UBS Sportboot Cup in Kreuzlingen: 35 Teams mit flauem Saisonstart am Bodensee

Vollglatze bis zum Horizont

Wenig Wind im Konstanzer Trichter am Bodensee. Der Longtze Gennaker hängt wie ein nasser Sack. © www.mono22.de

Wow! 11,8 Knoten auf der Logge! Die Bugwelle fliegt an beiden Seiten des Bootes weit nach hinten, es rauscht nur so in den Ohren. Am Heckspiegel reißt das Wasser sauber ab, das Boot ist voll im Gleiten. Durch den Kielkasten wird Wasser nach oben ins Cockpit gedrückt, und irgendwas beginnt mit steigender Frequenz zu summen. Jetzt sind es sogar 12,1 Knoten, Yeeeehaaaa!

Als der Schlauchbootfahrer den Gashebel den Hebel auf Null stellt, ist es vorbei mit der Herrlichkeit. Die Schleppleine wird gelöst, nun treiben wir wieder mit einem Maximalspeed von 1,8 Knoten dahin. Das ist immerhin fast so schnell wie der wahre Wind.

Bodensee-Fuchs Eckard Kaller liegt mit seiner Longtze beim ersten Startversuch vorne. © www.mono22.de

Der Bodensee zeigt sich heute von einer nicht ganz untypischen Seite: Mit einer bis zum Horizont reichenden Vollglatze. Die Sonne sticht vom Himmel, die ersten Segler zeigen ihre käseweißen Oberkörper.

In meiner Neopren-Pelle komme ich mir vor wie ein armes Würstchen: Langsam, aber unausweichlich gar gekocht. Doch das Wasser hat nur zehn Grad, nachts hatte es beinahe Frost, und da geht man lieber nicht underdressed segeln.

35 Sportboote unterschiedlichen Typs wollen starten. Die Melges kommt zu spät. Aber die Crew weiß sicher, dass bald abgeschossen wird. © www.mono22.de

Immerhin 35 Sportboote haben sich zum Saisonbeginn vor dem schweizerischen Kreuzlingen eingefunden, direkt im Konstanzer Trichter. Gesegelt wird um den 11. UBS-Sportboot-Cup, ein Event, das Segler aus ganz Süddeutschland und der Schweiz anzieht.

Oft schon wurden sie totgesagt, die so genannten Sportboote. In der Tat hat die ausufernde Vielzahl der Modelle verhindert, dass sich außer der Melges 24 und Platu 25 weitere Klassen quantitativ durchsetzen konnten. Doch hier wird mit Vergütung nach dem ORC-Club-System gesegelt, so dass ein Dutzend verschiedener Bootstypen halbwegs reell gegeneinander regattieren kann.

Der leichte Wind hindert die Melges 24 nicht daran, sich zu duellieren. Deutschland liegt knapp vorne. © www.mono22.de

Wie immer bei den Sportbooten ist es auch ein Kampf der Systeme: Gennaker versus Spinnaker. Ist die superelegante Esse 850 mit ihrem Top-Gennaker schneller? Oder doch die nicht minder ansehnliche Blu26 mit ihrem Top-Spi? Und wie schlägt sich die leichte Longtze aus China mit ihrem radikalen Fathead-Groß am Carbonmast?

Diese Frage bleibt an diesem Wochenende ungeklärt. Ein Lüftchen zwischen null und 4 Knoten lässt zwar immer wieder Hoffnung aufkeimen. Der Wettfahrtleiter schießt deshalb auch insgesamt zwei Läufe an. Aber die Thermikströmung bricht nach wenigen Minuten zusammen, und dann ist Topfschlagen angesagt.

Immerhin kommt die Melges 24 dazu ihren hübschen Piraten-Gennaker kurz zu zeigen, bevor er mangels Wind zusammenfällt. © www.mono22.de

Irgendwie schaffen wir es wie die anderen auch um die Luvtonne und setzen den Spi. Doch bald bergen wir ihn wieder, er hängt ohnehin nur im Wasser und nervt in seiner runzligen Unansehnlichkeit. Siehe da, nur mit Fock steigt die Geschwindigkeit von 0,6 auf 0,8 Knoten!

In der Haut des Wettfahrtleiters möchte man nun nicht stecken. Schießt er ab, dann sind die vorderen Teams sauer, sie haben es zumindest entfernungsmäßig nicht mehr allzu weit bis ins Ziel. Schießt er nicht ab, dann sind die hinteren Mannschaften stinkig.

Zumal die in den Segelanweisungen vorgeschriebene Mindestgeschwindigkeit von einem Knoten locker unterschritten wurde. Es ist ein Trauerspiel. Aber was soll’s, das Wetter ist herrlich, und die Stimmung an Bord gut, ja geradezu entspannt.

Die Streamline mit dem Autor Christian Stock an Bord. © www.mono22.de

Vorschoter Felix schlägt vor, neben dem Racecomputer am Mast einen Flachbildschirm mit TV-Empfänger oder DVD-Player  zu installieren. Dann wäre der Erholungsfaktor noch größer. Aufblasbare Sitzkissen wären auch eine Option.

Endlich kommen vom Startschiff die erlösenden drei Schüsse. Jetzt nichts wie in den Hafen! Als gäbe es etwas zu gewinnen, wetteifern die Teams nun ehrgeizig darum, wer sein Boot zuerst transportfähig auf dem Trailer hat. Wir brauchen wenig mehr als eine Stunde, das ist eine Superzeit. Andere haben es in 45 Minuten geschafft. Aber die haben keine Ober- und Unterpersenning, ha! Da muss es doch eine Vergütung geben!

Die russische Platu Crew hat für das Hafenrennen schon blank gezogen. © www.mono22.de

Regattaorganisator Peter Fritschi hat nun ein echtes Problem. An wen soll er die vielen Preise vergeben? Es kommt das Gerücht auf, man habe an der Luvtonne eine stille Wertung gemacht. Die Regelfüchse jaulen empört auf. „Das war keine reguläre Wettfahrt, das geht gar nicht!“

Doch mit schweizerischer Gelassenheit werden die Sachpreise verlost. Und die Punktpreise werden an die „Laufsieger“ mit der Bemerkung vergeben, man wolle sie auf keinen Fall bis zum nächsten Jahr aufheben und man solle das alles nicht so ernst sehen.

Mangels genügend Wasser im Bodensee kommt diese Longtze nur mit starker Krängung um die Ecke. © www.mono22.de

2012 werden sie alle wieder kommen und auf Wind hoffen. Den soll es ja auch am Bodensee geben. Am Freitag vor der Regatta hat es mit bis zu 12 Knoten geblasen, ein Boot hat sich beim Training sogar den Mast abgesegelt. Chillen wäre billiger gekommen und dem Charakter dieses schönen Wochenendes weitaus angemessener gewesen…

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Christian Stock

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4 Kommentare zu „UBS Sportboot Cup in Kreuzlingen: 35 Teams mit flauem Saisonstart am Bodensee“

  1. avatar Philipp sagt:

    Mit schien die Bahn auch etwas zu lang fuer die “Wind”verhaeltnisse. Angesagt waren 0.8sm, wenn ich mich recht erinnere. Es sah nach etwas mehr aus.

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    • avatar bläck sagt:

      Nun ja, wenn’s kein Wind hat ist es eigentlich egal wie lang die Bahn ist…..

      Und wenn’s Wind hat, ist sie eh zu kurz….

      🙂

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    • avatar Christian sagt:

      die 0,8 sm bezogen sich auf die Schenkellänge, nicht Bahnlänge. Hat nach meiner Einschätzung ungefähr gestimmt. Bei dem Lüftchen wäre eine Optibahn genau das richtige gewesen… oder besser Modelbootbahn.
      Was solls, bei solchen Bedingungen kann der Wettfahrtleiter machen was er will, er hat keine Chance. Immerhin hat er es probiert, zwei Rennen hinzukriegen. Meinen Dank hat er.

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  2. avatar John sagt:

    Schöner Bericht und schöne Bilder von einer in 10 von 11 Fällen sicher tollen Regatta.
    Beileid an die Bruchpiloten und auf ein neues im nächsten Jahr.

    Die Sportbootklasse sollte sich ein Beispiel an dieser Regatta nehmen, es gibt ja kaum noch Veranstaltungen für die kleinen Flitzer von diesem Kaliber.

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