SR Interview: Anna-Maria Renken bereitet erste Einhandregatta vor und träumt vom VOR

„'Die Frauen haben ja so viel gelernt!' - das war nervig"

Anna Maria Renken, Class 40, Nivea, Hochseesegeln

Anna-Maria Renken hat längst in der Hochsee-Szene ihren Platz, besser: ihre Plätze gefunden © van der Borsch

The Transat, Quebec-St.Malo, Middle Sea Race… auf Renken warten spannende Aufgaben. Ihr großer Traum: die Teilnahme beim VOR. Aber nicht unbedingt in einem anglo-amerikanischen „Mädchen“-Team…

Die Hamburger Juristin mit Wohnsitz im bretonischen Lorient hat allen Grund, sich auf die Saison 2016 zu freuen. Seitdem sie die deutsche Class 40 „Nivea“ betreut und damit nun auch Einhand-Regatten wie „The Transat“’ segeln wird, ist sie „vorne angekommen“. Die französische Hochsee-Szene hat sie längst in ihren Reihen aufgenommen und begegnet ihr mit reichlich Respekt.

„Die Deutsche“, wie sie von den französischen Kollegen in Lorient genannt wird, im Gespräch mit SR:

SegelReporter: Um diese Jahreszeit ist die Bitte um einen kurzen Jahresrückblick fast schon obligatorisch. Wie „lief“ es denn so im vergangenen Jahr?

Anna-Maria Renken: 2015 war ziemlich abwechslungsreich für mich, weil ich viele Meilen auf der „Nivea“ segeln konnte, aber auch wieder auf der MOD70 von Oman Sail unterwegs war. Die Class 40 segelten wir zunächst aus dem Mittelmeer nach Lorient und absolvierten dort einige Trainingseinheiten. Danach überführten wir das Schiff in die Ostsee, wo die „Nivea“ den Sommer verbrachte.

Das Regatta-Highlight war dann die Teilnahme am Fastnet-Race, das ja besonders spannend für Class 40-Segler war, weil alte und neue Boote an den Start gingen, reine Profi-Teams gegen Amateure segelten und wir als Mixed-Team mit dem Rang 8 unter 23 gestarteten Class 40 jetzt eine Art Wegweiser für die Saison 2016 haben. Wir wissen, was möglich ist und dass sich das Boot gut behaupten kann. Nach einem Refit in der Werft von Lorient überführten wir das Boot dann nach Mallorca, wo es den Winter verbringt.

Anna Maria Renken, Class 40, Nivea, Hochseesegeln

Beim Tagwerk an Bord der “Nivea” © Bougault

Neue Segelkonfigurationen für „Nivea“

SR: Ein Werft-Refit nach einem großen Rennen wie dem Fastnet – wurden da essentielle Umbauten vorgenommen?

AMR: Im Prinzip läuft das Boot klasse. Wir haben jedoch, auch im Hinblick auf 2016, einige Veränderungen vorgenommen, die uns z.B. andere Segelkonfigurationen erlauben. Zudem wird die „Nivea“ ziemlich viel gesegelt, so dass eine Überprüfung des Tauwerks nötig war, Sicherheitscheck, neues Antifouling usw.

SR: Im vergangenen Jahr war die Segelwelt besonders fasziniert vom Volvo Ocean Race. Du hattest ja einen Monat lang an „Vorauswahl-Trainingseinheiten“ für die Teilnahme beim SCA-Frauen-Team teilgenommen, bist aber letztendlich nicht beim VOR zum Einsatz gekommen. Hakt frau das dann vollständig ab oder fieberst du trotzdem noch mit?

Lieber mit „Dongfeng“ gefiebert

AMR: Ich war ja von Anfang bis Ende des Rennens sozusagen auf „Stand-by“, also durchaus noch im Team. Bei SCA ist man davon ausgegangen, dass im Laufe des Rennens viele Crewmitglieder „verschleißt“ und somit einige Ersatzfrauen benötigt werden könnten. Was sich letztendlich aber nicht bestätigt hat.

Und, ja, am Anfang habe ich noch reichlich bei SCA mitgefiebert aber ich muss sagen, dass mich letztendlich „Dongfeng“ viel mehr interessierte, nicht zuletzt weil französische Freunde an Bord waren. Für mich war das, trotz des gemeinsamen Trainings mit den SCA-Frauen, dann doch das mir näher stehende Projekt.

SR: SCA konnte eine einzige Etappe gewinnen und das war ausgerechnet die mit Zielort Lorient. Deine Wahlheimatstadt und der „betreuende Hafen“ des Teams SCA. Das war doch bestimmt ein ziemliches „Hallo“, oder?

AMR: Am Tag der VOR-Ankunft in Lorient war ich auf See! Und als die nächste Etappe gestartet wurde, segelte ich schon wieder auf der MOD 70 Richtung Kiel. Aber zwischendurch – ja, natürlich traf ich da einige Leute aus dem SCA-Team. Die waren – logisch! – in Hochstimmung, endlich hatte es mal geklappt und dann auch noch ausgerechnet vor Lorient.

Schließlich hatte ich ja schon mitgekriegt, dass an Bord der SCA von Beginn an „die K… am Dampfen“ war. Es gab Differenzen im Team, vieles hat einfach nicht geklappt. Und dann immer wieder diese, auch mediale Darstellung im Sinne von „die Frauen haben ja so viel gelernt!“ Das war dann schon für die meisten Beteiligten sehr nervig.

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Harte Grinder-Arbeit an Bord der Oman Sail © miku

Militärischer Drill

SR: Hört sich nach Bedauern an…

AMR: War aber nicht so! Ich bin richtig froh darüber, dass ich zu den Vorbereitungstrainings eingeladen wurde. Überleg doch mal, wie wenige daran nur teilnehmen durften. Und ich war dabei! Kaum jemand macht sich eine Vorstellung davon, wie hoch die Hürden beim VOR sind. Es war zwar nur ein Monat, aber der war so knallhart und intensiv – was wir da geleistet haben, entspricht dem Jahrespensum mancher männlicher Profis.

Für mich war die Quintessenz des Ganzen jedoch: letztendlich kommt es auf das Team an. Und da haben es die Jungs etwas leichter: Sie können zwischen mehreren Crews wählen. Bei SCA war der Ansatz hingegen ein strikt anglo-amerikanischer: Außer den beiden Mädels aus der „neutralen“ Schweiz waren letztendlich nur Frauen aus England, USA und Australien an Bord. Und es gibt verdammt gute Seglerinnen hier unter den Französinnen.

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“Ich komme mit Frauen und Männern gleichermaßen gut an Bord klar © bougault

SR: Ausgrenzung?

AMR: Es war letztendlich eine Mentalitätsfrage. Auch dieses anglo-amerikanische Frauen-Projekt war von einer Art militärischem Drill geprägt, dem sich gewisse andere Nationen nicht unbedingt unterwerfen wollen. Bei den Franzosen schätzt man da eher das freie, kreative Denken, den Input der einzelnen Personen. Bei der erstgenannten Form wird darum gebeten, beim Ablegen den Verstand abzulegen und streng nach Plan zu segeln. Trotzdem, ich muss das nochmals betonen: Das Volvo Ocean Race ist für mich das Größte, was man im Team segeln kann!

SR: Im Team. Aber träumst du nicht auch wie viele andere deiner Französischen Kollegen vom großen Einhand Abenteuer Vendée Globe?

AMR: Was große Träume anbelangt, bin ich ziemlich vielfältig aufgestellt. Was Boris Herrmann gerade bei der Jules Verne Trophy gemacht hat, finde ich auch toll. Ich bin sowieso sehr „multiphil“ geworden und hab das Glück, dass jede Menge solcher Projekte davon direkt bei mir vor der Haustüre starten. Mir fällt es derzeit sehr, sehr leicht, mich bei einem Multi-Projekt anzustecken!

Traum von deutsch-französischer VOR-Kampagne

SR: Doch kein Traum vom „Um-die-Welt-segeln“ auf einer IMOCA?

AMR: Als ich zum ersten Mal auf einem MOD 70-Trimaran gesegelt bin, hat es mir die Schuhe ausgezogen! Seitdem bin ich völlig „versaut“. Wenn mir jetzt aber jemand eine Summe X anbieten würde, mit der ich irgendein Segelprojekt aufstellen soll, würde ich zunächst wohl schwanken zwischen einer Rekordfahrt auf einem Trimaran und einer Weltumseglung, mich zuletzt dann aber wohl doch für ein VOR-Projekt entscheiden.

Und da kann ich dann auch gleich sagen, was für mich sozusagen die „Kirsche auf der Torte“ wäre: Eine deutsch-französische Kampagne! Wenn nicht jetzt – wann sonst? Die deutsche Wirtschaft brummt, deutsche und französische Hochseesegler verstehen sich prächtig, das Rennen hat einen hervorragenden Bekanntheitsgrad in Deutschland wie in Frankreich… ich werde jedenfalls oft von namhaften französischen Seglern darauf angesprochen.

SR: Auch im Hinblick auf die anstehende „The Transat“-Einhandregatta: Siehst Du Dich also eher als Team-Player?

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Die Deutsche, la boche, la schlöööö, la Merkel… Die Franzosen haben mit ihrem Sinn für seltsamen Humor so einige Namen für AMR parat. Ist eben ihre Art besonderer Sympathiebekundung © miku

AMR: Sagen wir es so: Ich unterhalte mich gerne. Entscheidungen fallen mir leichter, wenn ich mir zuvor noch andere Meinungen eingeholt habe. Ich komme zwar gut mit mir alleine klar, aber im Team macht Segeln deutlich mehr Spaß. Obwohl ich das nun im Mai bei „The Transat“ dann überprüfen werde.

SR: Das wird für dich ein Riesending, oder?

AMR: Ich habe über lange Strecken noch keine Einhand-Regatten bestritten. Ich denke schon, dass das eine der größeren Herausforderungen in meiner Segelkarriere wird. Zumal ich ja gar nicht auf so eine Einhand-Regatta hingearbeitet hatte. Es war beschlossen worden, dass die „Nivea“ an den Team-Rennen Atlantic-Cup an der US-Küste und an Quebec-St.Malo teilnehmen soll. Da stellte sich die Frage, wie das Boot wohl am besten „rüber“ kommt. Cargo ist etwas unsportlich, also habe ich mich für die Einhand-Regatta gemeldet.

SR: Und sonst, was steht weiterhin auf dem Regatta-Programm dieses Jahr?

AMR: Normandy Channel Race, vielleicht noch das Middle Sea Race. Ich glaube nicht, dass ich nochmals Lust auf eine dritte Atlantiküberquerung in diesem Jahr haben werde (lacht). Aber mal sehen… vielleicht gehe ich ja auch auf einem Folkeboot in der Dänischen Südsee segeln.

SR: Anna-Maria, wir danken für das Gespräch und drücken die Daumen für alle kurz- und langfristigen Projekte.

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“Nivea” unter Vollzeug © bougault

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Michael Kunst

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