The TRANSAT: Die Odyssee von Phil Sharp – Welche Probleme der Einhandsegler bewältigte

"Einmal zur Hölle und zurück"

Der Brite Phil Sharp lässt sein extremes TRANSAT Rennen auf der Class 40 Revue passieren, das er auf den letzten Meilen mit einem in der Mitte gerissenen Großsegel absolvierte.

Phil Sharp

Endlich unter der Freiheitsstatue. © Sharp

Phil Sharp hat schon viel erlebt im Segeln. Er beendete das Mini Transat auf Platz vier, bestritt mehrere Saisons der intensive Figaro-Einhand-Serie und gewann 2006 in der Class 40 die Route du Rhum über den Atlantik. Aber das jüngste Rennen nach New York bezeichnet er als sein härtestes.

Er kam früh in die Schlagzeilen des TRANSAT als er im heftigen Sturm die Führung in der Class 40 übernahm. Das Wetter war nicht zu umgehen. Sharp musste mitten durch das Auge des Sturms. 50 Knoten Wind mit Böen in den 60ern rissen an seinem Sturmfock-Taschentuch und er wollte nicht glauben, dass er allein unter dem kleinen Segel 25 Knoten Speed erreichte.

Er schleppte zum Bremsen Leinen hinterher, um nicht so brutal in die Wellentäler zu krachen. Aber der Unterschied in der Geschwindigkeit war kaum auszumachen. Der Sturm schleuderte ihn die Wellen herunter, und die Angst um das Boot nahm zu.

Stop-and-Go-Strafe

Als das extremste Wetter überstanden war, kam die Nachricht von der Wettfahrtleitung, dass er kurz nach dem Start die Ecke eines Verkehrstrennungsgebiet geschnitten habe. Dafür werde er mit einer sechsstündigen Stop-and-Go-Strafe belegt.

Phil Sharp

Das zerfetzte Großsegel. © Sharp

“Ich war wütend”, sagt Sharp. “Ich konnte es nicht glauben.” Er habe das Skippers-Meeting verpasst, weil er sein US-Visum in London abholen musste. Da seien die Informationen nicht bei ihm angekommen. 40 Meilen lagen die beiden Führenden nach der Strafe vor ihm. Aber schon nach 36 Stunden hatte er sie wieder eingeholt.

Aber dann kam das nächste heftige Tief südlich von Neufundland. Die Bedingungen warfen eine “hässliche Welle” auf es dauerte nicht lange, bis er die Informationen von Isabell Joschkes Problemen hörte. Sie musste mit schweren strukturellen Schäden am Schiff abdrehen.

Fockroller “explodiert”

Kurz danach “explodierte” sein Fockroller. Das Vorsegel wurde in das Rigg geweht und  beschädigt. Damit war die Führung im Rennen wieder verloren. Aber es kam noch schlimmer. Nach der Reparatur am Fockroller war das Vorschiff nicht mehr dicht. Er musste regelmäßig lenzen und dann flog ihm die Fock erneut um die Ohren.

Phil Sharp

Phil Sharp unter Deck. © Sharp

Das Rennen war verloren. Gegner Thibault enteilte um weitere zehn Meilen, und nun ging es nur noch darum, heil in New York anzukommen. Aber das war nicht so einfach. Denn es lagen noch zwei schwere Stürme im Weg, die er auf einem Amwind-Kurs bewältigen musste.

Schon beim Einbinden des dritten Reffs, schlug das Großsegel so heftig, dass das Achterliek zerfetzte. Schließlich riss es über die gesamte Breite ein. Das war nicht mehr witzig, weil der gesamte restliche Weg nach New York am Wind zu segeln war. Die Reparaturen hielten nicht, und ohne Großsegel kam er kaum schneller als mit vier Knoten voran. So würde er nicht einmal das Zeitlimit schaffen.

Erschöpft und verzweifelt fiel der Brite in einen unruhigen Schlaf. Er wachte auf mit einer Idee. Es gelang ihm die zerrissene Leach-Line wieder zu verbinden, so dass er das Segel wieder setzten konnte. Und überraschenderweise segelte das Boot mit dem zerrissenen Tuch schneller, als ohne.

Drohender Verlust des Riggs

Aber das sollte noch nicht das Ende der Probleme sein. Zuerst riss das Großsegel noch weiter ein. Sharp musste in den Mast klettern, um es sichern zu können. Bei dieser Reparatur entdeckte er auch noch, dass sich das Vorstag langsam vom Deck löste. Ein Bolzen, der das Stag in Position hielt, war über Bord gegangen.

Phil Sharp

Wie ein Geisterschiff. © Sharp

Den Ersatz hatte er schon bei anderen Reparaturen verbraucht. So bestand eine große Gefahr, das ganze Rigg zu verlieren. Der Brite musste den Mast mit Fallen sichern, um das Stag zu ersetzen.

Kaum waren die Arbeiten beendet, trat ein Energie-Problem auf. Das ist besonders problematisch beim Einhandsegeln, weil damit automatisch die Selbststeuerung ausfällt. Tatsächlich hing der Hydro-Generator nur noch baumelnd am Heck und war nicht mehr einsatzfähig.

Verschmiert mit Diesel und Öl

Also musste der Skipper den Diesel-Generator anwerfen. Aber der fing schon nach zwei Minuten an zu stottern und ging schließlich ganz aus. Die Sprit-Zufuhr war blockiert. Als  dieses Problem gelöst war lief die Maschine plötzlich heiß. Irgendetwas klemmte die Wasser-Kühlung ab. Einen guten Tag verbrachte Sharp mit dem Kopf in der Bilge, verschmiert mit Diesel und Öl. Aber schließlich hatte er den Generator wieder im Griff.

Sharp mochte schon nicht mehr dran glauben, dass er diese Regatta beenden würde. Aber Rasmus spendierte ihn noch ein paar schöne Segeltage kurz vor New York. Und nach 19 Tagen war das Martyrium beendet.

Der Brite sagt danach: “Dieses Rennen führte für mich wirklich einmal zu Hölle und zurück. Es hat meine Grenzen der mentalen und physischen Erschöpfung neu definiert. Probleme, die ich vorher als ernst bezeichnet hätte, erscheinen jetzt nicht mehr so extrem.  Würde ich das TRANSAT noch einmal machen? Absolut!”

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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