THE TRANSAT: 35 Knoten Windstärke voraus – Coville knapp am 24-Stunden-Weltrekord vorbei

Tief ducken

Armel Le Cleac'h muss sich auf seiner Banque Populaire während der nächsten 36 Stunden ebenfalls mit einem Tief und Windstärken um die 35 Knoten herumschlagen © transat/BP

Armel Le Cleac’h muss sich auf seiner Banque Populaire während der nächsten 36 Stunden ebenfalls mit einem Tief und Windstärken um die 35 Knoten herumschlagen © transat/BP

Bereits drei schwere Havarien, die zu Aufgaben führten. „Macif“ und „Sodebo“ mit minimalem Abstand im Duell an der Spitze. Deutsche Class-40-Seglerinnen Joschke und Renken weiterhin gut im Rennen.

Nachdem sich viele Teilnehmer schon auf eine ruhige Passage auf der eher südlichen Route durch den Nordatlantik eingestellt hatten, wird es am kommenden Wochenende höchstwahrscheinlich ziemlich ruppig für die meisten TRANSAT-Teilnehmer. Ein Tief, das in den nächsten 48 Stunden über die Azoren ziehen wird, bringt Windstärken von bis zu 50 Knoten im Zentrum mit sich und noch immer kernige 35- 40 Knoten in den äußeren Bereichen.

Vor allem für die Solo-SeglerInnen auf den Mono-Rumpfern, also IMOCA und Class 40 sowie Loick Peyron auf dem Klassiker Pen Duick II bedeutet dies, dass sie sich angesichts des nahenden Tiefs positionieren müssen und mit Vorbereitungen für mindestens 24-36 Stunden Starkwind und dem damit einhergehenden heftigen, wenn nicht sogar chaotischen Seegang beschäftigt sind. Tief ducken, dürfte das Motto lauten.

transat, Macif, Gabart

Erwan le Roux nach Havarie vor seinem abgebrochenen Schwimmer © transat/ Le Roux

Alles muss stimmen

Dabei dürfte es verstärkt „physisch“ zugehen: Alles muss perfekt verstaut werden, nichts darf mehr lose im Kajütbereich herumliegen. Sturmsegel müssen vorbereitet sein, alle Segel, das Rigg und stehende wie laufende Gut überprüft werden, da die kleinsten Problemchen unter solchen Bedingungen waschechte Katastrophen nach sich ziehen.

Trinkwasser und Energieriegel müssen in Reichweite untergebracht werden, die Stromversorgung für den Autopiloten muss 150% stimmen. Manche Segler gönnen in solchen Vorbereitungsphasen ihrem Körper nochmals eine Süßwasserdusche, bevor die Salzwasser-Brecher übers Boot krachen und erneut alles einpökeln. Und auch wenn es Schlafforscher gerne als wissenschaftlich unwirksam bezeichnen: Die meisten SeglerInnen schlafen in solchen Situationen schon mal ein paar Stunden „vor“. Weil sie wissen, dass mindestens ein Tag und eine Nacht die Hölle an Bord los sein wird.

Backbord-Schwimmer abgerissen

In den letzten Tagen gab es erneut spektakuläre Havarien in der TRANSAT-Flotte. Nachdem der Franzose Maxime Sorel, wie man mittlerweile weiß, aus Unachtsamkeit mit einem Containerschiff kollidierte, erwischte es Erwan Le Roux nur wenig später auf seinem Trimaran „Fenetre A Cardinal“. Etwa 60 Meilen vor dem Cap Finisterre raste er am 3.5. gegen 19 Uhr mit einer Geschwindigkeit von 27 Knoten in ein knapp unter der Oberfläche schwimmendes Treibgut, wahrscheinlich ein Container. Dabei riss der halbe Backbord-Schwimmer ab – Le Roux kam nicht zu Schaden und schipperte seinen Trimaran zunächst ohne fremde Hilfe Richtung Festland.

Wenige Stunden später, kurz nach Mitternacht, verkorkste etwas weiter westlich Sebastien Josse auf seinem Gitana-IMOCA „Baron de Rothschild“ eine Halse und beschädigte dabei sein Großsegel, unter anderem brachen alle Latten. Auf den 60-Fuß-IMOCA werden keine Ersatzsegel mitgeführt und an eine Reparatur des 160-Quadratmeter-„Motors“ ist als Solist nicht zu denken. Also gab Josse stante pede auf und segelte wie ein gerupfter Schwan Richtung Vigo/Spanien.

Loick Peyron auf dem Klassiker "Pen Duick II", auf dem 1964 Eric Tabarly die zweite Transat/OSTAR-Regatta gewonnen hatte © Lloyd

Loick Peyron auf dem Klassiker “Pen Duick II”, auf dem 1964 Eric Tabarly die zweite Transat/OSTAR-Regatta gewonnen hatte © Lloyd

Virtueller Abstand: eine Seemeile!

Francois Gabart auf dem größten Trimaran der Flotte, der 30 Meter langen und 21 Meter breiten „Macif“, liefert sich derzeit ein irrwitzig anmutendes Duell mit Thomas Coville auf dem Trimaran „Sodebo“. In den unendlich erscheinenden Weiten des Atlantiks beträgt der virtuelle Abstand zwischen den beiden auf ihrem Weg nach New York mitunter nicht mehr als eine Seemeile. Bei Durchschnittsgeschwindigkeiten um die 27 Knoten wird so eine Distanz in weniger als zwei Minuten absolviert. Bereits viel weiter südwestlich als der Rest der Flotte, dürften die beiden Kontrahenten in den Ausläufern des Tiefs während der nächsten Tage weiter einige Gelegenheiten haben, im Duell-Modus über den Atlantik zu rasen.

Rekord um ein Haar verpasst

Apropos Geschwindigkeit. Thomas Coville hätte um ein Haar den 24-Stunden-Rekord gebrochen. Es fehlten neun lächerliche Seemeilen.  673 Seemeilen raste er in 24 Stunden – bei 682,85 Seemeilen steht der Rekord!

Anna-Maria Renken auf ihrer Class 40 © Lloyd

Anna-Maria Renken auf ihrer Class 40 © Lloyd

Nicht ganz so schnell ist derzeit die Class 40-Flotte in diesem TRANSAT unterwegs. Sie dürfte hauptsächlich von dem nahenden Tief getroffen werden und auf dem Tracker ist deutlich auszumachen, dass einige Segler etwas weiter nördlich ausweichen. Darunter Anna-Maria Renken auf „Nivea“, die dadurch derzeit etwas an Speed verliert, aber im Laufe der nächsten 36 Stunden durch den nördlichen Schlenker Vorteile haben könnte.

Einen direkten Kurs (aber eben in das angekündigte Tief hinein) fährt dagegen die Deutsch-Französin Isabelle Joschke, wodurch sie in kürzester Zeit ihren virtuellen Abstand zu Anna-Maria um 80 Seemeilen ausbauen konnte.

Die kommenden 48 Stunden dürften also höchst spannend werden. An Bord und vor dem Tracker.

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Michael Kunst

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