Olympia-Abschied

Ulrike Schümann tritt zurück. Vorschoterin Kadelbach erklärt die Hintergründe

Ehrgeiz im Sport und Leidenschaft am Segeln sind Ullis Erfolgsrezept. © Christopher Lorenz

Wie ist Erfolg messbar? In Ergebnissen ist Ulrike Schümann eine der erfolgreichsten deutschen Steuerfrauen des letzten Jahrzehnts. Drei Vize-Weltmeistertitel, verschiedene Medaillen bei Europameisterschaften und diverse nationale Titel wurden gekrönt von einem vierten Platz bei den Olympischen Spielen 2008 in der Yngling – nur denkbar knapp an einer Medaille vorbei.

Ulli Schümann aus Berlin ist eine der erfolgreichsten deutschen Steuerfrauen des letzten Jahrzehnts. © Christopher Lorenz

Zu diesen Ergebnissen lassen sich weitere Top-Platzierungen bei Weltcups ergänzen und ein eindrucksvolle Sieg bei der Meisterschaft der Meister 2007 gegen die gesamte männliche Konkurrenz.

Nach dem Ausscheiden der Yngling-Klasse aus dem olympischen Programm für 2012, setzte Schümann ihre Erfolgsserie auf Anhieb im Damen Matchrace mit einem zweiten Platz beim Weltcup in Holland, sowie mit dem Deutschen Meistertitel in der neuen Disziplin fort.

Nun tritt Ulrike Schümann überraschend vom olympischen Segelsport zurück. Die Entscheidung ist ihr nicht leicht gefallen, aber vielleicht ist dieser Schritt am Ende gar nicht so überraschend wie es von außen scheinen mag. Denn Erfolg lässt sich nicht nur in Zahlen ausdrücken, sondern auch in Werten.

Die Schümann-Crew ersegelte drei Vize-Weltmeistertitel in der Yngling. © Christopher Lorenz

Als Vorschoterin von Ulli habe ich in den anderthalb Jahren nicht nur Einblick gewonnen in eine professionelle und ehrgeizige Segelkampagne, sondern auch eine begnadete Steuerfrau erlebt. Sie geht mit Herz und Leidenschaft ihrem Sport nach.

Nicht ohne Bedenken habe ich damals das 470er Steuer gegen den Job als Matchrace Taktikerin an Bord der Schümann-Crew getauscht. Zumal Ullis Ruf als Vorschoter-Schreck durchaus weit verbreitet ist und ich mit meiner 470er Vorschoterin Friederike Ziegelmayer eigentlich mein Dream-Team bereits gefunden hatte.

Neben den Yngling-Erfolgen verzeichnete Schümann auch im Matchrace hervorragende Ergebnisse. © Christopher Lorenz

Aber das jüngste olympische Matchrace Format schien verlockend und das Neue hat immer seinen Reiz. Mit Ullis olympischen Erfahrungen aus zwei Kampagnen und meinen taktischen Fähigkeiten aus dem 470er starteten wir eine Matchrace Kampagne mit dem Ziel London 2012. Nur wer sein Ziel kennt – heißt es -, kennt auch den Weg. Aber das Matchrace Format der ISAF hat bewiesen, dass dies nicht ohne weiteres zutrifft.

Als sich unser Team kurz nach den Olympischen Spielen in China formierte, war weder etwas über die Anzahl der Teammitglieder, die Bootsklasse oder Format und Ausscheidungssystem bekannt. Das ISAF Meeting im November 2008 brachte zwar einen Namen für die neue olympische Klasse – Elliot 6m –, aber keine Erkenntnis.

Ulli Schümann beim Matchrace: Das neue Format macht Einsteigern das Leben schwer. © Christopher Lorenz

Die Elliot 6 existierte seinerzeit ausschließlich in Neuseeland und Australien und wurde zudem für vier Personen konzipiert. Nun sollte sie aber zu dritt gesegelt werden. Was im olympischen Bereich als modifizierte Version auf uns zukommen sollte, war weiterhin unklar.

Die ersten Weltcups der Saison fanden ohne die Matchrace Disziplin statt, zu normalen Matchrace Regatten wurden wir nicht eingeladen. Ulli war durch ihren olympischen Hintergrund eine Neueinsteigerin in der Weltrangliste und hatte keine Chance auf einen Startplatz bei höherrangigen Events. Welt- und Europameisterschaften machten die traditionellen Matchracerinnen unter sich aus während wir in Erklärungsnöte gegenüber Sponsoren und Partner gerieten.

Ulli Schümann & SEGELreporterin Kathrin Kadelbach beim Weltcup im Miami. © Christopher Lorenz

Erst bei der Kieler Woche 2009 konnten wir uns das erste mal mit der Elliot 6m bekannt machen und merkten schnell, dass etwas fehlt: Gewicht. Nach einem dreiviertel Jahr hartem Training wurde am ersten Tag auf der neuen Elliot klar, dass wir in unserer damaligen Teamkonstellation mit der Berliner Lydia Koppin und ca. 20 Kilo „Untergewicht“ keine Chance hatten.

Die Crew-Suche begann also für uns intern von vorne. Aber auch international tat sich etwas. Während die deutschen Elliots des DSV die Sommermonate wegen Baufehlern in der Werft verbrachten, trainierten die anderen Nationen bereits auf dem neuen Gerät. Beim Weltcup in Weymouth zeigte sich dieser Rückstand. Die deutschen Mannschaften hatten keine Chance auf eine vordere Platzierung.

Es stellte sich also nicht nur die Frage nach der Mannschaftssituation, sondern auch nach den Rahmenbedingungen des Matchrace. Auch zwei Jahre nachdem die Disziplin olympischen Status erreicht hat ist das Qualifikationssystem für die Regatten unklar. Neueinsteiger haben kaum eine Chance, Startgelder gehen in die Tausende und auf Grund der erhöhten Teilnehmerzahlen wird auf Regatten mehr gewartet als gesegelt.

Vor diesem Hintergrund der Unsicherheit ist es schwer, für den Sport alles aufzugeben, Familie und Beruf hinten anzustellen. Es stellt sich also die Frage, welchen Werten man in einer Kampagne folgt. Für uns war von Anfang an klar, dass wir neben sportlichen Erfolg auch Freude, Begeisterung und ein geschlossenes Team anstrebten.

Aber die Rahmenbedingungen, welche die ISAF mit dem Matchrace-System und der Elliot 6m geschaffen hat, erschienen mehr und mehr frustrierend und ungerecht für Sportler, die aus dem olympischen Klassen umgestiegen sind. Somit mussten wir schweren Herzens eine Entscheidung fällen, hinter der wir jedoch geschlossen stehen.

Schon im März 2010 endet nun unsere gemeinsame olympische Zeit – bereut habe ich das jedoch nicht. Denn Ulli ist nicht nur eine der erfolgreichsten Seglerinnen Deutschlands, sondern auch ein großartiger Mensch. Eine Sache, die man nicht an Ergebnissen messen kann, aber die dennoch viel mehr wiegt.

Website der Yngling Schümann-Crew: www.schuemann-crew.de

Kathrin Kadelbach
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