THE TRANSAT: Isabelle Joschke rockt die Class 40 – „Ultime“-Trimarane bereits in New York

Im Gelben Trikot

THE TRANSAT, Isabelle Joschke, einhand, Class 40.

Trägt im durchaus doppelten Wortsinne das “Gelbe Trikot”: Isabelles Selfie von Bord © joschke

Die Deutsch-Französin führt bereits seit drei Tagen die Class-40-Wertung bei der Einhand-Transatlantik-Regatta an. Doch das nächste Tief naht – Chance oder Handicap?

Es ist schon etwas her. Direkt nach dem Start zur TRANSAT-Warm-Up-Regatta, eine Art gemeinsamer Überfahrt aller nicht-britischen Teilnehmer von St. Malo/Bretagne nach Plymouth /England, fiel ausgerechnet die rotweiße Class 40 „Generali/Horizon Mixité“ von Isabelle Joschke nach einem hervorragenden Start in Luv auf den ersten Blick irritierend weit ab.

Mit deutlich erhöhtem Speed fuhr das 12,50-Meter-Boot der Deutsch-Französin durch die Reihe der anderen hoch am Wind knüppelnden Class 40 und segelte überraschend „tief“ in Richtung Sonnenuntergang. Alle wunderten sich über diesen Schlenker, und grübelten, was dahinter steckt. Sie ahnten aber, dass sowas nicht grundlos geschieht.

Schließlich hatte Joschke u.a. ihren Mentor Alain Gautier an Bord: Der „alte Fuchs“ der Hochseeregattaszene (Vendée Globe Sieger, America’s-Cup-Teilnehmer, Route-du-Rhum-Veteran, Solitaire du Figaro-Sieger) kennt den Ärmelkanal wie seine Westentasche.

Und als dann ein paar Stunden später die weit voraus geeilte Isabelle einen Winddreher erwischte, in den sie wie auf dem Laser förmlich hinein wendete, um einen schlanken Anlieger Richtung Plymouth zu segeln und die gesamte Class-40-Flotte elegant unter sich zu lassen, da waren sich dann alle klammheimlich sicher: Logisch, das kann nur Alains Idee gewesen sein!

THE TRANSAT, Isabelle Joschke, einhand, Class 40.

Schlafmanagement ist der Schlüssel zum Erfolg, meint Isabelle Joschke © joschke

“Lasst Euch nicht täuschen!”

„Blödsinn!“ meinte Gautier später dazu, als er mit dem Autor dieser Zeilen die Kabine während der Fährenfahrt zurück in die Bretagne teilte. „Das war ein waschechter Joschke! Solche strategischen Entscheidungen trifft sie selbst, dafür hat sie niemanden nötig. Auch wenn ich sie als eine Art Mentor begleite und ihr wahrscheinlich den einen oder anderen praktischen Tipp geben kann, mit dem frau diese größeren Rennmaschinen besser beherrschen und lange Regatten damit möglichst gut platziert beenden kann, alles Seglerische hat Isabelle selbst drauf . Und um das gleich klarzustellen: Lasst Euch nicht von ihrer zierlichen Erscheinung täuschen – mental ist sie eine ganz Große. Und genau das zählt bei solchen Rennen!“

Tatsächlich könnte man diese anfangs beschriebene Szene als symptomatisch für den bisherigen Verlauf dieser TRANSAT bezeichnen. Underdog Joschke, erstmals auf der Class 40 auf einer längeren Regatta unterwegs und das gleich einhand, segelt stur ihren Stiefel und hat damit Erfolg. Reichlich Erfolg.

Als sich ein Tief auf Höhe der Azoren über die Flotte schob, duckten sich die meisten Skipper weg und änderten ihren Kurs. Joschke dagegen segelte furchtlos mitten hinein, „testete“ ihr Boot und sich selbst bei Bedingungen um die 35-45 Knoten Wind „wie ich sie noch nie auf hoher See erlebt habe“ und kam als strahlende Zweitplatzierte auf der Rückseite des Tiefs wieder zum Vorschein. Kurz darauf musste der führende Class-40-Segler Phil Sharp Strafkringel für einen Regelverstoß ausführen… und flupp, lag Isabelle auf Rang 1.

Auch wenn ihr die beiden Verfolger Sharp und Vauchel-Camus mit äußerst geringem Abstand von 13 und 21 Seemeilen im Nacken sitzen, zeigt Joschke Klasse, indem sie die beiden nun schon seit drei Tagen und Nächten kontrolliert.

THE TRANSAT, Francois Gabart, Ultime

Francois Gabart durfte als Erster auf seinem Trimaran “Macif” die Freiheitsstatue grüßen © THE TRANSAT

Erfahrene Figaro-Seglerin

Isabelle Joschke dürfte hier vor Allem ihre Erfahrungen aus dem Figaro-Solitaire-Zirkus ausspielen. Denn dort behauptete sie sich unter den größten Talenten der Hochseeszene und den alten Haudegen, die längst alles schon geschafft haben und es doch nicht lassen können. Sie zeigt jahrelang mentale Stärke vor allem bei miesesten Wetterbedingungen, wenn eigentlich körperliche Stärke zählen sollte. Aber gerade dann trumpfte die immer wieder als „zierlich“ bezeichnete Deutsch-Französin groß auf.

So dürfte es kaum erstaunen, dass Joschke kurz vor dem TRANSAT-Start das Schlafmanagement als einzig passenden Schlüssel zum Erfolg bezeichnete. „Schlafen auf hoher See, darüber könnte oder müsste man Bücher schreiben,“ sagte sie. „Was mich anbelangt: ich habe keine Probleme damit, NICHT schlafen zu können. Die Probleme fangen dann an, WENN ich schlafe. Denn immer dann, wenn ich mich nicht 100% um das Schiff kümmern kann, gebe ich das Ruder buchstäblich aus der Hand und werde entsprechend unruhig. Das bedeutet Kontrollverlust und reduziert oft die Geschwindigkeit. Je kürzer also meine Schlafeinheiten, dafür aber öfter, desto besser für unsere kleine Symbiose draußen auf See.“

Dabei kommt es wiederum auf die mentale Stärke der Seglerin an. Und die dürfte bald erneut strapaziert werden, denn ein weiteres Tief baut sich gerade vor den Class-40-Seglern auf und beschert ihnen für die nächsten 36 Stunden bis zu 35 Knoten Wind. „Echtes Joschke-Wetter“ würde Alain Gautier dazu sagen.

THE TRANSAT; Sodebo, New York

Thomas Covilles Sodebo vor der Skyline von New York © THE TRANSAT

Ein „Duell“ das keines ist

Isabelle Joschke ist Nachbarin von Anna-Maria Renken in ihrem Wohnort Lorient. Angesprochen auf die erste Teilnahme von zwei Deutschen Frauen bei THE TRANSAT  kann sie mit dem Begriff „Duell“ gar nichts anfangen. Sie verstehen sich ausgezeichnet und sind mit höchst unterschiedlichen Ambitionen in dieses Rennen gegangen.

Die erfahrene Joschke will sich trotz relativ kurzer Vorbereitungszeit vorne im Class-40-Feld platzieren, während Anna-Maria die „Nivea“ möglichst heil zum Big Apple bringen und bei ihrer ersten Solo-Atlantiküberquerung vor allem eines sammeln will: Erfahrung! Für alles Weitere, was noch auf sie zukommen wird.

Was sonst noch geschah

Mittlerweile sind die drei riesigen Ultime-Trimarane in New York angekommen. Francois Gabart verfehlte den Rekord um ein paar Stunden, weil ihn zuletzt stark drehende Winde und Flautenlöcher, die von heftigen Böen abgelöst wurden, ausbremsten. 8 Tage, 8 Stunden und 54 Minuten brauchte der 34-Jährige auf seinem Monster-Tri für 4.643 Seemeilen bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 23,11 Knoten.

Gabart fuhr eine extrem südliche Strecke, nicht zuletzt auch, um dem erwähnten Tief auszuweichen und absolvierte so 1.600 Seemeilen mehr als der direkte Weg zwischen Plymouth und New York (3.050 Seemeilen).

Thomas Coville kam mit seinem „Sodebo“-Trimaran mit neun Stunden Rückstand als Zweiter vor der Freiheitsstatue an, Yves Le Blevec brauchte zwei Tage länger auf „Actual“.
Am Wochenende werden Armel Le Cleac’h auf seinem Foil-IMOCA Banque Populaire erwartet, dem Vincent Riou mit nur 70 Seemeilen Abstand, allerdings ohne Foils, noch die „Hölle heiß machen kann in den zu erwartenden schwierigen Bedingungen vor der US-Ostküste.

THE TRANSAT

Banque Populaire mit Armel Le Cleac’h am Ruder im Foil-Hüpf-Modus © BP

Jean-Pierre Dick, der noch 500 Seemeilen bis zum Ziel segeln muss, hatte auf seiner IMOCA „St.Michel Virbac“ eine Menge Glück im plötzlich auftretenden Unglück: „Ich war gerade dabei, ein zweites Reff „einzubinden“, als plötzlich der Wind um 100 Grad drehte und eine echt brutale Böe das Boot erfasste. Ich stand am Mast, hab mich irgendwo festgehalten und das Boot wurde vollständig auf die Seite gedrückt. Mast und Segel waren im Wasser. Ein paar Sekunden später war die Böe durch, es pustete wieder mit 20 Knoten und das Boot richtete sich intakt wieder auf. Uff – das hätte ins Auge gehen können!“

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THE TRANSAT

Loick Peyron segelt weiter cool auf der Pen Duick II und liegt im virtuellen Duell weiterhin vor seinem Großen Vorbild Tabarly © THE TRANSAT

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Michael Kunst

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