THE TRANSAT: Gabart auf Rekordkurs – Isabelle Joschke mit 26 Knoten Surfs durchs Tief

Begegnung der anderen Art

Der Trimaran „Macif“ auf Rekordkurs, Class-40-Segler Sharp muss „Strafkringel“ drehen und nach dem Tief atmen alle auf, freuen sich über Schönwetter und cooles Atlantiksegeln.

Nach dem Sturm wurden erstmal die Wunden geleckt. Doch das Tief, vor dem die Organisation der Einhand-Nonstop-Atlantikregatta THE TRANSAT seine Teilnehmer eindringlich gewarnt hatte, wurde von nahezu allen Booten und ihren Skippern gut gemeistert. Bei Windstärken zwischen 35 und 45 Knoten bekamen vor allem die Class40-Segler und die  voraus auf gleichem Kurs segelnden IMOCA ordentlich was auf die Mütze.

Gabart und Coville hatten sich auf ihren Riesentrimaranen „Macif“ und „Sodebo“ und zu einem Großteil auch die Multi-50-Flotte aus dem Schlamassel raushalten können, weil sie mit ihren unglaublichen Geschwindigkeiten (30 Knoten und mehr über mehrere Stunden) mal locker das Tief südlich umfahren konnten.

Heldin im Sauwetter

Und wie immer bei solchen Hochsee-Events, werden nach den Stürmen Heldengschichten aufgetischt und kleine Legenden gestrickt. Wobei diesmal eine Frau die Hauptrolle übernahm: Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke lieferte in dem erwähnten Sauwetter auf ihrer Classs 40 „Generali“ eine seglerische Glanzleistung ab. Als die meisten anderen Class-40-Segler vor dem heranziehenden Tief in Deckung gingen, sich teils neu positionierten oder sogar Ausweichrouten weiter nördlich wählten, hielt Joschke stur ihren Kurs. Und der führte mitten hinein in das Chaos.

Sie berichtete von Bord: „Das ist ja meine erste, wirklich lange Einhandstrecke. Der Figaro-Zirkus zählt da überhaupt nicht. Im Gegenteil: Hier bist du wirklich allein und musst dich zu einhundert Prozent auf dich und dein Boot verlassen. Ich habe im Sturm also die „Generali“ auf Kurs gesetzt, mich größtenteils auf den Autopiloten verlassen und mir die meiste Zeit alles von unten angeschaut. An Schlaf war kaum zu denken – wir sind enorm durchgeschüttelt worden. Um ganz ehrlich zu sein: Ich bin noch nie in meinem Leben unter solchen Bedingungen gesegelt. Und schon gar nicht alleine! In Surfs hatten wir 26 Knoten auf der Uhr stehen – es war irre!“

Die Belohnung für diese furchtlose Passage war ein Sprung von Rang 5 auf Rang 2 im Class-40-Classement. Hinter dem Tief fand sie sich plötzlich nur wenige (virtuelle) Seemeilen hinter dem führenden Briten Phil Sharp wieder.

Auf- und ab auf dem Längengrad

Der Engländer hatte bisher das mit Abstand beste Rennen bei den Class 40 abgeliefert, musste nun aber auf Anweisung des TRANSAT-Schiedsgerichtes eine besondere Form des Strafkringels durchführen. Sharp fuhr im Ärmelkanal, im Prinzip direkt nach dem Start also, durch eine ausdrücklich für TRANSAT-Teilnehmer verbotene Schifffahrtszone.

Nachdem das Schiedsgericht diesen Fauxpas per Tracker erkannt und Rücksprache mit dem Skipper gehalten hatte, brummte man Sharp eine sechsstündige Zeitstrafe auf. Jetzt nach dem Tief musste er sie auf Geheiß einlösen. Dabei sollte er ein virtuelles Tor durchsegeln und die sechs Stunden abbummeln bis er es wieder durchsegeln durfte.

Dabei flutschte der etwas weiter nördlich segelnde Thibaut Vauchel-Camus auf Rang 1 durch, während Isabelle Joschke mit einem Abstand von knapp vier Seemeilen auf Rang 2 blieb.

Anna-Maria Renken hat auf „Nivea“ offensichtlich das Tief auch gut überstanden und segelt derzeit auf Rang 7, mit einem virtuellen Abstand von 145 Seemeilen auf den Führenden. Vor dem Tief schrieb sie an die Rennleitung: „Weil das meine erste Solo-Transat ist, bin ich ziemlich mit mir selbst beschäftigt. Ich habe das Gefühl, dass ich enorm viel mentale Energie verbrauche. Aber ich habe mir meinen „Kriegsplan“ für das kommende Tief gemacht und bin guter Dinge, da ordentlich durchzukommen. Und gestern hatte ich das Glück, mit jemandem über VHF zu reden… das tat richtig gut!“

The Transat, Anna maria Renken

Die deutsche Hochseeseglerin Anna-Maria Renken bei ihrer ersten Solo-Atlantiküberquerung © Lloyd/transat

25 Knoten versus 4 Knoten

Apropos. Das Leben ist ja voller Überraschungen, auch auf hoher See. So errechnete gerade eben die Rennleitung, dass Francois Gabart, der gerade mal 33-jährige Shootingstar der französischen Hochseeszene und letzte Sieger der Vendée Globe, mit seinem Trimaran-Monster „Macif“ wohl bereits morgen gegen 13 Uhr Ortszeit an der Freiheitsstatue vorbei segeln wird.

Alle Ankunftszeiten vor 17:30 h lokaler Zeit wären ein neuer Rekord für die älteste Einhand-Transatlantik-Regatta der Welt. Und das, obwohl die Strecke nach New York im Vergleich zu den zuvor gesegelten Routen nach Boston oder Rhode Island, deutlich länger ist. Lediglich bei der ersten Ausgabe des damals noch STAR genannten Rennens segelten die Teilnehmer ebenfalls von Plymouth nach New York.

Im Duell mit seinem Verfolger Coville, dessen ältere und schwerere “Sodebo” jeweils deutlich langsamer durch die Leichtwind-Zonen kommt, führt er sicher mit 123 Seemeilen Vorsprung.

Dabei fand Gabart eine Begegnung der besonderen Art auf hoher See höchst unterhaltsam und interessant. Irgendwo mitten auf dem Atlantik meldete sein AIS ein kleines entgegen kommendes Segelboot. Die „Seawind“ fuhr mit 4 Knoten auf raumem Kurs, während Gabart am Wind“ mit 25 Knoten unterwegs war.

Gabart fiel ein wenig ab, passiert das Boot mit einer Seemeile Abstand und funkt den Kollegen an. „Es war wohl ein Deutscher, jedenfalls sprach er mit starkem deutschen Akzent,“ berichtete Gabart der Rennleitung später. „Sein Radar sei kaputt, fluchte er, aber das AIS wäre wohl noch in Ordnung.

Transat, Macif, sodebo

“Sodebo und Macif ” jagten sich über die gesamten sieben Regatta-Tage hinweg über den Atlantik © Llodys/transat

Was ich übrigens auch ganz toll fand. Wir tauschten noch ein paar Höflichkeiten aus, dann war auch schon alles vorbei. Aber ganz ehrlich, ich habe noch lange Zeit über den Typen auf seinem kleinen Boot nachgedacht. Mit vier Knoten über den Atlantik schippern, den ganzen Tag nix anderes machen als lesen und chillen und es sich gutgehen lassen in der Sonne. Mensch, das wäre doch mal was anderes, als all der Zirkus hier! Irgendwann mache ich das auch mal!“

Dann wäre er so weit wie Loick Peyron. Der hat auf der alten “Pen Duick” noch gut 2000 Seemeilen zu absolvieren und tuckert mit rund sieben Knoten dem Feld hinterher. Aber ganz gemütlich macht er es sich nicht. Er hat gut 160 Meilen auf seinen virtuellen Gegner Tabarly herausgesegelt, mit dessen Zeit von 1964 er sich messen möchte. Ganz so wie damals – ohne GPS, nur mit Sextant und Karte.

Tracker THE TRANSAT

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Michael Kunst

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