-Cup-Finale 2013 spielen sollte, aber Kostecki ist immer noch der einzige Segler, der den America’s Cup, das Volvo Ocean Race (“Illbruck”) und eine Olympia-Medaille gewonnen hat.

Und vielleicht spornt ihn die Niederlage bei Oracle unter den Augen der Weltöffentlichkeit zu noch besseren Leistungen an als bisher. Er präsentiert sich in dieser Saison jedenfalls in Bestform und ist jetzt auch auf der TP52 “Platoon” im Einsatz. Dabei liegen seine Fähigkeiten offenbar in der perfekten Kampagnen-Planung für seine Auftraggeber.

Langwieriges Entwicklungsprogramm

Ronning erzählt in einem Interview von der intensiven Vorbereitungszeit, mit der J/70-Crew, die nur die wenigsten Segler investieren können. So verbrachte das Team schon im Frühsommer viele Segelstunden auf dem WM-Revier und absolvierte langwierige Zweiboot-Tests, bei denen sie auch ein Segel-Entwicklungsprogramm absolvierten. Es nahm an allen wichtigen Regatten in der SF-Bucht teil, und dabei ist es sicher auch nicht von Nachteil, dass Kostecki exzellente Revierkenntnisse über das strömungsreichen Gewässer besitzt, auf dem er seine Segelkarriere begonnen hat.

Darüberhinaus gibt es diverse Möglichkeiten, sich legale Material-Vorteile in einer Einheitsklasse zu sichern. In der J/70 werden Rümpfe und Masten von je zwei Herstellern in USA und Europa gefertigt. Es ist klar, dass in der Teile in der Massenproduktion nicht exakt gleich sein können. Je größer die Bauteile – der Unterschied zwischen Laser/Surfbrett und J/70 – umso größer ist die Varianz. Spitzenteams besorgen sich häufig verschiedene Boote aber zumindest mehrere Riggs , um die unterschiedliche Steifigkeit der Masten den Wind-Bedingungen und Segelprofilen anpassen zu können.

In den Olympiaklassen wie 49er und Nacra17, bei denen ebenfalls ein Hersteller-Monopol besteht, und die Segler ihr Material mitbringen dürfen, ist diese Strategie längst ein Muss für vordere Platzierungen. Im Laser ist das nicht ganz so wichtig, weil der Veranstalter das Material bei WM und Olympia stellt.

Viel Potenzial bei Trimm-Tests

In einer jungen Klasse wie der J/70 kommt aber hinzu, dass besonders beim Ausloten der verschiedenen Trimm-Konfigurationen noch viel zu holen ist. Wer viel Zeit auf dem Wasser mit Vergleichsfahrten und Trimm-Tests verbringt, wird große Fortschritte machen.

So entwickelt sich aus vielen Komponenten ein Speed-Vorteil, der mögliche Defizite des Owner-Drivers beim Steuerverhalten in den Hintergrund treten lässt. Es ist dann nicht mehr nötig, besondere Fähigkeiten in der Startphase oder bei engen Tonnenrundungen zeigen zu müssen, wo erfahrene Steuerleute einen Vorteil hätten.

Ein konservativer Start reicht aus, um durch guten Speed eine Spur mit freiem Wind halten zu können. Danach sorgen dann die Ansagen eines überragenden Taktikers dafür, den schnellsten Weg strategisch schnellsten Weg über den Parcours zu finden.

Das Melges-24-Experiment

Erst mit der Dauer einer Klasse auf dem Markt werden die Möglichkeiten, neue Trimm-Stile zu entwickeln immer mehr ausgereizt. Ein Beispiel ist die Melges-24-Klasse, die den Anforderungen der J/70 sehr ähnelt. Auch hier gab es schon erfolgreiche Experimente, wie man mit professioneller Vorbereitung auch einen unerfahrenen Steuermann zum Titel lotsen kann.

2003 gewann der 14-Jährige Steuermann Samuel “Shark” Kahn die WM im fünfköpfigen Team gegen die stärksten Profis der Welt. Sein vermögender Vater Philippe Kahn unterhielt damals das Pegasus Racing Team und beschäftigte einige der besten Segler. Dave Ullmann führte das Melges 24 Projekt, bei dem er selbst den beleibten Vater mit dessen Melges Speed brachte. Der Sieg war das Ergebnis monatelanger akribischer Vorbereitung.

Inzwischen wäre das in der Melges nicht mehr vorstellbar. Zuletzt gewann der Schweizer Olympionike Chris Rast die WM überlegen. Und weitere große Namen mit Olympia-Hibtergrund sind unter den Top-Ten zu finden. Auch in der Drachen-Szene gibt es viele vermögenden Segler, die Profi-Kampagnen aufgezogen haben und sich von Top-Profis den Weg weisen lassen. Aber die absoluten Spitzenplätze belegen dann doch wieder die namhaften Steuerleute mit einer langen Erfolgsgeschichte.

Es mag noch etwas dauern, bis sich diese Entwicklung auch in der J/70 abzeichnet. Sie hängt davon ab, wie prestigereich der WM-Titel wird, und ob er in das Visier der besten Segler gerät. Bis dahin sorgen die vermögenden Eigner mit ihrem Spaß an der Klasse dafür, dass sie sich weiter entwickelt. Die Organisatoren müssen allerdings gewährleisten, dass sich die Möglichkeiten Material-Vorteile zu erarbeiten in Grenzen halten.

Ergebnisse J/70 Worlds 2016

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „Sportboote: Wie sich vermögende Owner-Driver zu Titeln führen lassen“

  1. Dem Segelsport haftet das Image eines für die Reichen exklusiven Sportes an. Selbst wenn »die vermögenden Eigner« zunächst »mit ihrem Spaß an der Klasse dafür [sorgen], dass sie sich weiter entwickelt«, ist dies Image für den Segelsport im Allgemeinen schädlich, da so nicht die von ihrem Potential zu Leistungen besten Segler Segler werden, sondern nur die, die sich selbst finanzieren können. Daher sollten wir Segler uns überlegen, wie schon Kinder, deren Eltern eben nicht zu der Top-10-%-Einkommensschicht gehören, Zugang zu Nachwuchsförderung und Material erhalten und in ihrem seglerischen Werdegang erfolgreich unterstützt werden können.

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  2. avatar RVK sagt:

    Benedikt: Es ist natürlich in keiner anderen Sportart der Fall, dass der gewinnt, der am Ende am meisten in die Vorbereitung gesteckt hat? Training ist quasi Wettbewerbsverzerrung? Ich glaube, dass das Phänomen “Geld schlägt Talent” in ganz vielen Sportarten dominiert und eben mittlerweile auch zum Sport gehört. Ob das jetzt der FC Bayern gegen St. Pauli oder Philip Kahn gegen sonst wen ist. Die Leute kaufen sich hier ja nicht einfach mit Material die Titel, sondern dadurch, dass sie sich die richtige Vorbereitung und Trainer kaufen. Das ist schon noch mal ein Unterschied. Und dass Segeln von seinem elitären Image geschädigt wird, wage ich auch mal zu bezweifeln.

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    • avatar Egal sagt:

      Natürlich entscheidet letztendlich das Material und jeder der das nicht kapiert, hat im Segelsport nichts zu suchen! Die, die glauben, ne Einheitsklasse wär ne Einheitsklasse sollten sich mal die Ausstattung von Olympiateilnehmern angucken. Der schwedische Olmypionike verkauft gerade seinen Fuhrpark. auf der deutschen Finnwelle. 4 Schalen, 7 Masten (ein Wilkecarbonmast kostet 5000,- Euro) und unter 10 Segel pro Jahr geht da wohl kaum was. Der italienische Olympionike verkauft auf der italienischen Finnseite gerade seinSegel Arsenal. Es gäbe noch mehr Beispiele. Material schlägt letztendlich immer Talent. Das war noch nie anderes im Segeln und ist auch kein Geheimnis! Sowas wie ne Einheitsklasse gibts gar nicht. Jeder buttert solange die Kohle ins Material bis er die Ausnahmekarre hat, die ihm den Titel beschert. Natürlich in Verbindung mit dem Taktiker. Aber ohne Speed gibts keine Taktik!

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  3. avatar RVK sagt:

    Logo! Wenn man das Topmaterial hat, gewinnt man automatisch. Eigentlich kannste jeden Idioten, mit 20kg Übergewicht direkt nach dem Jüngstenschein in den optimierten Finn mit dem richtigen Mast und dem besten Segel aus den 10 gekauften Sätzen stellen und der wird dann sofort Olympiasieger! Training davor, Erfahrung etc. sind nicht so wichtig, wenn nur das Material stimmt. Dass aber vielleicht erstmal Übung den Unterschied macht, lassen wir dann weg. Material kommt vielleicht erst dann zum Zuge, wenn du mit den Jungs spielst, die gleich viel üben wie du und gleich viel Talent haben. Und die Frage, wie lange du segeln und trainieren musst, bist du an nem Punkt bist, dass du die Superiorität eines Segels, Rumpfes, Mastes oder deren Kombination erahnen kannst, lassen wir eben auch mal aussen vor. Gerade wie im Artikel beschrieben kaufen sich die Eigner nicht Material, sondern Know-How wie sie in einer jungen Klasse heraus finden, was besser funktioniert und einen Trainer, der ihnen verschwendete Zeit auf dem Wasser spart. Das kannst du dann auch nicht mit nem Starboot, Finn oder nem 470er vergleichen, bei dem alles Tricks seit Jahren bekannt sind.

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    • avatar Egal sagt:

      Segeln können viele. Aber letztendlich entscheidet der Speed! Zum gekauften Know How gehört auch vor allem, daß das Material optimert wird! Ende!

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      • avatar Karl-Heinz Schulte-Leckmiammors sagt:

        Material, Trimm, Taktik, Physische Verfassung, Mentale Verfassung, Erfahrung & Glück – Das Material ist nur ein kleiner Teil des Ganzen. Segeln können viele, schneller segeln können nur wenige! Aber EGAL… 😉

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