The Bridge: Vier Ultim-Trimarane gegen Queen Mary II – ein Rennen, das keines ist!

Eine Brücke schlagen

The Bridge. Trimaran. Ultim

IDEC-Nullstart mit Boeing und Queen Mary II © miku

Luxusliner versus Hochsee-Tri, 117.000 PS gegen 630 qm Segelfläche vor dem Wind. Symbolischer Akt der Freundschaft, Völkerverständigung und des Dankes an Amerika.

Symbolträchtige Bilder der Superlative: Einer der größten Luxusliner der Welt, die Queen Mary II und vier der schnellsten Hochseetrimarane der Welt, „Macif, Sodebo, Actual und IDEC“ fanden sich direkt vor der französischen Hafenstadt St. Nazaire zum Start einer Regatta ein, wie es sie in der Geschichte der Seefahrt noch nie gegeben hat. Nur von Segeln angetriebene Hochseerenner aus Karbon und Glasfaser, die auf langen Strecken und bei günstigen Winden problemlos Durchschnittsgeschwindigkeiten von 25 und Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 40 Knoten schaffen im direkten Vergleich mit einem riesigen Stahlkoloss, der mit 117.000 PS rund 30 Knoten erreicht. Und das tagein, tagaus – egal wie launisch sich die Windgötter zeigen. Die Strecke: St. Nazaire – New York, 3.150 Seemeilen lang. Start 25. Juni abends, Erster Zieleinlauf voraussichtlich am 1.Juli. 

„Merci“ für die Hilfe

Die Segelwelt bietet ihre Hochsee-Elite auf: Shootingstar Francois Gabart auf dem größten Trimaran „Macif“, mit dem er u.a. bereits den 24-Stunden-Weltrekord aufstellte (785 sm), Thomas Coville, der auf „Sodebo“ zum Jahreswechsel einen fabelhaften Einhand-um-die-Welt-Rekord von 49 Tagen und drei Stunden schaffte; Francis Joyon, der für die gleiche Strecke allerdings im Team nur 40 Tage und 23 Stunden brauchte und Actual Skipper Yves le Blevec, der mit Siegen bei der Transat Jacques Vabre von sich Reden machte. Begleitet werden die Skipper von jeweils drei bis fünf Mitseglern (SR berichtete), darunter Olympia-Stars wie Billy Besson oder Foil-Spezialisten wie Benoit Marie. 

Um ehrlich zu sein: THE BRIDGE bewegte im Vorfeld des „Kräftevergleichs“ auf dem Atlantik die Gemüter mehr, als es vielen lieb sein konnte. „Was soll das?“ wurde mehrfach in großen Medien des In- und Auslands gefragt. Da lasse man einen der schlimmsten Umweltverschmutzer unserer Erde – Kreuzfahrtschiffe stoßen mit ihrem Schweröl-Antrieb pro Atlantikquerung etwa so viele Emissionen aus wie eine Million PKW (ca. 450 Kilogramm Rußpartikel, 5250 Kilogramm Stickoxide und 7500 Kilogramm Schwefeldioxide täglich) gegen die die mit Abstand „saubersten“ Seefahrer antreten. Obwohl von vornherein klar ist, dass ausgerechnet der in gerader Linie sein Ziel ansteuernde Umweltverpester schneller als die segelnde Konkurrenz sein wird. Eine Symbolik, die äußerst zweifelhaft sei. 

Doch die Franzosen ticken nun mal anders. Sie setzen, besonders dann, wenn es sich um große Gesten gewürzt mit einer guten Prise Patriotismus handelt, gerne andere Prioritäten. „THE BRIDGE“ sollte nicht einfach nur eine dieser mittlerweile im Dutzend pro Jahr gestarteten Hochseeregatten sein, sondern ein völkerverbindender Akt, ein Zeichen der Freundschaft und ein Dank an die US-Amerikaner. Nicht mehr und nicht weniger. 

Denn vor 100 Jahren wurden u.a. auf der „Queen Mary I“ gesamt mehr als 800.000 amerikanische Soldaten nach Frankreich verschifft, die einen entscheidenden Anteil am Ende des 1. Weltkriegs haben sollten und von denen viele ihr Leben auf den Schlachtfeldern ließen. Und allen aktuellen politischen Quereleien zum Trotz: Dafür sind die Franzosen den Amerikanern bis heute zutiefst dankbar. 

Stars auf  „Segel-Vögeln“

Also wurde ein Fest der Superlative organisiert, bei dem der Start zur Regatta der abschließende Höhepunkt war. Zuvor gab es in den Einschiffungsstädten von 1917 wie Nantes, Brest oder St. Nazaire (amerikanische) Musik bis zum Abwinken, der Fiba World Cup Basketball (3 x 3) spielte auf und besonders auf dem Wasser der Hafenstädte wurde so ziemlich alles mobilisiert, was irgendwie schwimmen konnte und symbolträchtigen Charakter hatte. Von Klassiker-Großseglern über Marine-Flotillen bis eben zum Stargast „Queen Mary II“ (die in St. Nazaire gebaut wurde und zum ersten Mal wieder an ihre Geburtsstätte zurück kam) war alles dabei.

The Bridge. Trimaran. Ultim

Ambiance vor dem Start © miku

Hierfür wurde viel Geld in die Hand genommen. Der französische Staat wollte sich „nicht lumpen“ lassen und finanzierte gemeinsam mit Großsponsoren aus der Banken- und Versicherungswelt ein „großzügiges Zeichen der Freundschaft“. Wobei die Regatta zum symbolischen Höhepunkt avancierte: Eine „Brücke schlagen“ zwischen Frankreich und New York, wo die meisten Soldaten ihre Reise nach Europa antraten. Eine große Geste, selbst für die „Grande Nation“

Feiern bis zum Abwinken

Und sie kamen zu Zehntausenden. Vor allem die Hafenstadt St. Nazaire platzte mit dem Eintreffen der „Queen Mary II“ für vier Tage und Nächte, bis zum gestrigen Start der Regatta, aus allen Nähten. Ähnlich wie bei der Vendée Globe oder der Route du Rhum, wollten die hauptsächlich französischen Neugierigen „ihre“ Boote sehen, die wieder einmal zum großen Abenteuer zur See starten sollten. Auch wenn es diesmal „nur“ vier Renner waren…

Wie gewohnt ließen sich die französischen Medien auch diese Gelegenheit zur Auflagen- und Reichweitensteigerung nicht nehmen, und schickten ihre Journalisten, Fotografen und Kameraleute zu Hunderten nach St. Nazaire.

Und so defilierten die hochseeverrückten Franzosen wieder tage- und nächtelang in Feier- und Staun-Laune an den „Segel-Vögeln“ vorbei (wie sie die Trimarane gerne nennen), während im Hintergrund, keine zweihundert Meter Luftlinie auf der anderen Seite des Stadthafens, die Queen Mary II majestätisch über allem thronte. Untermalt mit reichlich Musik, angetörnt von allerbesten Weinen aus den gar nicht mal so fernen Bordeaux-Gebieten, feierten sich die Franzosen mal wieder ausgiebig vor seglerischer Kulisse.

Das abendliche Start-Spektakel begann drei Stunden vor dem Schuss mit dem Aus- und Einparken der Riesen. Es galt, die breiten Trimarane in eine (plötzlich ziemlich enge) Schleuse zu bugsieren. Knifflig, vor allem, wenn man wie Francois Gabart auf seinem Schiff back- und steuerbords nur knapp einen Meter Platz zur Einfahrt hat. Vier Mal musste Gabart „Anlauf“ nehmen, weil ihn der Wind trotz Unterstützung zweier Schlauchboote zwischen Ausleger und Rumpf immer aus der gerade Linie trieb. Da lief nicht nur der Schweiß vor Anstrengung… 

Szenenwechsel. Direkt vor der Stadt, in der kilometerbreiten Loire-Mündung, steht die „Queen Mary II“ unter (noch dezent) qualmendem Schornstein in Lee mit dem Bug „dreißig Zentimeter“ hinter der Startlinie. Kurz zuvor war sie dröhnend aus ihrer Parkbucht eskortiert (aber nicht geschleppt) und mit Dutzenden Böllerschüssen auf französischen Fregatten begrüßt worden. Die gesamte Uferlinie von St. Nazaire ist kilometerlang von jubelnden, applaudierenden und sogar tanzenden (sic!) Menschen gesäumt. An vielen Häusern hängen große USA-Flaggen und aus imposanten Lautsprechern läuft klassische Musik, beschallt die ganze Szenerie. Was wohl majestätisch wirken soll, aber irgendwie im Scheppern der Anlage ihren Sinn verfehlt. 

The Bridge. Trimaran. Ultim

Queen of the Night © bridge/martinez

Von der elegant geschwungenen Nazaire-Brücke im Hintergrund werden Tagfeuerwerke in den Französischen Nationalfarben abgeschossen, mehrere Hubschrauber kreisen über den Schiffen. Das ansonsten bei Hochseestarts übliche Chaos aus Hunderten von Begleitbooten bleibt diesmal aus – alle „Fans auf dem Wasser“ müssen sich in Ufernähe aufhalten und werden dort von Gendarmerie und Organisationsbooten „in Schach“ gehalten. Die Sicherheitsbestimmungen sind strikt – man lernte wohl aus dem Unfall des Spindrift-Trimarans bei einem ähnlichen Regattastart (SR Bericht).

Noch zwei Minuten bis zum Start. Bei drei, selten vier Beaufort hangeln sich die Ultim-Trimarane Richtung Startlinie. Klassischer am-Wind-Start, nur dass eben in Lee, am Pin End, das Stahlmonster „zumacht“. 

Als schließlich der Schuss fällt, zieht IDEC perfekt in Luv auf und davon, während etwa „Sodebo“ sogar noch vor der Startlinie langwierige Wendemanöver fahren muss (Gennaker einrollen, Vorsegel back stellen, die Kiste irgendwie durch den Wind bringen, Gennaker wieder ausrollen). 

Im gleichen Moment fliegt ein Airbus 380 zwei drei tiefe, etwas waghalsig wirkende Manöver über den startenden Booten (die Franzosen haben Vieles, auf das sie stolz sind!), die Musik scheppert noch lauter und… die Queen Mary II fährt nicht los! 

Irgendwie enttäuschend, aber auch nachvollziehbar: Würden deren Motoren jetzt aufdrehen, wären gewisse Trimarane, die unbedingt drei Meter neben ihrer Bordwand wenden müssen, schnell in echtem „Trouble“. 

Ästhetik auf dem Wasser

Der Rest ist nur noch Anblick, nicht als sättigender, befriedigender Anblick. Die vier Trimarane nehmen immer mehr Fahrt auf, sind schnell bei 20 Knoten Speed, fahren aber noch einige zeitraubende Wenden, bis sie draußen im offenen Meer sind 

Wir begleiten jeden Einzelnen ca. 12 Meilen weit hinaus auf einem Presse-Schlauchboot mit zwei 250-PS-Motoren. Im Seegang hat auch dieses Geschoss bald keine Chancen mehr, bei den Trimaranen mitzuhalten. Ca eine Seemeile hinter der Startlinie fällt Gabart auf seiner Macif plötzlich abrupt ab und rast mit entsprechend höherer Geschwindigkeit auf das Ufer von St. Nazaire zu. Dort warten Hunderte kleiner Segel- und Motorboote gespannt darauf, ob Gabart sein Versprechen einhält. Er wolle sich in jedem Fall „auf seine Weise“ von St. Nazaire verabschieden, sagte der 2013-Vendée Globe-Sieger zuvor. Und das sieht dann so aus: mit ordentlich Speed rast er auf die ankernde Flotte zu, wendet nur ein paar Meter vor den ersten Schiffchen… und seine Fans sind völlig aus dem Häuschen, applaudieren, rufen, schreien. Es kommt selbst bei Gabart nicht oft vor, dass er für eine simple Wende solch einen Beifall bekommt! 

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Die vier Schönen aus gefälliger Perspektive © martinez/bridge

Es brist etwas auf. IDEC ist schon längst nur noch ein kleiner Strich am Horizont. „Macif“ setzt den Gennaker und verabschiedet sich ebenfalls. Sodebo fährt etwas weiter unter Land und wendet dann hinaus ins offene Meer und auf Actual posiert man noch mal schnell für die Presse, holt dann dicht und entfleucht ebenfalls. 

Mittlerweile hat sich auch die Queen Mary II qualmend in Bewegung gesetzt. Majestätisch fährt sie aus der Loire Mündung heraus und zeigt gleich was Sache ist: Sie richtet ihren Bug gen Westen aus, peilt sozusagen schon mal New York an, das sie auf möglichst gerader Linie anfahren will. 

Die Trimarane kreuzen, zwar (noch) deutlich schneller, aber mit mehr Wegstrecke, ebenfalls gen Horizont. Für einige Momente sieht man die fernen Striche der vier „Vögel der Meere“ neben dem riesigen Liner, dann wird alles im Gegenlicht und Seegang diffus. Wie ein Hoffnungsschimmer macht sich plötzlich der Gedanke breit, dass dies auch als Rennen der Zukunft (Segel) gegen die Vergangenheit (Verbrennungsmotor) gedeutet werden könnte. 

Geht’s noch symbolischer? 

Website (mit News von den Trimaranen)

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Michael Kunst

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