Vendée Globe: Alex Thomson steht Jean-Pierre Dick bei – Alles nur PR-Taktik?

"Das berührt mich tief"


Day 77 Highlights von VendeeGlobeTV

“Hugo Boss”-Skipper Alex Thomson hat bekannt gegeben, dass er bei dieser Vendée Globe so lange bei dem kiellosen Jean-Pierre Dick bleibt, bis klar ist, dass der Konkurrent in Sicherheit ist.

Alex Thomson mit Hugo Boss in Aktion

Alex Thomson mit Hugo Boss in Aktion. © Ulf Sommerwerck

Der britische Vendée Globe Segler Alex Thomson (38) sorgt weiterhin für die schönen Geschichten bei der siebten Einhand-Nonstop-Regatta um die Welt. Der Mann aus Gosport in Hampshire, der 1999 mit dem Sieg als 25-Jähriger Skipper des Amateur-Weltrennens Clipper Race seinen Einstieg in den Profisport schaffte, hat seinen Kurs geändert, um seinem Gegner Jean-Pierre Dick beizustehen.

“Wie sind zurück im harten Nord-Atlantik “, schreibt Thomson von Bord. “Der Wind wird wieder kälter und der Seegang rauer. Seit einigen Tagen sorge ich mich um Jean-Pierre Dick, der ohne Kiel segelt. Seit ich an diesem Morgen die schwierigeren Bedingungen bemerkt habe, bin ich von der optimalen Route abgewichen, um bei JP zu bleiben. So lange, bis ich weiß, dass er sich gut fühlt mit dem Boot und er seine Entscheidung über Stopp oder Fortsetzung getroffen hat.”

Vendée Globe am 26.1.

Vendée Globe am 26.1. Der Kampf an der Spitze ist 400 Meilen vor dem Ziel so gut wie entschieden.

Am Morgen und in der Nacht erwarte ich die Passage einer heftigen Front, mit Starkwind. Deshalb werde er vorerst bei ihm bleiben. JP ist ein großartiger Segler und er wisse sicher, was er tut. “Aber ich an seiner Stelle würde mich freuen, jemanden an meiner Seite zu haben, wenn der Sturm kommt.” Dick habe nicht um Hilfe gebeten, “aber ich kann einfach nicht weitersegeln bis ich weiß, dass er zuversichtlich ist.

In einer direkten Mail an den französischen Konkurrenten schrieb der Brite am Morgen: “Hello Jean-Pierre, die Wellen werden immer höher. Ich werde dich nicht alleine lassen, wenn der Wind in ein paar Stunden weiter zunimmt… Ich weiß, dass du nicht darum gebeten hast, aber für mein Rennen macht es sowieso keinen großen Unterschied. Außerdem habe ich schon lange kein Boot mehr in der Nähe gesehen. Ich fühle mich alleine! Hoffentlich geht alles für dich gut.”

Alex Thomson (schwarz) ist abgefallen

Alex Thomson (schwarz) ist abgefallen, um in der Nähe von Jean-Pierre Dick zu bleiben.

Die Antwort vom Havaristen kam prompt: “Danke Alex, das berührt mich tief. Ich studiere weiterhin das Wetter, um zu sehen, ob ich sicher nach Sables d’Olonne komme. Ich habe ein Foto mit einer Nachricht geschickt. `Alex, nimm dir diesen dritten Platz. Das ist sehr wichtig für mich!´ Zögere nicht, mich anzurufen.”

 

 

Kommentar: Ist Alex Thomson ein Held?

Die Entscheidung, bei Jean-Pierre Dick zu bleiben, dürfte für Alex Thomson nicht besonders schwer gewesen sein. Der Brite hat nichts zu verlieren. Dieses Vendée Globe Szenario liefert ihm eine tolle Steilvorlage. Er kann ein Held werden und trotzdem sicher auf Platz drei landen. Die folgenden Konkurrenten liegen mehr als 1500 Meilen zurück.

Seine erste Mission, sportlich zu punkten, hat er schon übererfüllt. Niemand hatte dem Briten, der zuvor mehr durch Pleiten und sympathische PR-Aktionen für Sponsor Hugo Boss als hochklassige Wettkampf-Leistung aufgefallen war, einen Platz auf dem Podium zugetraut.

Aber bei dieser Vendée Globe glänzte er auf dem Welt-Parcours mit leicht unterlegenem Material sogar strategisch taktisch. Auch Platz vier wäre ein toller Erfolg. Darüberhinaus erarbeitete er sich Respekt durch die erfinderischen Reparatur-Aktionen seiner Hydrogeneratoren und Ruderstangen.

Aber nun hat er die Chance, in der öffentlichen Wahrnehmung noch weiter zu punkten. Die Mitglieder der PR-Abteilung von Sponsor Hugo Boss werden sich pausenlos abklatschen und über das positiv Image freuen, das ihr Schützling für ihre Marke generiert. Sie haben es verdient. Schön, dass auf diese Weise die Treue eines Geldgebers belohnt wird, der auch in schlechten Zeiten zu Thomson gehalten hat.

Es gibt diesmal viel zu gewinnen und fast gar nichts zu verlieren. Zwar wird spekuliert, dass Thomson die Möglichkeit aufgibt, als erster Brite in unter 80 Tagen einhand um die Welt segeln. Aber wen interessiert denn so etwas?

Alles nur PR-Taktik?

Ist Thomson also kein Held? Alles nur PR-taktische Überlegungen? Quatsch! Diese Vendée Globe ist so faszinierend, weil man den Skippern solche Aktionen als ehrliches Anliegen abnehmen kann. Wenn es da draußen ums Überleben geht, stehen sich die Konkurrenten bei. Das ist der Spirit unter den Vendée Globe Teilnehmern. Das macht die Faszination dieser Regatta aus, die durch zahlreiche Rettungsaktionen in unwirtlichen Wasserwüsten berühmt geworden ist.

Der Fan goutiert, dass es bei diesen Seglern im Ernstfall um ehrliche Hilfsbereitschaft geht, die im sonstigen Leben so rar geworden ist. Und diese Regatta schafft das perfekte Umfeld, in dem die vergessenen Werte noch zählen. Die Vendée Globe ist eben mehr als ein banaler Wettkampf. Der Tod segelt mit. Ein falscher Schritt, eine unüberlegte Handlung, und das Ende ist garantiert.

Auch deshalb fiebert die Öffentlichkeit mit. Das Rennen ist ein Abenteuer, bei dem auch das Ankommen noch etwas zählt. Acht von 20 Teilnehmern sind schon draußen. Man mag es manchmal vergessen, dass auch am Ende der Flotte noch mit Mega-Brechern gekämpft wird, auch wenn sich der Fokus auf das Duell an der Spitze gerichtet hat.

Aber die Platzierung rückt ehrlich in den Hintergrund, wenn es um eine Notsituation geht. Die Solidarität unter den Einhandseglern im Falle der Disqualifikation von  Bernard Stamm zeigt, dass die Hilfsbereitschaft nicht aufgesetzt ist.

Was Alex Thomson also gerade tut, würde wohl jeder andere Vendée Globe Segler auch für den anderen tun. Aber dadurch wird die Aktion nicht weniger wertvoll. Auch die vorherigen Äußerungen des Briten zu seinem havarierten Gegner passen in das Bild vom Gutmenschen. Man nimmt ihm ab, dass er auch im echten Leben einer alten Dame über die Straße hilft.

Es ist schön, dass es diese edlen Segel-Ritter gibt. Da draußen ist die Welt noch in Ordnung.

Vendèe Globe Tracker

Tanguy de La Motte

Tanguy de La Motte ist in einem etwas anderen Modus als die Konkurrenz. Er nimmt in der Flaute ein Bad. © Tanguy de La Motte

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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16 Kommentare zu „Vendée Globe: Alex Thomson steht Jean-Pierre Dick bei – Alles nur PR-Taktik?“

  1. avatar Ostnordost sagt:

    Sehr guter Kommentar. Schnell, kenntnisreich, umfassend. Von Thomsons Entscheidung profitiert nicht nur JPD, sondern die ganze Vendee Globe.

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    • avatar °!° sagt:

      Ich finde diesen Kommentar nicht so doll, weil er einerseits keine neuen Einsichten liefert und außerdem mit dem letzten Satz eine merkwürdig zwielichtige halbe Rolle rückwärts macht. Ellenlang wird das Offensichtliche ausgeführt und zum Schluß die naheliegende, vernünftige und noch dazu sportliche Konsequenz daraus entwertet.

      Was ist denn, bitteschön „ehrlich glauben“? Bin ich jetzt lieb, aber ein Bißchen doof, weil ich auf einen „Gutmenschen“ reinfalle?

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 6

      • avatar dubblebubble sagt:

        Gesellschaft für deutsche Sprache: “…Seit einigen Jahren wird, wenn unsere Beobachtungen nicht täuschen, Gutmensch durchweg distanziert und kritisch, ja abschätzig und polemisch verwendet…”

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  2. avatar Martin sagt:

    Selbst, wenn viel PR-Kalkül dabei ist, bleibt es doch eine ritterliche Geste.

    Solange JPs Dampfer aufrecht bleibt.

    In dem Moment, wo Alex den Franzosen an Bord hieven muss, ist die Bewertung nur noch eine akademische.

    Verrückte Kerle, ich hätte schon Schiss so mutterseelenallein bei Flaute das Boot zum Baden zu verlassen…

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  3. avatar jorgo sagt:

    Es ist unter Seeleuten doch selbstverständlich einem Havaristen zu helfen, bzw. auf Stand-by zu bleiben. Insofern ist das alles logisch und nur in diesen Zeiten der Medien-Hype der Rede wert.
    Habe selber auch schon mal eine WM Wettfahrt abgebrochen um jemandem aus Seenot zu helfen und habe bei einer anderen WM lebensrettende Hilfe durch andere Segler erfahren. So muß es sein … das gehört sich so!
    Wer von uns würde es nicht genauso machen?
    In unserer tollen virtuellen Welt sieht das alles so abenteuerlich aus …. ” segeln ohne Kiel auf dem Atlantik”. Ich schätze das fühlt sich in Wirklichkeit echt mehr als Sch…. an!

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  4. avatar Seven sagt:

    Auch wenn die Vendée Globe teilnehmer konkurenten sind verbindet sie alle etwas . Und wenn es andersherum wäre ,dann würde sich AT auch freuen jemanden in der nähe zu haben. Er hat nichts mehr zu verlieren aber sehr viel zu gewinnen. Wenn das ein PR ding ist??? na bitte , dann kommt BOSS eben etwas heroischer rüber. Haben dafür haben aber auch ne menge Geld auf den Tisch gelegt .(werde mir aber trotzdem nichts von den zulegen 🙂 ) Und wenn dadurch das Segeln und speziell das Vendée Globe dadurch mehr und positive Presse bekommt ist allen geholfen !

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  5. avatar eku sagt:

    Ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht wo diese “Held” Nummer überhaupt herkommt.
    Auf den offiziellen Seiten wird nicht von “Hero” geredet – auch wenn ansonsten schon mal gerne das Wort “heroic” genutzt wird und die Segler der VG gerne als “Heros” im Sinne von “unsere Helden/Idole” bezeichnet werden.
    Warum also das Wort “Held” in die Überschrift eines Kommentars stellen, der am Ende eben diese Behauptung verneint.
    Warum die Worte vom “PR Gag” benutzen? Selbstverständlich ist das Ganze PR – sonst wäre kein Geld für solche Unternehmungen da! Man könnte genauso die gesamte VG (und vieles andere) als PR Gag bezeichnen.
    Es scheint mir als hätten da im Umfeld des Autors zuvor Diskussionen stattgefunden, von denen ich als normaler Leser nichts mitbekommen habe.
    Auch aus “… this morning when I experienced the conditions I decide …”
    im deutschen “Seit ich an diesem Morgen die schwierigeren Bedingungen bemerkt habe, bin ich ..” zu machen halte ich für gewagt. Klingt gerade so, als wäre das noch in der Nacht ganz anders gewesen bzw AT von den Bedingungen überrascht worden …
    Ich erlaube mir daher mal die Frage: Gibt es irgendwelche Vorbehalte gegen AT?
    Falls nicht: Bitte nichts für Ungut – bin zumeist noch lernfähig.
    dW volle Zustimmung zu jorgo

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  6. avatar Lipton sagt:

    PR hin oder her, man sollte Alex Thomson unterstellen dürfen, dass er weiss was es bedeutet während einer Round-The-World Regatta in Seenot zu geraten und Rettung durch einen Regattagegner zu erfahren.
    Sofern ich mich recht erinnere erlitt Alex Thomsons Open60 beim 2006er Velux Five Oceans im Southern Ocean nach Kielproblemen einen starken Wassereinbruch. Der unmittelbar vor ihm liegende Mike Golding wendete, kreuzte in schwerem Wetter zurück und barg Alex Thomson von seiner sinkenden Hugo Boss ab.
    In den folgenden Debatten wurden strukturelle Belastungen durch das Gegenbolzen Goldings auf dem Weg zu Thomson als wahrscheinlicher Auslöser für Ecovers späteren Mastbruch und somit für Goldings Rennaufgabe gesehen.
    In sofern dürfte Alex Thomson sich recht gut in Jean-Pierre Dicks Lage hineinversetzen können und eine eigene, unmittelbare Sichtweise auf die Situation haben.
    Ob Gedanken zur Optimierung der PR dabei tatsächlich einen wesenlichen Anteil seiner Motivation in Jean-Pierre Dicks Nähe zu bleiben ausmachen sei dahingestellt…

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  7. avatar alex Bruhn sagt:

    die Jungs kämpfen da draußen gegeneinander und helfen sich trotzdem! Das ist Leistungssport und Fairness und nicht zu vergessen Wertschätzung. Die Jungs haben einfach nicht verdient, daß Leute, die technisch nicht in der Lage sind so ein Boot alleine überhaupt zu bewegen, im warmen Wohnzimmer mit dem Laptop auf den Knien sitzen und es wagen solche PR-Hintergedanken in die Welt zu setzen. Jetzt ist es schon nicht mehr ok, wenn sich einer ordentlich verhält. Mann, Mann, Mann……….
    Vergessen wird bei der ganzen Debatte, daß dieser Tolle Sponsor Hugo Boss bei den letzten Kampagnen mit der PR wesentlich schlechter weggekommen ist. Ok dieses mal mag es glücklicher gelaufen sein. Zu lernen daraus ist für mich daß es lohnt zusammen zu halten, dafür ist dies ein Paradebeispiel, sowohl unter den Seglern als auch zwischen Profi und Sponsor.

    LG

    Euer Alex Bruhn

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  8. avatar Kluchschieter sagt:

    Traumhafte Debatte 🙂
    Wie mehr oder weniger übereinstimmend festgestellt wird, Alex Thomson tut genau das was in so einem Fall angebracht ist und erwartet wird. Ich empfände es als sehr unfair ihm aus den günstigen Rahmenbedingungen einen Strick drehen zu wollen.
    Die Seifenoper dazu wird hier an Land geschrieben, nicht da draussen.

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  9. avatar Kluchschieter sagt:

    Aber die Antwort von JPD hat mich gerade stutzig gemacht.
    Weiss einer ob AT disqualifiziert wird wenn er JPD an Bord nimmt? Er ist dann ja nicht mehr alleine. Oder reicht eine Versicherung beider dass er den Rest der Strecke schön alleine gesegelt ist wie bei der Geschichte um Isabel Autissier damals…

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    • avatar Stefan sagt:

      …nein, wird er nicht. Das hat es in früheren VGs schon gegeben:

      1996-1997 Pete Goss rettete Raphaël Dinelli

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  10. avatar coisty sagt:

    Gibts den Zieleinlauf irgendwo mit Live-Video? Nachher auf der VG-Seite??

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  11. avatar diddel sagt:

    “Die Mitglieder der PR-Abteilung von Sponsor Hugo Boss wird sich pausenlos abklatschen und über das positiv Image, das ihr Schützling für ihre Marke generiert.”

    Von dem “strategisch taktischen” Glänzen mal nicht zu reden.

    Liest das eigentlich noch mal einer durch, oder wird das nachts um drei auf ner Kartoffel getippt und dann gleich hochgeladen??

    (So, und nu mal los mit der Hasstirade…)

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