SR Interview: Luna Rossa Taktiker Francesco Bruni, einer der besten Segler der Welt

"Wir können das Ding gewinnen"

SegelReporter traf den Luna Rossa Taktiker Francesco Bruni in Barcelona. Im Interview spricht er über den Stand der aktuellen Vorbereitungen seines Teams für den America’s Cup 2017, das schon jetzt als einer der stärksten Herausforderer gilt.

Francesco Bruni

Francesco Bruni im SR Interview. © SegelReporter

Francesco Bruni (41) ist eine der Schlüsselfiguren der America’s Cup Kampagne Luna Rossa und damit der zurzeit populärste italienischen Segler. 2013 segelte er in San Francisco als Taktiker auf dem AC72 und versucht sich nun, als Steuermann gegen den Briten Chris Draper durchzusetzen.

Ich treffe ihn im Real Club Nautico de Barcelona, wo er mit seinem Luna Rossa Team im Club-Restaurant etwas abseits vom schnöden Segler Buffet seine Mahlzeit nach einem erfolgreichen Segeltag einnimmt.

Der Ausflug in die Welt der Vintage Zwölfer Szene bei der Puig Vela Clàssica mit der “Nyala” von Boss Patrizio Bertelli dürfte ihn etwa so anstrengen wie den FC Bayern in der ersten DFB Pokal Runde. Der hat allerdings auch schon einmal gegen Vestenbergsgreuth verloren und so sind die Profis auf der Hut. Denn am Freitag soll der Prada Chef  Bertelli höchstpersönlich an Bord. Und der will mit seinen Getreuen einen angenehmen Tag auf See erleben.

Enstpanntheit des Erfolgreichen

Bruni überlegt, ob er so spät am Abend noch sein Weinglas zur Seite stellen soll für das Interview mit dem Deutschen. Eigentlich wolle er ja noch etwas trinken. Wie wär s übermorgen früh? Aber dann gibt er sich doch noch einen Ruck. Zu gut geht es im gerade. Der Mann strahlt die Entspanntheit des Erfolgreichen aus. Er muss niemandem mehr etwas beweisen.

Er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere, während andere seiner Generation  längst aussortiert sind. Bestes Beispiel ist John Kostecki, der in San Francisco mit seiner Auswechslung schwer gedemütigt wurde. Bruni hilft für das Engagement beim italienischen Team natürlich sein italienischer Pass. Aber der Mann ist weit mehr als ein Quoten-Italiener. Das zeigte er zum Beispiel im vergangenen Jahr, als er Ben Ainslie beim Bermuda Gold Cup im Match Race Finale besiegte.

Im Interview macht Bruni klar, dass Luna Rossa beim vergangenen America’s Cup eigentlich keine Chance hatte, zu gewinnen. Gut ein Jahr später als zum Beispiel Team New Zealand stiegen die Italiener in die Vorbereitung ein und bauten auch nur einen Foiler Katamaran, der auf den Plänen der Kiwis beruhte. “Wir waren sehr froh, für die nächste Kampagne lernen zu können. Mr Bertelli hat uns einen zweiten Anlauf versprochen, und er hat sein Wort gehalten.”

Mehr als 80 Mitarbeiter

Luna Rossa Silver Bullet

Die Luna Rossa Crew im Silver Bullet Outlook. © Luna Rossa

Diesmal wollen sie aber gewinnen. Bereits mehr als 80 Leute arbeiten in der Basis von Cagliari im neuen Team, alle bezahlt vom Prada Chef Patrizio Bertelli. In der vergangenen Woche habe er mit dem für das Fliegen modifizierten AC45 Katamaran gesegelt. In einigen Wochen sei auch der zweite AC45 mit Foils ausgerüstet und dann beginne das Inhouse Training, bei dem insbesondere verschiedene Tragflächen Profile getestet werden. “Wir arbeiten schon jetzt sehr sehr hart.”

Obwohl offizielle noch kein Herausforderer gemeldet hat bekräftigt Bruni, dass es für sein Team keinen Zweifel gebe. Er hält das Protokoll für Okay. “Wir werden da sein. Und wir werden ein sehr starkes Team haben.” Der Cup sei zu gewinnen.

Das größte Kopfzerbrechen mache zurzeit nur der Ort der Regatta. Die Herausforderer sträuben sich dagegen, wie vorgesehen auf zwei verschiedenen Revieren segeln zu müssen. Es soll eine Vorausscheidung geben und nur die besten vier sollen dann am America’s Cup Rennort segeln drüfen. Der ist allerdings bis jetzt noch nicht festgelegt. Als mögliche Kandidaten sind nur noch San Diego und Bermuda im Rennen.

Normales Geplänkel

Aber dieses Geplänkel im Vorfeld des Cups hält er für normal im America’s Cup. “So war es immer, so wird es immer sein.” Wenigsten gebe es die Klassenregeln. Das Design Team könne also arbeiten. Allerdings ist der Rennort auch für die Konstrukteure eine wichtige Vorgabe, weil die zu erwartenden Windbedingungen eine große Rolle für das Design spielen. Oracle müsste sein Boot dann nur für ein Revier optimieren. “Das wäre ein sehr großer Vorteil für den Verteidiger.”

Zu den beiden Revieren sagt er, dass San Diego eine sehr verlässliche Seebrise aufweise, die allerdings nicht sehr stark sei. Bermuda habe sehr unterschiedliche Bedingungen die von den Gradientwinden beeinflusst werden.

Die Zweiboot-Regel, die viel diskutiert wurde, hält Bruni für keinen großen Defender Vorteil. Das sei wirklich nur ein Sicherheitsfeature für den Verteidiger. Er könne das verstehen. Die Regeln sagen, dass auch Oracle das erste Boot benutzen muss.

Kampf um das Cupper Steuer eröffnet

Bruni macht klar, dass er sich diesmal nicht ausschließlich in der Taktiker Position sieht. Es könne auch eine gute Chance bestehen, dass er 2017 selber am Steuer steht. Der Wettbewerb mit dem Briten Chris Draper ist damit eröffnet. Beide werden sich erstmal mit den fliegenden AC45 messen können.

Er weist darauf hin, dass nur noch acht Segler an Bord sein werden und dann kaum Platz sein werde für einen alleinigen Taktiker. Sechs Segler werden Grinder sein müssen neben dem Großtrimmer und Steuermann. Das heißt, wenn es einen extra Taktiker gibt, wird er auch die Statur eines Grinders haben müssen.

Bruni ist mit seinen 41 Jahren einer der ältesten Segler auf den Flugkatamaranen. Die sehr jungen Athleten wie der Kiwi 49er Weltmeister Peter Burling werden vermutlich seine Wettbewerber sein. Fühlt er sich dem gewachsen?

Taktiker als Grinder

Er glaubt, dass diese Segler einen kleinen Vorteil beim genauen Steuern dieser schnellen Art von Booten haben könnten. “Aber auf einem 60 Fußer mit acht Leuten an Bord reicht schnelles Steuern nicht aus. Man benötigt etwas Erfahrung, wie man mit großen Booten und einer Crew umgeht. Da können Typen wie Jimmy Spithill oder ich wohl gegenhalten.”

Eine Enttäuschung beim neuen AC-Protokoll war für viele Beobachter die Tatsache, dass die AC45 Rennen im ersten Jahr nicht auf Foils stattfinden sollen. Bruni erklärt, dass Oracle noch nicht bereit gewesen sei in der Kürze der Zeit nicht die entsprechende Onedesign Modifikationen an den Foils so vornehmen zu können, dass alle zufrieden seien. “Aber einige Herausforderer drängen stark darauf, diese Regel des Protokolls zu ändern. Ich würde das auch gerne sehen.”

Zu diesem Zeitpunkt seiner Karriere ist Bruni sehr begeistert, dass er noch einmal die Chance bekommt, ernsthaft um den America’s Cup zu segeln. “Wir sind jetzt sehr früh mit der Mentalität gestartet, gewinnen zu können. Es ist wirklich ein besonderer Zugang. Man weiß ja nie im Sport, aber wenigstens können wir diesmal alle unsere Karten ausspielen.”

Dazu wird auch wieder der Silberdress gehören, mit dem die Luna Rossa Jungs großes Aufsehen in San Francisco erregten. “Das wird es wieder geben (lacht). Wir arbeiten sogar an einigen Modifikationen.”

 

Francesco Bruni

Der Italiener gehört zu den wenigen Seglern, die noch den letzten Kielboot America’s Cup 2007 in Valencia mitgemacht haben und wohl auch zehn Jahre später eine Führungsposition einnehmen werden. Auf Afterguard Niveau ist das nur Oracle Skipper James Spithill, Artemis Iain Percy (ex +39) und Team New Zealands Dean Barker mit Ray Davies.

Drei America’s Cup Medaillen hat er schon mit Luna Rossa absolviert. Nach 20o7 steuerte allerdings einen Schlingerkurs. Erst heuerte er bei Mascalzone Latino, dem neuen Challenger of Record an, setzte damit aber auf das falsche Pferd. Der Reeder Vinzenzo Onorato zog seine Meldung aus Ärger über Ernesto Bertarelli und wohl auch Geldmangel zurück und Bruni stand ohne Job da. Dann kam eine neue rein italienische Azzurra Kampagne für den Yacht Club Costa Smeralda zustande und Bruni durfte die Führung übernehmen. Aber im Verlauf des Streits zwischen Bertarelli und Ellison scheiterten auch diese Bemühungen. Nun nimmt er mit Luna Rossa den vielleicht vielversprechendsten Anlauf seiner Karriere, um den America’s Cup zu gewinnen

Brunis Status beruht auf einer umfangreichen Olympia-Karriere. Er gewann zwar nie eine Medaille, ihm gelang allerdings das Kunststück, sich in drei verschiedenen Klassen (Laser, 49er, Starboot) für Olympia zu qualifizieren. Außerdem war er Weltmeister in der Melges 24 und 32, dreimal bei den Farr 40, und in der TP 52 mit „Matador“

Darüberhinaus ist der Mann aus Palermo ein sehr erfolgreicher Match Racer. 2011 verpasste er den Sieg auf der World Tour nur knapp. 2013 gewann er brei einem sporadischen Einstieg das rennommierte Event auf Bermuda, und in diesem Jahr will er erneut mit einer Tour Card ausgestattet um den WM-Titel segeln.

 

(Ab hier das Interview Video mit Bruni in voller Länge für SR Club Mitglieder)[ds_preview]

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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